Okkultes & verborgenes Wissen

Sleipnir: Odins achtbeiniges Pferd — was die Quellen wirklich sagen

Dieser Artikel zeigt, was die Edda und die gotländischen Bildsteine über Sleipnir tatsächlich überliefern, und trennt das erkennbar von moderner Deutung. Er behauptet nicht, dass die acht Beine eine bekannte Bedeutung haben — sie haben keine überlieferte.

Zwei verwitterte Hufeisen und ein Bund geflochtener Kordel neben einer brennenden Kerze auf dunklem Stein

Odins Pferd hat acht Beine, wurde von Loki geboren und trägt Reiter ins Totenreich. Alle drei Aussagen stehen so in den mittelalterlichen Quellen. Nur ist das eingeritzte Bild eines achtbeinigen Pferdes rund vierhundert Jahre älter als die Geschichte, die es erklärt. Was die Edda wirklich überliefert, was die Steine zeigen — und wo die Deutung aufhört, Beleg zu sein.

Schnellantwort

Sleipnir ist Odins graues, achtbeiniges Pferd, in beiden Eddas das beste aller Pferde. Snorri Sturluson berichtet, Loki habe es in Stutengestalt geboren. Beim berühmtesten Ritt ins Totenreich sitzt allerdings nicht Odin im Sattel, sondern Hermóðr. Entscheidend ist die Zeitrechnung: Achtbeinige Pferde sind auf gotländischen Bildsteinen eingeritzt, die auf etwa 700 bis 1000 datiert werden, während Snorris Geburtsgeschichte aus dem 13. Jahrhundert stammt — das Bild ist also Jahrhunderte älter als seine überlieferte Erklärung. Warum das Pferd acht Beine hat, sagt keine mittelalterliche Quelle; alle kursierenden Antworten sind moderne Hypothesen. Im Merseburger Zauberspruch kommt Sleipnir übrigens nicht vor — das dortige Fohlen gehört Balder.

Einordnung
Belegt

Sleipnir ist Odins achtbeiniges Pferd; er wird in der Lieder-Edda und in Snorris Prosa-Edda genannt und dort als bestes aller Pferde bezeichnet.

Quelle/Tradition: Grímnismál 44 (Larrington 1999); Gylfaginning 15 (Faulkes 1995)

Belegt

Snorri Sturluson berichtet, Sleipnir sei von Loki geboren worden, der Stutengestalt annahm und sich mit dem Hengst Svaðilfari paarte.

Quelle/Tradition: Gylfaginning 42 (Faulkes 1995); unabhängig genannt in Hyndluljóð

Belegt

Beim Ritt nach Hel, mit dem Balder zurückgeholt werden soll, ist Hermóðr der Reiter, nicht Odin. Odin reitet Sleipnir separat in Baldrs draumar zu den Toten.

Quelle/Tradition: Gylfaginning 49 (Faulkes 1995); Baldrs draumar (Larrington 1999)

Belegt

Zwei gotländische Bildsteine, Tjängvide I (G 110) und Ardre VIII, zeigen einen Reiter auf einem achtbeinigen Pferd und werden auf etwa 700 bis 1000 datiert — mehrere Jahrhunderte vor Snorri.

Quelle/Tradition: Gotlands Museum, Gotlandic Picture Stones – The Online Edition, GP 5 Alskog Tjängvide I; Lindow 2001:277

Belegt

Tjängvide I wurde 1844 im Fundament eines mittelalterlichen Hauses gefunden und trägt eine Runeninschrift zum Gedenken an einen Mann namens Hjǫrulfr.

Quelle/Tradition: Gotlands Museum, GP 5 Alskog Tjängvide I, Fundumstände und Runeninschrift (GR I: G 110)

Belegt

Die älteste datierbare Nennung des Namens ist die Kenning „See-Sleipnir" für ein Schiff in der Húsdrápa des Skalden Úlfr Uggason aus dem 10. Jahrhundert.

Quelle/Tradition: Skáldskaparmál 49 (Faulkes 1995); Lindow 2001:277

Belegt

Der zweite Merseburger Zauberspruch aus Codex 136 der Domstiftsbibliothek Merseburg handelt vom verrenkten Fuß des Fohlens Balders/Phols und nennt Sleipnir nicht. Eine Verbindung beider Stoffe ist nicht überliefert.

Quelle/Tradition: Codex 136 Domstiftsbibliothek Merseburg, althochdeutscher Wortlaut

Belegt

Die Schlucht Ásbyrgi in Nordisland wurde von katastrophalen Gletscherläufen der Jökulsá á Fjöllum ausgeräumt, nicht von einem Huf.

