Goldmacher am vergoldeten Galgen: Was mit Alchemisten geschah, die kein Gold liefern konnten
Am 2. April 1597, zwischen neun und zehn Uhr, wird vor den Toren Stuttgarts ein Mann in einem golden glänzenden Kleid an einem Galgen aus Eisen gehängt — aus genau dem Eisen, das er in Gold verwandeln sollte. Sechs Jahre zuvor hatte München seinen Goldmacher enthauptet, neun Jahre später hängt Stuttgart den nächsten. Was mit Goldmachern geschah, die nicht liefern konnten, steht in Flugblättern, Chroniken und Verhörprotokollen — und erzählt weniger von Magie als von Verträgen.
Am 2. April 1597, zwischen neun und zehn Uhr am Vormittag, wird vor den Toren Stuttgarts ein Mann in einem golden glänzenden Kleid an einem Galgen aus Eisen gehängt. Das Eisen wiegt 36 Zentner und 18 Pfund. Es ist genau das Eisen, das er in Gold verwandeln sollte. Sechs Jahre zuvor hatte München seinen Goldmacher enthauptet, neun Jahre später hängt Stuttgart den nächsten. Was mit Goldmachern geschah, die nicht liefern konnten, ist in Flugblättern, Chroniken und Verhörprotokollen festgehalten — und es erzählt weniger von Magie als von Verträgen.
Inhalt
Goldmacher waren Alchemisten, die einem Fürsten vertraglich eine bestimmte Menge Gold aus einer bestimmten Menge Rohmaterial versprachen — und wer nicht lieferte, wurde nicht als Zauberer, sondern als Betrüger verurteilt. Georg Honauer wurde am 2. April 1597 in Stuttgart an einem eisernen Galgen aus den 36 Zentnern Mömpelgarder Eisen gehängt, die er in Gold verwandeln sollte, in einem Kleid aus Rauschgold; ob der Galgen selbst vergoldet oder rot gestrichen war, sagen Flugblatt (1597) und Stadtchronik (1845) verschieden. Marco Bragadino wurde am 26. April 1591 in München enthauptet, neben einem Galgen mit vergoldeter Schlinge, der nur als Zeichen stand. Hans Heinrich Müller von Mühlenfels, der 1606 am selben Stuttgarter Galgen starb, hat im Verhör beschrieben, wie er Proben mit einem zweiten Schlüssel und einem mit Filz ausgeschlagenen Versteckkasten fälschte. Ob Herzog Friedrich von Württemberg selbst die Gefangennahme des Alchemisten Sendivogius betrieb, lässt sich aus den Akten nicht klären.
Georg Honauer (1572–1597) wurde am 2. April 1597 zwischen 9 und 10 Uhr in Stuttgart an einem eisernen Galgen aus 36 Zentnern und 18 Pfund Mömpelgarder Eisen gehängt, in einem golden glänzenden Kleid.
Quelle/Tradition: Flugblatt 1597 (Kunstmuseum Moritzburg Halle); Pfaff, Geschichte der Stadt Stuttgart, 1845, S. 155 f.; Murr 1805
Honauer versprach 800 Dukaten Gold aus 100 Pfund Eisen; vereinbart wurden 36.000 Dukaten monatlich; die Akten nennen Salpeter, Blei und weitere Reagenzien in großen Mengen sowie eine eigenhändige Laborordnung des Herzogs.
Quelle/Tradition: Akten HStA Stuttgart A 47 (Findbuch-Regesten), referiert nach Nummedal 2007 / Science History Institute — belegt ist der Vertrag, nicht das Gold
Herzog Friedrich ließ im Dezember 1596 ein Schreiben an den geflohenen Honauer entwerfen, er habe dessen Kunst nie bezweifelt und begehre seine Rückkehr.
