Nahtoderfahrung: Was das Gehirn tut, wenn das Herz stillsteht — die Studie, die beide Lager zitieren
Auf einer Intensivstation in Michigan wird das Beatmungsgerät eines Patienten abgestellt, dessen Gehirn nach einem Herzstillstand keine Aussicht auf Erholung mehr hat. Die Elektroden auf seiner Kopfhaut laufen weiter. Was sie in den folgenden Minuten aufzeichnen, ist seit 2023 in einer Fachzeitschrift nachzulesen — und es ist der Grund, warum sich zwei Lager, die sich seit Jahrzehnten über die Nahtoderfahrung streiten, auf dieselbe Kurve berufen.
Auf einer Intensivstation in Michigan wird das Beatmungsgerät eines Patienten abgestellt, dessen Gehirn nach einem Herzstillstand keine Aussicht auf Erholung mehr hat. Die Elektroden auf seiner Kopfhaut laufen weiter. Was sie in den folgenden Minuten aufzeichnen, ist seit 2023 in einer Fachzeitschrift nachzulesen — und es ist der Grund, warum sich zwei Lager, die sich seit Jahrzehnten über die Nahtoderfahrung streiten, auf dieselbe Kurve berufen.
Inhalt
Die Nahtoderfahrung ist in drei prospektiven Studien an Überlebenden eines Herzstillstands gezählt worden: 18 Prozent mit Erinnerung und 12 Prozent mit Kernerfahrung bei van Lommel (Lancet 2001, 344 Patienten), 9 Prozent bei AWARE (2014, 2.060 Herzstillstände) und 6 von 28 Befragten bei AWARE-II (Resuscitation 2023, 567 Herzstillstände). AWARE-II maß während der Herzdruckmassage bis zu 35–60 Minuten lang EEG-Muster, die mit Bewusstsein einhergehen; Aufzeichnungen an vier Sterbenden in Michigan (PNAS 2023) zeigten bei zwei von ihnen einen steilen Anstieg der Gamma-Aktivität. In keiner Studie hat ein Überlebender ein verdecktes Prüfbild benannt. Ob die Erfahrung vom sterbenden Gehirn erzeugt wird oder ob Bewusstsein den Tod überdauert, ist mit diesen Daten nicht zu entscheiden — die Kurven stammen von Menschen ohne Bericht, die Berichte von Menschen ohne Kurve.
In prospektiven Studien berichten je nach Definition 9 bis 21 Prozent der Überlebenden eines Herzstillstands eine Nahtoderfahrung oder erinnerte Todeserfahrung (van Lommel 2001: 62 von 344; AWARE 2014: 9 %; AWARE-II 2023: 6 von 28).
Quelle/Tradition: van Lommel u. a., Lancet 358 (2001); Parnia u. a., Resuscitation 85 (2014); Parnia u. a., Resuscitation 191 (2023)
Die Häufigkeit der Nahtoderfahrung hing in der niederländischen Kohorte nicht von der Dauer des Herzstillstands, der Dauer der Bewusstlosigkeit, Medikamenten oder Todesangst ab.
Quelle/Tradition: van Lommel u. a., Lancet 358 (2001), Abstract
Während der Herzdruckmassage wurden in AWARE-II bei einem Teil der Patienten bis zu 35–60 Minuten nach Beginn der Wiederbelebung EEG-Muster (Delta, Theta, Alpha) gemessen, die mit Bewusstsein einhergehen — bei einer mittleren Hirnsauerstoffsättigung von 43 Prozent.
Quelle/Tradition: Parnia u. a., Resuscitation 191 (2023) 109903, Abstract
Das sterbende Gehirn kann eine Welle synchroner Gamma-Aktivität erzeugen: bei Ratten in den ersten 30 Sekunden nach Herzstillstand, beim Menschen in Einzelfällen (ein 87-Jähriger 2022; zwei von vier Patienten in Michigan 2023, Anstieg 2- bis 391-fach).
Quelle/Tradition: Borjigin u. a., PNAS 110 (2013); Vicente u. a., Front. Aging Neurosci. 14 (2022); Xu u. a., PNAS 120 (2023)
In keiner der beiden AWARE-Studien hat ein Überlebender ein verdecktes Bild benannt; 78 Prozent der Herzstillstände in AWARE fanden in Räumen ohne Regalbrett statt.
Quelle/Tradition: Parnia u. a., Resuscitation 85 (2014); Parnia u. a., Resuscitation 191 (2023)
Ein 57-jähriger Patient beschrieb in AWARE Ereignisse seiner Wiederbelebung (automatische Defibrillator-Ansage, Mann mit blauer Haube), die die Krankenakte bestätigte; die Forscher datierten die Wahrnehmung auf bis zu drei Minuten nach dem Stillstand.
Quelle/Tradition: Dokumentierter Einzelfall: Parnia u. a., Resuscitation 85 (2014), Tabelle 2; Universität Southampton, Mitteilung 07.10.2014 — kein Beweis für Wahrnehmung ohne Hirnfunktion
Tunnel, Licht, Begegnung mit Verstorbenen und Lebensrückblick sind Motive, die lange vor jeder Studie überliefert wurden (Er-Mythos in Platons Politeia, Tibetisches Totenbuch, mittelalterliche Jenseitsvisionen).
Quelle/Tradition: Kulturgeschichtliche Überlieferung; als Motivgeschichte, nicht als Beleg
Die Nahtoderfahrung ist ein bloßes Produkt des sterbenden Gehirns (die Gamma-Welle erzeugt sie).
Quelle/Tradition: Deutung; Xu u. a. (2023) schreiben selbst, der Anstieg könne epiphenomenal or pathological sein, da kein Patient überlebte
Das Bewusstsein überdauert den Tod des Gehirns (nichtlokales Bewusstsein).