Quelle/Tradition: Geologischer Forschungsstand zu Ásbyrgi und den Jökulhlaup der Jökulsá á Fjöllum

Überliefert

Die isländische Volksüberlieferung deutet Ásbyrgi als Hufabdruck Sleipnirs. Das steht nicht in den Eddas.

Quelle/Tradition: Isländische Volksüberlieferung; Simek 2007:294

Überliefert

Nach Sigrdrífumál sollen Runen unter anderem „auf Sleipnirs Zähne" geritzt werden.

Quelle/Tradition: Sigrdrífumál (Larrington 1999:169)

Gelebte Praxis

In heutiger heidnischer und rekonstruktionistischer Praxis wird Sleipnir als Figur für Reise, Schwelle und Aufbruch angerufen. Das ist zeitgenössische Praxis, kein belegter vorchristlicher Ritus.

Quelle/Tradition: Zeitgenössische Praxis; es ist kein mittelalterlicher Kulttext zu Sleipnir überliefert

Nicht belegt

Warum Sleipnir acht Beine hat, erklärt keine erhaltene Quelle. Schamanenross-, Totenbahren- und Zwillingsdeutung sind moderne wissenschaftliche Hypothesen.

Quelle/Tradition: Lindow 2001:277 („auf unklare Weise"); Davidson 1990:142–143; Mallory/Adams 1997:163

Nicht belegt

Dass der Reiter auf den gotländischen Steinen speziell Odin darstellt und nicht einen im Jenseits empfangenen Toten, ist Deutung und nicht gesichert.

Quelle/Tradition: Lindow 2001:277; neuere Forschung bezweifelt einen Bezug zwischen Bildern und Inschriften

BELEGT = wissenschaftlich oder amtlich nachprüfbar · ÜBERLIEFERT = historisch/traditionell dokumentiert · GELEBTE PRAXIS = verbreitete Anwendung, Erfahrungswerte · NICHT BELEGT = spirituelle Deutung, wissenschaftlich nicht nachgewiesen.

Die kurze Antwort. Sleipnir ist Odins graues, achtbeiniges Pferd, in beiden Eddas das beste aller Pferde. Snorri Sturluson berichtet, Loki habe es in Gestalt einer Stute geboren, nachdem er einen Bauvertrag sabotieren sollte. Sleipnir trägt mehr als einmal ins Totenreich — beim berühmtesten dieser Ritte sitzt allerdings nicht Odin im Sattel. Entscheidend ist die Zeitrechnung: Achtbeinige Pferde sind auf gotländischen Bildsteinen eingeritzt, die auf etwa 700 bis 1000 datiert werden. Snorris Geburtsgeschichte stammt aus dem 13. Jahrhundert. Das Bild ist also Jahrhunderte älter als seine überlieferte Erklärung. Warum das Pferd acht Beine hat, sagt keine mittelalterliche Quelle.

Warum Sleipnir kein Krafttier ist

Eine Vorbemerkung, weil das im deutschsprachigen Raum regelmäßig verwischt wird: Sleipnir gehört nicht in die Krafttier-Literatur. Ein Krafttier Pferd ist eine moderne Deutungspraxis, in der ein Tier für Eigenschaften steht, die man auf das eigene Leben bezieht. Das ist gelebte Praxis, und wir behandeln sie an anderer Stelle als solche.

Sleipnir dagegen ist eine benannte Einzelgestalt aus einem konkreten Textkorpus: Vater, Mutter, Besitzer, eine Handvoll überlieferter Szenen. Wer ihn als „Krafttier für Reisen und Aufbruch" ausgibt, macht aus einer Quellenfigur ein Symbolangebot — das darf man, sollte es aber dazusagen. Dieser Artikel behandelt die Quellenfigur.

Die Geburt: ein geplatzter Bauvertrag

Die bekannte Fassung steht in Kapitel 42 der Gylfaginning, dem ersten Buch von Snorri Sturlusons Prosa-Edda, verfasst im Island des 13. Jahrhunderts.

Ein Baumeister bietet an, Asgard binnen dreier Jahreszeiten zu befestigen. Sein Preis: die Göttin Freyja, dazu Sonne und Mond. Die Götter gehen darauf ein — fristgerecht, ohne die Hilfe eines Mannes — und erlauben ihm auf Lokis Zureden seinen Hengst Svaðilfari. Der leistet doppelt so viel wie der Baumeister. Drei Tage vor Fristende steht die Mauer fast, und den Göttern dämmert, dass sie Sonne, Mond und Freyja verlieren, weil Loki ihnen ein Schlupfloch eingeredet hat.

