Was ein Alchemist wirklich tat: Edward Kelley, das Gold von Třeboň und der Kerker des Kaisers
Am 19. Dezember 1586 notiert John Dee in Třeboň auf Latein, Edward Kelley habe aus einem Sandkorn roten Pulvers und etwas Quecksilber „fast eine Unze besten Goldes“ gemacht. Elf Jahre später stirbt derselbe Mann als Gefangener des Kaisers in einem Turm über Most. Dazwischen liegt, was ein Alchemist im 16. Jahrhundert wirklich tat — im Labor, bei Hof, im Kerker. Es ist besser dokumentiert, als man denkt. Und es beantwortet die eine Frage nicht.
Am 19. Dezember 1586 notiert John Dee in seinem Tagebuch auf Latein, dass sein Gefährte Edward Kelley in Třeboň aus einem Sandkorn eines roten Pulvers und etwas Quecksilber „fast eine Unze besten Goldes“ gemacht habe. Elf Jahre später stirbt derselbe Mann als Gefangener des Kaisers in einem Turm über der Stadt Most. Dazwischen liegt die Geschichte dessen, was ein Alchemist im 16. Jahrhundert wirklich tat — im Labor, bei Hof, im Kerker. Sie ist besser dokumentiert, als man denkt. Und sie beantwortet die eine Frage nicht.
Inhalt
Ein Alchemist des 16. Jahrhunderts war ein Laborhandwerker mit Auftraggeber und Lieferpflicht — und Edward Kelley (1555–1597) ist der Fall, an dem man das nachlesen kann. John Dees Tagebuch hält fest, was in Třeboň geschah: die „Projektion“ vom 19. Dezember 1586 mit angeblich fast einer Unze Gold, die Glashütte, das Mistbad, den Laborbrand vom 12. Dezember 1587 und das „große Geheimnis“ vom 10. Mai 1588. Rudolf II. machte Kelley zum Ritter, Lord Burghley warb ihn 1591 für die Königin, dann ließ der Kaiser ihn verhaften — auf Křivoklát bis 1593, ab 1596 auf Hněvín, wo er Ende 1597 nach einem Fluchtversuch starb. Ob Kelley täuschte oder sich täuschte, sagt keine Quelle: Er wurde nie wegen Betrugs verurteilt, und dass Gold entstand, ist chemisch ausgeschlossen. Belegt sind die Rechnungen, Briefe und Tagebücher; das Buch Dunstans, das die Antwort enthalten könnte, ist verschollen.
Edward Kelley wurde am 1. August 1555 in Worcester geboren; John Dee berechnete sein Horoskop (Bodleian, MS Ashmole 1788).
Quelle/Tradition: Halliwell (Hg.), Private Diary of Dr. John Dee, 1842, Fußnote S. 1 f.
Kelley führte am 19. Dezember 1586 in Třeboň vor dem Zarenboten Edward Garland eine Projektion vor; Dee notierte „fast eine Unze besten Goldes“. Der Eintrag ist belegt — das Gold nicht.
Quelle/Tradition: Dees Tagebuch, 19.12.1586 (Halliwell 1842, S. 22), lateinisch
Das Labor in Třeboň: Glashütte der Rosenbergs, Spirituslampe, mit Büchern abgestützte Gläser, Mistbad, eigene Waage; am 12. Dezember 1587 verbrannten Handschriften zur Transmutation.
Quelle/Tradition: Dees Tagebuch 19.11.1586, 28.09.1587, 12.12.1587, 24.03.1588
Lord Burghley schrieb Kelley im Mai 1591 eigenhändig, um ihn im Auftrag der Königin nach England zu holen, und berichtete zugleich, „einige“ hielten ihn für einen „Betrüger mit Sophistereien“.
Quelle/Tradition: Strype, Annals of the Reformation IV (1737/1824), Anhang Nr. II–III
Kelley wurde am 3. Mai 1591 in Soběslav verhaftet, am 6. Mai nach Křivoklát gebracht, verweigerte die Nahrung, wurde mit Folter bedroht und am 4. Oktober 1593 freigelassen; ab 7. November 1596 saß er auf Hněvín, wo er De Lapide Philosophorum schrieb.
Quelle/Tradition: Fugger-Nachrichtenbriefe 8./14.05., 2.07.1591; Dees Tagebuch 04.10.1593; Böuls Bericht und Verwalterrechnung nach Nicholl, LRB 2001; Waite 1893
Kein chemischer Prozess erzeugt Gold aus unedlen Metallen; Transmutation gelingt nur kernphysikalisch in unwirtschaftlichen Spuren. Was im Tiegel war, war kein neu entstandenes Gold.
Quelle/Tradition: Chemie und Kernphysik; Principe, The Secrets of Alchemy, 2013
Das rote Pulver stammte aus den Ruinen von Glastonbury; Kelley verschenkte Goldringe für 4.000 Pfund; ein Stück einer Wärmpfanne wurde zu Silber.
Quelle/Tradition: Ashmole, Theatrum Chemicum Britannicum, 1652, S. 481 f. („allgemein berichtet“, „glaubwürdige Person“)
Kelley verlor am Pranger die Ohren und starb Ende 1597 nach einem Fluchtversuch aus Hněvín — durch Sturz, Gift oder einen Becher Wasser.
Quelle/Tradition: Weever 1631; Budek um 1604; Arthur Dee (Browne-Brief 1674); Ortsüberlieferung Český Krumlov — alle nach Nicholl 2001
Kelley hat wissentlich betrogen — oder er hat Gold gemacht. Beides ist nicht belegt: Es gibt kein Geständnis, keine Verurteilung wegen Betrugs und keine Probe des Goldes; die einzige Augenzeugenaussage stammt von einem Bewunderer.
Quelle/Tradition: Dyer nach Nicholl 2001; Edikt vom 02.05.1591 ohne Begründung; Schuldhaft 1596
BELEGT = wissenschaftlich oder amtlich nachprüfbar · ÜBERLIEFERT = historisch/traditionell dokumentiert · GELEBTE PRAXIS = verbreitete Anwendung, Erfahrungswerte · NICHT BELEGT = spirituelle Deutung, wissenschaftlich nicht nachgewiesen.
