Glastonbury Tor: Was von Avalon wirklich übrig bleibt
Kaum ein Ort trägt so viele Schichten wie dieser Hügel in Somerset — und kaum einer lässt sich so genau datieren, wann welche Schicht aufgetragen wurde. Eine Bestandsaufnahme zwischen Grabungsbericht und Pilgerweg.
Die meisten deutschen Leser kennen Glastonbury nicht aus einem Reiseführer, sondern aus einem Roman. Avalon, die Nebel, die Priesterinnen — das Bild sitzt tief. Dieser Text legt daneben, was auf demselben Hügel tatsächlich ausgegraben wurde, wann welche Schicht des Mythos aufgetragen wurde und warum ausgerechnet der erste Ausgrabungsleiter der Abtei das Jenseits fragte, wo er den Spaten ansetzen soll.
Inhalt
Der Glastonbury Tor ist ein natürlicher Hügel über den Somerset Levels, gekrönt vom dachlosen Turm einer Michaelskirche aus dem 14. Jahrhundert; der Hügel gehört heute dem National Trust. Die Grabungen von Philip Rahtz 1964–66 belegen eine echte Besiedlung im 6. Jahrhundert: Holzbauten, eine Schmiedeesse und importierte Amphoren aus dem östlichen Mittelmeerraum. Von Artus ist dort nichts zu finden. Der Anspruch der Abtei, das Grab von König Artus zu besitzen, stammt von 1191 — sieben Jahre nach dem Brand, der die Kirche zerstörte und den Wiederaufbau finanziert werden musste. Die Neuauswertung der Grabungsakten zeigt, dass die als Artusgrab gedeutete Grube über einem steinernen Kistengrab des 10. oder 11. Jahrhunderts liegt und deshalb kein Grab des 6. Jahrhunderts sein kann. Der Ruf des Ortes als spirituelles Zentrum wurde in nachweisbaren Schritten aufgebaut: Frederick Bligh Bonds Grabungen per automatischem Schreiben ab 1908, Katharine Maltwoods Landschaftstierkreis ab 1929 und John Michells Ley-Linien-Buch von 1969. Die Terrassen am Hang gelten überwiegend als mittelalterliche Ackerterrassen. Eine messbare Energie wurde nie nachgewiesen, und ein Besuch ersetzt keine Behandlung.
Der Glastonbury Tor ist ein natürlicher Hügel; der Turm auf der Kuppe ist der Westturm einer Michaelskirche des 14. Jahrhunderts.
Quelle/Tradition: National Trust; Denkmalregister Historic England
Eine ältere Kirche auf der Kuppe wurde beim Erdbeben vom 11. September 1275 zerstört.
Quelle/Tradition: Chronikalische Überlieferung zum britischen Erdbeben von 1275
Die Grabungen von Philip Rahtz 1964–66 belegen eine Besiedlung im 6. Jahrhundert: Holzbauten, Schmiedeesse, importierte Mittelmeeramphoren.
Quelle/Tradition: Rahtz, Excavations on Glastonbury Tor, Archaeological Journal 127 (1970)
Die Terrassen am Hang sind mittelalterliche Ackerterrassen (strip lynchets).
Quelle/Tradition: Landschaftsarchäologischer Forschungsstand; Rahtz & Watts
Die Terrassen bilden ein rituelles Labyrinth, das als Aufstieg begangen wurde.
Quelle/Tradition: These von Geoffrey Russell, 1968; keine stützenden Grabungsbefunde
1191 verkündeten die Mönche von Glastonbury, das Grab von Artus und Guinevere gefunden zu haben; der früheste Bericht stammt von Giraldus Cambrensis, 1193.
Quelle/Tradition: Giraldus Cambrensis, De principis instructione / Speculum Ecclesiae
König Artus ist in Glastonbury bestattet.
Quelle/Tradition: Die als Grab gedeutete Grube liegt über einem Kistengrab des 10./11. Jahrhunderts
Ralegh Radfords Datierung der Grube auf 1191 hält nicht: Doulting-Stein wurde in allen Bauphasen der Abtei verwendet, und unter der Grube liegt ein Kistengrab des 10./11. Jahrhunderts.
