Johannes Praetorius: Der Mann, der dem Brocken die Hexen gab

Die Hexen auf dem Brocken haben einen Verfasser, einen Druckort und ein Jahr. Über einen Kriegsflüchtling ohne Gehalt, der aus dem Buchmarkt eine Legendenmaschine machte — und über das Kapitel, in dem er seine eigene Sage in Frage stellt.

Getrocknete Beifußzweige mit feinen Samenständen im warmen Kerzenlicht vor dunklem Hintergrund

Dass die Hexen in der Nacht zum 1. Mai auf den Brocken fliegen, lernt man in Deutschland nebenbei — aus dem Faust, aus Bilderbüchern, aus der Tourismuswerbung des Harzes. Dass dieser Ruf einen Verfasser hat, einen Erscheinungsort und ein Erscheinungsjahr, lernt man nirgends. Dies ist das Porträt des Mannes, der 1668 in Leipzig das Buch schrieb, das aus einer von mehreren Sagen die deutsche machte — und der, was fast niemand erwähnt, auf über hundert Seiten die Gegenposition mitliefert.

Schnellantwort

Johannes Praetorius (1630–1680) war ein Leipziger Vielschreiber und Kompilator. Seine Blockes-Berges Verrichtung von 1668 trug zusammen, was damals über den Brocken und den Hexensabbat in der Walpurgisnacht gedruckt vorlag. Erfunden hat er die Sage nicht — der Name Blocksberg ist seit 1485 belegt —, aber sein Buch hat sie festgeschrieben: Danach war der Brocken der Hexenberg und nicht mehr einer von vielen. Goethe verarbeitete ihn im Faust, die Brüder Grimm nannten seine Arbeiten ihre wichtigste geschriebene Quelle. Das Buch selbst referiert ausführlich das Argument, dass der Hexenflug nie körperlich stattgefunden hat.

Einordnung
Belegt

Praetorius wurde 1630 als Hans Schultze in Zethlingen geboren und starb 1680 in Leipzig an der Pest

Belegt

Die Blockes-Berges Verrichtung erschien 1668 in Leipzig und Frankfurt am Main

Belegt

Die zehn Paragraphen des Blocksberg-Kapitels buchstabieren BROCKSBERG

Belegt

Das zweite Kapitel des zweiten Teils argumentiert beide Seiten des Hexenflugs

Belegt

Praetorius zitiert Carpzovs Practica nova und die Urteile des Leipziger Schoeppenstuhls

Belegt

Die Brueder Grimm nannten seine Arbeiten ihre bedeutendsten geschriebenen Quellen

Belegt

Goethe verarbeitete seinen Stoff in der Walpurgisnacht-Szene des Faust

Belegt

Der Name Blokkesberghe ist seit 1485 belegt, lange vor seinem Buch

Überliefert

Der Brocken als jaehrlicher Sammelplatz der Hexen aus ganz Deutschland

Überliefert

Flugsalben erzeugten das Erlebnis einer Reise, waehrend der Koerper still lag

Gelebte Praxis

Beifuss raeuchern, um sich einem alten Stoff zu naehern

Nicht belegt

Dass Praetorius selbst an den leiblichen Hexenflug glaubte

Nicht belegt

Dass er je einen Hexenprozess miterlebt hat

BELEGT = wissenschaftlich oder amtlich nachprüfbar · ÜBERLIEFERT = historisch/traditionell dokumentiert · GELEBTE PRAXIS = verbreitete Anwendung, Erfahrungswerte · NICHT BELEGT = spirituelle Deutung, wissenschaftlich nicht nachgewiesen.

