Okkultes & verborgenes Wissen

Das Romanusbüchlein: Was wirklich im Segensbuch der deutschen Volksmagie steht

Es ist ein dünnes Heft, kaum größer als eine Handfläche, und es hat mehr Häuser und Ställe gehütet als jedes Grimoire mit goldenem Rücken. Das Romanusbüchlein war kein Buch für Gelehrte, sondern Gebrauchsgut. Dieser Text zeigt, woher es kommt, was darin steht, wie es nach Amerika gelangte — und wo die Überlieferung endet.

Alte Eisenschlüssel, Hufeisen und ein Bündel getrockneter Kräuter im Kerzenlicht auf dunklem Stein

Es ist ein dünnes Heft, kaum größer als eine Handfläche, und es hat mehr Häuser und Ställe gehütet als jedes Grimoire mit goldenem Rücken. Das Romanusbüchlein war kein Buch für Gelehrte. Es war Gebrauchsgut — für Bauern, Fuhrleute, Hebammen. Dieser Text zeigt, woher es kommt, was tatsächlich darin steht, wie es nach Amerika gelangte — und an welcher Stelle die Überlieferung endet.

Schnellantwort

Das Romanusbüchlein ist ein kleines deutschsprachiges Segensbüchlein mit Schutz-, Heil- und Bannformeln für Mensch und Vieh. Die früheste datierte Ausgabe erschien 1788 in Glatz bei Franz Pompejus; die einzelnen Formeln sind deutlich älter und reichen teils ins Mittelalter zurück. Das Titelblatt verspricht Schutz gegen Unglück und Krankheit, Feuers- und Wassergefahr, Diebstahl, Verletzung durch Waffen und Zauberei im und außer Haus. Der Ton ist durchgehend christlich, einzelne Stücke reden jedoch Geister an. Über Johann Georg Hohmans „Langen verborgenen Freund“ (Reading 1820) gelangte ein Großteil des Bestands nach Pennsylvania, wo die Praxis als Braucherei bis heute fortlebt. Die Grenze: Das Büchlein ist eine erstklassige historische Quelle — es ist kein Wirknachweis. Dass diese Formeln Blutungen stillen, Brände abwenden oder Krankheiten heilen, ist nicht belegt, und sie ersetzen keine ärztliche oder tierärztliche Behandlung.

Einordnung
Belegt

Die früheste datierte Ausgabe des Romanusbüchleins trägt den Vermerk Glatz 1788, gedruckt bei Franz Pompejus, königlicher Stadtbuchdrucker.

Quelle/Tradition: Adolf Spamer / Johanna Nickel, Romanusbüchlein. Historisch-philologischer Kommentar zu einem deutschen Zauberbuch, Berlin 1958

Belegt

Große Teile von Johann Georg Hohmans „Langem verborgenen Freund“ (Reading 1820) sind direkt aus dem Romanusbüchlein übernommen.

Quelle/Tradition: Owen Davies, Grimoires. A History of Magic Books, Oxford University Press 2009

Belegt

Der Zusatz „Pow-Wows“ stammt nicht von Hohman, sondern kam erst in Nachdrucken des späten 19. Jahrhunderts hinzu.

Quelle/Tradition: Druckgeschichte der amerikanischen Ausgaben; Davies 2009

Überliefert

Der Ursprung des Namens Romanus ist ungeklärt; genannt werden eine im Text auftauchende Person und ein Hinweis auf römisch-katholische Segensformeln.

Quelle/Tradition: Forschungsdiskussion; beide Deutungen bleiben Vermutung

Überliefert

Eine Formel entfaltet ihre Kraft erst, wenn sie dreimal gesprochen, bei abnehmendem Mond geschrieben oder unter die Türschwelle gelegt wird.

Quelle/Tradition: Handhabungsanweisungen im Romanusbüchlein selbst

Gelebte Praxis

In Teilen der Pennsylvania-Dutch-Gegend sowie in ländlichen Gegenden des deutschen Sprachraums werden Blutstillen, Warzen- und Brandbesprechen bis heute ausgeübt und meist mündlich weitergegeben.

Quelle/Tradition: Volkskundliche Feldbeobachtung; Braucherei/Powwowing in Pennsylvania

Nicht belegt

Dass die Segensformeln Blutungen stillen, Brände abwenden, Wunden schließen oder Krankheiten bei Mensch und Tier heilen, ist nicht belegt.