Quelle/Tradition: Gilchrist, Glastonbury Abbey: Archaeological Investigations 1904–79 (Society of Antiquaries)
Frederick Bligh Bond leitete die Grabungen ab 1908, wählte die Schnitte mit Hilfe automatischen Schreibens, veröffentlichte das Verfahren 1918 und wurde 1921 entlassen.
Quelle/Tradition: Bond, The Gate of Remembrance (1918); Universität Reading; Current Archaeology 320
Bonds Skripte enthielten nachweisbare Fehler, die er selbst benennt, und er hatte das Jahr 1907 mit dem Studium der Abteiquellen verbracht.
Quelle/Tradition: Bond, The Gate of Remembrance, Vorwort und Eingangskapitel (Primärtext)
Die Skripte enthielten Wissen, das Bond auf normalem Weg nicht zugänglich war.
Quelle/Tradition: Wilkins (1922), McCabe (1920), Feder; Standarderklärung ist der ideomotorische Effekt
Der Chalice Well ist eine eisenhaltige Quelle; Eisenoxid färbt die Rinnen rostrot, die benachbarte White Spring lagert Kalk ab.
Quelle/Tradition: Chalice Well Trust; Hydrologie eisenhaltiger Quellen
Um Glastonbury liegt ein Landschaftstierkreis aus riesigen Bodenfiguren.
Quelle/Tradition: Katharine Maltwood, Karte 1929 und Temple of the Stars 1935; keine archäologische Stützung
Menschen steigen zum Tor hinauf, sitzen an den Quellen und begehen den Aufstieg als spirituelle Praxis.
Quelle/Tradition: Heutige Pilgerpraxis in Glastonbury
Ley-Linien führen messbare Erdenergie durch Glastonbury.
Quelle/Tradition: Michell, The View Over Atlantis (1969); statistisch widerlegt bei Williamson & Bellamy, Ley Lines in Question (1983)
BELEGT = wissenschaftlich oder amtlich nachprüfbar · ÜBERLIEFERT = historisch/traditionell dokumentiert · GELEBTE PRAXIS = verbreitete Anwendung, Erfahrungswerte · NICHT BELEGT = spirituelle Deutung, wissenschaftlich nicht nachgewiesen.
Schnellantwort
Der Glastonbury Tor ist ein natürlicher Hügel über den Somerset Levels, gekrönt vom dachlosen Turm einer Michaelskirche aus dem 14. Jahrhundert. Die Grabungen von Philip Rahtz 1964–66 belegen eine echte Besiedlung im 6. Jahrhundert: Holzbauten, eine Schmiedeesse, importierte Amphoren aus dem östlichen Mittelmeerraum. Von Artus ist dort nichts zu finden. Der Anspruch der Abtei auf das Artusgrab stammt von 1191, sieben Jahre nach dem Brand, der den Wiederaufbau nötig machte; die Neuauswertung der Grabungsakten zeigt, dass die als Grab gedeutete Grube über einem Kistengrab des 10. oder 11. Jahrhunderts liegt. Der spirituelle Ruf des Ortes wurde in datierbaren Schritten aufgebaut: Bligh Bonds Grabungen per automatischem Schreiben ab 1908, Maltwoods Landschaftstierkreis ab 1929, Michells Ley-Linien-Buch 1969. Die Terrassen gelten überwiegend als mittelalterliche Ackerterrassen. Messbare Energie wurde nie nachgewiesen, und ein Besuch ersetzt keine Behandlung.
Der Hügel, der Turm und was oben wirklich steht
Der Tor erhebt sich rund 158 Meter über eine flache, nasse Ebene. Darin liegt seine ganze Wirkung: Die Somerset Levels waren über weite Strecken ihrer Geschichte echtes Sumpf- und Überschwemmungsland, und ein kegelförmiger Hügel mit einem Turm darauf liest sich aus zwanzig Kilometern Entfernung wie eine Insel. Die Gleichsetzung mit der Insel Avalon lebt von dieser Silhouette. Die Insel ist echt. Alles andere ist Auslegung.