Kurz gesagt

Johannes Praetorius (1630–1680), geboren als Hans Schultze in Zethlingen in der Altmark, war ein Leipziger Vielschreiber und Kompilator. Seine Blockes-Berges Verrichtung von 1668 trug zusammen, was damals über den Brocken und den Hexensabbat in der Walpurgisnacht gedruckt vorlag. Erfunden hat er die Sage nicht — der Name Blocksberg ist seit 1485 belegt —, aber sein Buch hat sie festgeschrieben: Danach war der Brocken der Hexenberg und nicht mehr einer von vielen. Goethe verarbeitete ihn im Faust, die Brüder Grimm nannten seine Arbeiten ihre mit Abstand wichtigste geschriebene Quelle. Das Buch selbst ist seltsamer als sein Ruf: Es ist eine Sammlung, und es referiert ausführlich das Argument, dass der Hexenflug überhaupt nie körperlich stattgefunden hat.

Ein Kriegskind, das aus dem Lesen einen Beruf machte

Geboren wurde er am 22. Oktober 1630 in Zethlingen in der Altmark als Sohn eines Gastwirts, und er hieß Hans Schultze. Praetorius ist die latinisierte Form, die er sich selbst gab, wie es die halbe gebildete Generation tat. Zur Unterscheidung von den vielen anderen Praetorii nannte er sich nach seinem Geburtsort Praetorius Zetlingensis.

Der Dreißigjährige Krieg erreichte ihn mit fünf. 1636 floh die Familie vor schwedischen Verbänden, das väterliche Gehöft brannte nieder. Ab 1640 ging er in Salzwedel zur Schule, 1650 an das lutherische Gymnasium in Halle, und im Herbst 1652 folgte er seinem Rektor nach Leipzig an die Artistenfakultät. 1654 wurde er Baccalaureus, im Januar 1655 Magister. Seine Disputationen handelten von der Wintersonnenwende und von der Frage, wo die Störche überwintern — er vertrat, von einem Ausdruck des Aristoteles ausgehend, sie lägen in Sümpfen und Klüften.

Was er nie bekam, war eine Stelle. Er wohnte spätestens ab 1658 bis zu seinem Tod im Kollegium Paulinum der Universität, trug ab 1659 den Titel Poeta Laureatus Caesareus und hielt zwischen 1658 und 1661 Vorlesungen über Chiromantie — ein Universitätsamt hatte er offenbar nicht. In den 1660er Jahren lebte er von dem, was er schrieb. Er heiratete im Juni 1659 und bekam zwei Töchter. Am 25. Oktober 1680, drei Tage nach seinem fünfzigsten Geburtstag, starb er an der Pest, die damals in Leipzig wütete.

Das ist die ganze Statur: ein Kriegsflüchtling mit exzellenter Ausbildung, ohne Gehalt, mit dem Buchgewerbe vor der Tür. Leipzig war Messestadt. Er schrieb für sie — über Kometen, Türkenprophezeiungen, Handlesekunst, Kindbettbräuche, Wunderzeichen und Berggeister. Dem Elbschwanenorden gehörte er unter dem Namen Prophulidor an.

Was das Buch von 1668 tatsächlich ist

Die Titelseite ist der erste Text, den man lesen sollte, denn sie ist eine Anzeige. Angekündigt wird ein ausführlicher geographischer Bericht von den hohen trefflich alt- und berühmten Blockes-Berge: ingleichen von der Hexenfahrt und Zauber-Sabbathe, so auff solchen Berge die Unholden aus gantz Teutschland jährlich den 1. Maij in Sanct-Walpurgis-Nachte anstellen sollen. Aus vielen Autoribus abgefasset und mit schönen Raritäten angeschmücket sampt zugehörigen Figuren. Gedruckt bei Johann Scheiben in Leipzig, zu haben bei Friedrich Arnst in Frankfurt am Main.

Zwei Formulierungen darin leisten die Verkaufsarbeit. Aus vielen Autoribus abgefasset verspricht dem Leser, in gelehrtes Wissen eingeweiht zu werden, ohne die gelehrten Bücher lesen zu müssen. Sampt zugehörigen Figuren verspricht Bilder — und das Titelkupfer mit den auf Böcken und Gabeln anfliegenden Hexen wurde zu einer der meistreproduzierten Sabbatdarstellungen überhaupt.