Třeboň, 19. Dezember 1586
Der Eintrag ist kurz, und er ist auf Latein, wie immer, wenn John Dee etwas festhält, das nicht jeder in seinem Haus lesen soll. Am 19. Tag des Dezembers „nach dem neuen Kalender“, schreibt er, habe E. K. — Edward Kelley — eine proiectio lapidis vorgenommen, eine „Projektion des Steins“: ein Körnchen von der Größe eines Sandkorns auf eine Unze und ein Viertel gewöhnlichen Quecksilbers. Herausgekommen sei optimi auri oz. fere, „fast eine Unze besten Goldes“. Das Gold, fügt Dee hinzu, hätten sie anschließend aus dem Tiegel geholt und verteilt; einen Teil habe man Edward Garland gegeben.
Garland war nicht irgendwer. Er war acht Tage zuvor in Třeboň eingetroffen, als Bote des Zaren von Moskau, der Dee ein Angebot machen ließ, in seine Dienste zu treten. Die Vorführung fand also vor einem Zeugen statt, der sie an einen Hof weitertragen würde. Dee vermerkt das ausdrücklich: Die Projektion sei geschehen, „um Edward Garland und seinem Bruder Francis eine Freude zu machen“.
Das Haus, in dem das geschah, gehörte Wilhelm von Rosenberg, dem mächtigsten Adligen Böhmens, der die beiden Engländer seit dem Herbst auf seinem Schloss in Třeboň beherbergte. Der Raum war ein Labor. Es gab dort eine Spirituslampe, Gläser, die man mit Büchern abstützte, damit sie nicht kippten, einen Tiegel, ein Kohlebecken und einen Stapel handgeschriebener Bücher über die Verwandlung der Metalle. Man weiß das so genau, weil ein Jahr später alles brannte — und Dee aufschrieb, was verloren ging.
Dies ist die Geschichte dieses Labors und des Mannes, der darin arbeitete — erzählt aus einem Tagebuch, den Briefen des englischen Schatzkanzlers, den Nachrichtenbriefen des Bankhauses Fugger und der Rechnung eines Burgverwalters für Brennholz und Wachsoldaten. Sie endet mit einem Becher Wasser.
Ein Apotheker aus Worcester
Edward Kelley wurde am 1. August 1555 in Worcester geboren, um vier Uhr nachmittags. Man weiß das, weil John Dee sein Horoskop berechnete und die Geburtsdaten in seinen Almanach schrieb; das Blatt liegt heute in der Bodleian Library in Oxford. Was davor liegt, ist dünn. Elias Ashmole, der Sammler, der im 17. Jahrhundert alles über Dee und Kelley zusammentrug, was er finden konnte, notierte eine Auskunft aus dritter Hand: Der Astrologe William Lilly habe von einem gewissen John Evans gehört, der Kelleys Schwester in Worcester gekannt habe; die habe ihm etwas von dem Gold gezeigt, das ihr Bruder gemacht habe, und Kelley sei „zuerst ein Apotheker in Worcester“ gewesen.
Ein Apotheker. Das passt zu allem, was später kommt: Wer in einer Apotheke gelernt hatte, kannte Destillation und Sublimation, das Abwiegen kleinster Mengen, den Umgang mit Quecksilber, Antimon und Vitriol. Alchemie war im 16. Jahrhundert ein Handwerk mit Werkstätten, Lieferanten und Fachliteratur — und Apotheker gehörten zu denen, die es beherrschten.
Die andere Spur ist dunkler. Der Antiquar John Weever schrieb 1631, Kelley, „sonst Talbot genannt“, habe „beide Ohren in Lancaster verloren“ — die Strafe für Fälscher am Pranger. Ein böhmischer Alchemist namens Simon Tadeáš Budek beschrieb ihn um 1604 als Mann „ohne Ohren“ mit langem Haar. Ein englischer Gesandter berichtete 1593 aus Prag, ein kaiserlicher Rat habe ihn nach „der Verstümmelung eines seiner Ohren“ gefragt. Drei Zeugnisse, keines aus erster Hand, uneins in der Zahl. Sicher ist nur, dass Kelley den Hut nicht abnahm, auch nicht zum Gebet — Dee hat sich darüber am 4. Mai 1582 beschwert.
Da hieß Kelley noch Talbot. Unter diesem Namen tauchte er im März 1582 in Dees Haus in Mortlake bei London auf, 26 Jahre alt, und bot an, in Dees Kristall zu schauen. Wie es weiterging, ist an anderer Stelle in diesem Magazin erzählt: sieben Jahre Engelsgespräche, eine diktierte Sprache, eine Reise nach Krakau und Prag. Hier geht es um die andere Hälfte dieser Partnerschaft, die in den Protokollen der Sitzungen kaum vorkommt und im Tagebuch umso mehr: das Labor.
Eines noch aus den ersten Wochen, weil es zeigt, wie das Tagebuch selbst zum Kampfplatz wurde. Neben einen Eintrag vom März 1582, in dem Dee etwas Unfreundliches über Talbot festhielt, hat jemand mit anderer Hand geschrieben, dies sei „eine schändliche Lüge“, Talbot habe sich „in nichts unehrlich gezeigt“. Darunter Dees Kommentar: Dies sei „Mr. Talbot oder jener gelehrte Mann, seine eigene Schrift in meinem Buch, sehr unrechtmäßig, wie er dazu kam“. Mehrere weitere Einträge über ihn sind ausradiert — wahrscheinlich, so der Herausgeber von 1842, von Kelley selbst.
Was ein Alchemist tat — das Labor
Um zu verstehen, was in Třeboň geschah, muss man das Bild vom Alchemisten korrigieren, das die Romantik hinterlassen hat: der Grübler, der aus Symbolen Gold zu lesen versucht. Der Wissenschaftshistoriker Lawrence Principe, der als Chemiker die Rezepte alter Alchemisten im Labor nachgekocht hat, beschreibt den Beruf nüchterner. Schon um das Jahr 300 listet Zosimos von Panopolis Geräte zum Destillieren, Sublimieren, Filtern und Fixieren auf, viele aus Küche und Parfümherstellung übernommen; das Wasserbad trägt bis heute den Namen einer Alchemistin, bain-marie, nach Maria der Jüdin. Alchemisten, so Principe, trugen zu Bergbau und Metallurgie bei, zu Pharmazie und Medizin. Sie arbeiteten nach Theorien, die ihre Versuche lenkten, und nach Beobachtungen, die ihre Theorien veränderten. Sie stocherten nicht blind herum.
