Der Hexenbesen: Herkunft, Bedeutung — und wie du einen Besom selbst bindest
Dieser Artikel trennt, was über den Hexenbesen belegt ist, von dem, was moderne Praxis ist — und zeigt am Ende, wie du selbst einen bindest. Er behauptet nicht, dass ein Besen etwas bewirkt, das über Aufmerksamkeit hinausgeht.
Kein Gegenstand steht so sehr für Hexerei wie der Besen — und kaum einer ist so schlecht belegt. Die älteste Darstellung ist keine sechshundert Jahre alt, das erste Geständnis kam unter Folter, und das berühmte Rezept aus Esche, Birke und Weide steht in keiner alten Quelle. Was wirklich überliefert ist — und wie du trotzdem einen bindest.
Inhalt
Der Hexenbesen oder Besom ist im heutigen Gebrauch ein Ritualgerät, mit dem ein Raum vor einer Handlung symbolisch ausgekehrt wird — ohne den Boden zu berühren. Historisch ist der Besen zuerst ein Bild aus den Hexenprozessen und kein überliefertes Kultgerät: Die älteste bekannte Darstellung fliegender Hexen auf Stock und Besen findet sich in Randzeichnungen einer Handschrift von Martin Le Franc aus dem Jahr 1451, und der erste bezeugte Mensch, der ein Reiten auf dem Besen gestand, war 1453 ein Priester namens Guillaume Edelin — unter Folter. Die verbreitete Erklärung, der Besenstiel habe dem Auftragen einer Flugsalbe gedient, ist eine Deutung und historisch nicht gesichert. Der Ritualbesen der heutigen Hexenszene stammt aus dem 20. Jahrhundert. Das macht ihn nicht wertlos — es macht ihn nur jünger, als meistens behauptet wird.
Die älteste bekannte bildliche Darstellung von Hexen auf einem Besen beziehungsweise einem Stock steht in Randillustrationen einer Handschrift von Martin Le Franc, 'Le Champion des Dames', aus dem Jahr 1451.
Quelle/Tradition: Museum of Witchcraft and Magic, Objektbeschreibung zur Le-Franc-Illustration; kunsthistorische Literatur zu Peronet Lamy
Der erste namentlich bekannte Mensch, der ein Reiten auf einem Besen gestand, war Guillaume Edelin, ein Priester aus Saint-Germain-en-Laye. Er wurde 1453 verhaftet, gestand unter Folter und wurde lebenslang eingekerkert.
Quelle/Tradition: Prozessüberlieferung zu Guillaume Edelin, 1453
Le Francs Illustrationen entstanden im zeitlichen Umfeld der Walliser Hexenprozesse, die zwischen 1428 und 1447 geführt wurden.
Quelle/Tradition: Datierung der Walliser Prozesse; kunsthistorische Einordnung der Handschrift
Der Besenginster trägt den botanischen Artnamen scoparius, was auf seine Verwendung als Besenmaterial verweist. Historische Reisigbesen wurden aus dem gebunden, was vor Ort wuchs.
Quelle/Tradition: Botanische Nomenklatur; volkskundliche Beschreibungen des Besenbindens
In der europäischen Volksüberlieferung gilt ein an oder über die Tür gelegter Besen als Abwehrmittel — unter anderem mit der Begründung, eine Hexe müsse zuerst alle Reiser zählen.
Quelle/Tradition: Volkskundliche Sammlungen zum Schwellen- und Abwehrbrauchtum
Das Springen über den Besen als Eheschließungsritus ist bei Roma in Wales und in der Ehepraxis versklavter Menschen in den Vereinigten Staaten bezeugt. Eine keltische oder vorchristliche Herkunft ist dafür nicht belegt.
Quelle/Tradition: Ethnologische und historische Literatur zu 'jumping the broom'
Die Zusammensetzung Eschenstiel, Birkenreisig, Weidenbindung ist die heute verbreitete Standardangabe. Sie stammt aus der modernen Hexenliteratur des 20. Jahrhunderts, nicht aus historischen Quellen.
Quelle/Tradition: Moderne Wicca- und Hexenliteratur seit der Mitte des 20. Jahrhunderts
Der Besen als Gerät zum Auskehren eines Ritualraums vor der Handlung ist fester Bestandteil heutiger Praxis und geht auf die Wicca-Strömungen des 20. Jahrhunderts zurück.
Quelle/Tradition: Zeitgenössische Ritualpraxis
Dass der Besenstiel dem Auftragen einer halluzinogenen Flugsalbe diente und daraus die Flugvorstellung entstand, ist eine verbreitete Deutung und historisch nicht gesichert.