Der Aufbau ist gut zu kennen, bevor man ein Digitalisat öffnet und sich verläuft. Es gibt keine Einleitung und keinen Schluss; der Text hört einfach auf. Er beginnt nicht mit einer These, sondern mit einem Reisebericht: Am 5. Juli 1653 bricht eine Gesellschaft von Ballenstedt auf, besichtigt die Ruine Reinstein und die Baumannshöhle. Erst danach beschreibt ein erster Teil den Berg, und ein zweiter, weit längerer behandelt in sieben Kapiteln das Hexenwesen — streng scholastisch abgefragt: an welchen Orten, ob leiblich, wohin, womit, warum, auf welche Weise, wann.

Und im Kapitel über den Berg zeigt Praetorius, was für ein Autor er ist. Er kündigt zehn Paragraphen an: Benennung, Rechtschreibung, Ort, Conterfait, Kräuter und Bäume, Silber und Bergwerk, Bäche, eigene Tiere, Regendeutung, Gasterei der Hexen. Man nehme die Anfangsbuchstaben: B-R-O-C-K-S-B-E-R-G. Die Kapitelgliederung buchstabiert den Namen des Berges. Das ist keine Wissenschaft. Das ist ein Mann, der Spaß hat — und es ist die Gebrauchsanweisung für die übrigen 570 Seiten.

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Das Kapitel, das fragt, ob überhaupt geflogen wird

Hier steht der Teil, den fast niemand mitzitiert. Das zweite Kapitel des zweiten Teils trägt als Überschrift eine Frage: ob die Hexen in der That und Warheit leiblicher weise, oder nur in Gedancken, ihrer Phantasey und Einbildung nach zu ihren Versammlungen kommen. Und dann argumentiert Praetorius auf Dutzenden Seiten beide Seiten.

Für die skeptische Seite referiert er, auf Latein und noch einmal auf Deutsch, das berühmteste Experiment der frühneuzeitlichen Literatur: Giambattista della Portas Bericht im zweiten Buch der Magia naturalis. Eine alte Frau reibt sich vor Zeugen mit einer Salbe ein, fällt ohne Empfindung zusammen, liegt etwa drei Stunden und erzählt beim Aufwachen von weiten Reisen. Praetorius lässt den Schluss auf Deutsch stehen: Das seien „nur Teuflische Träume, und starke Einbildungen der verderbeten Phantasey". Eine zweite Anekdote von einem Präsidenten im Dauphiné lässt er folgen — eine Frau, die sich ans Feuer gelegt hatte und nur im Sinn verreiste.

Für die Gegenseite zitiert er die Schrift: Christus, vom Teufel leibhaftig auf die Zinne des Tempels und auf den hohen Berg geführt. Ein Traum, argumentiert er, könne keine Versuchung Gottes sein, also müsse es körperlich geschehen sein. Und dann, mit der Redlichkeit eines Mannes, der nicht aufhören kann zu sammeln, notiert er sofort den Einwand: Viele Gelehrte läsen die Stelle als Gesicht und Einbildung statt als Leib — er nennt Bucer und Calvin dafür.

Zählt man die Autoritäten, wird das Bild schärfer. Jean Bodin, der die Verbrennung forderte, wird über achtzigmal genannt. Johann Weyer, der die Beschuldigten für getäuscht und krank hielt, kommt in seinen verschiedenen Schreibweisen rund dreißigmal vor. Beide stehen im Buch. Keiner gewinnt es.

Leipzig, Carpzov und das Schweigen, das keines ist

An diesem Punkt lohnt der Blick auf die Stadt. Praetorius schrieb in Leipzig, und Leipzig war nicht irgendwo: Der Schöppenstuhl der Stadt begutachtete Strafsachen für weite Teile Mitteldeutschlands, und Benedict Carpzov, der einflussreichste sächsische Kriminaljurist seiner Zeit, hatte dort gewirkt und war 1666 gestorben — zwei Jahre vor dem Erscheinen des Buches.