Was sie tatsächlich taten, lässt sich in vier Verben zusammenfassen, die in Dees Tagebuch alle vorkommen: erhitzen, auflösen, destillieren, wägen. Und ein fünftes, das seltener war und alles entschied: projizieren — ein winziges Quantum des fertigen „Steins“ oder Pulvers auf ein geschmolzenes unedles Metall werfen, in der Hoffnung, dass es sich in Gold oder Silber verwandelt.
Das Tagebuch zeigt den Alltag dahinter. Am 19. November 1586 geht Dee „zum Glashaus“, der Glashütte der Rosenbergs, in der man die Kolben und Retorten blasen ließ, die ein Labor verbrauchte. Am 24. März 1588 vermerkt er: „Mr. K. legte das Glas in Mist.“ Das klingt seltsam und ist Routine: Ein Gefäß wurde in gärenden Pferdemist eingegraben, dessen gleichmäßige Wärme über Wochen eine „Digestion“ bewirken sollte, eine langsame Verdauung des Inhalts. Am 24. August 1588 schreibt Dee, er habe „das göttliche Wasser“ gesehen, „durch die Demonstration des großmächtigen Herrn und meines unvergleichlichen Freundes Edward Kelley, vormittags um drei“ — eine Vorführung im Morgengrauen, nach einer Nacht am Ofen. Und am 28. September 1587 die Buchhaltung: Dee übergibt Kelley „die Hälfte von allem animall, das gemacht wurde“, weil der es „ernstlich als seinen Anteil“ verlangt habe. Es soll zwanzig Unzen wiegen. Kelley wog es selbst in Dees Kammer, „er hat sich eigens Gewichte dafür gekauft“.
Man beachte, was in diesem Satz steht: zwei Männer, die ein Zwischenprodukt teilen wie Kompagnons eine Warenlieferung, und einer, der dem anderen so wenig traut, dass er seine eigene Waage mitbringt.
Der Brand vom 12. Dezember 1587
Am Nachmittag des 12. Dezember 1587 warf Kelleys Lampe um. Dee beschreibt den Hergang wie ein Sachverständiger: Der Weingeist in der Lampe sei „zu nahe aufgebraucht“ gewesen, das Glas nicht „mit Büchern abgestützt, wie es sonst üblich war“, und so sei es zur Seite gerutscht, der Spiritus ausgelaufen und habe „alles verbrannt, was auf dem Tisch stand, wo es stand: Leinen und geschriebene Bücher“.
Dann zählt er auf, was verbrannte. Das Buch des Zacharias mit dem Alkanor, das Dee selbst aus dem Französischen übersetzt hatte. Das dritte Buch eines gewissen Rowlaschy „über die philosophischen Wasser“. Das Buch Angelicum Opus, „ganz in Bildern, vom Anfang des Werks bis zu seinem Ende“. Die Abschrift der „Schlussfolgerungen über die Transmutation der Metalle“ eines Mannes aus Budweis. Und vierzig Blatt in Quart mit dem Titel Extractiones Dunstani, „die er selbst aus Dunstans Buch ausgezogen und notiert hatte“. Das Buch Dunstans selbst, fügt Dee hinzu, sei nur deshalb heil geblieben, weil es „auf das Bett gleich neben dem Tisch geworfen“ worden war.
Dieser Absatz ist die genaueste Beschreibung, die es von Kelleys Arbeitsplatz gibt, und er ist unabsichtlich entstanden: ein Tisch, auf dem Laborglas und Handschriften nebeneinanderliegen, Bücher als Gerätestützen, eine Spirituslampe für kleine Ansätze, Übersetzungen, Exzerpte, ein Bilderbuch des Werks. Und er nennt das Buch, um das sich Kelleys ganzer Ruf drehte: das „Buch Dunstans“, angeblich vom heiligen Dunstan, dem Erzbischof von Canterbury des 10. Jahrhunderts.
Woher es kam, ist die erste große Legende. Elias Ashmole schrieb 1652, es werde „allgemein berichtet“, Dee und Kelley hätten in den Ruinen der Abtei Glastonbury eine große Menge des Elixiers gefunden, so kräftig, dass ein Teil auf 272.330 Teile wirkte. Ashmole selbst nennt das eine Überlieferung, und Dees Tagebücher stützen sie nicht: Bei Dee kommt das rote Pulver ohne Glastonbury vor, und andere Überlieferungen nennen einen ganz anderen Fundort in England. Sicher ist nur, dass das Buch existierte, dass es am 12. Dezember 1587 auf einem Bett in Třeboň lag und dass Kelley vierzig Blatt Notizen daraus gezogen hatte. Was darin stand, weiß niemand. Es ist verschollen.
„Das große Geheimnis“: 10. Mai 1588
Der Winter 1587/88 ist der Tiefpunkt der Partnerschaft. Im April 1587 hatten die Gestalten im Stein — nach Kelleys Bericht — verlangt, die beiden Männer sollten ihre Frauen gemeinsam haben; Dee hat seine Qual und das Zittern seiner Frau Jane protokolliert und sich am Ende gefügt. Im April 1588 folgen Denunziationen durch den Italiener Francesco Pucci, eine „schreckliche und falsche Anschuldigung“, Rosenbergs Missfallen, Dees Rechtfertigungsbriefe. Und mitten hinein fällt ein Eintrag, der aus einem anderen Leben zu stammen scheint. 10. Mai 1588: „E. K. hat mir das große Geheimnis eröffnet, Gott sei gedankt!“ Neun Tage später, „um zehn Uhr, mit den nötigen Umständen“, offenbar die praktische Einweisung.
Was das Geheimnis war, schreibt Dee nicht. Er schreibt nie, was in den Gläsern ist. Aber die folgenden Monate zeigen, dass er glaubte, es zu besitzen. Am 4. Dezember 1588 gibt er Kelley seinen „Glass“, den Spiegel, „so hoch und lange geschätzt von unserer Königin und Kaiser Rudolf II.“, den er schon 1570 in seiner Vorrede zu Euklid beschrieben hatte. Zwei Wochen später erfährt er, Kelley habe den Spiegel an Rosenberg weitergegeben und Rosenberg an den Kaiser. Der Spiegel war zur Währung geworden.