Loki soll es richten. In der Nacht läuft eine Stute aus dem Wald und wiehert den Hengst an; der reißt sein Geschirr entzwei und folgt ihr, der Baumeister hinterher, und die Nachtarbeit fällt aus. Die Mauer bleibt unfertig, die Götter erkennen im Baumeister einen Riesen, Thor erschlägt ihn. Einige Zeit später gebiert Loki — der die Stute war — ein graues Fohlen mit acht Beinen.

Zwei Dinge lohnen zu merken. Das ist eine Geschichte über einen gebrochenen Vertrag; Sleipnir ist ihr Nebenprodukt, nicht ihr Thema. Und Snorri war ein christlicher Isländer, der zwei Jahrhunderte nach der Christianisierung überlieferte Dichtung systematisierte. Er ist unsere ausführlichste und oft einzige Quelle — das macht ihn nicht falsch, heißt aber, dass wir das 13. Jahrhundert über das 9. reden hören.

Wo Sleipnir tatsächlich vorkommt

Der gesamte belegte Bestand passt in eine Tabelle. Mehr ist es nicht.

Quelle Art Was dort steht
Grímnismál 44 Lieder-Edda Bestes aller Pferde
Sigrdrífumál Lieder-Edda Runen sind „auf Sleipnirs Zähne" geritzt
Baldrs draumar Lieder-Edda Odin reitet nach Hel zu einer toten Seherin
Hyndluljóð Lieder-Edda Sleipnir unter Lokis Nachkommen, von Svaðilfari
Gylfaginning 15, 41, 42, 49 Prosa-Edda Acht Beine; Odins Pferd; Geburt; Ritt nach Hel um Balder
Skáldskaparmál 16, 17, 58 Prosa-Edda „Verwandter Sleipnirs" als Kenning für Loki; Ritt gegen Hrungnir
Húsdrápa, Úlfr Uggason Skaldik, 10. Jh. „See-Sleipnir" als Kenning für Schiff — die älteste datierbare Nennung
Hervarar saga Vorzeitsaga Rätsel: zwei, die auf zehn Füßen laufen, drei Augen, ein Schwanz
Völsunga saga 13 Vorzeitsaga Siegfrieds Pferd Grani stammt „aus Sleipnirs Geschlecht"
Gesta Danorum I Saxo, 12. Jh. Ein einäugiger Greis trägt Hadingus über die See
Tjängvide I, Ardre VIII Bildsteine, ca. 700–1000 Reiter auf achtbeinigem Pferd — das älteste Zeugnis

Bemerkenswert ist, was fehlt. Keine Quelle erklärt die acht Beine, keine beschreibt ihn über „grau" hinaus, keine lässt ihn aus eigenem Antrieb handeln. Er ist ein Fortbewegungsmittel — das berühmteste der Mythologie, aber eben ein Mittel. Das Rätsel der Hervarar saga ist die einzige Stelle, an der die Quellen mit ihm spielen, und die Auflösung ist Arithmetik: Odin und Sleipnir haben zusammen zehn Füße, drei Augen — weil Odin nur eines hat — und einen Schwanz.

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Der zweite Merseburger Zauberspruch beginnt mit einem Ritt in den Wald — „fuorun zi holza". Wer sich diesem Stoff über den Geruch nähern will, kommt mit Fichtenharz näher an eine germanische Waldlichtung als mit jedem Weihrauch. Eine Empfehlung aus unserem Sortiment, kein Ritualbestandteil der Quellen.

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Der Ritt nach Hel — und wer wirklich im Sattel saß

Sleipnirs berühmtester Weg ist der Ritt, mit dem Balder zurückgeholt werden soll — und Odin sitzt dabei nicht auf ihm.

Nach Balders Tod erklärt sich in Gylfaginning 49 Hermóðr bereit, hinabzureiten und Hel ein Lösegeld anzubieten; Odins Pferd wird ihm vorgeführt. Neun Nächte reitet er durch Täler, so finster, dass er nichts sieht, erreicht den Fluss Gjöll und wird von dessen Wächterin Móðguðr angehalten — die anmerkt, tags zuvor seien fünf Scharen toter Männer über die Brücke geritten und hätten weniger Lärm gemacht als er allein. Die Lebenden sind laut im Land der Toten.