Auf der Kuppe steht kein heidnischer Tempel, sondern der Westturm einer christlichen Kirche. Ein Vorgängerbau wurde beim Erdbeben vom 11. September 1275 zerstört — eines der wenigen mittelalterlichen Beben Britanniens mit gesichertem Datum. Im 14. Jahrhundert folgte eine steinerne Michaelskirche; als die aufgegeben wurde, blieb der Turm stehen. Seine Nordostecke stammt von 1804, der Rest ist mittelalterliches Mauerwerk.
Beim Patrozinium lohnt kurzes Innehalten. Michael ist der Erzengel der Höhen und des Kampfes gegen das, was unten liegt — der Standardpatron für Bergkirchen in ganz Europa. Ein Michaelsturm auf einem steilen Hügel ist keine Auffälligkeit, die nach esoterischer Erklärung verlangt. Er ist das Naheliegendste, was dort stehen kann.
Was die Grabungen auf dem Tor gefunden haben
Zwischen 1964 und 1966 grub der Archäologe Philip Rahtz die Kuppe aus, und seine Ergebnisse tragen bis heute alles, was sich seriös über den Hügel sagen lässt. Abgesehen von verstreuten vorgeschichtlichen und römischen Funden beginnt die erste echte Nutzung im 6. Jahrhundert nach Christus.
Er fand Pfostenlöcher von Holzbauten, zwei Feuerstellen, darunter die Esse eines Metallhandwerkers, und sehr viel Tierknochen — dort oben wurde gut gegessen. Dazu Scherben importierter Amphoren aus dem östlichen Mittelmeerraum: jene Keramik, die im Südwesten Britanniens Fernhandel mit Wein und Öl um 450 bis 550 anzeigt. Ferner ein kleiner hohler Bronzekopf und, aus späteren Jahrhunderten, ein Radkreuz des 10. oder 11. Jahrhunderts. Zwei Bestattungen waren Nord–Süd ausgerichtet, was eine christliche Deutung unwahrscheinlich macht.
In spätsächsischer oder frühmittelalterlicher Zeit folgte eine kleine Klostersiedlung mit in den Fels geschlagenen Zellen, schließlich die Steinkirche. Also: ein hochrangiger oder monastischer Platz mit echten Importgütern, im richtigen Jahrhundert für die historische Kulisse der Artussagen, auf einem zwanzig Kilometer weit sichtbaren Hügel. Ein aufregender Befund — und eben kein Artus-Beleg. Rahtz selbst sagte das deutlicher als alle anderen und nannte es historisch irreführend und trivial, Archäologie zur Jagd auf Sagengestalten zu benutzen.
Die Terrassen: drei Deutungen, kein Urteil
Sieben breite, annähernd symmetrische Terrassen ziehen sich um die Flanken des Tor. Sie sind das, wonach Besucher am häufigsten fragen, und sie sind ehrlich ungeklärt.
Die Mehrheitsmeinung sieht Ackerterrassen: jene Stufenkanten, die über Jahrhunderte entstehen, wenn ein Hang gepflügt wird — in England weit verbreitet. Das Problem ist, dass einige über Neigungen laufen, auf denen Ackerbau eine Quälerei wäre, und dass welche auf der Nordseite liegen, dem schlechtesten Boden des Hügels.
Die zweite Deutung, 1968 von Geoffrey Russell vorgeschlagen, sieht ein dreidimensionales Labyrinth — ein kretisches Muster um einen Kegel gelegt, als ritueller Aufstieg begangen. Die dritte, vom Historiker Ronald Hutton ins Spiel gebracht, ist bescheidener und ziemlich überzeugend: ein spiralförmiger Prozessionsweg, damit Pilger die Gipfelkirche erreichen konnten — so etwas kennt man aus dem mittelalterlichen England.
Die archäologische Untersuchung der Terrassen ist dünn, und nichts davon entscheidet die Frage. Das ist eine interessantere Antwort als die Gewissheit beider Lager. Du kannst sie als Labyrinth gehen, ohne dass sie als eines gebaut sein müssen.