In der Literatur liest man gelegentlich, in der Blockes-Berges Verrichtung fehle jeder Hinweis auf die zeitgenössische Hexengerichtsbarkeit. Am Originaltext hält das nicht stand. Praetorius zitiert Carpzovs Practica nova rerum criminalium mehrfach mit Teil- und Quaestio-Nummer, er verweist ausdrücklich auf die „Urtheile der Herrn Scabinen oder deß Schöppenstuhls zu Leipzig, so von Benedict Carpzovio zusammen getragen" — und er stellt Justus Oldekops Traktat contra Carpzovium daneben, also die zeitgenössische Gegenschrift.

Das ist ein Unterschied, auf den es ankommt. Er kennt die Gerichtspraxis und benutzt sie als Material. Aber er fordert nirgends Verfolgung, verurteilt nirgends theologisch, spricht nicht von Sünde, Ketzerei oder Abfall — und er nimmt seine Anekdoten unterschiedslos von Katholiken, Lutheranern, Reformierten und heidnischen Autoren, von Befürwortern wie Gegnern der Prozesse.

Unsere Lesart, ausdrücklich als Einschätzung und nicht als Befund: Der Widerspruch löst sich auf, sobald man aufhört, das Buch für eine Argumentation zu halten. Eine Kompilation hat die Aufgabe, alles zu enthalten. Praetorius wurde nach Bogen bezahlt, nicht nach Ergebnis, und eine offene Frage verkauft sich besser als eine geschlossene. Er ist im Wortsinn der Erste, der bemerkte, dass sich aus dem Hexenwesen hervorragende Schauerliteratur machen lässt — deshalb war sein Buch für die Dämonologen wertlos und für die Dichter Gold.

Wie aus einem Sammler die Quelle wurde

Zu Lebzeiten war er berühmt, kurz danach vergessen; die meisten Titel wurden nach den 1720er Jahren nicht mehr aufgelegt. Wiederentdeckt hat ihn die Romantik. Achim von Arnim, Clemens Brentano und Johann Gustav Büsching gingen auf ihn zurück, gerade weil er aufgeschrieben hatte, was Gebildete sonst wegwarfen.

Die Brüder Grimm waren deutlich. In der Vorrede zu den Deutschen Sagen heißt es, unter den geschriebenen Quellen seien ihnen die Arbeiten des Johannes Praetorius weit die bedeutendsten gewesen; besonders schätzten sie seine Sagen aus den Landschaften an Elbe und Saale, aus dem Magdeburgischen und aus der Altmark — seiner eigenen Heimat. Goethe nahm den Brockenstoff in die Walpurgisnacht-Szene des Faust auf, erschienen 1808. Grimmelshausen hatte schon im selben Jahrhundert Motive von ihm im Simplicissimus verwendet.

Im deutschsprachigen Raum wirkt allerdings ein anderes Buch von ihm bis heute stärker nach: seine Kompilation von rund 250 Sagen über den schlesischen Berggeist Rübezahl, erschienen ab 1662. Wer Rübezahl kennt, kennt Praetorius, ohne es zu wissen.

Das ist der Mechanismus, auf den dieses Magazin immer wieder stößt. Ein Ort mit echter Naturdramatik bekommt seine angeblich uralte Bedeutung von einem neuzeitlichen Autor mit einer Druckerpresse, und zwei Generationen später machen kanonische Dichter die Erfindung unumkehrbar. Bei den Externsteinen war es Wilhelm Teudt 1929, beim Brocken war es Praetorius 1668. Der Besenstiel in jedem Kinderbuch geht auf einen Mann in Leipzig zurück, der seine Miete verdienen musste.