Quelle/Tradition: Deutung van Lommels (Essentia Foundation 2021); keine der Studien war so angelegt, dass sie das zeigen könnte
BELEGT = wissenschaftlich oder amtlich nachprüfbar · ÜBERLIEFERT = historisch/traditionell dokumentiert · GELEBTE PRAXIS = verbreitete Anwendung, Erfahrungswerte · NICHT BELEGT = spirituelle Deutung, wissenschaftlich nicht nachgewiesen.
Ann Arbor: das letzte EEG
Die Neurointensivstation der Universität Michigan zeichnet seit 2014 bei Patienten im Koma das Elektroenzephalogramm fortlaufend auf. Das ist Routine, keine Studie: Man will Krampfanfälle erkennen, die von außen nicht sichtbar sind. Für vier dieser Patienten wurde die Aufzeichnung zu etwas anderem. Sie starben, während die Elektroden noch klebten — drei nach einem Herzstillstand mit schwerem Sauerstoffmangel im Gehirn, einer nach einer ausgedehnten Hirnblutung. Alle vier lagen im tiefen Koma, ohne jede Reaktion. Bei allen vier hatten die Angehörigen entschieden, die lebenserhaltenden Maßnahmen zu beenden.
Bei einem der Patienten wurde das Beatmungsgerät abgestellt und 273 Sekunden später der äußere Herzschrittmacher. Das Team um die Neurologin Jimo Borjigin, das die Kurven später auswertete, hat den Sterbevorgang in Abschnitte zerlegt, an denen sich ablesen lässt, wann das Herz seinen Rhythmus verlor und wann das Gehirn verstummte. Dazwischen liegt das, worum es hier geht: Bei zwei der vier Patienten stieg im Moment des Sauerstoffmangels die Aktivität im sogenannten Gamma-Band steil an — jener schnellen Hirnwellen über 25 Hertz, die man bei wachen Menschen mit Aufmerksamkeit, Erinnern und bewusster Wahrnehmung in Verbindung bringt. In einzelnen Regionen lag der Anstieg gegenüber dem Ausgangswert zwischen dem Zwei- und dem 391-Fachen. Und er war nicht zufällig über den Kopf verteilt: Er konzentrierte sich hinten, an der Nahtstelle von Schläfen-, Scheitel- und Hinterhauptlappen, in einer Zone, die die Bewusstseinsforschung seit einigen Jahren als „heiße Zone" bezeichnet, weil dort bei Gesunden die Aktivität am engsten mit erlebten Inhalten zusammenhängt — im Wachen wie im Traum.
Die Autoren schrieben das 2023 in den Proceedings of the National Academy of Sciences auf. Und sie schrieben noch etwas dazu, das in den Schlagzeilen nicht vorkam: Keiner der vier Patienten hat überlebt. Niemand konnte sagen, ob er in diesen Minuten etwas erlebt hat. Deshalb, so die Autoren wörtlich, bleibe es möglich, dass dieser Anstieg nur eine Begleiterscheinung oder etwas Krankhaftes sei.
Das ist der Satz, an dem dieser Text hängt. Denn genau dieselbe Kurve wird seit 2023 von zwei Seiten zitiert. Die einen sagen: Seht ihr, das sterbende Gehirn feuert ein letztes Mal, daher kommen Licht, Tunnel und Lebensrückblick. Die anderen sagen: Seht ihr, das Gehirn ist im Sterben zu geordneter Aktivität fähig — was, wenn es dabei etwas empfängt, statt es zu erzeugen? Beide haben die Kurve gelesen. Keiner von beiden kann sie für sich beanspruchen. Um zu verstehen, warum, muss man vierzig Jahre zurück.
Was „Herzstillstand" für das Gehirn bedeutet
Der Herzstillstand ist der einzige Zustand, in dem sich die Nahtoderfahrung sauber untersuchen lässt. Bei einem Autounfall, einer Geburt mit hohem Blutverlust oder einem Beinahe-Ertrinken weiß niemand genau, wie schlecht das Gehirn versorgt war. Beim Herzstillstand weiß man es: Die Durchblutung des Gehirns bricht sofort zusammen. Der niederländische Kardiologe Pim van Lommel, auf den wir gleich zurückkommen, fasst die älteren Messungen so zusammen: Bei Herzstillständen, die während Operationen oder beim Testen eines implantierten Defibrillators aufgezeichnet wurden, wurde das EEG im Mittel nach etwa fünfzehn Sekunden flach — und blieb es, auch unter Herzdruckmassage, bis der Rhythmus durch einen Stromstoß zurückkam. Die Wiederbelebung von außen hält das Gewebe eine Weile am Leben, aber sie stellt keine messbare Hirnfunktion her. So stand es jahrzehntelang in den Lehrbüchern.
Das ist der Boden, auf dem der ganze Streit steht. Wenn das Gehirn nach fünfzehn Sekunden schweigt, dann darf in den Minuten danach nichts erlebt und nichts erinnert werden. Und trotzdem berichten Menschen, die aus genau diesem Zustand zurückgeholt wurden, seit Jahrzehnten von etwas, das sie erlebt haben wollen.
Der Intensivmediziner Sam Parnia, dessen Studien den Kern dieses Textes bilden, hat eine zweite Verschiebung durchgesetzt, die man kennen muss: Der Tod ist kein Moment, sondern ein Vorgang. In einer 2022 in den Annals of the New York Academy of Sciences veröffentlichten Konsenserklärung, die er mit einer Gruppe von Forschern aus Neurologie, Notfallmedizin und Psychologie verfasste, heißt es, die wissenschaftliche Erforschung des Sterbens sei überhaupt erst möglich geworden, weil man erkannt habe, dass Hirnzellen widerstandsfähiger gegen Sauerstoffmangel sind als angenommen: Sie werden über Stunden bis Tage nach dem Herzstillstand unwiederbringlich geschädigt, nicht in Sekunden. Wenn ein Wiederbelebungsversuch gelingt, nennt man den Zustand Herzstillstand. Wenn er scheitert, nennt man denselben Zustand Tod. Der Unterschied liegt nicht im Körper, sondern im Ausgang.