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Hojari Royal ansehen1191: Die Mönche finden König Artus
1184 zerstörte ein Brand die Abtei von Glastonbury. Ein Wiederaufbau dieser Größenordnung brauchte Geld, und Geld brauchte Pilger. Die Marienkapelle entstand zwischen 1184 und 1189 an der Stelle der alten Kirche. Zwei Jahre nach ihrer Fertigstellung verkündeten die Mönche, sie hätten auf ihrem Friedhof das Grab von König Artus und Königin Guinevere gefunden.
Der früheste Bericht stammt von Giraldus Cambrensis aus dem Jahr 1193. Die Mönche, schreibt er, seien auf einen ausgehöhlten Baumstamm mit den Körpern eines großen Mannes und einer Frau gestoßen, darüber ein Bleikreuz mit der Inschrift: Hier liegt der berühmte König Artus begraben, mit Guinevere, seiner zweiten Frau, auf der Insel Avalon. Dieser letzte Halbsatz trägt alles. Es ist der Moment, in dem Glastonbury schriftlich zu Avalon wird. Die Gebeine wanderten in die Kirche und landeten in einem schwarzen Marmorgrab vor dem Hochaltar.
Die Geschichte hat eine Fortsetzung im 20. Jahrhundert. Ralegh Radford grub von 1951 bis 1964 an der Abtei und suchte das Grab gezielt, wobei er die mittelalterlichen Beschreibungen zur Ortswahl nahe der Marienkapelle nutzte. Anfang der Sechziger meldete er der Presse den Fund. Er datierte die Grube über Splitter von Doulting-Stein in der Verfüllung, der seiner Ansicht nach erst mit dem Wiederaufbau von 1184–89 auftauchte. Beide Hälften dieses Arguments sind gefallen: Doulting-Stein gilt heute als Hauptbaustoff der Abtei in sämtlichen Phasen, die Splitter datieren also nichts — und unter der Grube liegt ein steinernes Kistengrab des 10. oder 11. Jahrhunderts. Ein König des 6. Jahrhunderts lässt sich nicht über einem Grab des 10. bestatten.
Roberta Gilchrist, die das zehnjährige Projekt zur Neuauswertung aller 36 Grabungskampagnen leitete, formuliert es nüchtern: lediglich eine Grube auf einem Friedhof, datierbar irgendwo zwischen dem 11. und dem 15. Jahrhundert. Radford habe seine Befunde möglicherweise überzeichnet. Es liegt nahe, die ganze Sache als Betrug abzulegen. Das Team aus Reading macht den faireren Punkt: Mittelalterliche Menschen zogen die harte Grenze zwischen Tatsache und Erzählung nicht so, wie wir es tun. Eine Lücke mit dem zu füllen, von dem man glaubte, es müsse so gewesen sein, war für sie keine Lüge. Es war Wiederherstellung.
Der Ausgräber, der das Jenseits fragte
Damit zur bemerkenswertesten Tatsache der Glastonbury-Archäologie, die in den meisten Reiseführern fehlt. Der erste Grabungsleiter der Abtei, 1908 berufen, war Frederick Bligh Bond (1864–1945) — ein angesehener Kirchenarchitekt aus Bristol, Mitverfasser eines Standardwerks über Lettner, Freimaurer, Theosoph und Mitglied sowohl der Society for Psychical Research als auch der Societas Rosicruciana in Anglia. Er grub dreizehn Jahre in Glastonbury. Und er entschied, wo gegraben wird, indem er die Toten fragte.
Gemeinsam mit dem Marinekapitän a. D. John Allan Bartlett, der unter dem Namen John Alleyne auftrat, hielt Bond Sitzungen ab, in denen Bartletts Hand automatische Schrift produzierte — ein Flickwerk aus spätem Latein und altertümlichem Englisch. Unterzeichnet war es von Mönchen; Gulielmus Monachus, Wilhelm der Mönch, war der erste. Dazu ein Kollektiv, das sich die Wächter nannte. Beschrieben wurden Bauten, die nicht mehr standen, darunter eine große Kapelle östlich des Chores: die Edgar-Kapelle, mit apsidialem Ostabschluss.
