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Snorri Sturluson: Der Mann, dem wir die nordische Mythologie verdanken

Dieser Artikel zeigt, was über Snorri Sturluson und sein Werk tatsächlich belegt ist, und trennt das erkennbar von späterer Deutung. Er behauptet nicht, dass die Snorra-Edda die vorchristliche Religion so wiedergibt, wie sie geglaubt wurde — dafür gibt es keinen Beleg.

Gänsefeder und dunkles Hornfass mit Tinte neben einer brennenden Kerze auf dunkelgrüner Steinplatte

Fast alles, was heute über Odin, Thor, Loki und Ragnarök erzählt wird, führt über einen einzigen isländischen Häuptling des 13. Jahrhunderts zurück — der ein Handbuch für Dichter schrieb, zweihundert Jahre nachdem sein Land christlich geworden war. Snorri Sturluson ist kein Zeuge der nordischen Religion. Er ist eine Quelle über sie, und dieser Unterschied verändert, wie man jede darauf gebaute Nacherzählung liest.

Schnellantwort

Snorri Sturluson (1179–1241) war isländischer Häuptling, zweimal Gesetzessprecher des Althing und gilt als Verfasser der Snorra-Edda und der Heimskringla. Er war Christ und schrieb rund zwei Jahrhunderte nach der Christianisierung Islands; seine Edda ist als Arbeitshandbuch für Skalden angelegt, die die alten mythologischen Anspielungen verstehen mussten — nicht als Glaubensbuch. Nur eine der vier Haupthandschriften, der Codex Upsaliensis, nennt ihn als Autor; die Zuschreibung der Heimskringla beruht auf späterer Tradition und nicht auf einer mittelalterlichen Handschrift. In der Nacht vom 22. auf den 23. September 1241 wurde er auf seinem Hof in Reykholt im Auftrag König Hákon Hákonarsons von Norwegen erschlagen.

Einordnung
Belegt

Snorri Sturluson wurde 1179 geboren und in der Nacht vom 22. auf den 23. September 1241 in Reykholt erschlagen.

Quelle/Tradition: Encyclopaedia Britannica, Snorri Sturluson; Snorrastofa, Reykholt (Biografie von Óskar Guðmundsson)

Belegt

Er war von 1215 bis 1218 und erneut ab 1222 bis in die frühen 1230er-Jahre Gesetzessprecher des isländischen Althing.

Quelle/Tradition: Encyclopaedia Britannica; Snorrastofa, Reykholt

Belegt

Die Snorra-Edda ist als Handbuch der Dichtkunst angelegt: Prolog, Gylfaginning, Skáldskaparmál, Háttatal.

Quelle/Tradition: Anthony Faulkes (Übers.), Edda, Everyman 1995; Encyclopaedia Britannica

Belegt

Nur eine der vier Haupthandschriften, der Codex Upsaliensis (DG 11), schreibt die Snorra-Edda Snorri zu.

Quelle/Tradition: Universität Utrecht, Special Collections, Codex Trajectinus; Handschriftenübersichten zu U, R, W, T

Belegt

Die Zuschreibung der Heimskringla an Snorri beruht auf späterer Tradition und innerem Befund, nicht auf einer mittelalterlichen Handschrift, die ihn nennt.

Quelle/Tradition: Editorische Einleitungen zur Heimskringla; Snorrastofa zum Satz ek lét rita

Belegt

In der Heimskringla berichtet Snorri, König Hákon der Gute habe gesetzlich festgelegt, dass Jul zeitgleich mit dem christlichen Fest beginnt; zuvor habe es zur Mittwinternacht angefangen.

Quelle/Tradition: Heimskringla, Hákonar saga góða Kap. 13

Nicht belegt

Snorri Sturluson hat die Egils saga verfasst.

Quelle/Tradition: Nur stilistisches Argument; keine Handschrift schreibt sie ihm zu

Überliefert

Snorri wollte die vorchristliche Religion als Religion bewahren.

Quelle/Tradition: Verbreitete moderne Lesart; der Text selbst präsentiert den Stoff als dichterisches Handwerk und rahmt die Götter euhemeristisch

Überliefert

Seine letzten Worte seien Eigi skal höggva gewesen — Man soll nicht schlagen.

Quelle/Tradition: Isländische Überlieferung, wiedergegeben von Snorrastofa; unabhängig nicht prüfbar

Nicht belegt

Die Snorra-Edda gibt die vorchristliche nordische Religion so wieder, wie sie geglaubt und praktiziert wurde.

