Merseburger Zaubersprüche: Text, Übersetzung und Bedeutung der ältesten Zauberformeln in deutscher Sprache
Dieser Artikel zeigt dir beide Merseburger Zaubersprüche im althochdeutschen Original mit Übersetzung und erklärt Fund, Aufbau und Götterwelt. Er behauptet nicht, dass diese Formeln heilen oder befreien — ihr Wert ist kulturgeschichtlich, und genau so behandeln wir sie.
Zwei Sätze auf einem fast leeren Pergamentblatt — mehr ist es nicht. Und doch sind die Merseburger Zaubersprüche das einzige Fenster, das uns die deutsche Sprache in ihre vorchristliche Ritualwelt öffnet: mit Namen, die sonst nirgendwo auf Althochdeutsch stehen, und mit einer Formel, die tausend Jahre später noch immer zitiert wird.
Inhalt
Die Merseburger Zaubersprüche sind die beiden einzigen bekannten althochdeutschen Zauberformeln, in denen vorchristliche germanische Gottheiten wie Wodan und Frija namentlich auftreten. Aufgezeichnet wurden sie im 9. oder 10. Jahrhundert auf einem frei gebliebenen Blatt einer theologischen Sammelhandschrift (Codex 136 der Domstiftsbibliothek Merseburg); entdeckt hat sie 1841 der Historiker Georg Waitz, 1842 stellte Jacob Grimm sie der Preußischen Akademie vor. Der erste Spruch ist ein Lösesegen gegen Fesseln, der zweite ein Heilsegen für ein verrenktes Pferdebein mit der berühmten Formel „ben zi bena, bluot zi bluoda". Beide folgen dem Bauprinzip aus erzählter Vorgeschichte (Historiola) und Zauberformel. Eine magische oder medizinische Wirkung ist nicht belegt — der Rang der Sprüche ist kulturgeschichtlich: Sie sind das älteste greifbare Zeugnis heidnischer Ritualsprache auf Deutsch.
Die beiden Sprüche stehen im Codex 136 der Domstiftsbibliothek Merseburg, niedergeschrieben im 9./10. Jahrhundert; entdeckt wurden sie 1841 von Georg Waitz, 1842 von Jacob Grimm der Preußischen Akademie vorgestellt.
Quelle/Tradition: Codex 136 Domstiftsbibliothek Merseburg; J. Grimm, Abhandlung 1842
Die Merseburger Zaubersprüche sind die einzigen bekannten althochdeutschen Texte, in denen vorchristliche germanische Gottheiten namentlich in ihrer religiösen Funktion auftreten.
Quelle/Tradition: Germanistische Standardliteratur (u. a. Braune/Ebbinghaus, Althochdeutsches Lesebuch)
Strukturgleiche Heilsegen für verrenkte Pferdebeine sind in europäischen Volkssegen und im altindischen Atharvaveda dokumentiert.
Quelle/Tradition: Vergleichende Segensforschung zum Zweiten Merseburger Spruch
Der erste Spruch überliefert einen Lösesegen der Idisen, der Gefangene aus Fesseln befreien soll.
Quelle/Tradition: Erster Merseburger Zauberspruch, Codex 136
Der zweite Spruch überliefert die Besprechung von Balders verrenktem Fohlenfuß durch Sinthgunt, Sunna, Frija, Volla und Wodan.
Quelle/Tradition: Zweiter Merseburger Zauberspruch, Codex 136
Heidnische und rituelle Gruppen rezitieren die Sprüche heute bei Zeremonien; das Bauprinzip aus Historiola und Formel lebt im volkstümlichen Besprechen weiter.
Quelle/Tradition: Zeitgenössische heidnische Praxis im deutschsprachigen Raum; Volkskunde zum Besprechen
Eine heilende oder befreiende Wirkung der Zauberformeln ist nicht nachgewiesen; Verletzungen gehören in medizinische Behandlung.
Quelle/Tradition: Kein Wirksamkeitsnachweis für Besprechungsformeln
BELEGT = wissenschaftlich oder amtlich nachprüfbar · ÜBERLIEFERT = historisch/traditionell dokumentiert · GELEBTE PRAXIS = verbreitete Anwendung, Erfahrungswerte · NICHT BELEGT = spirituelle Deutung, wissenschaftlich nicht nachgewiesen.
Was sind die Merseburger Zaubersprüche?