Bond grub und fand die Edgar-Kapelle. Über das Verfahren schwieg er ein Jahrzehnt, dann veröffentlichte er 1918 die gesamte Aufzeichnung als The Gate of Remembrance. Seine Dienstherren in der Church of England, die den Spiritismus ablehnten, nahmen es schlecht auf: Über die Edgar-Kapelle wurde im Parlament gestritten, und 1921 entließ ihn Bischof Armitage Robinson.
Seine Handschrift prägt den Ort bis heute. Der schmiedeeiserne Deckel des Chalice Well — die ineinandergreifenden Kreise der Vesica Piscis, inzwischen Glastonburys inoffizielles Wappen und auf jedem zweiten Ladenschild — stammt von Bligh Bond und war 1919 ein Geschenk. Der Mann, den die Kirche wegen Geisterbefragung entließ, ist der Grund, warum das heutige Glastonbury ein Logo hat.
Was in Bonds eigenem Buch steht
Es lohnt sich, The Gate of Remembrance zu lesen statt über es zu lesen, denn das Buch untergräbt seine eigene Legende an zwei Stellen — mit Bonds Worten. Die erste ist die Fehlerquote. Im Vorwort räumt er ein, dass Teile des Skripts, wie er schreibt, sehr offensichtliche Falschangaben enthielten, und benennt die schlimmste selbst. Nach den Maßen der Edgar-Kapelle gefragt, lieferte das Skript dreißig virgae (Yards) Länge und zwanzig Breite; erneut gefragt, fünfzig; beim dritten Mal wieder dreißig. Bond verwarf die fünfzig als offensichtlichen Irrtum und die zwanzig Yards Breite als, sein Wort, absurd. Wenn eine Quelle dreimal gefragt werden muss und zweimal falsch liegt, brauchen die Treffer eine bessere Erklärung als die Fehlschläge.
Die zweite Stelle ist das Jahr 1907. Bond hält fest, dass er und Bartlett in den zwölf Monaten vor Beginn der Sitzungen praktisch jeden erhaltenen Bericht über die Abtei systematisch durchgearbeitet hätten — Wilhelm von Malmesbury, Adam von Domerham, Johannes von Glastonbury, Leland, Dugdale, Stukeley und die späteren Altertumsforscher. Der Skeptiker Joseph McCabe schrieb 1920, die beiden hätten sich ein Jahr lang in die Literatur vertieft und monatelang in der mittelalterlichen Atmosphäre gelebt. Er meinte es als Abriss. Bond hatte dasselbe längst geschrieben — als Qualifikation.
Das ist der Kern, und er verlangt von niemandem eine Lüge. Ein Kirchenarchitekt, der ein Jahr lang jeden Plan und jede Beschreibung eines Gebäudes aufgesogen hat und dann seine Aufmerksamkeit locker lässt, ist bestens aufgestellt, um zu erraten, wo dessen Fundamente liegen — ohne die Vermutung als die eigene zu erkennen. Pfarrer H. J. Wilkins fand 1922 bei der Prüfung der Skripte nichts Überweltliches darin; spätere Autoren verweisen auf den ideomotorischen Effekt, denselben Mechanismus wie beim Ouijabrett. Die Pointe: Bond gab ihnen halb recht. Er behauptete nie, einfach mit Geistern zu plaudern, sondern schlug vor, das Skript schöpfe aus einem riesigen Vorrat unterbewusster Erinnerung, erreicht über etwas wie Telepathie. Er nannte sein Buch die Geschichte eines psychologischen Experiments. Der Mechanismus der Skeptiker war von seinem nicht weit entfernt.