Quelle/Tradition: Die Deutung stützt sich auf wenige und umstrittene Stellen; die Forschung ist uneins
Dass ein Besen einen Raum energetisch reinigt oder Schädliches fernhält, ist nicht belegt.
Quelle/Tradition: Keine Untersuchung; die Aussage ist ihrer Art nach nicht prüfbar
BELEGT = wissenschaftlich oder amtlich nachprüfbar · ÜBERLIEFERT = historisch/traditionell dokumentiert · GELEBTE PRAXIS = verbreitete Anwendung, Erfahrungswerte · NICHT BELEGT = spirituelle Deutung, wissenschaftlich nicht nachgewiesen.
Die kurze Antwort. Der Hexenbesen ist im heutigen Gebrauch ein Ritualgerät, mit dem ein Raum vor einer Handlung symbolisch ausgekehrt wird — ohne den Boden zu berühren. Historisch ist der Besen zuerst ein Bild aus den Hexenprozessen und kein überliefertes Kultgerät: Die älteste bekannte Darstellung fliegender Hexen findet sich in Randzeichnungen einer Handschrift von 1451, und der erste bezeugte Mensch, der ein Reiten auf dem Besen gestand, war 1453 ein Priester — unter Folter. Die verbreitete Erklärung mit der Flugsalbe ist eine Deutung und nicht gesichert. Der Ritualbesen der heutigen Hexenszene stammt aus dem 20. Jahrhundert. Das macht ihn nicht wertlos — nur jünger, als meistens behauptet wird.
1451: das älteste Bild
Wer nach dem Ursprung des Hexenbesens sucht, landet nicht in einem heidnischen Ritus, sondern in einer Buchmalerei.
Martin Le Franc, ein burgundischer Kleriker und Dichter, verfasste um 1440 ein gewaltiges Versgedicht namens Le Champion des Dames — eine Verteidigung der Frauen. In einer Handschrift dieses Werks von 1451 hat ein Illuminator, wahrscheinlich Peronet Lamy aus Savoyen, an den Rand zwei Frauen gezeichnet: eine auf einem einfachen Stock, eine auf einem Reisigbesen, beide durch die Luft fahrend. Das gilt als die älteste bekannte Darstellung des Motivs.
Bemerkenswert daran ist der Zusammenhang. Diese Zeichnungen entstanden im Umfeld der Walliser Hexenprozesse, die von 1428 bis 1447 geführt wurden — einer der frühesten großen Verfolgungswellen überhaupt. Das Bild der Hexe auf dem Besen ist also nicht die Erinnerung an eine Praxis. Es ist eine Illustration zu einer Anklage.
Ich sage das als Praktizierende deutlich, weil es unserer Szene nicht schmeichelt: Der Besen kommt aus dem Verfolgungsdiskurs. Er wurde uns zugeschrieben, bevor irgendjemand ihn für sich beanspruchte.
1453: das erste Geständnis — von einem Priester
Zwei Jahre nach der Handschrift folgt die erste bezeugte Aussage eines Menschen, auf einem Besen geritten zu sein. Sie stammt nicht von einer Kräuterfrau, sondern von einem Geistlichen.
Guillaume Edelin war Priester in Saint-Germain-en-Laye bei Paris. Er hatte öffentlich die Warnungen der Kirche vor Hexen kritisiert — also die Verfolgung selbst infrage gestellt. 1453 wurde er verhaftet und wegen Hexerei angeklagt. Sein Geständnis, auf einem Besen zu einem Sabbat geritten zu sein, kam unter Folter zustande. Er widerrief später, wurde begnadigt — und blieb lebenslang eingekerkert.
Dieser Fall ist an drei Stellen lehrreich. Er zeigt, wie ein Motiv aus der gelehrten Vorstellungswelt in ein Protokoll gelangt: nicht durch Beobachtung, sondern durch Fragen unter Schmerz. Er zeigt, dass der erste „Besenreiter“ ein Mann war — gegen alle spätere Ikonografie. Und er zeigt, was mit Leuten geschah, die die Hexenpanik kritisierten.
Die Flugsalben-These und was von ihr bleibt
Die Erklärung, die man heute überall liest, geht ungefähr so: Hexen hätten eine Salbe aus Nachtschattengewächsen hergestellt, deren Wirkstoffe über die Schleimhäute aufgenommen wurden; der Besenstiel habe als Auftragswerkzeug gedient; die dadurch ausgelösten Rauschzustände hätten sich wie Fliegen angefühlt.