Am 4. Februar 1589 dann die Abrechnung. Dee liefert an Kelley „das Pulver, die Bücher, das Glas und den Knochen, für den Herrn Rosenberg“ — und Kelley stellt ihm „darüber eine Quittung aus, von eigener Hand unterschrieben und gesiegelt“. Das Pulver ist das rote Pulver. Die Bücher sind die Handschriften. Das Glas ist wohl ein Laborgefäß mit Inhalt. Und der Knochen — niemand weiß, welcher. Am 16. Februar reitet Kelley nach Prag. Am 11. März bricht Dee mit Frau, Kindern und neun ungarischen Pferden vor drei Kutschen nach England auf. Die beiden sehen sich nie wieder.
Ashmole hat 1652 dazu Geschichten gesammelt, die zu schön sind, um wahr sein zu müssen. Eine „glaubwürdige Person“ habe ihm berichtet, Kelley habe bei der Hochzeit einer Dienstmagd Ringe aus dreifach gewundenem Golddraht verschenkt, „im Wert von 4.000 Pfund“ — „hochherzig, aber um die Wahrheit zu sagen: Er war offen verschwenderisch“. Dieselbe Person habe gehört, Kelley habe ein aus einer Wärmpfanne geschnittenes Stück ohne Berührung in Silber verwandelt; Pfanne und Stück seien an Königin Elisabeth gegangen, damit man das Stück in die Lücke einpassen könne. Ashmole nennt seine Quelle, und sie ist Hörensagen aus zweiter Hand. Über die Versuche in Třeboň selbst schreibt er ehrlicher: „Ich kann nicht hören, dass sie je etwas zustande gebracht hätten.“
Sehenswert: Dr. Justin Sledge (ESOTERICA) erklärt, wie Alchemie als Theorie und Laborpraxis funktionierte — Stoffe, Öfen, Verfahren. Das Video handelt nicht von Kelley; die Geschichte des Mannes, der diese Praxis einem Kaiser liefern musste, steht hier im Text.
Der Goldene Ritter
Kelley blieb in Böhmen, und er stieg. Im Juni 1589 empfing er auf Schloss Třeboň drei englische Besucher, darunter Dees Diener Edmund Hilton, und diktierte ihnen einen Bericht über eine Verschwörung gegen Königin Elisabeth, von der ihm ein Jesuit in einer Prager Herberge erzählt habe: sieben Wege, die Königin zu ermorden. Die Besucher unterschrieben als Zeugen, das Papier ging nach London, und Lord Burghley, der Schatzkanzler, vermerkte auf der Rückseite: „Gewisse Artikel über die Entdeckung eines Hochverrats, gemacht von Sir Edward Kelly, Baron von Böhmen“. Der Alchemist war zum Nachrichtenlieferanten geworden — und zum Adligen. Am 19. April 1590 adressiert Dee seine Briefe an „Sir Edward Kelley, Ritter, am Hof des Kaisers in Prag“. Kaiser Rudolf II. hatte ihn in den Ritterstand erhoben, als Eques auratus, Goldener Ritter, „von Imany“ — nach einem irischen Geschlecht, von dem Kelley abzustammen behauptete.
Charles Nicholl, der Kelleys böhmische Jahre 2001 aus den Prager Archiven rekonstruiert hat, zitiert einen Brief Kelleys vom Juli 1590, in dem der sich als Besitzer von Erbgütern „mit 1.500 Pfund jährlichem Ertrag“ beschreibt, aufgenommen in den zweiten Stand des Königreichs und eingeladen in den Geheimen Rat des Kaisers. Rosenberg hatte ihm Güter übertragen, darunter Nová Libeň bei der Goldgräberstadt Jílové südlich von Prag. Kelley hatte ein Haus in der Prager Neustadt, im Viertel Na Slovanech — dort, wo die Legende später das „Faust-Haus“ am Karlsplatz ansiedelte, das mit ihm in keiner Urkunde verbunden ist.
Und England wollte ihn zurück. Sir Edward Dyer, Dichter und Diplomat, reiste nach Prag, um ihn zu holen. Dyer hat nach eigener Aussage eine Transmutation mit angesehen und später erklärt, er sei „Augenzeuge davon, und hätte ich es nicht gesehen, ich hätte es nicht geglaubt“: Er habe Kelley das unedle Metall in den Tiegel geben sehen, dann „eine sehr kleine Menge der Medizin“, umgerührt „mit einem Holzstab“, und heraus sei „in großem Verhältnis vollkommenes Gold“ gekommen, „zur Berührung, zum Hammer, zur Probe“. Das ist die Aussage eines Mannes, der Kelley bewunderte, und man muss sie so lesen. Aber sie ist dokumentiert, und sie beschreibt exakt, was eine „Projektion“ war.
Im Mai 1591 schrieb Burghley selbst, zweimal, mit eigener Hand. Die Briefe sind erhalten, weil John Strype sie 1737 in den Anhang seiner Kirchengeschichte druckte. Der erste bittet um „irgendein Rezept“ gegen die Gicht, „meinen alten Feind“. Der zweite ist ein Dokument des Staatsinteresses:
„Guter Ritter, so lasst mich meinen Brief mit Gottes heiligem Namen beenden: Bei dem beschwöre ich Euch, Gottes Gaben nicht Eurem natürlichen Land vorzuenthalten, sondern vielmehr zu helfen, Ihre Majestät zu einer glorreichen und siegreichen Fürstin zu machen gegen die Bosheit ihrer und Gottes Feinde. […] Und nun lasst keine Zeit mehr verstreichen und verloren gehen; bedenkt, dass wir alle sterblich sind — Ihr, der Urheber dessen sein solltet, und diese edle Königin, die es empfangen sollte.“
William Cecil, Lord Burghley, an Sir Edward Kelley, Mai 1591 (eigenhändig; gedruckt bei Strype, Annals of the Reformation, Bd. IV, Anhang Nr. III). Im selben Brief hält Burghley fest, was „einige, die böswillig gesinnt sind“, sagten: Kelley sei „ein Betrüger mit seinen Sophistereien, wie schon viele vor ihm, hier und in anderen Ländern, überführt worden sind“ — und er fürchte, in England ebenso überführt zu werden. Burghley selbst schreibt, er sei von Kelleys Fähigkeit „überzeugt“.