Avalon, aufgetragen in drei Schichten
Das spirituelle Glastonbury ist zu großen Teilen jünger als hundert Jahre, und die Daten sind bekannt. In den 1920ern kartierte die Künstlerin Katharine Maltwood die Wege aus dem High History of the Holy Grail, als sie zu der Überzeugung kam, die Ungeheuer, gegen die die Ritter kämpften, seien reale Bodenfiguren in der Landschaft von Somerset — umrissen von Flüssen, Wegen und Erdwerken über einen Kreis von etwa sechzehn Kilometern Durchmesser. Ihre Karte erschien 1929 als Beilage zu jenem Text, die ausgeführte Darstellung eines vorgeschichtlichen Temple of the Stars 1935, gestützt auf eigens beauftragte Luftbilder. Kein Archäologe hat das je gestützt. Die Figuren setzen sich aus Merkmalen völlig verschiedener Zeitstellung zusammen, viele davon moderne Feldgrenzen — und dieselbe Methode liefert in jedem Landkreis einen Tierkreis.
1969 veröffentlichte John Michell The View Over Atlantis, das Alfred Watkins' gerade Altwege mit heiliger Geometrie und einer verlorenen Universalwissenschaft verschmolz und Glastonbury ins Zentrum der entstehenden Karte rückte — samt der Michaels-Linie, jener Flucht von Michaels-Patrozinien quer durch Südengland. Kein anderes Buch hat den Ort so sehr zur Hauptstadt des britischen New Age gemacht. Der statistische Einwand ist schlicht: Eine Landschaft, die so dicht mit Kirchen, Hügeln und Wegkreuzen besetzt ist wie die englische, erzeugt Fluchten durch Zufall — nachzulesen bei Williamson und Bellamy, Ley Lines in Question (1983). Dasselbe Problem haben wir uns für Ley-Linien in Deutschland und für die Externsteine angesehen.
Die dritte Schicht ist für deutsche Leser die wirksamste, und sie ist Literatur. 1982 erschien Marion Zimmer Bradleys The Mists of Avalon, 1983 auf Deutsch als Die Nebel von Avalon — eine Nacherzählung des Artusstoffs aus der Sicht Morgaines, Priesterin von Avalon. Das Buch wurde im deutschsprachigen Raum ein Dauerbestseller und hat für die hiesige Vorstellung von Glastonbury mehr getan als jede Grabung. Wichtig ist nur die Einordnung: Es ist ein Roman von 1982, kein Quellenwerk. Die Priesterinnenschule in den Nebeln ist eine großartige literarische Erfindung und keine Überlieferung, die irgendwo im Mittelalter stünde.
Nichts davon macht den Ort zur Fälschung. Es macht ihn zu einem Platz, an dem die Schichten ungewöhnlich gut lesbar sind: ein echter Befund des 6. Jahrhunderts, eine Abtei mit brillantem Marketing, ein edwardianischer Architekt mit Planchette, eine Künstlerin mit Messtischblatt, ein Gegenkultur-Autor mit These, ein Roman. Die meisten Kraftorte haben dieselben Schichten. Glastonbury hat nur die Belege aufgehoben.
Hingehen: was so ein Ort leisten kann
Die beiden Quellen am Fuß des Hügels sind das beste Argument für eine Reise. Der Chalice Well ist eisenhaltig, und ausfallendes Eisenoxid färbt seine Rinnen tief rostrot — der Grund, warum das Wasser seit Jahrhunderten als Blut, als Gral, als Nägel der Kreuzigung gelesen wird. Ein paar Schritte weiter läuft die White Spring über Kalk und hinterlässt die Gegenfarbe. Zwei Quellen unterschiedlicher Mineralisierung, nebeneinander, die sichtbar etwas Seltsames tun. Dafür musst du nichts glauben.
Auf dem Wearyall Hill steht der Heilige Dorn, beziehungsweise seine Nachkommen: Weißdorne, die zweimal im Jahr blühen, im Frühjahr und noch einmal um die Wintersonnenwende. Ungewöhnlich genug, um seit dem Mittelalter eine Legende zu tragen — der Stab des Joseph von Arimathäa, in den Boden gestoßen und angewachsen. Ein knospender Zweig des Dorns aus dem Friedhof von St John geht bis heute zu Weihnachten an das britische Königshaus.