1988 bis 2001: Die niederländische Zählung
Bis Ende der 1980er Jahre bestand die Nahtodforschung aus gesammelten Erzählungen. Menschen meldeten sich bei Forschern, Jahre nach dem Ereignis, weil sie etwas erlebt hatten. Wer sich nicht meldete, kam in keiner Statistik vor. Die einzige Möglichkeit, aus dieser Falle herauszukommen, war umgekehrt zu zählen: nicht die Erlebnisse sammeln, sondern die Herzstillstände — und dann jeden Überlebenden fragen, ob er sich an etwas erinnert.
Genau das begann 1988 in zehn niederländischen Krankenhäusern. Der Kardiologe Pim van Lommel und seine Mitarbeiter nahmen alle aufeinanderfolgenden Patienten auf, die einen Herzstillstand überlebt hatten, 344 Menschen, und befragten sie innerhalb weniger Tage. Das Ergebnis erschien im Dezember 2001 im Lancet: 282 Patienten, 82 Prozent, erinnerten sich an nichts. 62 Patienten, 18 Prozent, berichteten eine Erinnerung an die Zeit des Stillstands. 41 davon, 12 Prozent, beschrieben das, was die Forscher eine Kernerfahrung nannten: das Wissen, tot zu sein, ein Gefühl von Frieden, das Verlassen des Körpers, der Tunnel, das Licht, Verstorbene, ein Lebensrückblick, eine Grenze.
Der eigentliche Befund lag aber in dem, was nicht zusammenhing. Die Forscher hatten erwartet, dass die Erfahrung häufiger wird, je länger das Gehirn ohne Sauerstoff war. Das war nicht der Fall. Weder die Dauer des Herzstillstands noch die Dauer der Bewusstlosigkeit, weder die Medikamente noch die Angst vor dem Tod vor dem Ereignis hatten einen Einfluss darauf, ob jemand eine Nahtoderfahrung berichtete. Der letzte Satz der Zusammenfassung ist deshalb eine offene Herausforderung: Wenn eine rein physiologische Erklärung wie der Sauerstoffmangel richtig wäre, müssten die meisten Patienten, die klinisch tot waren, eine solche Erfahrung berichten. Es taten aber nur wenige.
Im selben Heft des Lancet stand die Antwort. Der britische Psychologe Christopher French veröffentlichte einen Kommentar mit dem Titel „Dying to know the truth: visions of a dying brain, or false memories?" — Sterben, um die Wahrheit zu erfahren: Visionen eines sterbenden Gehirns oder falsche Erinnerungen? Sein Einwand ist bis heute der stärkste, den die Gegenseite hat: Niemand weiß, wann eine Erinnerung entstanden ist. Sie könnte aus den Sekunden vor dem Stillstand stammen, aus den Minuten nach der Rückkehr des Herzschlags, oder aus den Tagen danach, in denen das Gehirn Bruchstücke zu einer Geschichte zusammensetzt. Eine Erinnerung an die Zeit des Stillstands ist kein Beweis dafür, dass sie in dieser Zeit entstanden ist.
Beide, van Lommel und French, arbeiteten mit demselben Werkzeug: einer Skala, die der Psychiater Bruce Greyson 1983 an der Universität Virginia entwickelt hatte. Aus 80 Merkmalen, die in Berichten immer wieder auftauchten, hatte Greyson 16 herausgefiltert, die sich zuverlässig abfragen lassen — von „Schien die Zeit schneller oder langsamer zu vergehen?" bis „Sind Sie an eine Grenze gekommen, die Sie nicht überschreiten durften?" Jede Antwort bringt null, einen oder zwei Punkte, 32 sind das Maximum, ab einem Schwellenwert gilt ein Bericht als Nahtoderfahrung. Die Skala ist seit vierzig Jahren das Maß, mit dem in diesem Feld gemessen wird. Sie sagt nicht, was die Erfahrung ist. Sie sagt nur, ob zwei Forscher vom selben Ding reden.
2008 bis 2014: Tausend Regalbretter
Van Lommels Studie hatte gezählt. Die nächste wollte prüfen. Wenn Menschen berichten, sie hätten von der Decke aus auf ihren eigenen Körper geschaut, dann müsste sich das testen lassen — mit etwas, das nur von der Decke aus zu sehen ist.
2008 begann Sam Parnia, damals an der Universität Southampton, die AWARE-Studie, kurz für AWAreness during REsuscitation. Fünfzehn Krankenhäuser in Großbritannien, den Vereinigten Staaten und Österreich machten mit. In jedem wurden zwischen fünfzig und hundert Regalbretter hoch an den Wänden von Notaufnahmen und Intensivstationen angebracht, dort, wo Herzstillstände am wahrscheinlichsten sind. Auf jedem Brett lag ein Bild mit der Vorderseite nach oben: Symbole, Menschen, Tiere, Zeitungsschlagzeilen. Vom Boden aus war nichts zu erkennen. Wer wirklich unter der Decke geschwebt hatte, würde das Bild nennen können.
Über vier Jahre zeichnete die Studie 2.060 Herzstillstände auf. 330 Menschen überlebten. 140 waren gesund genug, um befragt zu werden. 55 von ihnen sagten, sie erinnerten sich an etwas aus der Zeit der Bewusstlosigkeit. Als die Forscher 2014 in Resuscitation Bilanz zogen, sah die Verteilung so aus: 46 Prozent der Befragten mit Erinnerung beschrieben Dinge, die nicht in das Bild der Nahtoderfahrung passten — Angst, Tiere und Pflanzen, ein helles Licht, Verfolgung und Gewalt, Déjà-vu, Familie, und Ereignisse, die offensichtlich erst nach der Wiederbelebung stattgefunden hatten. Neun Prozent hatten eine Erfahrung, die auf der Greyson-Skala als Nahtoderfahrung zählte. Zwei Prozent, zwei Menschen, beschrieben eine Nahtoderfahrung, in der sie tatsächliche Ereignisse im Raum gesehen oder gehört haben wollten.