Der mächtigste Minister Englands schreibt einem Apothekergesellen aus Worcester, die Sicherheit der Königin könne von seinen Gaben abhängen, und erwähnt im selben Brief, dass ihn Leute in London für einen Betrüger halten. Er hat beides gehört und sich entschieden, zu hoffen. Kelley kam nicht. Als Burghley den Brief siegelte — der Tag im Mai ist im Druck offen geblieben —, saß er wahrscheinlich schon im Kerker.
Soběslav, 3. Mai 1591
Man muss den Kalender dieses Frühjahrs ansehen. Am 26. April 1591 wurde in München Marco Bragadino enthauptet, ein Venezianer, der dem Herzog von Bayern die Goldmacherei versprochen und Fürsten zwischen Florenz und Venedig Zehntausende gekostet hatte. Ein Jahr zuvor hatte Dee in Mortlake von einem Rückkehrer „von dem venezianischen Philosophen und der Güte seines Goldes“ gehört. Nun war der venezianische Philosoph tot. Und am 2. Mai 1591, einem Donnerstag, dem Tag des heiligen Sigismund, unterzeichnete Rudolf II. auf der Prager Burg ein Edikt, das Kelley zum Verbrecher und Flüchtigen erklärte.
Warum, sagt keine Quelle. Nicholl, der die Akten durchgesehen hat, kommt zu dem Schluss, dass es damals schon niemand wusste: Schulden, politischer Verdacht, ein Duell, Hofintrigen — alles wurde erzählt, nichts wurde festgestellt. Die Enzyklopädie der Stadt Český Krumlov, der Residenz der Rosenbergs, nennt bis heute ein Duell mit einem Beamten namens Jiří Hunkler. Belegt ist der Ablauf, nicht der Grund.
Den Ablauf kennt man aus einer unbezahlten Rechnung. Rudolfs Quartiermeister Gregor Böul, der den Zugriff leitete, wartete sechs Jahre später noch auf seine Spesen und legte 1597 eine detaillierte Beschwerde vor. Danach erschienen am Mittag des 30. April Beamte und Soldaten mit Ketten und Folterwerkzeug vor Kelleys Haus und fanden ihn nicht — er war in der Nacht davor verschwunden, „so heimlich, dass seine eigene Familie nichts davon wusste“. Sie stießen Hellebarden durch die Betten, verhafteten die Dienerschaft und ließen das Labor versiegeln, samt allen „Elixieren“. Böul folgte ihm mit 25 Mann in vier Wagen nach Süden, Richtung Rosenberg-Land. Am 3. Mai fand er ihn in Soběslav, einem Städtchen an der Straße nach Třeboň.
Wie genau, darüber gibt es zwei Versionen, beide dokumentiert. Der Prager Korrespondent der Fugger schrieb am 8. Mai, Kelley sei festgehalten worden, „gerade als er sich vor dem Posthaus frische Pferde an seine Kutsche spannen ließ. Er war nicht willens, die Verhaftung zu erdulden.“ Ein englischer Agent berichtete dagegen, Kelley habe nach dem Essen ahnungslos auf einem Bett geschlafen, als die Wache eintrat, ihm „mit einem Messer das Wams aufschnitt“ und erklärte, sie solle ihn zurückbringen, „tot oder lebendig, was ihnen gleich sei“. Rosenbergs Sekretär Václav Březan notierte in den Annalen des Hauses knapp, „Eduardus Kelleus, der betrügerische Alchemist“, sei aus Prag geflohen und in Soběslav gefasst worden. So sprach das Haus seines Patrons über ihn.
Am 6. Mai 1591, mittags, wurde Kelley dem Burghauptmann von Křivoklát übergeben, deutsch Pürglitz, einer Burg auf einem Felsen über der Rakovnický, fünfzig Kilometer westlich von Prag. Die Fugger-Korrespondenz — die Nachrichtenbriefe, mit denen sich das Augsburger Bankhaus aus allen Höfen Europas berichten ließ — verfolgt ihn dorthin. 8. Mai: „Man ließ ihm nicht einmal ein Brotmesser, alles wurde ihm abgenommen.“ 14. Mai: Der englische Alchemist sei „in tiefster Verzweiflung“ und verweigere die Nahrung, „sodass man fürchtete, er könnte sterben“; der Kaiser habe einen Arzt und einen Hofrat geschickt, um ihn zu untersuchen, und weitere Beamte „mit dem Befehl, Auskünfte notfalls durch Folter zu erlangen“. Peter Vok von Rosenberg, der Bruder des Patrons, sei nach Prag gekommen, um die Gründe der Anklage zu erfahren, „hat aber bisher nichts erreichen können“; „die Gegenpartei sei zu stark“. 2. Juli: Kelley sei eingemauert, „er soll keine Luft haben als die, die durch ein Loch kommt, durch das er sein Essen Stück für Stück greifen kann. Man fürchtet, dass es ihm ergehen wird wie dem Alchemisten in München.“
Derselbe Brief nennt eine Zahl, die man mit Vorsicht lesen muss, weil sie aus einem Nachrichtenbrief stammt und nicht aus einer Rechnung: Rosenbergs Konten hätten ergeben, dass „der Engländer ihn über dreihunderttausend Gulden gekostet“ habe. Was aus den Akten stammt, ist kleiner und härter: eine Geldstrafe von 15.000 Talern, die Beschlagnahme der Güter in Nová Libeň im Herbst 1591, kaiserliche Verwalter auf seinem Hof ab Januar 1592. Und eine Bittschrift seiner Frau Joan, ihr Mann müsse „Stücke alten Kuhfleischs“ essen und sie habe nicht genug Geld, „ihre Schüssel flicken zu lassen“. 1592 starb Wilhelm von Rosenberg. Damit war der letzte Fürsprecher tot.
Zwei Jahre, fünf Monate — und ein Teich voller Fische
Kelley blieb bis zum Oktober 1593 auf Křivoklát. Dee notiert in Mortlake unter dem 4. Oktober: „Sir Edward Keley vom Kaiser in Freiheit gesetzt.“ Ein Engländer, der ihn kurz darauf auf Nová Libeň besuchte, schrieb nach Hause, Seine Gnaden habe ihn „sehr höflich empfangen“, er habe bei jedem Mahl an seiner Tafel sitzen müssen, und Kelley habe einen Teich abfischen lassen und ihm „einen guten Vorrat Fische“ mitgegeben. Es ist eines der wenigen Bilder, in denen Kelley nicht als Alchemist, Seher oder Angeklagter vorkommt, sondern als Gutsherr.