Dann die Stelle, die den Ruf des Pferdes begründet: Am Tor zu Hel steigt Hermóðr ab, zieht den Sattelgurt fest, sitzt auf, gibt die Sporen — und Sleipnir setzt so hoch, dass er dem Tor nicht einmal nahekommt. Darauf beruht alles, was über ihn als das Pferd gesagt wird, das geht, wo Pferde nicht hingehen: ein Sprung, in einem Satz.

Odin reitet ihn ebenfalls zu den Toten, in Baldrs draumar. Beide Ritte gehen in dieselbe Richtung: hinab und nach Norden, auf Auskünfte zu, die Lebenden nicht zustehen. Sleipnir ist kein Schlachtross, sondern das Tier, das man nimmt, wenn das Ziel kein Ort ist.

Die Bildsteine von Gotland

Zwei Kalksteinplatten von der Insel Gotland zeigen einen Reiter auf einem Pferd mit acht Beinen. Die Forschung akzeptiert beide überwiegend als Sleipnir.

Der bekanntere ist Tjängvide I (G 110), 1844 von einem Bauern beim Bau eines Kartoffelkellers im Fundament eines mittelalterlichen Hauses gefunden; heute im Historischen Museum Stockholm. Er trägt eine Runeninschrift zum Gedenken an einen Mann namens Hjǫrulfr, ein Schiff unter Segel, eine Frau mit Trinkhorn — und das achtbeinige Pferd. Ardre VIII stammt aller Wahrscheinlichkeit nach aus derselben Werkstatt. Beide gehören zu Lindqvists Typ C/D, datiert auf etwa 700 bis 1000.

Das ist der Befund, der alles andere auf dieser Seite neu ordnet. Wer dieses Pferd in Kalkstein schlug, illustrierte nicht Gylfaginning 42 — dieses Kapitel würde es noch Jahrhunderte lang nicht geben. Das Bild war zuerst da. Snorris Stuten-Geschichte ist die älteste erhaltene Erklärung für ein achtbeiniges Pferd, und eine Erklärung, die vierhundert Jahre zu spät eintrifft, ist nicht dasselbe wie ein Ursprung.

Auch beim Bildinhalt lohnt Vorsicht. Ein Reiter nähert sich einer Frau mit Horn — gelesen als Odins Ankunft in Walhall und ebenso als ein Toter, der im Jenseits empfangen wird. Neuere Arbeiten bezweifeln überdies, dass die Bilder gotländischer Steine überhaupt auf ihre Inschriften bezogen sind. Acht Beine hat das Pferd. Alles Weitere ist Deutung.

Wodan und das Pferd: der deutsche Anknüpfungspunkt

Sleipnir selbst kommt in keinem althochdeutschen Text vor. Es gibt aber einen Text von deutschem Boden, in dem ein germanischer Gott und ein verletztes Pferd zusammenkommen — und er ist so alt wie die gotländischen Steine.

Der zweite Merseburger Zauberspruch, überliefert im Codex 136 der Domstiftsbibliothek Merseburg, beginnt mit einem Ritt in den Wald: Phôl ende Wuodan fuorun zi holza. Dabei verrenkt sich das Fohlen den Fuß. Sinthgunt und ihre Schwester Sunna besprechen es, dann Frîja und ihre Schwester Volla, und zuletzt Wuodan, „sô hê wola conda" — wie er es wohl konnte: bên zi bêna, bluot zi bluoda, lid zi geliden, Bein zu Bein, Blut zu Blut, Glied zu Gliedern.

Hier ist die notwendige Klarstellung, die im Netz fast immer fehlt: Das Pferd im Merseburger Spruch ist nicht Sleipnir. Es ist das Fohlen Balders beziehungsweise Phols, und der Spruch nennt Sleipnir mit keinem Wort. Wer beides zusammenzieht, erfindet eine Verbindung, die in keiner Quelle steht.

Interessant ist der Text trotzdem, aus einem präziseren Grund: Er zeigt, dass kontinentalgermanisch dieselben Bausteine im Umlauf waren wie im Norden — Wodan/Odin, ein Pferd, eine Notlage, eine Formel — ohne dass daraus dieselbe Erzählung wurde. Nordische Mythologie ist nicht die Religion „der Germanen", sondern die eine Fassung, die schriftlich überlebt hat, weil in Island jemand sie aufschrieb. Was auf heutigem deutschen Gebiet erzählt wurde, kennen wir aus zwei Zauberformeln, ein paar Ortsnamen und dem Hildebrandslied. Diese Lücke ist der eigentliche deutsche Befund — und der Grund, warum hierzulande so viel Erfundenes als „altgermanisch" durchgeht.