Quelle/Tradition: Rund 200 Jahre nach der Christianisierung von einem Christen als Handbuch für Dichter verfasst

Gelebte Praxis

Viele Praktizierende arbeiten heute mit Snorris Götterbeschreibungen als Bezugsrahmen ihrer Praxis.

Quelle/Tradition: Beobachtung heutiger Praxis; keine Aussage über mittelalterliche Religion

BELEGT = wissenschaftlich oder amtlich nachprüfbar · ÜBERLIEFERT = historisch/traditionell dokumentiert · GELEBTE PRAXIS = verbreitete Anwendung, Erfahrungswerte · NICHT BELEGT = spirituelle Deutung, wissenschaftlich nicht nachgewiesen.

Die kurze Antwort. Snorri Sturluson (1179–1241) war isländischer Häuptling, zweimal Gesetzessprecher des Althing und gilt als Verfasser der Snorra-Edda und der Heimskringla. Er war Christ und schrieb rund zwei Jahrhunderte nach der Christianisierung Islands; seine Edda ist als Arbeitshandbuch für Skalden angelegt, die die alten mythologischen Anspielungen verstehen mussten — nicht als Glaubensbuch. Nur eine der vier Haupthandschriften nennt ihn überhaupt als Autor. In der Nacht vom 22. auf den 23. September 1241 wurde er auf seinem Hof in Reykholt im Auftrag des norwegischen Königs erschlagen.

Wer Snorri Sturluson war

Geboren wurde er 1179 in Hvammur im Westen Islands, Sohn eines kleinen und ausgesprochen streitlustigen Häuptlings. Als er drei war, wurde ein Familienkonflikt dadurch beigelegt, dass man ihn nach Oddi im Süden gab, in den Haushalt von Jón Loftsson — damals der einflussreichste Mann des Landes.

Das ist wichtiger als jede andere Einzelheit seiner Biografie. Oddi war kein Hof mit Bücherregal, sondern eine Schule. Jóns Großvater Sæmundr fróði hatte auf dem europäischen Festland studiert, und die Familie unterhielt ein Bildungszentrum, in dem ein Junge lateinische Schulbildung neben Genealogie, Recht und ererbter Dichtung aufnahm.

Was folgte, war zuerst eine politische, dann eine literarische Laufbahn. 1199 heiratete er eine Erbin, 1202 übernahm er den Hof Borg samt Häuptlingswürde, danach sammelte er weitere Godentümer ein, bis er zu den reichsten Männern Islands zählte. 1215 wurde er zum Gesetzessprecher des Althing gewählt — dem vorsitzenden Amt der isländischen Volksversammlung —, hielt es bis 1218 und dann erneut ab 1222 bis in die frühen 1230er-Jahre.

Zwischen beiden Amtszeiten verbrachte er zwei Jahre in Norwegen, am Hof des jungen Königs Hákon Hákonarson und des mächtigen Jarls Skúli. 1220 kehrte er mit einem Hoftitel zurück — und, wie seine isländischen Zeitgenossen glaubten, mit einer Absprache über die Unterstellung Islands unter norwegische Herrschaft. Ob er das je zugesagt hat, wird bis heute bestritten. Unbestritten ist, dass ihn dieser Streit zwanzig Jahre später das Leben kostete.

Reykholt: Machtzentrum, Schreibstube, Tatort

1206 zog Snorri nach Reykholt, und der Ort wurde zum Motor von allem, was danach kam. Er lag an einer Wegkreuzung, war befestigungsfähig und war ein Kirchenzentrum — im Island des 13. Jahrhunderts hieß das: Priester, Einkünfte und vor allem schriftkundige Männer.

Dieser letzte Punkt wird leicht überlesen. Ein Buch herzustellen bedeutete damals Kälber, geschabte Häute, Tinte und Monate der Arbeitszeit eines geschulten Schreibers — ein teurer Prozess, den sich nur sehr Wohlhabende leisten konnten. Snorris Autorschaft ist von seinem Reichtum nicht zu trennen: Er konnte Schreibarbeit in einem Umfang beauftragen, den in Island sonst kaum jemand aufbringen konnte.

Reykholt ist auch sein Sterbeort. Bei einem zweiten Norwegen-Aufenthalt ab 1237 kam er Jarl Skúli nahe, der inzwischen offen mit Hákon um den Thron konkurrierte; im Mai 1240 wurde Skúli getötet. Als der König Snorri zur Rechenschaft nach Norwegen befahl und Snorri sich weigerte, handelten Hákons isländische Verbündete. Im Herbst 1241 kam Gissur Þorvaldsson — Snorris eigener früherer Schwiegersohn — mit einer großen bewaffneten Schar nach Reykholt und ließ ihn im Kellergang seines eigenen Hauses erschlagen. Als letzte Worte überliefert die Tradition Eigi skal höggva, „Man soll nicht schlagen".