Quelle/Tradition: Keine kontrollierten Untersuchungen; Beschwerden gehören ärztlich beziehungsweise tierärztlich abgeklärt

Nicht belegt

Dass es sich um ungebrochenes vorchristliches germanisches Wissen handelt, ist nicht belegt — Sprache, Bauform und Druck weisen auf christlich-europäische Herkunft.

Quelle/Tradition: Spamer 1958; religionsgeschichtliche Forschung zur Segensliteratur

BELEGT = wissenschaftlich oder amtlich nachprüfbar · ÜBERLIEFERT = historisch/traditionell dokumentiert · GELEBTE PRAXIS = verbreitete Anwendung, Erfahrungswerte · NICHT BELEGT = spirituelle Deutung, wissenschaftlich nicht nachgewiesen.

Was das Romanusbüchlein ist

Wer die europäische Magieliteratur von oben betrachtet, sieht zuerst die großen Namen: den Picatrix, die Schlüssel Salomos, die Werke Agrippas. Bücher für Menschen, die Latein konnten und Zeit hatten.

Das Romanusbüchlein gehört in eine andere Schicht. Es ist ein Segensbüchlein — eine Sammlung kurzer Sprüche, Gebete und Formeln, die man im Ernstfall aufsagt oder aufschreibt. Kein System, keine Philosophie, keine Einweihung. Stattdessen: Was tut man, wenn das Blut nicht steht. Was sagt man, wenn das Feuer greift. Was hängt man in den Stall, damit die Kuh nicht verhext wird.

Diese Gattung heißt in der Volkskunde Segensliteratur, und sie ist älter als der Buchdruck. Die einzelnen Formeln wanderten Jahrhunderte lang mündlich und in Abschriften, bevor jemand sie zwischen zwei Deckel band. Das Romanusbüchlein ist eine solche Sammlung — und wurde die bekannteste ihrer Art im deutschen Sprachraum.

Wichtig für das Verständnis: Der Text ist durch und durch christlich. Die Formeln rufen die Dreifaltigkeit an, sie nennen Heilige, sie enden mit Amen. Der Gegensatz zwischen Kirche und Zauberei, den man von außen erwartet, ist im Buch selbst nicht vorhanden. Wer es benutzte, hielt sich nicht für einen Magier. Er hielt sich für einen Christen, der ein gutes Gebet kannte.

Der älteste Druck: Glatz, 1788

Die früheste datierte Ausgabe, die sich fassen lässt, trägt den Vermerk Glatz 1788, gedruckt bei Franz Pompejus, königlicher Stadtbuchdrucker. Glatz — heute Kłodzko in Niederschlesien — war eine Grenzstadt, katholisch geprägt, preußisch verwaltet. Ein Ort, an dem eine kleine Druckerei so etwas herausbringen konnte, ohne dass es größere Wellen schlug.

Man sollte sich dieses Objekt richtig vorstellen. Kein Foliant. Ein Heft von wenigen Bogen, billig gesetzt, oft ohne Jahresangabe nachgedruckt, weitergereicht, abgeschrieben, ergänzt. Genau deshalb ist die Überlieferung so unübersichtlich: Es gibt nicht das Romanusbüchlein, sondern eine Familie von Fassungen, die sich in Umfang und Reihenfolge unterscheiden.

Ältere Angaben, die den Text bis 1750 oder weiter zurückdatieren, halten der Prüfung nicht stand — sie stützen sich auf undatierte Drucke, die man dem Papier und dem Satz nach nicht sicher einordnen kann. Sicher ist nur: Die einzelnen Formeln sind deutlich älter als der Druck. Ein Teil von ihnen reicht ins Mittelalter zurück, einzelne Motive sogar noch weiter.

Was auf dem Titelblatt versprochen wird

Titelblätter dieser Zeit waren Werbung, und dieses hier ist besonders ausführlich. Es verspricht Schutz für Mensch und Vieh — gegen Unglück und Krankheit, gegen Feuers- und Wassergefahr, gegen Diebstahl, gegen Verletzung durch Waffen aller Art und gegen alle Zauberei innerhalb und außerhalb des Hauses.

Diese Aufzählung ist die genaueste Beschreibung dessen, wovor Menschen im 18. Jahrhundert wirklich Angst hatten. Nicht vor Sinnkrisen. Vor dem Hofbrand, der eine Familie in einer Nacht ruinierte. Vor der Fuhrmannsfahrt durch den Wald. Vor dem Vieh, das über Nacht keine Milch mehr gab und damit die Wintervorräte gefährdete. Vor der Wunde, die sich entzündete, weil es keine Antibiotika gab.