Die Geldstrafe stand weiter offen. Nicholl hat die Schuldscheine gefunden: 1.100 Taler von einem Prager Brauer im Dezember 1594, 3.380 Taler von einem schlesischen Adligen zwei Wochen später, eine Schneiderrechnung über dreißig Schock, die Kelley nicht bezahlen konnte. Und doch fand er zurück an den Hof. Am 12. August 1595 erhält Dee in Mortlake „Sir Edward Kellys Briefe vom Kaiser, die mich wieder in seinen Dienst einladen“. Am 25. November 1595 dann: „die Nachricht, dass Sir Edward Kelley erschlagen wurde“. Die Nachricht war falsch. Aber sie hielt sich in England so hartnäckig, dass Kelleys Todesjahr in älteren Biografien mit 1595 angegeben wird.
Hněvín, 1596–1597
Was 1596 geschah, ist wieder aus einer Rechnung bekannt. Der Verwalter der Burg Hněvín über der nordböhmischen Stadt Most, deutsch Brüx, stellte dem Hof Auslagen in Rechnung: Brennholz und Verpflegung für den Gefangenen Kelley, einen Diener, eine Wache von vier Soldaten, insgesamt 334 Schock. Der Abrechnungszeitraum lief vom 7. November 1596 bis zum 1. November 1597. Kelley war Ende 1596 auf Nová Libeň zum zweiten Mal verhaftet worden; die Güter wurden verkauft, um Schulden zu decken, unter Wert, wie Nicholl nachweist. Ein Haus mit Brauerei in Jílové, das auf den Namen seiner Frau lief, wurde ihr für 900 Schock abgenommen. Sie und ihre Tochter Elizabeth, damals fünfzehn, prozessierten jahrelang um die Rückgabe.
Auf Hněvín schrieb Kelley. Zwei Abhandlungen über den Stein der Weisen, 1676 in Hamburg gedruckt, entstanden dort, und sie beginnen mit einem Widmungsbrief an den Kaiser, der ihn gefangen hielt:
„Obwohl ich nun schon zweimal in Böhmen Ketten und Gefangenschaft erlitten habe — eine Schmach, die mir in keinem anderen Teil der Welt angetan wurde —, hat mein Geist, der ungebunden blieb, sich die ganze Zeit in jener Philosophie geübt, die nur von den Bösen und Törichten verachtet wird. […] Es war immer und wird immer die Art der Menschen sein, Barabbas freizulassen und Christus zu kreuzigen. Das habe ich — zu meinem Besten, ohne Zweifel — an mir selbst erfahren.“
Edward Kelley, Widmung an Rudolf II., De Lapide Philosophorum, geschrieben in Haft, gedruckt Hamburg 1676; hier nach der englischen Übersetzung von A. E. Waite, London 1893.
Das ist ein Mann, der sich als Märtyrer der Wahrheit sieht, und er sagt dem Kaiser ins Gesicht, der werde „Geld, Zeit, Arbeit und Hoffnung völlig vergeuden“, wenn er die Lehre des Traktats verwerfe. Zugleich liegt in der Prager Nationalmuseumsbibliothek eine deutsche Abschrift der böhmischen Landesordnung, deren Schlussvermerk sie „Herrn Edwardo Kelleo von Imanii“ und einem zweiten Schreiber zuschreibt, datiert „Brüxer Schloss, 22. Mai 1597“. Ein Teil davon ist in Kelleys Hand. Der Goldmacher des Kaisers kopierte im Kerker Gesetzestexte — vielleicht für den Prozess um seine Güter, vielleicht gegen die Leere.
Wie er starb, ist die zweite große Legende, und sie hat vier Fassungen. Die älteste stammt von Budek, dem böhmischen Alchemisten, der sich als „Sucher“ des Kaisers nach Schätzen und Metallen bezeichnete und Kelley wahrscheinlich gekannt hat. Um 1604 schrieb er: Kelley habe auf Schloss Most gesessen, „mit seinem Holzbein, seinen fehlenden Ohren und seinem langen Haar“, getrennt von Frau und Tochter. Zur Weihnachtszeit 1597 sei er aus seinem Gefängnis geklettert, unten habe sein Bruder mit einem Wagen gewartet; er sei aber in den Graben gestürzt und habe sich das andere Bein dreifach gebrochen. Man habe ihn zurückgebracht, er habe darum gebeten, Frau und Tochter sehen zu dürfen, was gewährt wurde. Er habe „Englisch mit seiner Frau gesprochen und Flämisch und Latein mit seiner Tochter“. Dann habe er um Wasser gebeten, „und er trank das Wasser und starb“.
Weever schrieb 1631, Kelley sei von den Zinnen gestürzt und „eine Weile danach“ gestorben; er verlegte die Szene nach Prag. Arthur Dee, Johns Sohn, erzählte Jahrzehnte später, Kelley habe beim Fluchtversuch „die Mauer hinab“ das Bein gebrochen und den Wächtern Opium in den Trank gegeben. Und die tschechische Ortsüberlieferung, wie die Stadt Český Krumlov sie heute wiedergibt, sagt, Kelley habe sich vor Frau und Tochter selbst vergiftet. Das Wasser, das er in Budeks Bericht trinkt, lässt beides zu. Der wahrscheinlichste Todeszeitpunkt liegt, so Nicholl, im November oder Dezember 1597. Kelley war 42.
Das Grab ist verloren, und mehr als das. Die Altstadt von Most wurde in den 1960er-Jahren abgerissen, um die Braunkohle darunter zu fördern; der Friedhof, in dem Kelley gelegen haben könnte, ist heute Tagebau. Die Burg Hněvín wurde 1651 geschleift; was dort steht, ist ein Nachbau des 20. Jahrhunderts auf altem Fundament.
Wusste Dee, was Kelley tat?
Bleibt die Frage, mit der man diese Geschichte gewöhnlich beginnt, und die sich erst am Ende stellen lässt: Hat Kelley Gold gemacht?