Einer der beiden war ein 57-jähriger Mann. Er erzählte, er habe eine automatische Stimme gehört, die zweimal „shock the patient" sagte, und dann von oben auf sich selbst, eine Krankenschwester und einen kräftigen Mann mit blauer Haube und ohne Haare hinuntergesehen. Die Krankenakte bestätigte, dass ein automatischer Defibrillator mit Sprachansage im Einsatz war, und den Mann mit der blauen Haube gab es. Die Forscher rechneten aus, dass die beschriebene Wahrnehmung bis zu drei Minuten nach dem Stillstand des Herzens stattgefunden haben musste — in einer Zeit, in der nach dem Lehrbuch kein Gehirn arbeitet.
Und dann die Zahl, an der die ganze Anordnung zerbrach: 78 Prozent der Herzstillstände hatten in Räumen stattgefunden, in denen kein Regalbrett hing. Auch die beiden Männer mit den genauen Beschreibungen lagen in solchen Räumen. Tausend Bilder, vier Jahre, und kein einziger Patient, der eines hätte sehen können. Parnia sagte bei der Veröffentlichung, es sei nicht möglich gewesen, die Wirklichkeit dieser Wahrnehmungen zu beweisen — aber es sei ebenso unmöglich gewesen, sie zu widerlegen.
2017 bis 2023: AWARE-II, die Elektroden laufen mit
Die zweite Studie zog die Konsequenz aus der ersten. Statt Bilder an Wände zu hängen und zu hoffen, dass der Herzstillstand darunter stattfindet, sollte das Prüfgerät zum Patienten kommen: Ein Forschungsteam wurde bei jedem Alarm gerufen und brachte ein Tablet mit, das während der Wiederbelebung nach oben gerichtet Bilder zeigte, sowie Kopfhörer, über die in Abständen Wörter eingespielt wurden, nach denen die Überlebenden später gefragt werden konnten. Dazu kam, was die Studie von allem Vorherigen unterscheidet: Elektroden auf der Stirn, die während der Herzdruckmassage fortlaufend das EEG und die Sauerstoffsättigung des Gehirns aufzeichneten. Zum ersten Mal wurde nicht nur gefragt, was jemand erlebt hat, sondern gleichzeitig gemessen, was sein Gehirn in diesem Moment tat.
Zwischen Mai 2017 und März 2020 nahmen 25 Krankenhäuser in den USA und Großbritannien 567 Herzstillstände auf. Die Zahlen, die 2023 in Resuscitation erschienen, zeigen zuerst, wie brutal die Ausgangslage ist: 53 Patienten überlebten, 9,3 Prozent. 28 von ihnen konnten befragt werden. Elf davon berichteten Erinnerungen oder Wahrnehmungen, die auf Bewusstsein während des Stillstands hindeuteten. Die Forscher sortierten sie in vier Gruppen: ein Auftauchen aus dem Koma während der Herzdruckmassage selbst, bei zwei Patienten; ein Auftauchen in der Zeit danach, ebenfalls zwei; traumartige Erlebnisse, drei; und schließlich das, was das Team inzwischen „recalled experience of death" nennt, erinnerte Todeserfahrung, bei sechs von 28 Befragten — mehr als jeder Fünfte. Aus einer parallelen Befragung von 126 Überlebenden außerhalb der Klinik kam eine fünfte Gruppe dazu: Wahnvorstellungen, in denen medizinische Vorgänge falsch gedeutet wurden.
Der Bilder-Test scheiterte erneut, diesmal an der Sterblichkeit: Niemand erkannte das Bild auf dem Tablet. Einer von 28 nannte den Ton aus dem Kopfhörer. Bei 53 Überlebenden lässt sich nicht sagen, ob das Zufall war.
Die Messung dagegen ergab etwas, mit dem niemand gerechnet hatte. Bei einer mittleren Sauerstoffsättigung des Gehirns von 43 Prozent, weit unter dem Normalwert, tauchten in den Pausen der Herzdruckmassage bei einem Teil der Patienten Wellenmuster auf, die normalerweise mit Bewusstsein einhergehen — Delta, Theta, Alpha — und das bis zu 35 bis 60 Minuten nach Beginn der Wiederbelebung. Die Autoren deuten das vorsichtig: Das Auftauchen dieser Muster könne bedeuten, dass sich Netzwerke im Gehirn wieder auf eine Ebene organisieren, auf der geistige Vorgänge möglich sind, und es könne ein Biomarker für Klarheit und für die erinnerte Todeserfahrung sein. Es ist ein Kann, in beiden Sätzen. Aber es ist die erste Messung, die das Lehrbuch vom flachen EEG nach fünfzehn Sekunden zumindest für die Phase der Wiederbelebung in Frage stellt.
„These lucid experiences cannot be considered a trick of a disordered or dying brain, but rather a unique human experience that emerges on the brink of death."
Diese klaren Erfahrungen könne man nicht als Trick eines gestörten oder sterbenden Gehirns betrachten, sondern als eine einzigartige menschliche Erfahrung, die an der Schwelle des Todes auftritt.
— Sam Parnia, Studienleiter AWARE-II, in der Pressemitteilung der NYU Langone Health vom 7. November 2022 zur Vorstellung der Ergebnisse auf dem Kongress der American Heart Association. Es ist die Deutung des Studienleiters; die Fachveröffentlichung von 2023 formuliert vorsichtiger.
Sehenswert: Sam Parnia erklärt in einem Vortrag an der University of Chicago selbst, wie er Tod als Vorgang versteht und was AWARE-II gemessen hat. Das ist die Sicht des Studienleiters — die Einwände der Gegenseite folgen unten in diesem Text.