Eines in Reykholt stammt noch aus seiner Lebenszeit: Snorralaug, das runde, steingefasste Thermalbecken, das von einer nahen heißen Quelle gespeist wird. Es gehört zu den ältesten erhaltenen Bauwerken Islands.

Die Snorra-Edda ist ein Lehrbuch, kein Glaubensbuch

Das ist die nützlichste Einsicht über dieses Buch.

Die Skaldendichtung — jene kunstvolle Hofdichtung, von der Isländer lebten — funktionierte über Kenningar: rätselhafte Umschreibungen, in denen „Kvasirs Blut" die Dichtung meint und „Sifs Haar" das Gold. Jede einzelne setzt voraus, dass das Publikum eine Geschichte kennt. Zu Snorris Zeit waren die Dichter Christen und die Geschichten verblassten — womit das gesamte technische Rüstzeug der nationalen Kunstform unbrauchbar zu werden drohte. Die Snorra-Edda ist die Reparatur, und die Reihenfolge ihrer vier Teile verrät alles:

Teil Funktion
Prolog Erklärt die Götter als Menschen aus Troja, die nach Norden zogen und für Gottheiten gehalten wurden
Gylfaginning („Gylfis Täuschung") Gerahmtes Frage-und-Antwort-Spiel, das die Mythologie erzählend liefert: Schöpfung bis Ragnarök
Skáldskaparmál („Sprache der Dichtkunst") Der Nachschlageteil: welche Kenning was bedeutet, mit den Geschichten dahinter
Háttatal („Verzeichnis der Versmaße") Preisgedicht auf Hákon und Skúli, das ein Versmaß nach dem anderen vorführt, mit Kommentar

Hintergrund, Nachschlagewerk, Technik. Es ist ein Handwerksbuch, und die Mythologie steht darin, weil ein arbeitender Skalde sie brauchte wie ein Musiker Tonleitern.

Auch der Rahmen lohnt einen Blick. Ein schwedischer König reist verkleidet unter dem Namen Gangleri und befragt drei Gestalten namens Hoher, Gleichhoher und Dritter; sie antworten ausführlich, und am Ende verschwindet die Halle, weil das Ganze eine Täuschung war. Snorri sagt im Text selbst, dass das eben Gelesene ein Trick ist.

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Fast alles, was sich über das vorchristliche Julfest sagen lässt, steht bei Snorri — die Heimskringla ist die Quelle für die Nachricht, dass Jul ursprünglich zur Mittwinternacht begann. Wenn du zur Wintersonnenwende räucherst, ist das die Mischung, die wir dafür verwenden. Sie macht die Nacht nicht älter, als sie ist; sie macht sie aufmerksamer.

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Heimskringla und der Satz „Ich ließ dieses Buch schreiben"

Die Heimskringla ist das zweite große Werk an seinem Namen: eine Geschichte der norwegischen Könige von der sagenhaften Ynglinga saga bis 1184, mit einer langen Olafs-Vita im Zentrum. Sie ist beeindruckende Geschichtsschreibung und nennt sogar eine Methode — Snorri bevorzugte Skaldenstrophen, die für den jeweiligen Herrscher gedichtet worden waren, mit der vernünftigen Begründung, ein Dichter könne einem König nicht ins Gesicht Siege andichten, die es nicht gab.

Doch ein Satz in einem der Vorworte beschäftigt die Forschung bis heute: ek lét rita — „ich ließ dieses Buch schreiben". Snorrastofa, das Forschungszentrum in Reykholt, liest das als Hinweis darauf, dass er lenkte und redigierte, statt selbst zu schreiben: weniger ein einsamer Autor am Pult als der Kopf einer Werkstatt, der beauftragte, diktierte, überarbeitete und entschied, was hineinkam.

In der Heimskringla steckt auch vieles, was wir über vorchristliche Bräuche zu wissen glauben. Das bekannteste Beispiel: In der Saga von Hákon dem Guten berichtet Snorri, der König habe gesetzlich festgelegt, dass Jul dann beginne, wenn die Christen ihr Fest feiern — zuvor habe es zur Mittwinternacht angefangen und drei Nächte gedauert. Wer je gelesen hat, Jul sei „auf Weihnachten verschoben" worden: Diese Angabe stammt von Snorri, einem christlichen Autor, dreihundert Jahre nach dem Vorgang.