Das ist eine elegante Erzählung, und sie erklärt scheinbar alles auf einmal. Sie ist aber nicht so gut belegt, wie ihre Verbreitung nahelegt. Sie stützt sich auf einige wenige spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Stellen, die von Salben und vom vermeintlichen Flug sprechen — Texte, die in aller Regel von Verfolgern oder deren Gewährsleuten stammen, nicht von Praktizierenden. Ob es die beschriebene Praxis je gab oder ob wir hier erneut die Fantasie der Anklage lesen, ist in der Forschung nicht entschieden.
Pharmakologisch ist unstrittig, dass Tropanalkaloide in Bilsenkraut, Tollkirsche und Stechapfel starke halluzinogene Wirkungen und ein Gefühl von Schwerelosigkeit auslösen können — und ebenso unstrittig, dass sie in wenig höherer Dosis toxisch sind. Was fehlt, ist nicht die Pharmakologie. Was fehlt, ist der Beleg für das Besenstiel-Detail.
Ein ausdrückliches Wort dazu: Wir geben hier keine Rezepturen und raten von jedem Selbstversuch mit Nachtschattengewächsen ab. Die Grenze zwischen Wirkung und Vergiftung ist bei diesen Pflanzen sehr schmal, und Vergiftungen mit ihnen verlaufen regelmäßig schwer.
Der Besen im Haus: Schwelle, Abwehr, Hochzeit
Neben dem Prozessmotiv gibt es einen zweiten, viel unauffälligeren Strang — und der ist volkskundlich deutlich besser bezeugt.
Der Besen gehört in der europäischen Überlieferung zur Schwelle. Er wird quer vor die Tür gelegt, hinter die Tür gestellt, unter das Bett geschoben. Eine der überlieferten Begründungen ist wunderbar konkret: Eine Hexe müsse, bevor sie eintreten könne, erst alle Reiser zählen — und darüber werde es Morgen. Das ist dieselbe Logik wie beim Streuen von Körnern oder Salz, ein Abwehrmittel aus Verzögerung statt aus Kraft. Verwandte Bräuche findest du in unserem Text über Hausgeist, Kobold und Heinzelmännchen und im Romanusbüchlein.
Zum Springen über den Besen bei der Eheschließung eine Klarstellung, weil das oft falsch erzählt wird: Bezeugt ist der Brauch bei Roma in Wales und in der Ehepraxis versklavter Menschen in den Vereinigten Staaten, denen eine rechtsgültige Eheschließung verwehrt war. Das ist eine ernste Geschichte mit konkreten Trägern. Eine keltische oder vorchristliche Herkunft ist dafür nicht belegt, und sie dem Brauch überzustreifen nimmt ihm seine eigentliche Bedeutung.
Und noch eine kleine Freude: Der Besenginster heißt botanisch Cytisus scoparius — scoparius heißt „zum Besen gehörig“. Historische Reisigbesen wurden aus dem gebunden, was am Ort wuchs: Ginster, Birke, Heide, Reisig. Nicht aus einer Rezeptur.
Mythos und Befund im Vergleich
| Häufig behauptet | Was sich sagen lässt |
|---|---|
| Der Hexenbesen ist ein uraltes heidnisches Kultgerät | Nicht belegt. Als Hexenattribut taucht der Besen erst im 15. Jahrhundert auf — in Verfolgungskontexten |
| Er besteht aus Esche, Birke und Weide | Moderne Standardangabe aus der Hexenliteratur des 20. Jahrhunderts, nicht aus alten Quellen |
| Der Stiel diente dem Auftragen der Flugsalbe | Deutung. Die Pharmakologie stimmt, das Besenstiel-Detail ist nicht gesichert |
| Über den Besen springen ist ein alter keltischer Hochzeitsbrauch | Bezeugt bei Roma in Wales und bei versklavten Menschen in den USA. Keltische Herkunft nicht belegt |
| Der Besen vor der Tür hält Böses fern | Als Brauch gut überliefert. Über eine Wirkung sagt das nichts |
Der Ritualbesen der Gegenwart
Was heute in der Hexenszene mit dem Besen gemacht wird, ist eine Erfindung des 20. Jahrhunderts — und eine gute.
Der Besom kehrt keinen Schmutz. Er wird vor einer Handlung über dem Boden geführt, meist im Uhrzeigersinn, ohne aufzusetzen. Was er ausrichtet, ist keine Reinigung im physikalischen Sinn, sondern eine Zeitmarke: Ab hier ist dieser Raum ein anderer. Deshalb gilt in vielen Traditionen die Regel, dass der Ritualbesen nie zum wirklichen Fegen benutzt wird — nicht weil er sonst „Energie verliert“, sondern weil ein Gegenstand nur solange ein Signal ist, wie er nichts anderes tut.