Die Gamma-Welle: Ratten, ein 87-Jähriger und die vier aus Michigan
Parallel zu Parnias Befragungen lief eine zweite Linie, die von der anderen Seite kam — nicht von den Überlebenden, sondern von den Sterbenden. 2013 veröffentlichte Jimo Borjigin mit ihrem Team an der Universität Michigan in den Proceedings of the National Academy of Sciences eine Studie an Ratten, denen unter Narkose ein Herzstillstand herbeigeführt wurde. Das Lehrbuch erwartete ein Gehirn, das verstummt. Stattdessen zeigte das EEG innerhalb der ersten dreißig Sekunden nach dem Stillstand eine kurze, hochsynchrone Welle im Gamma-Band, die sich über das ganze Gehirn zog und deren Stärke die des wachen Zustands übertraf. Die Autoren schrieben, das Säugetiergehirn könne, so paradox das sei, im Sterben die neuronalen Korrelate gesteigerter bewusster Verarbeitung erzeugen.
Ob das auch für Menschen gilt, zeigte sich zuerst durch einen Zufall. Ein 87-jähriger Patient in Kanada, der nach einem Sturz eine Hirnblutung erlitten hatte, wurde wegen Krampfanfällen am EEG überwacht, als sein Herz stehen blieb. Die Aufzeichnung lief weiter. 2022 werteten Raul Vicente und Kollegen in Frontiers in Aging Neuroscience die 900 Sekunden um den Stillstand aus und fanden, was Borjigin bei Ratten gesehen hatte: einen Anstieg im Gamma-Band, gekoppelt an langsamere Rhythmen, auch nach dem Ende des Blutflusses. Die Forscher schrieben ausdrücklich, dass Verletzung und Schwellung des Gehirns die Daten beeinflusst haben könnten — es war ein einzelner Patient, aufgezeichnet in einer Notlage, keine Studie.
Dann kamen die vier aus Ann Arbor, mit denen dieser Text begann. Borjigins Team hatte diesmal Menschen, hochauflösende Aufzeichnungen und einen klaren Zeitpunkt: das Abstellen der Beatmung. Bei zwei von vier Patienten der Gamma-Anstieg, die Kopplung an langsame Wellen, die Verbindung zwischen den Hirnhälften, die heiße Zone. Bei den beiden anderen nichts davon. Die Autoren prüften, ob es sich um verborgene Krampfanfälle gehandelt haben könnte, und fanden keinen Hinweis darauf, konnten es aber für tiefe Hirnregionen nicht ausschließen. Und sie schrieben den Satz, der beide Lager gleichzeitig trifft: Die Aktivierung der heißen Zone lege eine gesteigerte bewusste Verarbeitung nahe, beweise sie aber nicht — weil keiner der Patienten überlebt habe und niemand sagen könne, ob er etwas erlebt hat.
„As such, it remains possible that this neurophysiological surge is epiphenomenal or pathological."
Insofern bleibe es möglich, dass dieser neurophysiologische Anstieg eine bloße Begleiterscheinung oder etwas Krankhaftes sei.
— Gang Xu, Jimo Borjigin u. a., „Surge of neurophysiological coupling and connectivity of gamma oscillations in the dying human brain", PNAS 120 (2023), Diskussionsteil.
Warum dieselbe Kurve beiden Lagern dient
Jetzt lässt sich das Rätsel genau benennen. Es gibt zwei Arten von Daten, und sie stammen von zwei Gruppen von Menschen, die sich nicht überschneiden.
Die eine Gruppe hat überlebt. Von ihr haben wir die Berichte: van Lommels 62 von 344, Parnias 9 Prozent in AWARE, die sechs von 28 in AWARE-II. Für diese Menschen gibt es fast keine Messung aus dem Moment selbst — in AWARE-II zum ersten Mal ein Stirn-EEG während der Herzdruckmassage, aber bei so wenigen Überlebenden, dass sich Kurve und Bericht kaum je einander zuordnen ließen.
Die andere Gruppe ist gestorben. Von ihr haben wir die Kurven: Borjigins Ratten, der 87-Jährige, die zwei von vier in Michigan. Für diese Menschen gibt es keinen Bericht und wird es nie einen geben.
Wer die Nahtoderfahrung für ein Produkt des sterbenden Gehirns hält, liest die Gamma-Welle als Ursache: Das Gehirn feuert, während es erstickt, und dieses Feuern ist das Licht. Das ist eine schlüssige Lesart. Sie hat nur ein Problem, das van Lommel schon 2001 formuliert hat: Wenn Sauerstoffmangel die Ursache ist, warum berichten dann nicht die meisten, sondern nur wenige — und warum hängt die Häufigkeit nicht von der Dauer des Mangels ab? Borjigins Daten liefern darauf keine Antwort, sie verschärfen die Frage: Zwei von vier zeigten die Welle, zwei nicht. Warum?
Wer umgekehrt glaubt, das Bewusstsein sei nicht vom Gehirn erzeugt, sondern nur durch es vermittelt — van Lommel selbst vertritt diese Position und nennt sie nichtlokales Bewusstsein —, liest dieselbe Welle als Empfangssignal: Das Gehirn sei im Sterben zu geordneter Aktivität fähig, also könne es in diesem Moment etwas aufnehmen. Auch das ist eine Lesart, und auch sie hat ein Problem: Sie ist mit den Daten vereinbar, aber die Daten verlangen sie nicht. Nichts an einer Gamma-Welle unterscheidet Senden von Empfangen.
Und über beiden liegt Frenchs Einwand von 2001, der durch keine Messung kleiner geworden ist: Selbst wenn wir wüssten, dass das Gehirn während des Stillstands aktiv war, wüssten wir nicht, ob die Erinnerung in diesem Moment entstanden ist. Das Gedächtnis eines Menschen, der drei Tage später befragt wird, hat drei Tage Zeit gehabt, aus Fetzen eine Geschichte zu bauen.
Das ist der Stand. Er ist unbefriedigend, und er ist ehrlich. Die einzige Person, die beide Datensätze in sich vereinen würde — ein Mensch, dessen Gehirn während des Stillstands hochauflösend aufgezeichnet wurde, der zu einem verdeckten Bild befragt werden kann und der dieses Bild nennt —, hat es in 35 Jahren Forschung noch nicht gegeben. Nicht, weil niemand gesucht hätte. Sondern weil neun von zehn Menschen, an denen man es messen könnte, nicht zurückkommen.