Das Romanusbüchlein liest sich, wenn man es so betrachtet, wie ein Inventar der Existenzängste einer bäuerlichen Gesellschaft. Und es antwortet auf jede einzelne mit einem Satz, den man sich merken kann.

Der Inhalt: Segen, Bannformeln, Beschwörungen

Was steht konkret drin? Vier Arten von Texten mischen sich.

Segen im engeren Sinn. Kurze Sprüche gegen Blutungen, Brandwunden, Zahnschmerzen, Warzen, Fieber, Wurmbefall beim Vieh. Sie folgen einem festen Bauplan: Anrede, eine kleine Erzählung aus der Heilsgeschichte, dann die Übertragung auf den vorliegenden Fall. Diese Struktur ist alt und über halb Europa verbreitet.

Schutz- und Bannformeln. Gegen Diebe, gegen Waffen, gegen Feuer. Der Feuersegen gehört zu den bekanntesten Stücken; in seinem Umfeld steht auch das SATOR-Quadrat, jenes Buchstabenviereck aus Pompeji, das über anderthalb Jahrtausende hinweg als Brandschutz galt und auf Balken, Schüsseln und Zettel geschrieben wurde.

Bittformeln an Heilige. Sie sollen gegen böse Kräfte helfen — und in einigen Stücken auch beim Auffinden von Schätzen.

Beschwörungen. Hier wird es heikler. Ein Teil der Texte redet Geister an, einzelne nennen den Teufel. Das ist der Punkt, an dem die Kirche solche Hefte verurteilte, obwohl die Sprache ansonsten fromm blieb. Genau diese Mischung — Gebet und Zwang im selben Buch — macht die Gattung historisch so interessant.

Dazu kommen Anweisungen zur Handhabung: Der Zettel wird dreimal gesprochen, bei abnehmendem Mond geschrieben, unter die Türschwelle gelegt, in den Stall genagelt, um den Hals getragen. Das Wort allein genügt nicht. Es braucht eine Handlung — dieselbe Logik, die auch im Sechsten und Siebten Buch Mosis trägt, dem anderen großen Zauberbuch des deutschen Sprachraums.

Woher der Name kommt — und warum das offen bleibt

Warum Romanusbüchlein? Darauf gibt es keine gesicherte Antwort, und man sollte den Mangel nicht mit einer hübschen Erzählung zudecken.

Zwei Vorschläge werden gewöhnlich genannt. Der eine führt den Titel auf eine im Text auftauchende Person zurück — einen Romanus, dem das Büchlein zugeschrieben oder gewidmet worden sei. Der andere sieht darin einen Hinweis auf die römisch-katholische Herkunft der Segensformeln, die tatsächlich stark an liturgische Benediktionen angelehnt sind.

Beides bleibt Vermutung. Und beides ist typisch für die Gattung: Solche Hefte trugen selten einen ehrlichen Verfassernamen. Ein Titel, der nach Autorität klang, verkaufte sich besser und schützte den Drucker zugleich.

Die Reise nach Amerika: Hohman und der „Lange verborgene Freund“

Die eigentliche Karriere machte das Romanusbüchlein nicht in Europa, sondern in Pennsylvania.

Johann Georg Hohman kam 1802 mit Frau und Sohn als Schuldknecht in die Vereinigten Staaten und ließ sich in der deutschsprachigen Gemeinde um Reading nieder. 1820 veröffentlichte er dort ein Heft mit dem Titel Der lange verborgene Freund — eine Sammlung von Gebeten, Hausmitteln und Segensformeln für Mensch und Tier.

Der Historiker Owen Davies hat gezeigt, dass große Teile dieses Textes direkt aus dem Romanusbüchlein übernommen sind. Hohman war kein Erfinder. Er war ein Kompilator, der mitgebrachtes Wissen für eine Einwanderergesellschaft neu zusammenstellte — und damit einen Bestseller landete, der bis heute im Druck ist.

Den Namen, unter dem das Buch berühmt wurde, bekam es erst später: Pow-Wows, or Long Lost Friend. Diese Bezeichnung tauchte in Nachdrucken des späten 19. Jahrhunderts auf, im Sog der Begeisterung für den Spiritismus. Sie stammt nicht von Hohman, und sie stammt auch nicht aus der deutschen Tradition — sie entlieh sich ein Wort aus indigenen Sprachen Nordamerikas, das mit diesen Formeln nichts zu tun hat. Das ist ein Stück Aneignung, das man beim Namen nennen sollte, statt es als Folklore durchgehen zu lassen.