Die Merseburger Zaubersprüche sind zwei althochdeutsche Zauberformeln, die im 9. oder 10. Jahrhundert von einem Geistlichen auf ein freies Blatt einer theologischen Sammelhandschrift geschrieben wurden. Das Besondere: Sie sind die einzigen bekannten althochdeutschen Texte, in denen vorchristliche germanische Gottheiten namentlich und unverkennbar in ihrer alten Funktion auftreten — Wodan, Frija, Volla, Sunna, Balder. Alles andere, was wir über germanische Götter wissen, stammt aus lateinischen Fremdberichten wie der Germania des Tacitus oder aus der viel späteren nordischen Überlieferung der Edda. Hier aber spricht die eigene Sprache.
Der erste Spruch ist ein Lösesegen: Er soll Fesseln sprengen und Gefangene befreien. Der zweite ist ein Heilsegen für ein verrenktes Pferdebein — mit der wohl berühmtesten Zauberformel des Mittelalters: ben zi bena, bluot zi bluoda, Bein zu Bein, Blut zu Blut.
Der Fund von 1841: ein Blatt in der Dombibliothek
Entdeckt wurden die Sprüche 1841 vom Historiker Georg Waitz bei der Durchsicht der Handschriften der Domstiftsbibliothek Merseburg — im Codex 136, einer Sammelhandschrift mit liturgischen und theologischen Texten, vermutlich im Kloster Fulda entstanden. Die beiden Sprüche stehen dort auf einem zuvor frei gebliebenen Blatt, nachgetragen von einer Hand des 10. Jahrhunderts.
Waitz meldete den Fund an Jacob Grimm, und der erkannte sofort, was er in Händen hielt. 1842 stellte Grimm die Sprüche in seiner Abhandlung Über zwei entdeckte Gedichte aus der Zeit des deutschen Heidentums der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften vor. Sein Urteil ist oft zitiert worden: Ein Stück, das an Alter und Eigentümlichkeit alles übertreffe, was die deutsche Literatur bis dahin an Vergleichbarem besaß. Die Handschrift liegt bis heute in Merseburg.
Dass ausgerechnet ein Mönch oder Domherr heidnische Zauberformeln in ein kirchliches Buch schrieb, gehört zu den schönsten Ironien der Überlieferung — und ist zugleich der Grund, warum sie überlebt haben. Pergament war kostbar, freie Blätter wurden genutzt. Was der Schreiber dabei dachte, wissen wir nicht.
Der erste Merseburger Zauberspruch: der Lösesegen
Der erste Spruch erzählt von den Idisen — weiblichen Schicksals- oder Schlachtenwesen, die auf dem Kampffeld eingreifen:
Eiris sazun idisi, sazun hera duoder.
suma hapt heptidun, suma heri lezidun,
suma clubodun umbi cuoniouuidi:
insprinc haptbandun, inuar uigandun.
In Übersetzung etwa: „Einst saßen Idisen, saßen hierher und dorthin. Einige hefteten Fesseln, einige hielten das Heer auf, einige klaubten an den Banden: Entspring den Haftbanden, entfahr den Feinden."
Die Szene beschreibt, wie die Idisen Gefangene fesseln, Heere aufhalten — und Fesseln wieder lösen. Der Schlussvers ist die eigentliche Zauberformel: ein Befehl an den Gefangenen (oder die Fessel selbst), sich zu befreien. Gesprochen wurde ein solcher Segen wohl über einem Kriegsgefangenen oder stellvertretend über einem Knoten, der gelöst wurde. Damit gehört der Spruch zur überlieferten Schutz- und Befreiungsmagie — ein Genre, das in vielen Kulturen existiert.
Der zweite Merseburger Zauberspruch: der Heilsegen
Der zweite Spruch ist eine kleine Göttergeschichte mit angehängter Formel:
Phol ende uuodan uuorun zi holza.
du uuart demo balderes uolon sin uuoz birenkit.
thu biguol en sinthgunt, sunna era suister;
thu biguol en friia, uolla era suister;
thu biguol en uuodan, so he uuola conda:
sose benrenki, sose bluotrenki, sose lidirenki:
ben zi bena, bluot zi bluoda,
lid zi geliden, sose gelimida sin.
Übersetzt: „Phol und Wodan ritten ins Holz. Da wurde dem Fohlen Balders der Fuß verrenkt. Da besprach ihn Sinthgunt, Sunnas Schwester; da besprach ihn Frija, Vollas Schwester; da besprach ihn Wodan, wie nur er es konnte: So Knochenrenke, so Blutrenke, so Gliedrenke: Bein zu Bein, Blut zu Blut, Glied zu Glied, als wären sie geleimt."
Ein Pferd verstaucht sich den Fuß, die Götter versuchen nacheinander die Besprechung, und erst Wodan — der Gott der Magie und der Runen — findet die wirksame Formel. Für die Menschen, die diesen Spruch benutzten, war das die Pointe: Wer die Formel spricht, spricht mit Wodans Autorität.