Drei Gründe, Snorri vorsichtig zu lesen

Der Abstand. Island nahm um das Jahr 1000 das Christentum an; Snorri schrieb in den 1220er- und 1230er-Jahren. Was er über vorchristliche Praxis wusste, erreichte ihn über zwei Jahrhunderte Überlieferung in einer Gesellschaft, die sie offiziell verlassen hatte. Er ist eine Stimme des 13. Jahrhunderts, die vom 9. erzählt.

Der Rahmen. Die Götter als eingewanderten trojanischen Adel zu erklären, ist Euhemerismus — benannt nach dem griechischen Autor Euhemeros — und mittelalterliche christliche Gelehrte nutzten das ständig: So ließ sich heidnischer Stoff behandeln, ohne ihn gutzuheißen. Der Übersetzer Anthony Faulkes hat argumentiert, dass die Vermeidung des Vorwurfs, die Geschichten seien der christlichen Rechtgläubigkeit gefährlich, ein Hauptmotiv für Prolog und Rahmenerzählung gewesen sein dürfte. Die Schutzverpackung gehört zum Buch.

Der Zweck. Ein Handbuch will ein ordentliches, lehrbares System; gelebte Religion ist nicht ordentlich. Wo Snorri eine saubere Genealogie oder eine klare Ereignisfolge liefert, kann ein Teil dieser Ordnung von ihm stammen — aufgelegt auf Material, das ihn in Bruchstücken erreichte. Und wo er die einzige Quelle ist, und das ist er oft, gibt es nichts, woran man ihn prüfen könnte.

Welche Handschriften ihn überhaupt nennen

Hier kommt die Einzelheit, die die meisten überrascht. Die Snorra-Edda ist in vier Haupthandschriften erhalten — und nur eine sagt, dass Snorri sie geschrieben hat.

Handschrift Datierung Anmerkung
Codex Upsaliensis (DG 11), Uppsala 1. Viertel 14. Jh. Älteste; kürzerer Text; die einzige, die Snorri nennt
Codex Regius (GKS 2367 4to), Reykjavík 1. Hälfte 14. Jh. Vollständigster Text, Grundlage der meisten Ausgaben; 1985 aus Dänemark zurückgegeben
Codex Wormianus (AM 242 fol), Kopenhagen Mitte 14. Jh. In der Arnamagnäanischen Sammlung
Codex Trajectinus (MS 1374), Utrecht um 1600 Abschrift einer verlorenen Handschrift des 13. Jh.

Alle vier entstanden nach Snorris Tod, die früheste rund siebzig Jahre danach, und keine ist von seiner Hand. Die Zuschreibung der Heimskringla steht noch schwächer: Die mittelalterlichen Handschriften nennen ihn nicht, die Verbindung beruht auf späterer Tradition und auf der Machart des Werks. Auch die Egils saga wird ihm häufig zugeschrieben; dieses Argument ist stilistisch und unbewiesen.

Nichts davon macht „Snorri" zur Erfindung. Es heißt nur, dass die ehrliche Formulierung das mit Snorri Sturluson verbundene Werk lautet — und dass ein in einer Werkstatt in Reykholt hergestelltes Buch womöglich gar keinen Autor im heutigen Sinn hat.

Wie Snorri nach Deutschland kam

Für deutschsprachige Leser gibt es einen zusätzlichen Grund, warum alles über Snorri läuft: Auf dem Festland ist fast nichts erhalten. Der Bestand an vorchristlicher Überlieferung in einer westgermanischen Sprache ist so dünn, dass die Merseburger Zaubersprüche — zwei kurze Texte in einer Handschrift des 9./10. Jahrhunderts — als Sensation gelten. Island hat Bibliotheken, der deutsche Sprachraum hat zwei Sprüche. Deshalb wird die „germanische" Götterwelt in Wahrheit fast vollständig aus isländischen Quellen des 13. Jahrhunderts rekonstruiert.

Der Weg in die deutsche Kultur führt über zwei Namen. 1835 veröffentlichte Jacob Grimm die Deutsche Mythologie, eine gewaltige Rekonstruktion germanischen Glaubens, die stark auf den Eddas fußte. Richard Wagner trug Grimms Buch 1843 mit sich; der Ring des Nibelungen, den er in den folgenden Jahrzehnten baute, bezog seinen mythologischen Stoff vor allem aus der Völsunga saga, der Lieder-Edda und Snorri. Nach der Uraufführung 1876 wurde nordische Mythologie international modisch — und fast jede spätere populäre Fassung erbt ihre Form von diesem Moment, nicht von den Handschriften.