Ein Molekül als Modell: Was die DMT-Forschung beiträgt — und was nicht
Es gibt einen Umweg, den die Forschung seit einigen Jahren geht, und er führt über die Pharmakologie. Seit den 1990er Jahren wird diskutiert, ob das körpereigene Tryptamin N,N-Dimethyltryptamin, kurz DMT, an der Nahtoderfahrung beteiligt sein könnte — eine Vermutung, die vor allem auf Ähnlichkeiten der Berichte beruht. 2018 hat eine Gruppe am Imperial College London um Christopher Timmermann und Robin Carhart-Harris diese Ähnlichkeit zum ersten Mal gemessen: Dreizehn gesunde Versuchspersonen erhielten unter klinischer Aufsicht in einer placebokontrollierten Anordnung DMT und füllten danach die Greyson-Skala aus, dasselbe Instrument, mit dem Nahtoderfahrungen erfasst werden. Die Werte lagen nach DMT deutlich über denen nach Placebo, und beim Vergleich mit einer Gruppe echter Nahtoderfahrener überschnitten sich fast alle Merkmale.
Was das zeigt, ist genau umrissen: Der Zustand, den DMT im Labor erzeugt, ähnelt der Nahtoderfahrung so sehr, dass man ihn als Modell für sie untersuchen kann. Was es nicht zeigt: dass DMT im sterbenden Gehirn die Nahtoderfahrung verursacht. Dafür müsste man DMT im menschlichen Gehirn im Moment des Sterbens in relevanter Menge nachweisen, und das ist bislang nicht gelungen. Die Überschneidung der Berichte könnte auch bedeuten, dass zwei ganz verschiedene Auslöser dieselbe Tür im Gehirn öffnen. Timmermanns Studie ist ein Werkzeug für die Forschung, keine Erklärung — und ganz sicher kein Weg, den jemand selbst gehen sollte, um dem Tod ins Gesicht zu sehen. Was DMT ist und was die Forschung dazu weiß, haben wir im Magazin an anderer Stelle beschrieben, in unserem Überblick zu Dimethyltryptamin.
Das Experiment, das es bräuchte
Wenn man die Geschichte bis hierher gelesen hat, kann man sagen, woran es liegt — und das ist mehr, als die meisten Texte zu diesem Thema leisten. Drei Dinge müssten zusammenkommen, die bisher nie zusammenkamen.
Erstens ein Prüfreiz, der wirklich da ist. AWARE hat das mit tausend Regalbrettern versucht und ist an der Geographie gescheitert; AWARE-II hat das Tablet zum Patienten gebracht und ist an der Sterblichkeit gescheitert. Der nächste Schritt ist naheliegend: Bilder und Töne, die bei jeder Wiederbelebung in jedem Raum automatisch mitlaufen, nicht nur dort, wo ein Forschungsteam rechtzeitig eintrifft.
Zweitens eine Messung, die dem Gehirn nahe genug kommt. Das Stirn-EEG von AWARE-II sieht einen Bruchteil dessen, was die Ganzkopf-Aufzeichnungen in Michigan sahen. Ein Gerät, das beides kann — Elektroden in Sekunden angelegt, hochauflösend, störungsfrei unter Herzdruckmassage —, gibt es noch nicht. Es wäre die eigentliche Erfindung.
Drittens Zahlen. Bei einer Überlebensrate unter zehn Prozent und einer Quote von rund zwanzig Prozent erinnerter Todeserfahrungen unter den Befragten braucht man tausende Herzstillstände, um ein paar Dutzend Menschen zu finden, bei denen Kurve, Reiz und Bericht zusammen vorliegen. Parnias Konsenserklärung von 2022 hat genau diesen Weg vorgezeichnet: einheitliche Begriffe, einheitliche Messungen, viele Kliniken. Ob er beschritten wird, hängt an Geld und an der Bereitschaft von Krankenhäusern, in der schlimmsten Minute ihrer Patienten Forschung zuzulassen.
Und selbst dann bleibt Frenchs Einwand stehen. Ein Patient, der das verdeckte Bild nennt, hätte gezeigt, dass er in einer Zeit wahrgenommen hat, in der er es nicht hätte tun dürfen. Er hätte nicht gezeigt, was Bewusstsein ist. Aber er hätte die Lehrbücher geändert. Das ist, gemessen an vierzig Jahren Streit, nicht wenig.
Der Zeitstrahl
| Behauptung | Quelle | Stand |
|---|---|---|
| Etwa jeder fünfte Überlebende eines Herzstillstands berichtet eine Nahtoderfahrung oder erinnerte Todeserfahrung. | Van Lommel 2001 (18 % Erinnerung, 12 % Kern); Parnia 2014 (9 %); Parnia 2023 (6 von 28) | BELEGT, je nach Definition 9–21 % |
| Die Häufigkeit hängt nicht von der Dauer des Herzstillstands oder der Bewusstlosigkeit ab. | Van Lommel 2001 | BELEGT für diese Kohorte |
| Während der Herzdruckmassage sind bis zu einer Stunde lang EEG-Muster messbar, die mit Bewusstsein einhergehen. | Parnia 2023 (AWARE-II) | BELEGT für einen Teil der Patienten |
| Das sterbende Gehirn kann eine Welle synchroner Gamma-Aktivität erzeugen. | Borjigin 2013 (Ratten); Vicente 2022 (1 Patient); Xu 2023 (2 von 4) | BELEGT, bei Menschen in Einzelfällen |
| Ein Patient nahm bis zu drei Minuten nach dem Stillstand Ereignisse im Raum wahr. | Parnia 2014, Fall des 57-Jährigen, zeitlich über den Defibrillator bestätigt | Dokumentierter Einzelfall, kein Beweis |
| Ein Überlebender hat je ein verdecktes Bild benannt. | AWARE 2014, AWARE-II 2023 | NICHT_BELEGT — in beiden Studien niemand |
| Die Gamma-Welle erzeugt die Nahtoderfahrung. | Deutung; Xu 2023 nennt den Anstieg möglicherweise „epiphenomenal or pathological" | NICHT_BELEGT |
| Bewusstsein überdauert den Tod des Gehirns. | Deutung van Lommels (nichtlokales Bewusstsein) | NICHT_BELEGT |
Was belegt ist — und was nicht
BELEGT: Ein Teil der Menschen, die einen Herzstillstand überleben, berichtet strukturierte Erfahrungen aus der Zeit der Bewusstlosigkeit — je nach Definition zwischen 9 und 21 Prozent, in drei prospektiven Studien über 35 Jahre.