Warum acht Beine? Vier Deutungen, keine bewiesen

Keine mittelalterliche Quelle nennt einen Grund. Vier Erklärungen kursieren; es lohnt, sie nach ihrer Tragfähigkeit zu trennen.

  1. Geschwindigkeit. Doppelte Beine, doppeltes Tempo. Passt zum Namen und zum Ritt über die See — und ist zugleich die Deutung, die am wenigsten Beleg braucht und am wenigsten erklärt.
  2. Das Schamanenross. Hilda Ellis Davidson sah im achtbeinigen Pferd das typische Reittier des Schamanen auf dem Weg in Ober- oder Unterwelt und verwies auf ein achtbeiniges Fohlen in einer burjatischen Erzählung bei Mircea Eliade. Die Parallele existiert. Ob die nordische Religion etwas enthielt, das man sinnvoll Schamanismus nennt, ist offene Debatte, kein Befund.
  3. Die Totenbahre. Die stillste und stärkste, ebenfalls von Davidson: Ein Toter, den vier Träger tragen, wird auf acht Beinen getragen. Sie verweist auf einen von Verrier Elwin aufgezeichneten Totengesang der Gondi in Indien, der ein Pferd mit acht Beinen und vier Köpfen beschreibt und dem Toten zuruft, den Zügel zu fassen und aufzusitzen — wobei das „Pferd" unverkennbar die Bahre ist. Existierte dieses Bild auch im Norden, braucht Sleipnir keine weitere Erklärung.
  4. Zwei Pferde. Die Encyclopedia of Indo-European Culture vermutet in den acht Beinen ein ursprüngliches Paar — die pferdegestaltigen göttlichen Zwillinge vieler indogermanischer Traditionen — zusammengezogen in ein Tier. Vergleichende Rekonstruktion ist legitim und zugleich die Methode, die sich am leichtesten dazu bringen lässt, das Gesuchte zu finden.

John Lindows Zusammenfassung ist die ehrliche: Die acht Beine seien gedeutet worden als Hinweis auf große Schnelligkeit oder als „auf unklare Weise" mit Kultpraxis verbunden. Auf unklare Weise ist der korrekte Stand des Wissens.

Ásbyrgi: der Hufabdruck und die Flut

Im Norden Islands liegt eine hufeisenförmige Schlucht mit senkrechten Wänden und bewaldetem Grund. Die isländische Überlieferung sagt, Sleipnir habe dort einen Huf aufgesetzt.

Geologisch wurde Ásbyrgi von katastrophalen Gletscherläufen der Jökulsá á Fjöllum ausgeräumt — vermutlich mindestens zwei, vor etwa acht- bis zehntausend und vor rund dreitausend Jahren, ausgelöst durch vulkanische Aktivität unter dem Eis. Beides ist bewahrenswert: Die Geologie ist, was geschah; die Sage ist, was Menschen mit einer unmöglichen Form angestellt haben — und als Beobachtung ist sie ausgezeichnet, denn die Schlucht ist tatsächlich hufförmig. In den Eddas steht sie nicht.

Was du daraus mitnehmen kannst

Drei Dinge, für die man nichts glauben muss.

  1. Frag nach dem Jahrhundert. „Sleipnir wurde von Loki geboren" und „auf Gotland wurde ein achtbeiniges Pferd eingeritzt" sind beide wahr und nicht auf dieselbe Weise wahr. Diese eine Frage leistet mehr als jede weitere Lektüre.
  2. Achte auf nachgereichte Erklärungen. Das Bild war da, die erklärende Geschichte kam Jahrhunderte später. Diese Reihenfolge ist häufig — in der Mythologie, in der Volksetymologie und überall dort, wo Orte nachträglich eine Vergangenheit bekommen.
  3. Lass „wir wissen es nicht" stehen. Niemand weiß, warum das Pferd acht Beine hat. Das ist eine echte Antwort und eine bessere als die vier Theorien, weil sie das Bild fremd lässt.

Weiter in diese Richtung: die Runen des Älteren Futhark — laut Sigrdrífumál auch auf Sleipnirs Zähne geritzt — sowie Odins übrige Tiere im Raben und im Wolf.