Die Antwort der Chemie ist eindeutig und steht außerhalb jeder Quellenkritik. Gold ist ein Element. Kein Pulver, keine Tinktur und kein Ofen verwandelt Quecksilber oder Blei chemisch in Gold; das gelingt erst der Kernphysik, in Beschleunigern, in Mengen, die man nicht sieht. Was immer am 19. Dezember 1586 im Tiegel war, es war kein neu entstandenes Gold.
Aber das erledigt die historische Frage nicht, sondern schärft sie. Denn dann muss man erklären, wie ein Mann, dessen Fähigkeiten Dyer, Dee, Rosenberg, Burghley und ein Kaiser für echt hielten, seine Vorführungen bestritt. Dafür gibt es zwei Erklärungen, und für keine ein Geständnis. Die erste ist die des Betrugs: Gold im Rührstab, Gold im doppelten Tiegelboden, Gold, das im „Pulver“ schon enthalten war — Burghley selbst nennt die „Sophistereien“, für die schon „viele überführt“ worden seien. Die zweite ist die der Selbsttäuschung: Principe hat gezeigt, dass alchemistische Rezepte oft nur mit einer verschwiegenen oder unerkannten Zutat funktionieren — Salz im unreinen Salpeter, Metallspuren im Erz — und dass Alchemisten ihre Beobachtungen ernst nahmen. Ein Apotheker, der Legierungen färben, Silber aus Bleiglanz scheiden und Quecksilber „fixieren“ konnte, sah Verwandlungen jeden Tag mit eigenen Augen. Von dort bis zur Überzeugung, den letzten Schritt gefunden zu haben, ist es nicht weit.
Was die Quellen hergeben, ist die Verteilung der Lasten. Kelley wurde nie wegen Betrugs verurteilt; das Edikt von 1591 nennt keinen Grund, und die Haft in Most war eine Schuldhaft. Dass Rosenbergs Sekretär ihn einen Betrüger nannte und Londoner Stimmen ebenso, ist dokumentiert — als Meinung. Dass Dyer eine Projektion sah, ist dokumentiert — als Aussage eines Bewunderers. Dass Dee am 10. Mai 1588 glaubte, das Geheimnis zu kennen, ist dokumentiert — in seiner eigenen Hand. Und dass er noch 1595 dem Kaiser folgen wollte, als Kelley ihn rief, steht im selben Tagebuch, in dem er dreizehn Jahre zuvor über den ausradierten Eintrag geschrieben hatte, wer da in seinem Buch geschrieben habe. Dee hat Kelley von Anfang an misstraut und ihm bis zum Ende geglaubt. Beides steht da. Dieses Magazin hängt niemandem, auch keinem Toten, ohne Beleg einen Betrug an; es bleibt bei dem, was Rechnungen, Briefe und Tagebücher sagen.
Der Zeitstrahl
Was belegt ist — und was nicht
BELEGT: Edward Kelley (1555–1597) arbeitete zwischen 1586 und 1589 in Třeboň in einem Labor, dessen Geräte, Bücher und Unfälle John Dee in seinem Tagebuch festhielt; die Einträge über die „Projektion“ vom 19. Dezember 1586 und das „große Geheimnis“ vom 10. Mai 1588 stehen in Dees Hand.
BELEGT: Kelley wurde von Rudolf II. zum Ritter erhoben, von Lord Burghley 1591 schriftlich nach England geworben, im Mai 1591 verhaftet, bis Oktober 1593 auf Křivoklát und ab November 1596 auf Hněvín gefangen gehalten, wo er die Traktate schrieb, die 1676 gedruckt wurden.
BELEGT: Kein chemischer Prozess erzeugt Gold aus unedlen Metallen. Was im Tiegel war, war kein neu entstandenes Gold.
UEBERLIEFERT: Das Pulver aus Glastonbury, die Ringe für 4.000 Pfund, die Wärmpfanne, die abgeschnittenen Ohren, das Holzbein, der Sturz von der Mauer und der Becher Wasser — Erzählungen des 17. Jahrhunderts, teils aus zweiter und dritter Hand, teils einander widersprechend.
NICHT_BELEGT: Dass Kelley wissentlich betrog. Er wurde nie deswegen verurteilt; das Edikt von 1591 nennt keinen Grund, die zweite Haft war Schuldhaft. Die Vorwürfe von Zeitgenossen sind als Meinungen dokumentiert, nicht als Befund.
NICHT_BELEGT: Dass er Gold machte. Die einzige Augenzeugenaussage stammt von einem Bewunderer, die Tagebucheinträge von einem Partner, der glauben wollte.
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Passend zu diesem Artikel Alchemie & Mystik · TASCHEN Das Angelicum Opus, das 1587 in Třeboň verbrannte, war „ganz in Bildern, vom Anfang des Werks bis zu seinem Ende“. Dieses Kompendium versammelt die Bilderwelt, in der Kelley und Dee dachten — Handschriften, Drucke und Tafeln vom Mittelalter bis zur Romantik, mit Erläuterungen. Ein Bildband zum Nachschlagen, kein Rezeptbuch. Ansehen – 20,00 € |
Die offene Frage
Am Ende bleibt ein Bild, das sich nicht auflösen lässt: zwei Männer in einem Raum in Südböhmen, im Dezember, ein Bote aus Moskau daneben, ein Tiegel im Kohlebecken, ein Korn rotes Pulver. Einer der beiden schreibt hinterher auf Latein auf, was er gesehen hat, und er schreibt es so, wie man etwas aufschreibt, das man für wahr hält. Vier Jahre später wirbt der Schatzkanzler Englands um den anderen und nennt im selben Brief das Wort Betrüger. Ein Kaiser adelt ihn, kerkert ihn ein, lässt ihn frei, kerkert ihn wieder ein — und nirgends steht, warum.
Man kann heute sagen, was im Tiegel nicht war. Man kann nicht sagen, was Kelley glaubte, als er das Pulver hineinwarf. Ob er wusste, dass er täuschte, ob er sich selbst täuschte, ob es im Handwerk des 16. Jahrhunderts überhaupt eine scharfe Grenze zwischen beidem gab — dazu schweigen die Rechnungen, die Briefe und das Tagebuch. Das Buch Dunstans, das die Antwort enthalten haben könnte, hat den Brand vom 12. Dezember 1587 überstanden, weil es auf dem Bett lag. Dann verschwand es. Niemand hat es seither gesehen.
Häufige Fragen
Was ist ein Alchemist — und was tat er wirklich?