BELEGT: Während der Wiederbelebung und im Sterbevorgang ist das Gehirn nicht einfach still. AWARE-II maß bis zu einer Stunde lang Wellenmuster, die mit Bewusstsein einhergehen; die Michigan-Aufzeichnungen zeigen bei zwei von vier Sterbenden einen steilen Anstieg im Gamma-Band.
BELEGT: Kein Überlebender hat in AWARE oder AWARE-II ein verdecktes Bild benannt. Der eine zeitlich bestätigte Fall von 2014 ist ein dokumentierter Einzelfall.
UEBERLIEFERT: Tunnel, Licht, die Begegnung mit Verstorbenen und der Rückblick auf das eigene Leben sind Motive, die lange vor jeder Studie erzählt wurden — im Er-Mythos am Ende von Platons Politeia, im Tibetischen Totenbuch, in mittelalterlichen Jenseitsvisionen. Die Forschung misst, was die Überlieferung seit Jahrtausenden beschreibt.
NICHT_BELEGT: Dass die Nahtoderfahrung ein bloßes Produkt des sterbenden Gehirns ist. Die Kurven aus Michigan stammen von Menschen, die nichts berichten konnten; die Häufigkeit der Erfahrung hängt nicht von der Schwere des Sauerstoffmangels ab.
NICHT_BELEGT: Dass das Bewusstsein den Tod überdauert. Keine der Studien hat das gezeigt, und keine war so gebaut, dass sie es hätte zeigen können. Wer dir das Gegenteil als Ergebnis verkauft — in beide Richtungen —, hat die Studien nicht gelesen.
Was das für dich bedeutet — und was nicht
Vielleicht liest du diesen Text, weil du selbst etwas erlebt hast, das du niemandem erzählst. Vielleicht, weil jemand gestorben ist, den du liebst, und du wissen willst, ob da etwas war. Dann sollst du wissen, was diese Studien dir ehrlich geben können, und was nicht.
Sie geben dir: Du bist nicht allein. Bis zu jeder fünfte Mensch, der aus dem Herzstillstand zurückkommt, bringt etwas mit, und die Berichte gleichen sich über Länder, Sprachen und Jahrzehnte so sehr, dass Forscher sie mit derselben Skala messen können. Was du erlebt hast, ist kein Zeichen dafür, dass mit dir etwas nicht stimmt. Es ist so gewöhnlich, dass es in der Statistik vorkommt.
Sie geben dir auch: Sterben sieht von innen nicht so aus, wie es von außen aussieht. Die erinnerte Todeserfahrung, wie Parnias Team sie aus den Berichten herausgearbeitet hat, ist nicht Angst, sondern Abstand: das Beobachten ohne Schmerz und Bedrängnis, und ein Blick auf das eigene Leben, der die eigenen Handlungen und Absichten gegenüber anderen prüft. Wer am Bett eines Sterbenden sitzt, darf das wissen.
Sie geben dir nicht: eine Antwort auf die Frage, ob es weitergeht. Diesen Text hat niemand geschrieben, um dir das zu versprechen oder zu nehmen. Und sie geben dir keinen Weg, das selbst auszuprobieren — nicht mit Substanzen, nicht mit Techniken. Was Timmermanns dreizehn Versuchspersonen unter ärztlicher Aufsicht erlebt haben, war Forschung an einem Modell, kein Rezept.
Was bleibt, ist der eine Befund, der in allen Studien wiederkehrt und den man auch ohne Herzstillstand ernst nehmen kann: der Lebensrückblick. Menschen, die zurückkommen, berichten, dass sie ihr Leben gesehen haben — nicht als Film, sondern als Prüfung dessen, was sie anderen getan und was sie gemeint haben. Van Lommels Langzeitbefragung nach zwei und acht Jahren fand, dass diese Menschen sich verändert hatten, und dass die Veränderung nicht vom Herzstillstand kam, sondern von der Erfahrung. Man muss nicht sterben, um sich diese Prüfung zu stellen. Man kann sie sich jeden Abend stellen.
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Sehenswert: Bei Danny Jones erzählt der Onkologe Jeffrey Long von seiner Sammlung tausender Berichte. Seine Datenbasis sind selbst eingereichte Erzählungen im Internet, keine prospektive Klinikstudie — der Unterschied zwischen beidem ist das Thema dieses Textes.
Die offene Frage
Am Ende stehen zwei Kurven nebeneinander, die nicht zusammenpassen wollen. Auf der einen ein Gehirn in Michigan, das im Sterben ein letztes Mal geordnet aufleuchtet, ohne dass je jemand erfahren wird, ob es dabei etwas gesehen hat. Auf der anderen ein Mann in England, der von der Decke aus einen Mann mit blauer Haube sah, drei Minuten nach dem Stillstand seines Herzens, in einem Raum, in dem kein Bild hing, das ihn hätte prüfen können.
Die einen sagen, die erste Kurve erkläre den zweiten Mann. Die anderen sagen, der zweite Mann widerlege die erste Kurve. Beide könnten recht haben, und keiner kann es zeigen, weil die Menschen, die man messen kann, nicht zurückkommen, und die Menschen, die zurückkommen, nicht gemessen wurden. Das ist keine Ausrede der Forschung. Das ist die Form des Rätsels. Wir erfinden hier keine Antwort. Wir zeigen dir nur, wo genau sie fehlt — und dass sie in vierzig Jahren keinen Zentimeter näher gerückt ist, während die Messgeräte immer besser wurden. Vielleicht ist das die eigentliche Nachricht.