Braucherei: was davon heute noch lebt

In Teilen der Pennsylvania-Dutch-Gegend wird die Praxis bis heute ausgeübt. Sie heißt dort Braucherei oder Powwowing, und wer sie ausübt, versteht sich in aller Regel als frommer Christ, nicht als Hexe. Gearbeitet wird mit Sprüchen aus Hohmans Sammlung, mit Handauflegen, mit Kerzen, oft im Rahmen der eigenen Kirchengemeinde.

Im deutschen Sprachraum ist die Linie dünner, aber nicht abgerissen. Blutstillsprüche, Warzenbesprechen, das Brandbesprechen — in ländlichen Gegenden Bayerns, Österreichs und der Schweiz kennen viele Familien noch jemanden, der so etwas kann oder konnte. Weitergegeben wird meist mündlich, oft an ein Kind des anderen Geschlechts, häufig mit der Regel, dass man kein Geld dafür nimmt.

Diese Regel ist bemerkenswert. Sie zieht eine Grenze, die das Romanusbüchlein selbst nicht kennt — und sie ist der Grund, warum die Praxis in vielen Dörfern nie in Verruf geriet.

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Stimmen aus der Praxis

„Meine Großmutter hat Warzen besprochen. Sie hat nie gesagt, was sie sagt — das war die Bedingung. Als sie starb, war es weg. Ich habe später gelesen, dass fast genau derselbe Spruch im Romanusbüchlein steht, und das hat mich umgehauen. Sie hätte nie gesagt, dass sie zaubert. Für sie war das ein Gebet.“
— Lehrerin, 57, Raum Passau

„Ich habe eine Ausgabe von 1846 auf einem Flohmarkt gefunden, in Frakturschrift, vollgeschrieben am Rand. Jemand hat eingetragen, wann er welche Formel benutzt hat, für welches Tier, mit welchem Ausgang. Das ist kein Zauberbuch mehr. Das ist ein Tagebuch von jemandem, der Angst um seinen Hof hatte.“
— Antiquar, 61, Raum Winterthur

„Ich bin über die Pennsylvania-Sache eingestiegen, über Hohman. Und dann merkt man: Das ist mein Dialekt. Die Sprüche in diesem amerikanischen Buch klingen wie das, was mein Onkel im Pfälzischen gesagt hat. Diese Linie über den Atlantik hat mich mehr berührt als alles Übernatürliche daran.“
— Krankenpfleger, 43, Raum Mannheim

Was wir nicht versprechen

Wir sagen dir nicht, dass diese Formeln wirken. Es gibt keine Untersuchung, die zeigt, dass ein Spruch eine Blutung stillt, ein Feuer abwendet oder eine Wunde schließt. Was überliefert ist, ist die Praxis — nicht ihr Erfolg.

Wir sagen dir nicht, dass sie eine Behandlung ersetzen. Das ist die wichtigste Grenze in diesem ganzen Text. Blutungen, Verbrennungen, Fieber, entzündete Wunden, kranke Tiere: Das gehört in ärztliche und tierärztliche Hände, ohne Wenn und Aber. Die Menschen, die das Romanusbüchlein benutzten, hatten diese Wahl nicht. Du hast sie.

Wir sagen dir nicht, dass es sich um uraltes germanisches Wissen handelt. Der Text ist christlich, seine Bauformen sind mittelalterlich-europäisch, sein Druck ist neuzeitlich. Wer ihn als vorchristliches Erbe verkauft, verkauft eine Erzählung des 19. und 20. Jahrhunderts, nicht das Buch.

Und wir raten dir nicht, die Beschwörungen nachzusprechen, die Geister oder den Teufel anreden. Nicht, weil etwas passieren würde — sondern weil man historische Quellen liest und nicht nachspielt, ohne zu wissen, worauf man sich einlässt.

Praktisch: so gehst du damit um

Nimm eine kommentierte Ausgabe. Adolf Spamers historisch-philologischer Kommentar, aus dem Nachlass herausgegeben von Johanna Nickel, ist bis heute die Grundlage. Ohne Kommentar sind die Formeln stumm — man sieht nicht, was Zitat ist, was Formel und was Druckfehler.

Lies die Fassungen nebeneinander. Es gibt nicht die eine Ausgabe. Wer zwei Drucke vergleicht, sieht sofort, wie diese Hefte gewachsen sind: durch Weglassen, Hinzufügen und Abschreiben mit Fehlern.