Genau das ist der Punkt, an dem ich ehrlich sein will: Der Besen wirkt über Aufmerksamkeit, nicht über Kraft. Er markiert einen Übergang, und Menschen brauchen Übergänge. Wenn du deine eigene Praxis aufbauen willst, hilft dir unser Text über eigene Rituale kreieren weiter.
Der zweite Teil des Auskehrens
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Im überlieferten Hausbrauch gehören Kehren und Räuchern zusammen: erst die Bewegung durch den Raum, dann der Geruch, der bleibt. Diese Mischung nach altem Brauch ist der Teil, den du nach dem Besen noch riechst — und der den Unterschied für die nächste halbe Stunde hält.
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Zur Hausreinigung RäuchermischungAnleitung: einen Besom selbst binden
Ein Besen, den du selbst gebunden hast, taugt für diesen Zweck mehr als jeder gekaufte — aus dem einfachen Grund, dass du die Stunde, die du daran gearbeitet hast, danach in der Hand hältst.
- Stiel suchen. Ein gerader Ast, etwa drei bis fünf Zentimeter stark und so lang, wie es dir in der Hand liegt. Nimm Fallholz oder frag den Eigentümer — Astschnitt im fremden Wald ist keine Kleinigkeit. Rinde kannst du dranlassen; wenn du schälst, dann trocken.
- Reisig sammeln. Zwei gute Hände voll dünner Zweige, gleichmäßig lang. Birke ist verbreitet, weil sie biegsam bleibt; Ginster, Heide und Weidenreisig funktionieren genauso. Nimm, was bei dir wächst — das ist historisch sogar korrekter als jede Rezeptur.
- Trocknen lassen. Zwei bis drei Wochen luftig und im Schatten. Frisch gebundenes Reisig schrumpft und die Bindung wird locker.
- Anlegen. Leg die Zweige rundum ans untere Stielende, alle Schnittenden in dieselbe Richtung, und häng den Kopf leicht über das Stielende hinaus.
- Binden. Zwei Bindungen, etwa eine Handbreit auseinander. Naturschnur, gewachster Faden oder eingeweichte Weidenrute. Zieh fester, als du denkst, und wickle die untere Bindung mehrfach.
- Beschneiden. Die Reisigenden mit der Schere auf eine Höhe bringen. Ein Besom mit geradem Abschluss führt sich spürbar ruhiger.
- Widmen — wenn du magst. Sag laut, wofür dieser Besen da ist und wofür nicht. Das ist der ganze „Zauber“: eine Festlegung, an die du dich hinterher erinnerst.
Aufbewahrung: mit dem Kopf nach oben stehend oder hängend, damit sich das Reisig nicht verbiegt, und trocken — in feuchten Ecken schimmelt Naturschnur.
Stimmen aus der Praxis
Keine erfundenen Namen — nur wiederkehrende Erfahrungen aus der Arbeit mit Ritualbesen.
- Der häufigste Anfängerfehler ist ein zu großer Besen. Ein Gerät, das im Wohnzimmer an die Lampe stößt, wird nicht benutzt. Kurz und handlich schlägt eindrucksvoll.
- Wer den Besen versehentlich einmal zum echten Kehren nimmt, berichtet fast immer dasselbe: Danach fühlt es sich beim nächsten Ritual falsch an. Das ist keine Energie, das ist Assoziation — und genau deshalb funktioniert die Trennungsregel.
- Selbstgebundene Besen halten in der Praxis kürzer als gekaufte und werden trotzdem lieber benutzt. Das sagt einiges darüber, worum es bei dem Gerät geht.
- Die Rechtslage beim Sammeln wird regelmäßig unterschätzt. Herabgefallenes Reisig in kleinen Mengen ist meist unproblematisch, das Schneiden lebender Zweige in fremdem Wald nicht.
Welcher Besom passt zu deiner Praxis?
Drei Fragen, dann weißt du, ob du binden, kaufen oder etwas ganz anderes nehmen solltest.
Praktisch: so gehst du damit um
- Erzähl die Geschichte richtig. Der Besen ist als Hexenattribut nicht uralt, sondern seit dem 15. Jahrhundert belegt — und zwar aus der Feder der Verfolger. Das ist ein stärkeres Fundament als eine erfundene Ahnenreihe.