Quelle/Tradition: Konzept vom 18.12.1596, HStA Stuttgart A 47 Bü 1/10 (Findbuch)
Marco Bragadino wurde am 26. April 1591 auf dem Münchner Weinmarkt wegen Betrugs enthauptet; ein rot gestrichener Galgen mit vergoldeter Schlinge stand daneben als Zeichen des Urteils.
Quelle/Tradition: Striedinger, Der Goldmacher Marco Bragadino, 1928 (Archivstudie), referiert durch das Residenzmuseum München 2021
Hans Heinrich Müller von Mühlenfels wurde am 30. Juni 1606 in Stuttgart wegen Betrugs, Verrats und Meineids gehängt; sein Geständnis vom 26. Juni beschreibt einen zweiten Schlüssel, ein Quecksilberpräparat als Tinktur und einen mit Filz ausgeschlagenen Versteckkasten.
Quelle/Tradition: Urgicht ex originali bei Murr 1805, S. 54 ff. (Aussage unter Folter, danach ohne Folter bestätigt); NDB 18 (1997), S. 424 f.
Kein chemischer Prozess erzeugt Gold aus Eisen oder Quecksilber; was die Proben bestanden, war eingeschmuggeltes Gold oder eine Legierung.
Quelle/Tradition: Elementarchemie; Bragadinos Geständnis (destrezza di mano) und Mühlenfels' Urgicht
Der Stuttgarter Galgen war vergoldet.
Quelle/Tradition: Flugblatt 1597 und Murr 1805 sagen vergoldet; Pfaff 1845 nach Archivalien: rot angestrichen — die Quellen widersprechen sich
Bragadino wurde 1590 an einem vergoldeten Galgen in einem Flittergewand gehängt.
Quelle/Tradition: Herausgeber-Anmerkung der Fugger-Zeitungen-Ausgabe 1924 — Jahr, Todesart und Galgen sind eine Verwechslung mit Honauer 1597
Herzog Friedrich selbst ließ Sendivogius 1605 festsetzen, um ihm den Stein der Weisen abzupressen.
Quelle/Tradition: Vermutung in der Literatur; NDB 1997: lässt sich aus den erhaltenen Akten nicht erhellen
BELEGT = wissenschaftlich oder amtlich nachprüfbar · ÜBERLIEFERT = historisch/traditionell dokumentiert · GELEBTE PRAXIS = verbreitete Anwendung, Erfahrungswerte · NICHT BELEGT = spirituelle Deutung, wissenschaftlich nicht nachgewiesen.
Wolframshalde, 2. April 1597
Das Flugblatt nennt die Stunde. „Erhöhet den 2 Aprilis Anno 1597 zwischen 9 vnd 10 vhren“, steht klein neben der Zeichnung, und die Zeichnung zeigt ein Gerüst, wie es keine Stadt im Reich zuvor gesehen hat: ein Galgen aus Eisenstangen, verstrebt wie ein Turm, auf einem steinernen Sockel, mit Kugeln auf den Pfosten, Ketten, die vom Querbalken hängen, und ganz oben eine Lilie aus Schmiedeeisen. Daran, mit gefesselten Händen und einem Federhut, ein Mann in einem bestickten Wams. Rechts daneben, in einem ovalen Rahmen, dasselbe Gesicht noch einmal, lebend, mit Schnurrbart und Halskrause, und die Umschrift: Iorg Honaver Herr zv Brvnhoff vnd Grobeschitz, Anno MDXCVII, æt. XXIIII. Georg Honauer, angeblich Herr zu Brunhoff und Grobschütz, im Jahr 1597, 24 Jahre alt.
Das Blatt ist heute in mindestens zwei Sammlungen erhalten, im Kunstmuseum Moritzburg in Halle und im Deutschen Apotheken-Museum in Heidelberg, und es war für ein großes Publikum gedacht. Unter dem Bild stehen 32 Knittelverse, die dem Leser erklären, wen er da hängen sieht: einen „Bosswicht wolbekant“ aus dem Mährenland, der vorgab, „aus Eisen klar und lauter Gold“ zu machen, der „ettlich Fürsten und sunst Herrn“ getäuscht habe, dem Herzog entkommen sei, für 300 Rheinische Gulden Belohnung wieder eingefangen wurde und nun „in einem gantz vergulten Kleidt“ hänge. Hundertachtzig Mann zu Ross, heißt es, hätten ihm das Geleit gegeben, dazu „des gmeinen Volcks ein großer Troß“.