Ein Alchemist des 16. Jahrhunderts war in der Praxis ein Laborhandwerker: Er destillierte, sublimierte, löste Metalle in Säuren, scheidete Silber aus Erzen, färbte Legierungen, stellte Arzneien her — und suchte nebenbei den „Stein“, der unedle Metalle in Gold verwandeln sollte. Dees Tagebuch zeigt genau diesen Alltag: Glashütte, Spirituslampe, Mistbad, Waage. Die spirituelle Deutung der Alchemie als innere Wandlung ist eine spätere Lesart; sie hat einen eigenen Artikel in diesem Magazin.
Hat Edward Kelley wirklich Gold gemacht?
Nein — chemisch ist das unmöglich, Gold ist ein Element. Was belegt ist: John Dee notierte am 19. Dezember 1586, Kelley habe vor Zeugen „fast eine Unze besten Goldes“ erzeugt, und Sir Edward Dyer erklärte, er habe eine solche Vorführung gesehen. Wie die Vorführungen zustande kamen — durch Täuschung oder durch Selbsttäuschung über eine unerkannte Zutat —, ist nicht dokumentiert. Ein Geständnis gibt es nicht.
Warum ließ Rudolf II. Kelley verhaften?
Das Edikt vom 2. Mai 1591 nennt keinen Grund, und die Fugger-Korrespondenten schrieben aus Prag, „es scheint etwas dahinterzustecken, wir wissen noch nicht, was“. Zeitgenossen nannten Schulden, ein Duell, politischen Verdacht und Hofintrigen; die Stadt Český Krumlov überliefert ein Duell mit einem Beamten namens Hunkler. Belegt ist der Ablauf der Verhaftung, nicht ihr Anlass.
Wie ist Edward Kelley gestorben?
Wahrscheinlich im November oder Dezember 1597 auf der Burg Hněvín über Most, wo er seit November 1596 in Schuldhaft saß. Die älteste Schilderung (Budek, um 1604) berichtet von einem Fluchtversuch, einem Sturz in den Graben, einem gebrochenen Bein, einem letzten Gespräch mit Frau und Tochter und einem Becher Wasser. Andere Fassungen sprechen von einem Sturz von den Zinnen oder von Gift. Das Grab ist verloren; die Altstadt von Most wurde in den 1960er-Jahren für den Braunkohletagebau abgerissen.
War Edward Kelley ein Betrüger?
Er wurde nie deswegen verurteilt. Dass Rosenbergs Sekretär ihn „den betrügerischen Alchemisten“ nannte und Lord Burghley von Londoner Stimmen berichtete, die ihn für einen „Betrüger mit Sophistereien“ hielten, ist dokumentiert — als Meinung. Dee, der ihn sieben Jahre täglich sah, misstraute ihm 1582 und glaubte ihm 1588. Dieses Magazin führt die Betrugsthese als NICHT_BELEGT.
Wo kann ich die Quellen selbst lesen?
Dees privates Tagebuch (Halliwell 1842) liegt vollständig im Internet Archive und bei Project Gutenberg; Burghleys Briefe stehen im Anhang von Strypes Annals of the Reformation, Band IV; die Fugger-Nachrichtenbriefe in der Übersetzung von 1924/26; Kelleys Traktate in Waites Übersetzung von 1893. Alle Links unten.
Quellen & Weiterlesen
- John Dee, hrsg. von James Orchard Halliwell: The Private Diary of Dr. John Dee, Camden Society, London 1842 — vollständiges Digitalisat im Internet Archive (auch bei Project Gutenberg). Darin die Einträge zum Glashaus (19.11.1586), zur Projektion (19.12.1586), zum „animall“ (28.09.1587), zum Brand (12.12.1587), zum Mistbad (24.03.1588), zum „großen Geheimnis“ (10.05.1588), zur Übergabe gegen Quittung (04.02.1589), zur Freilassung (04.10.1593) und zur falschen Todesnachricht (25.11.1595); in den Fußnoten Halliwells die Notizen Ashmoles zu Kelleys Geburt und zum Apotheker aus Worcester.
- John Strype: Annals of the Reformation and Establishment of Religion, Bd. IV, Oxford 1824 (Erstdruck 1737), Anhang Nr. I–III — Kelleys Bericht vom Juni 1589 und die beiden Briefe Lord Burghleys an Kelley vom Mai 1591.
- Victor von Klarwill (Hrsg.): The Fugger News-Letters, First Series, London 1924, Nr. 129 und 132 (Prag, 14. Mai und 2. Juli 1591); Second Series, London 1926, Nr. 421, 423, 427 (Prag, 8. und 21. Mai, 30. Juni 1591).
- Charles Nicholl: The Last Years of Edward Kelley, Alchemist to the Emperor, London Review of Books 23/8, 19. April 2001 — Rekonstruktion der böhmischen Jahre aus Prager Archiven: Böuls Spesenbericht, Webbes Bericht, Březans Annalen, die Schuldscheine, die Verwalterrechnung von Hněvín, Budeks Schilderung des Todes, Dyers Aussage.
- Elias Ashmole: Theatrum Chemicum Britannicum, London 1652, Anmerkungen S. 481 f. — Glastonbury-Legende, Ringe, Wärmpfanne, und der Satz, er könne nicht hören, dass in Třeboň je etwas zustande gekommen sei.
- Edward Kelley, übers. von Arthur Edward Waite: The Alchemical Writings of Edward Kelly, London 1893 — The Stone of the Philosophers mit der Widmung an Rudolf II. (Erstdruck: Tractatus duo egregii de lapide philosophorum, Hamburg 1676).
- Lawrence M. Principe: The Secrets of Alchemy, Auszüge in Distillations (Science History Institute), 2013 — Laborpraxis von Zosimos bis zur Frühen Neuzeit, das Problem der „verborgenen Zutat“; Buch: Chicago 2013.
- Meric Casaubon (Hrsg.): A True & Faithful Relation, London 1659 — Dees Sitzungsprotokolle 1583–1589, für die Prager und Třeboňer Jahre.
- Weiterlesen im Magazin: Henochische Sprache: Die Engelssprache, die 1584 rückwärts diktiert wurde · Der Alchemist: Spirituelle Bedeutung, Archetyp und innere Wandlung · Einführung in okkulte Systeme · Die esoterischen Bände von TASCHEN
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