- Halte die Trennung ein. Ritualbesen und Hausbesen sind zwei Gegenstände. Der Grund ist Assoziation, nicht Magie — und er funktioniert trotzdem.
- Nimm heimisches Material. Was bei dir wächst, ist näher an der historischen Praxis als jede Dreierliste aus dem Ratgeber.
- Finger weg von Nachtschattengewächsen. Bilsenkraut, Tollkirsche und Stechapfel sind hochgiftig, die Spanne zwischen Wirkung und Vergiftung ist schmal. Das gehört in die Kulturgeschichte, nicht in die Küche.
- Kombiniere Kehren und Räuchern. Im überlieferten Hausbrauch gehören beide zusammen. Wie das praktisch geht, steht in unserem Text zum energetischen Räuchern.
Was wir nicht versprechen
Dieser Artikel beschreibt überlieferte Bräuche und ihre Geschichte und trennt das erkennbar von moderner Praxis. Er behauptet nicht, dass ein Besen einen Raum energetisch reinigt, Schädliches fernhält oder ein Ergebnis herbeiführt. Historische Hexenverfolgung behandeln wir als Verfolgungsgeschichte, nicht als Anleitung. Von jedem Selbstversuch mit Nachtschattengewächsen raten wir ausdrücklich ab — diese Pflanzen sind hochgiftig. Räucherwerk und rituelle Praxis ersetzen keine medizinische, psychologische, rechtliche oder finanzielle Beratung.
Häufige Fragen
Seit wann gibt es das Bild der Hexe auf dem Besen?
Die älteste bekannte Darstellung steht in Randillustrationen einer Handschrift von Martin Le Francs „Le Champion des Dames“ aus dem Jahr 1451, entstanden im Umfeld der Walliser Hexenprozesse von 1428 bis 1447. Als Hexenattribut ist der Besen also spätmittelalterlich, nicht vorchristlich.
Wer hat als Erster gestanden, auf einem Besen geritten zu sein?
Guillaume Edelin, ein Priester aus Saint-Germain-en-Laye bei Paris. Er hatte die Warnungen der Kirche vor Hexen öffentlich kritisiert, wurde 1453 verhaftet und gestand unter Folter. Er widerrief und blieb dennoch lebenslang eingekerkert.
Stimmt die Sache mit der Flugsalbe?
Teilweise. Dass Tropanalkaloide aus Bilsenkraut, Tollkirsche und Stechapfel halluzinogen wirken und ein Schwebegefühl auslösen können, ist unstrittig. Dass der Besenstiel dabei als Auftragswerkzeug diente, ist eine Deutung und historisch nicht gesichert — die Quellen stammen überwiegend von Verfolgern.
Woraus besteht ein richtiger Hexenbesen?
Die Standardangabe Eschenstiel, Birkenreisig, Weidenbindung stammt aus der modernen Hexenliteratur des 20. Jahrhunderts und nicht aus alten Quellen. Historische Reisigbesen wurden aus dem gebunden, was am Ort wuchs — Ginster, Birke, Heide. Heimisches Material ist also die historisch stimmigere Wahl.
Darf man den Ritualbesen zum Kehren benutzen?
Die verbreitete Regel sagt nein, und sie hat einen nachvollziehbaren Grund: Ein Gegenstand bleibt nur solange ein Signal, wie er nichts anderes tut. Wer ihn einmal zum Fegen nimmt, berichtet meist, dass sich das nächste Ritual falsch anfühlt — das ist Assoziation, und sie wirkt.
Ist das Springen über den Besen ein keltischer Brauch?
Nein, das ist nicht belegt. Bezeugt ist der Brauch bei Roma in Wales und in der Ehepraxis versklavter Menschen in den Vereinigten Staaten, denen eine rechtsgültige Eheschließung verwehrt war. Diese Träger gehören zur Geschichte des Brauchs dazu.
Quellen & Weiterlesen
- Museum of Witchcraft and Magic: Illustration zu Martin Le Francs „Le Champion des Dames“ — Datierung und Kontext
- Hyperallergic: The First Known Depiction of a Witch on a Broomstick
- HISTORY: Why Witches Fly on Brooms — zu Guillaume Edelin und zur Flugsalben-Debatte
- Martin Le Franc, Le Champion des Dames, um 1440/42; Handschrift von 1451 mit den Randillustrationen
- Volkskundliche Sammlungen zum Schwellen- und Abwehrbrauchtum im deutschsprachigen Raum
- Historische und ethnologische Literatur zu „jumping the broom“ bei Roma in Wales und bei versklavten Menschen in den USA
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