Häufige Fragen
Was ist die AWARE-II-Studie?
Eine Studie unter Leitung des Intensivmediziners Sam Parnia (NYU Langone), die zwischen 2017 und 2020 in 25 Krankenhäusern in den USA und Großbritannien 567 Herzstillstände begleitete. Während der Wiederbelebung wurden EEG und Sauerstoffsättigung des Gehirns aufgezeichnet und Bild- und Tonreize eingespielt; Überlebende wurden anschließend befragt. Veröffentlicht 2023 in der Fachzeitschrift Resuscitation.
Was passiert im Gehirn beim Herzstillstand?
Die Durchblutung bricht sofort zusammen, und nach älteren Messungen wird das EEG innerhalb von etwa fünfzehn Sekunden flach. Neuere Aufzeichnungen zeigen aber, dass das Gehirn nicht einfach schweigt: AWARE-II maß während der Herzdruckmassage bis zu einer Stunde lang Wellenmuster, die mit Bewusstsein einhergehen, und bei zwei von vier Sterbenden in Michigan stieg 2023 die Gamma-Aktivität nach dem Abstellen der Beatmung steil an. Hirnzellen sterben über Stunden, nicht Sekunden.
Wie viele Menschen haben eine Nahtoderfahrung?
In prospektiven Studien an Überlebenden eines Herzstillstands je nach Definition zwischen 9 und 21 Prozent: 18 Prozent mit irgendeiner Erinnerung und 12 Prozent mit Kernerfahrung bei van Lommel 2001, 9 Prozent bei AWARE 2014, 6 von 28 Befragten bei AWARE-II 2023. Die meisten Überlebenden erinnern sich an nichts.
Beweist die Nahtoderfahrung ein Leben nach dem Tod?
Nein. Keine der Studien hat das gezeigt, und keine war so angelegt, dass sie es hätte zeigen können. Ebenso wenig ist bewiesen, dass die Erfahrung ein bloßes Produkt des sterbenden Gehirns ist. Die Daten sind mit beiden Deutungen vereinbar — das ist der ehrliche Stand.
Was hat DMT mit der Nahtoderfahrung zu tun?
Eine placebokontrollierte Studie am Imperial College London (2018) fand, dass der von DMT unter ärztlicher Aufsicht erzeugte Zustand auf der Greyson-Skala fast alle Merkmale der Nahtoderfahrung teilt. Das macht ihn zu einem Forschungsmodell. Dass DMT im sterbenden Gehirn die Erfahrung verursacht, ist nicht belegt.
Was ist die Greyson-Skala?
Ein 1983 von dem Psychiater Bruce Greyson entwickelter Fragebogen mit 16 Merkmalen, die Nahtoderfahrungen kennzeichnen — etwa Zeitgefühl, Lebensrückblick, Verlassen des Körpers, Licht, Grenze. Jedes Merkmal wird mit null bis zwei Punkten bewertet; die Skala ist seit vierzig Jahren das Standardmaß der Forschung.
Quellen & Weiterlesen
- Sam Parnia u. a.: AWAreness during REsuscitation - II: A multi-center study of consciousness and awareness in cardiac arrest, Resuscitation 191 (2023), 109903 — die Zahlen zu 567 Herzstillständen, 28 Befragten, den vier Erfahrungsgruppen und der EEG-Aktivität bis 60 Minuten.
- NYU Langone Health: Lucid Dying: Patients Recall Death Experiences During CPR, Pressemitteilung vom 7. November 2022 — mit den Zitaten Sam Parnias.
- Sam Parnia u. a.: AWARE — AWAreness during REsuscitation — a prospective study, Resuscitation 85 (2014), S. 1799–1805; dazu die Mitteilung der Universität Southampton vom 7. Oktober 2014 mit Parnias Einordnung des bestätigten Falls.
- Gang Xu, Jimo Borjigin u. a.: Surge of neurophysiological coupling and connectivity of gamma oscillations in the dying human brain, PNAS 120 (2023), e2216268120 — die vier Patienten aus Ann Arbor, frei zugänglich.
- Jimo Borjigin u. a.: Surge of neurophysiological coherence and connectivity in the dying brain, PNAS 110 (2013), S. 14432–14437 — die Rattenstudie.
- Raul Vicente u. a.: Enhanced Interplay of Neuronal Coherence and Coupling in the Dying Human Brain, Frontiers in Aging Neuroscience 14 (2022) — der 87-jährige Patient aus Vancouver.
- Pim van Lommel u. a.: Near-death experience in survivors of cardiac arrest: a prospective study in the Netherlands, Lancet 358 (2001), S. 2039–2045; van Lommels eigene Zusammenfassung mit den EEG-Messungen älterer Studien bei der Essentia Foundation (2021). Der Gegenkommentar: Christopher French, „Dying to know the truth: visions of a dying brain, or false memories?", Lancet 358 (2001).
- Bruce Greyson: The near-death experience scale. Construction, reliability, and validity, Journal of Nervous and Mental Disease 171 (1983), S. 369–375.
- Christopher Timmermann u. a.: DMT Models the Near-Death Experience, Frontiers in Psychology 9 (2018), 1424 — frei zugänglich.
- Sam Parnia u. a.: „Guidelines and standards for the study of death and recalled experiences of death — a multidisciplinary consensus statement and proposed future directions", Annals of the New York Academy of Sciences 1511 (2022), S. 5–21.
- Weiterlesen im Magazin: Remote Viewing und Projekt Stargate — der Streit, den die Akten nicht entscheiden · Veränderte Bewusstseinszustände: Wissenschaft trifft Spiritualität · DMT: Dimethyltryptamin — der Überblick