Was wir nicht versprechen

Dieser Artikel beschreibt, was mittelalterliche Texte und eingeritzte Steine überliefern, und trennt das erkennbar von moderner Deutung. Er behauptet nicht, dass eine der beschriebenen Gestalten existiert, eingreift oder Wirkungen hervorbringt. Räucherwerk, Symbole und rituelle Praxis ersetzen keine medizinische, psychologische, rechtliche oder finanzielle Beratung, und nichts hier verspricht ein Ergebnis. Wenn eine Entscheidung reale Folgen hat, gehört sie zu jemandem, der dafür ausgebildet ist.

Häufige Fragen

Warum hat Sleipnir acht Beine?

Keine erhaltene Quelle sagt es. Vier moderne Deutungen kursieren — große Schnelligkeit, ein Schamanenross, eine von vier Trägern getragene Totenbahre und ein zusammengezogenes indogermanisches Pferdepaar. Alle vier sind Hypothesen. John Lindow nennt die Beine „auf unklare Weise" mit Kultpraxis verbunden, und das ist der korrekte Wissensstand.

Wer sind Sleipnirs Eltern?

Nach Gylfaginning 42 der Hengst Svaðilfari und Loki, der Stutengestalt annahm, um den Hengst fortzulocken und einen Baumeister seine Frist verfehlen zu lassen. Das Lied Hyndluljóð nennt Sleipnir unabhängig davon unter Lokis Nachkommen von Svaðilfari.

Ritt Odin auf Sleipnir, um Balder zurückzuholen?

Nein. In Gylfaginning 49 ist Hermóðr der Reiter; er leiht sich Odins Pferd für den neun Nächte langen Weg. Odin selbst reitet Sleipnir an anderer Stelle zu den Toten, in Baldrs draumar, um eine Seherin zu befragen.

Kommt Sleipnir im Merseburger Zauberspruch vor?

Nein. Der zweite Merseburger Zauberspruch handelt vom verrenkten Fuß des Fohlens Balders beziehungsweise Phols und nennt Sleipnir nicht. Wodan tritt dort als Besprecher auf. Die Verbindung beider Stoffe ist eine moderne Zusammenziehung ohne Quellengrundlage.

Gibt es archäologische Zeugnisse für Sleipnir?

Zwei gotländische Bildsteine, Tjängvide I und Ardre VIII, zeigen einen Reiter auf einem achtbeinigen Pferd und gelten überwiegend als Sleipnir-Darstellungen. Sie werden auf etwa 700 bis 1000 datiert und sind damit mehrere Jahrhunderte älter als die Texte über ihn.

Ist Sleipnir ein Krafttier?

Nicht im Sinn der Quellen. Sleipnir ist eine benannte Einzelgestalt der nordischen Überlieferung mit Eltern, Besitzer und konkreten Szenen. Die Krafttier-Deutung ist eine moderne Praxis; wer Sleipnir so verwendet, sollte das kenntlich machen.

Quellen

  • Snorri Sturluson, Edda, übers. Anthony Faulkes, Everyman, 1995 — Gylfaginning 15, 41, 42, 49; Skáldskaparmál 16, 17, 58
  • Die Edda (Lieder-Edda), zit. nach Carolyne Larrington (Übers.), The Poetic Edda, Oxford World's Classics, 1999 — Grímnismál, Sigrdrífumál, Baldrs draumar, Hyndluljóð
  • John Lindow, Norse Mythology: A Guide to the Gods, Heroes, Rituals, and Beliefs, Oxford University Press, 2001, S. 276–277
  • H. R. Ellis Davidson, Gods and Myths of Northern Europe, Penguin, 1990, S. 142–143 — Schamanenross und Totenbahre
  • Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie / engl. Dictionary of Northern Mythology, D. S. Brewer, 2007, S. 140, 294
  • Andy Orchard, Dictionary of Norse Myth and Legend, Cassell, 1997, S. 151 — zum Namen
  • J. P. Mallory / D. Q. Adams (Hg.), Encyclopedia of Indo-European Culture, Taylor & Francis, 1997, S. 163 — die Zwillingsdeutung
  • Gotlands Museum, Gotlandic Picture Stones — The Online Edition: GP 5 Alskog Tjängvide I — Fundumstände, Datierung, Runeninschrift
  • Codex 136 der Domstiftsbibliothek Merseburg — Zweiter Merseburger Zauberspruch, althochdeutscher Wortlaut

Mehr aus dem Magazin: Die Merseburger Zaubersprüche · Runen und ihre Bedeutung · Krafttier Pferd

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