Wie ein Zauberspruch gebaut ist: Historiola und Formel
Beide Sprüche folgen demselben Bauprinzip, das die Forschung Historiola nennt: Zuerst wird eine mythische Begebenheit erzählt („einst geschah es, dass …"), dann folgt die eigentliche Incantatio, die Zauberformel, die das damalige Geschehen auf den aktuellen Fall überträgt. Die Logik dahinter: Was in der Urzeit gelang, gelingt wieder, wenn man es richtig heraufbeschwört. Es ist das Prinzip des wirksamen Präzedenzfalls — Magie als Wiederholung eines gelungenen Anfangs.
Dieses Bauprinzip hat die Jahrhunderte überdauert. Christliche Segenssprüche des Mittelalters ersetzten Wodan durch Christus („Christus und Petrus gingen über Land …"), behielten aber Struktur und Reimformel bei. Im volkstümlichen Besprechen von Warzen, Rotlauf oder Verrenkungen, das mancherorts bis ins 20. Jahrhundert praktiziert wurde, lebt genau diese Form weiter.
Wodan, Frija und die Idisen: die Götterwelt der Sprüche
Die Namen der Sprüche sind ein Stück Religionsgeschichte: Wodan entspricht dem nordischen Odin, dem Gott der Ekstase, Dichtung und Zauberkunst. Frija, Wodans Gattin, entspricht der nordischen Frigg. Volla kennt die Edda als Fulla, Friggs Vertraute — dass sie hier als Frijas Schwester erscheint, zeigt eine eigenständige kontinentale Tradition. Sunna ist die personifizierte Sonne. Über Phol, Sinthgunt und selbst über die genaue Rolle Balders streitet die Forschung seit Grimm — zu diesen Namen gibt es außerhalb des Spruchs schlicht keine althochdeutschen Belege. Die Idisen des ersten Spruchs stehen den nordischen Disen nahe: weiblichen Mächten, die über Schicksal und Schlachtenglück walten.
Parallelen von Indien bis Skandinavien
Die Formel „Bein zu Bein, Blut zu Blut" ist kein deutscher Sonderfall. Die vergleichende Segensforschung hat strukturgleiche Heilsprüche für verrenkte Pferdebeine quer durch Europa dokumentiert — von norwegischen und schottischen Fassungen (dort oft mit Christus statt Wodan) bis hin zu einer verblüffend ähnlichen Besprechungsformel im altindischen Atharvaveda. Ob es sich um ein gemeinsames indogermanisches Erbe oder um Wanderung eines erfolgreichen Musters handelt, ist offen. Sicher ist: Das Bedürfnis, Verletzung mit rhythmischer Sprache zu „fügen", ist uralt und weit verbreitet.
Vom Zauberspruch zum Besprechen: was davon weiterlebt
Heute begegnen dir die Merseburger Zaubersprüche an drei Orten: in der Wissenschaft, wo sie zum Kernbestand jeder althochdeutschen Textsammlung gehören; in der lebendigen Praxis von Heiden, Asatru-Gruppen und ritueller Szene, die die Sprüche bei Zeremonien rezitieren — als Verbindung zu den Vorfahren, nicht als Erste-Hilfe-Ersatz; und im traditionellen Besprechen, dessen Formeln oft noch das alte Bauprinzip tragen. Wichtig ist die Trennung: Der kulturhistorische Wert der Sprüche ist unbestritten. Eine heilende oder befreiende Wirkung ist es nicht — ein verstauchter Fuß gehört heute in ärztliche Behandlung, bei Mensch wie Pferd.
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Vier Fragen, ehrliche Antworten — am Ende siehst du, wie du mit überlieferten Formeln am meisten anfangen kannst.
1. Was fasziniert dich an den Merseburger Zaubersprüchen am meisten?
2. Wie gehst du an Rituale heran?
3. Ein Spruch wie „Bein zu Bein, Blut zu Blut" ist für dich …
4. Was suchst du gerade in deinem Leben?
Vom Lesen ins eigene Ritual
Die Merseburger Zaubersprüche zeigen, wie ernsthaft unsere Vorfahren Worte, Anlass und Form aufeinander abgestimmt haben. Wenn du für ein eigenes Anliegen — Schutz, Abschluss, Neubeginn — eine ebenso durchdachte Form suchst, gestalten wir sie mit dir: Im Persönlichen Magie-Ritual (ab 108 €) entsteht aus deinem Anliegen ein individuelles Ritual mit Anleitung, das du selbst durchführen kannst.