Was belegt ist und was nicht

Aussage Beleg Status
Lebensdaten 1630–1680, Geburtsname Hans Schultze Biographische Nachschlagewerke, Tod an der Pest in Leipzig Belegt
Titel, Drucker und Aufbau von 1668 Das digitalisierte Original selbst Belegt
Das Akrostichon BROCKSBERG in der Kapitelgliederung Erster Teil, zweites Kapitel, im Original nachgezählt Belegt
Er zitiert Carpzov und den Leipziger Schöppenstuhl Mehrfach im zweiten Teil, mit Quaestio-Angaben Belegt
Grimms und Goethe stützten sich auf ihn Grimm-Vorrede; Faust-Forschung Belegt
Der Brocken als jährlicher Sammelplatz der Hexen Seit dem späten Mittelalter überliefert, nicht überprüfbar Überliefert
Dass Praetorius selbst an den leiblichen Hexenflug glaubte Von Nachschlagewerken behauptet, vom eigenen Text unterlaufen Nicht belegt
Dass er je einen Hexenprozess miterlebt hat In Werk und Forschungsliteratur nicht erwähnt Nicht belegt

Tempel-Tipp

Lies ihn im Original statt im Zitat. Die Ausgabe von 1668 liegt vollständig digitalisiert und durchsuchbar im Deutschen Textarchiv, kostenlos. Eine Stunde mit der echten Seite lehrt, was keine Zusammenfassung leistet. Such im Volltext nach einem einzigen Wort — Salbe, Bock, Einbildung — und sieh zu, wie das Argument unter dir die Seite wechselt.

Eine Quelle des 17. Jahrhunderts lesen, ohne ihr aufzusitzen

1. Trenne den Autor vom Material. Praetorius hat echten alten Volksglauben gesammelt und ihn in seine eigene Schaustellerei gekleidet. Der Glaube kann älter sein als das Buch, auch wenn das Buch der einzige Ort ist, an dem er überlebt hat.

2. Frag, wer bezahlt hat. Er war freier Autor in einer Messestadt, ohne Gehalt. Reißerische Titel, lateinische Brocken im deutschen Text, Zahlenspiele, versprochene Kupferstiche — das sind Verkaufsentscheidungen, und sie prägen, was überhaupt aufgeschrieben wurde.

3. Prüf Behauptungen über den Text am Text. Dass angeblich jeder Hinweis auf die Gerichtspraxis fehle, steht in der Literatur und stimmt nicht. Digitalisate machen so etwas heute in zehn Minuten überprüfbar.

4. Verwechsle Quelle nicht mit Beweis. Dass Praetorius etwas berichtet, heißt: Es wurde 1668 erzählt. Es heißt nicht, dass es geschah, und es sagt wenig darüber, wie alt das Erzählen ist.

Was wir nicht versprechen

Wir behaupten nicht, dass der Brocken messbare Energie hat, dass die Walpurgisnacht eine eigene Wirkkraft besitzt oder dass irgendeines der Kräuter aus den alten Flugsalben-Rezepten auf die Haut gehört. Mehrere davon — Bilsenkraut, Tollkirsche, Stechapfel — sind ernsthaft giftig, und die historischen Salben gehören genauso in eine Geschichte der Vergiftung wie in eine Geschichte der Magie. Räucherwerk ist Duft und ein Anlass, still zu sitzen; es ist keine Behandlung und wirkt gegen keine Erkrankung. Und die Hexenprozesse im Hintergrund dieses Buches waren keine Folklore: Sie kosteten Menschen das Leben, überwiegend Frauen, auf Geständnisse hin, die unter der Folter entstanden.

Häufige Fragen zu Johannes Praetorius

Wer war Johannes Praetorius?

Ein deutscher Schriftsteller, Polyhistor und Kompilator, geboren 1630 als Hans Schultze in Zethlingen in der Altmark, gestorben 1680 in Leipzig an der Pest. Er veröffentlichte über fünfzig Bücher der Kuriositätenliteratur; am bekanntesten sind seine Sammlung von rund 250 Rübezahl-Sagen und sein Blocksberg-Buch von 1668.

Hat Praetorius die Brocken-Sage erfunden?

Nein. Die Form „Blokkesberghe" steht schon 1485 in einem Lübecker Gebetbuch, und ein Hexenprozess-Protokoll von 1540 nennt den Berg zusammen mit der Walpurgisnacht. Sein Buch von 1668 machte den Brocken zum Sammelplatz der Hexen aus ganz Deutschland statt zu einem von mehreren regionalen Blocksbergen.