Damit hängt eine unangenehme deutsche Nachgeschichte zusammen. Was als gelehrte Rekonstruktion begann, wurde im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zum Baustoff völkischer Ursprungserzählungen — dasselbe Muster, das dieses Magazin an den Externsteinen beschrieben hat. Wer heute mit nordischen Symbolen arbeitet, arbeitet deshalb in einem Feld mit Vorgeschichte. Das ist kein Grund, es zu meiden — aber ein guter Grund, genau zu wissen, woher eine Angabe stammt. Das ist unsere Einschätzung, und sie ist als solche gekennzeichnet.

Was das für die eigene Praxis heißt

Nicht, dass man das Material weglegen sollte — sondern dass die ehrliche Fassung interessanter ist als die geglättete.

  1. Sag, woher etwas kommt. „Snorri schreibt", „die Lieder-Edda sagt" und „heutige Praxis macht" sind drei verschiedene Aussagen. Sie auseinanderzuhalten kostet nichts und macht alles andere glaubwürdiger.
  2. Prüfe, ob er allein steht. Wo eine Geschichte auch in der Lieder-Edda auftaucht oder in Strophen, die Snorri zitiert, aber nicht gedichtet hat, steht man fester. Wo er der einzige Zeuge ist, sollte man das sagen — und Ordentlichkeit als Warnsignal lesen, denn saubere Listen können das Handbuch sein, das spricht.
  3. Trenne Andacht von Geschichte. Eine Praxis kann etwas bedeuten, ohne alt zu sein. „Bedeutet mir das etwas" und „ist das für das Jahr 1000 belegt" sind zwei Fragen mit zwei Antworten.

Dieser Artikel beschreibt, was mittelalterliche Handschriften über einen historischen Autor überliefern, und trennt das erkennbar von späterer Deutung. Er behauptet nicht, dass eine in diesen Texten beschriebene Gestalt existiert, eingreift oder Ergebnisse bewirkt. Räucherwerk, Symbole und rituelle Praxis ersetzen keine medizinische, psychologische, rechtliche oder finanzielle Beratung, und nichts hier verspricht einen Erfolg.

Häufige Fragen

Hat Snorri Sturluson an die nordischen Götter geglaubt?

Dafür gibt es keinen Beleg. Island war seit rund zwei Jahrhunderten christlich, als er schrieb, er hatte Verfügungsgewalt über Kirchengüter und war mit zwei Bischöfen befreundet, und sein Prolog erklärt die Götter ausdrücklich als Menschen, die fälschlich verehrt wurden. Er bewahrte ein literarisches Erbe, er bekannte keinen Glauben.

Was ist der Unterschied zwischen Snorra-Edda und Lieder-Edda?

Die Snorra-Edda (auch Prosa-Edda oder Jüngere Edda) ist Snorris Handbuch aus dem 13. Jahrhundert, in Prosa mit eingelegten Strophen. Die Lieder-Edda (Ältere Edda) ist eine davon getrennte, anonyme Sammlung mythologischer und heroischer Gedichte, überwiegend in einer Handschrift erhalten und im Stoff meist älter. Snorri zitiert solche Gedichte — deshalb lässt sich sein Werk teilweise gegenprüfen.

Stammen Heimskringla und Egils saga wirklich von ihm?

Keine der beiden Zuschreibungen steht in den mittelalterlichen Handschriften. Die Heimskringla wird ihm seit dem 16. Jahrhundert zugeschrieben und die Zuschreibung ist weithin akzeptiert, beruht aber auf Tradition und innerem Befund, nicht auf einer Signatur. Der Fall Egils saga ist stilistisch begründet und offen.

Warum wurde Snorri Sturluson erschlagen?

Aus politischen Gründen, in den Bürgerkriegsjahrzehnten der isländischen Sturlungenzeit. Er hatte sich mit Jarl Skúli verbündet, der König Hákon Hákonarson den norwegischen Thron streitig machte und 1240 getötet wurde. Snorri widersetzte sich daraufhin dem königlichen Befehl und segelte nach Hause. Im Herbst 1241 kamen Hákons isländische Verbündete unter Führung von Snorris früherem Schwiegersohn Gissur Þorvaldsson nach Reykholt und töteten ihn.

Was bedeutet das Wort „Edda"?

Das ist ungeklärt. Am häufigsten vorgeschlagen werden „Urgroßmutter", eine Ableitung von Oddi (dem Hof, auf dem Snorri aufwuchs) und eine Verbindung zu altnordisch óðr, „Dichtung", was etwa „Poetik" ergäbe. Die letzte Deutung passt inhaltlich am besten; bewiesen ist keine.

Quellen

Mehr aus dem Magazin: Sleipnir — was die Quellen wirklich sagen · Die Merseburger Zaubersprüche · Externsteine: Kraftort und Einordnung

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