Die Praxis, die hierher passt, passt überall. Geh zu Fuß hinauf, statt so nah wie möglich zu parken. Nimm dir mehr Zeit als geplant. Achte darauf, was der Wind oben macht, denn auf diesem Hügel macht er immer etwas. Komm nicht mit der Forderung nach einem Erlebnis an; ein Ort schuldet dir keine Vorstellung, und wer am meisten mitnimmt, hat ihn selten vorher geprüft. Wenn du im Vorfeld stöbern willst: Wir haben Glastonbury auch in unserer Übersicht mystischer Orte der Welt eingeordnet.
Was wir nicht versprechen
Am Glastonbury Tor, am Chalice Well oder entlang einer behaupteten Ley-Linie wurde nie eine messbare Energie, Strahlung oder ein Feld nachgewiesen. Quellwasser zu trinken ist keine Behandlung, ein Aufstieg keine Therapie, und nichts auf dieser Seite ist medizinischer, psychologischer, rechtlicher oder finanzieller Rat. Wenn etwas ernsthaft nicht stimmt, gehört es zu jemandem, der dafür ausgebildet ist. Was so ein Ort bieten kann, sind Aufmerksamkeit, Abstand und ein langer Weg — das ist nicht wenig und muss nicht größer gemacht werden.
Häufige Fragen
Ist Glastonbury wirklich Avalon?
Die Gleichsetzung ist schriftlich erstmals 1191 fassbar, im Zusammenhang mit der Auffindung des angeblichen Artusgrabes, und die Inschrift des Bleikreuzes nennt die Insel Avalon ausdrücklich. Älter belegt ist sie nicht. Die Lage des Hügels im ehemaligen Sumpfland macht das Bild der Insel anschaulich, ein Beleg für die sagenhafte Insel ist es nicht.
Liegt König Artus in Glastonbury begraben?
Dafür gibt es keinen Beleg. Der Anspruch stammt von 1191, sieben Jahre nach dem Brand, der die Abtei in Geldnot brachte, und der früheste Bericht wurde zwei Jahre später von Giraldus Cambrensis verfasst. Die Neuauswertung der Grabungsakten zeigt, dass die als Grab gedeutete Grube über einem Kistengrab des 10. oder 11. Jahrhunderts liegt.
Was haben Archäologen auf dem Tor tatsächlich gefunden?
Rahtz' Grabungen von 1964–66 belegen eine Besiedlung im 6. Jahrhundert: Holzbauten, zwei Feuerstellen samt Schmiedeesse, reichlich Tierknochen und Scherben von Amphoren aus dem östlichen Mittelmeerraum. Später folgten eine kleine Klostersiedlung mit Felszellen und die mittelalterliche Kirche, deren Turm noch steht.
Sind die Terrassen am Tor ein Labyrinth?
Nicht belegt. Am weitesten verbreitet ist die Deutung als mittelalterliche Ackerterrassen, auch wenn Steilheit und die Terrassen auf der Nordseite dagegen sprechen. Geoffrey Russell schlug 1968 ein dreidimensionales Labyrinth vor, ein mittelalterlicher Prozessionsweg für Pilger ist ebenfalls im Gespräch. Die dünne Grabungslage entscheidet es nicht.
Hat ein Archäologe die Abtei wirklich per automatischem Schreiben ausgegraben?
Ja. Frederick Bligh Bond leitete die Grabungen ab 1908 und wählte die Schnitte mit Hilfe automatischer Schrift, die John Allan Bartlett produzierte; 1918 veröffentlichte er das Verfahren als The Gate of Remembrance, 1921 wurde er entlassen. Kritiker verweisen darauf, dass Bond das gesamte Jahr 1907 mit dem Studium der schriftlichen Abteiquellen verbracht hatte — was er selbst berichtet.
Findet das Glastonbury Festival am Tor statt?
Nein. Das Festival läuft auf der Worthy Farm beim Dorf Pilton, einige Kilometer östlich, und hat mit dem Tor, der Abtei oder den Quellen nichts zu tun. Wer die heiligen Orte sucht, will in die Stadt Glastonbury selbst — eine eigene Reise, in einer erheblich ruhigeren Woche.