Frag in der eigenen Familie nach. Das ist der Rat, der am meisten bringt und am seltensten befolgt wird. Wer noch Großeltern oder Großtanten hat, sollte fragen, solange es geht — nach Sprüchen, nach Bedingungen, nach dem Namen dessen, von dem sie es hatten.

Trenne Lesen von Tun. Ein historisches Segensbuch ist eine Quelle, kein Rezeptheft. Wenn du selbst etwas tun willst, tu es bewusst und in deiner eigenen Sprache — nicht in einer fremden, deren Zusammenhang du nicht kennst.

Behalte den ärztlichen Weg offen. Immer. Ein Spruch schließt keine Wunde, und kein Zettel unter der Schwelle ersetzt eine Diagnose.

Häufige Fragen

Was ist das Romanusbüchlein genau?

Ein kleines gedrucktes Segensbüchlein aus dem deutschen Sprachraum mit Schutz-, Heil- und Bannformeln für Mensch und Vieh. Die früheste datierte Ausgabe erschien 1788 in Glatz. Es ist kein gelehrtes Grimoire, sondern Gebrauchsliteratur — kurze Sprüche, die man im Ernstfall aufsagt, aufschreibt oder bei sich trägt.

Woher kommt der Name Romanus?

Das ist nicht gesichert. Zwei Erklärungen werden genannt: eine im Text auftauchende Person namens Romanus, der das Büchlein zugeschrieben wurde — oder ein Hinweis auf die römisch-katholische Herkunft der Formeln, die stark an liturgische Segenssprüche angelehnt sind. Beides bleibt Vermutung.

Ist das Romanusbüchlein ein christliches oder ein magisches Buch?

Beides, und genau das macht es interessant. Die Sprache ist durchgehend christlich: Dreifaltigkeit, Heilige, Amen. Zugleich stehen darin Beschwörungen, die Geister und in einzelnen Stücken den Teufel anreden. Die Menschen, die es benutzten, sahen darin keinen Widerspruch — die Trennung zwischen Gebet und Zauber ist eine Zuschreibung von außen.

Was hat es mit Pow-Wows und dem Long Lost Friend zu tun?

Johann Georg Hohman, 1802 nach Pennsylvania ausgewandert, veröffentlichte 1820 in Reading „Der lange verborgene Freund“. Große Teile davon stammen nach der Forschung von Owen Davies direkt aus dem Romanusbüchlein. Der Zusatz „Pow-Wows“ kam erst in Nachdrucken des späten 19. Jahrhunderts hinzu — er stammt weder von Hohman noch aus der deutschen Tradition.

Steht das SATOR-Quadrat im Romanusbüchlein?

Das Buchstabenviereck SATOR AREPO TENET OPERA ROTAS gehört zum festen Bestand dieser Segensliteratur und erscheint in ihr als Schutz gegen Feuer. Bei Hohman ist es als Feuersegen abgedruckt. Seine Spur reicht bis nach Pompeji zurück — es ist damit eines der ältesten durchgehend benutzten Schutzzeichen Europas.

Wird so etwas heute noch praktiziert?

Ja, in Resten. In Teilen der Pennsylvania-Dutch-Gegend heißt die Praxis Braucherei oder Powwowing und wird im christlichen Rahmen ausgeübt. Im deutschsprachigen Raum kennt man in ländlichen Gegenden noch das Blutstillen, Warzenbesprechen und Brandbesprechen. Weitergegeben wird meist mündlich und oft mit der Regel, dass kein Geld dafür genommen wird.

Quellen & Weiterlesen

  • Adolf Spamer: Romanusbüchlein. Historisch-philologischer Kommentar zu einem deutschen Zauberbuch, aus dem Nachlass bearbeitet von Johanna Nickel, Berlin 1958 — die maßgebliche wissenschaftliche Bearbeitung.
  • Zur ältesten datierten Ausgabe: Glatz 1788, gedruckt bei Franz Pompejus, königlicher Stadtbuchdrucker.
  • Owen Davies: Grimoires. A History of Magic Books, Oxford University Press 2009 — zur Abhängigkeit von Hohmans Long Lost Friend vom Romanusbüchlein.
  • Johann Georg Hohman: Der lange verborgene Freund, Reading (Pennsylvania) 1820; spätere Nachdrucke unter dem Titel Pow-Wows, or Long Lost Friend.
  • Zur Gattung: das Corpus der deutschen Segen und Beschwörungsformeln sammelt und erschließt die Überlieferung solcher Formeln vom Mittelalter an.
  • Weiterlesen im Magazin: Das Sechste und Siebte Buch Mosis · Das SATOR-Quadrat · Die Schlüssel Salomos
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