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Stimmen aus der Praxis
„Wir sprechen den zweiten Merseburger Spruch bei unseren Jahreskreisfeiern — nicht, weil wir glauben, damit Knochen zu richten, sondern weil es der älteste Satz ist, den unsere Sprache für das Heilwollen kennt. Das verbindet." — Teilnehmer einer norddeutschen Asatru-Gruppe
„Meine Großmutter hat noch Warzen besprochen, mit einem christlichen Segen, der genauso gebaut war: erst die kleine Geschichte, dann die Formel. Als ich die Merseburger Sprüche zum ersten Mal las, habe ich sie sofort wiedererkannt." — Leserin aus dem Alpenvorland
„Für meine Ritualarbeit sind die Sprüche vor allem ein Maßstab: so knapp, so rhythmisch, so klar. Moderne Formeln dürfen sich daran messen lassen." — Ritualbegleiterin aus Wien
Was wir nicht versprechen
Die Merseburger Zaubersprüche heilen keine Verrenkung, lösen keine Fesseln und ersetzen weder Arzt noch Tierarzt noch Anwalt. Es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis für eine magische Wirkung von Besprechungsformeln — was sich nachweislich zeigt, sind Zuwendung, Ruhe und Erwartung, und die sind wertvoll, aber keine Medizin. Wir versprechen dir auch keine „authentisch germanische" Praxis: Zwischen dem 10. Jahrhundert und heute liegt ein Graben, den keine Rekonstruktion vollständig überbrückt. Was wir dir geben können, ist das Wissen um die Quelle und ein besonnener Umgang damit.
Praktisch: so gehst du damit um
Einordnung der Redaktion — getrennt von den Fakten oben: Wenn dich die Sprüche berühren, nutze sie als das, was sie am besten können: als Anker. Sprich sie laut, im Original — der Stabreim entfaltet sich erst im Mund, nicht im Auge. Viele empfinden das Rezitieren als würdevolle Verbindung zu den Menschen, die tausend Jahre vor uns Schutz und Heilung gesucht haben. Wenn du selbst rituell arbeitest, übernimm eher das Bauprinzip als den Wortlaut: Erzähle in zwei, drei Sätzen eine Begebenheit, in der das gelang, was du dir wünschst — und schließe mit einer eigenen, knappen Formel im Präsens. Und für alles Körperliche gilt ohne Ausnahme: erst die Medizin, dann die Poesie.
Häufige Fragen
Wo werden die Merseburger Zaubersprüche aufbewahrt?
Im Codex 136 der Domstiftsbibliothek Merseburg (Sachsen-Anhalt). Die Handschrift wird dort verwahrt und zu besonderen Anlässen ausgestellt.
Wie alt sind die Merseburger Zaubersprüche?
Niedergeschrieben wurden sie im 9. oder 10. Jahrhundert. Die Sprüche selbst sind mündlich vermutlich deutlich älter — wie viel älter, lässt sich nicht sicher sagen.
Was bedeutet „ben zi bena, bluot zi bluoda"?
„Bein zu Bein, Blut zu Blut" — der Kern der Heilformel des zweiten Spruchs: Verrenktes soll sich wieder fügen, „als wäre es geleimt".
Sind die Merseburger Zaubersprüche heidnisch oder christlich?
Inhaltlich eindeutig vorchristlich: Sie nennen germanische Gottheiten wie Wodan und Frija. Aufgeschrieben wurden sie allerdings in einem kirchlichen Umfeld — von wem und warum, ist ungeklärt.
Kann man die Sprüche heute noch verwenden?
Rezitieren, studieren, als Vorbild für eigene Ritualsprache nehmen: ja. Als Heilmittel: nein — eine medizinische Wirkung ist nicht belegt, gesundheitliche Probleme gehören in ärztliche Hände.
Quellen & Weiterlesen
- Jacob Grimm: Über zwei entdeckte Gedichte aus der Zeit des deutschen Heidentums (Abhandlung, Berlin 1842)
- Domstiftsbibliothek Merseburg: Codex 136 (Überlieferungsträger der Sprüche)
- Althochdeutsche Literatur: Standardeditionen der Merseburger Zaubersprüche (u. a. Braune/Ebbinghaus, Althochdeutsches Lesebuch)
- Vergleichende Segensforschung zum „Zweiten Merseburger Spruch" (Parallelen im Atharvaveda und in europäischen Volkssegen)
Im Magazin weiterlesen: Grimoire: Die berühmtesten Zauberbücher der Geschichte · Magie verstehen: Grundlagen, Praktiken und Ethik · Wicca: Geschichte, Grundlagen & moderne Hexenkunst
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