Hat Goethe dieses Buch wirklich für den Faust benutzt?

Ja. Goethe verarbeitete Erzählungen von Praetorius in der Walpurgisnacht-Szene des Faust, erschienen 1808. Die Brüder Grimm nannten seine Arbeiten in der Vorrede zu den Deutschen Sagen ihre mit Abstand bedeutendsten geschriebenen Quellen.

Glaubte Praetorius selbst an den Hexenflug?

Die Nachschlagewerke sagen, er habe das Hexenwesen für real gehalten. Sein eigenes Kapitel über die Reisefahrt referiert jedoch ausführlich die Gegenposition, einschließlich della Portas Salbenexperiment und dessen Deutung als Rauschtraum. Eine Verfolgung fordert er nirgends. Ehrlich beantwortet: Aus diesem Text lässt sich seine Position nicht festlegen.

Kann ich die Blockes-Berges Verrichtung heute lesen?

Ja, kostenlos. Die Erstausgabe von 1668 ist im Deutschen Textarchiv vollständig digitalisiert und im Volltext durchsuchbar; ein Faksimile-Nachdruck mit einer Einführung von Hans Henning erschien 1968. Die Sprache ist frühneuhochdeutsch und der Satz Fraktur, die Transkription aber gut lesbar.

Wenn dich diese Art zu lesen interessiert: Wir haben dieselbe Frage an den Berg selbst gestellt in Der Brocken: Wie Deutschlands Hexenberg zu seinem Ruf kam, und die Parallele liegt bei den Mysterien von Stonehenge und in unserer Übersicht der Kraftorte in Deutschland. Wie die Walpurgisnacht als Fest funktioniert, steht im Beltane-Ritual. Passendes Räucherwerk findest du in der Kollektion Räuchermischungen.

Quellen & Weiterlesen

  • Johannes Praetorius, Blockes-Berges Verrichtung, Leipzig (Johann Scheibe) und Frankfurt am Main (Friedrich Arnst) 1668 — vollständig digitalisiert mit durchsuchbarer Transkription im Deutschen Textarchiv. Als historisches Dokument benutzt und direkt gelesen für Titelblatt, Kapitelgliederung, das BROCKSBERG-Akrostichon, das Kapitel über die Reisefahrt und die Carpzov-Zitate.
  • Stefan Jordan, „Praetorius, Johannes", in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 20, Berlin 2001, S. 667–668 — Leben, Werk, geistige Position.
  • Ines Köhler-Zülch, „Praetorius, Johannes", in: Enzyklopädie des Märchens, Bd. 10 (2002), Sp. 1230–1239 — Methode, Pseudonyme, Lesepublikum.
  • Helmut Waibler, „Johannes Prätorius (1630–1680). Ein Barockautor und seine Werke", in: Archiv für Geschichte des Buchwesens, Bd. 20 (1979), S. 953–1151 — die bibliographische Grundlage.
  • Sebastian Dregger, „Zwischen manischem Hexenglauben und Überwindung des frühneuzeitlichen Hexenwahns", aventinus nova Nr. 10 (2008) — Aufbau und Widersprüche des Buches. Die dort vertretene Angabe, jeder Hinweis auf die zeitgenössische Hexengerichtsbarkeit fehle, haben wir am Originaltext geprüft und konnten sie nicht bestätigen.
  • Rita Voltmer, „Prätorius, Johannes (1630–80)", in: Richard M. Golden (Hg.), Encyclopedia of Witchcraft. The Western Tradition, Bd. 3, Santa Barbara 2006, S. 929–930.
  • Gerhild Scholz Williams, Ways of Knowing in Early Modern Germany. Johannes Praetorius as a Witness to his Time, Ashgate 2006 — die englischsprachige Standarduntersuchung zu acht seiner Werke.
  • Jacob und Wilhelm Grimm, Vorrede zu den Deutschen Sagen (1816) — zur Einschätzung des Praetorius als Quelle.

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