Man kann das als Kuriosität lesen, als barocke Grausamkeit eines Fürsten mit Sinn für Inszenierung. Man kann es aber auch als das lesen, was es zuerst war: die Vollstreckung eines Vertrags. Denn der Galgen aus Eisen war nicht irgendein Eisen. Es war die Lieferung, die Georg Honauer im Herbst 1596 bestellt hatte, um daraus Gold zu machen.
Ein Herzog, der Gold braucht
Friedrich I. von Württemberg regierte seit 1593, und er hatte teure Pläne. Württemberg war seit 1534 ein österreichisches Afterlehen, und Friedrich wollte es zurück in ein unmittelbares Reichslehen verwandeln — das gelang ihm 1599, gegen eine erhebliche Summe an den Kaiser. Im selben Jahr befahl er die Gründung einer neuen Stadt am Ostrand des Schwarzwalds, Freudenstadt. Dazu kamen Hofhaltung, Bauten und ein Interesse an Metallen, das über bloße Geldnot hinausging: Der Herzog ließ Erze prüfen, Bergwerke suchen, Mineralquellen untersuchen. Ein Laboratorium richtete er im alten Lusthaus seines Tiergartens in Stuttgart ein, weitere im Neuen Spital und im Freihof zu Kirchheim unter Teck. Der Landtag warf ihm 1599 vor, Tausende Gulden dafür ausgegeben zu haben.
In diese Welt kamen die Goldmacher. Das Wort ist zeitgenössisch und meint etwas Engeres als „Alchemist“: Ein Alchemist des 16. Jahrhunderts destillierte, scheidete, färbte, stellte Arzneien her und bewegte sich in einem Wissensgebäude, das die Gelehrten seiner Zeit ernst nahmen — wie das im Alltag aussah, zeigt die Geschichte Edward Kelleys in Třeboň. Ein Goldmacher dagegen versprach ein Ergebnis: eine bestimmte Menge Edelmetall, aus einer bestimmten Menge Rohmaterial, bis zu einem bestimmten Termin. Und genau darum ließ sich ein Goldmacher auf eine Art zur Rechenschaft ziehen, die einem Gelehrten erspart blieb.
Die Stuttgarter Chronik von Carl Pfaff, 1845 aus den Archivalien der Stadt zusammengestellt, zählt vier Männer, die unter Friedrich als Goldmacher endeten: Georg Honauer am 2. April 1597, Peter Montanus am 28. Juni 1600, Hans Heinrich Nüscheler am 16. Juli 1601 und Hans Heinrich Müller, genannt Mühlenfels, am 30. Juni 1606 — „alle auch auf Befehl des Herzogs Friedrich“, alle an demselben Galgen.
Der Vertrag: 800 Dukaten aus 100 Pfund Eisen
Honauer war 1572 in Olmütz geboren, Goldschmied von Beruf, und nannte sich, als er 1596 in Stuttgart auftrat, Herr zu Brunhoff und Grobschütz. Beide Herrschaften existierten nur auf dem Papier — der Herzog ließ das später von einem Boten in Prag nachprüfen. Zunächst aber interessierte ihn etwas anderes: Honauer behauptete, aus hundert Pfund Eisen Gold im Wert von achthundert Dukaten ziehen zu können, und ein Bekannter wollte ihn in einem Feldlager in Ungarn dabei gesehen haben, wie er mit einer Tinktur Gold aus einer Bleikugel holte.
Der Herzog verlangte eine Probe im Kleinen. Honauer lieferte sie, und das Metall bestand die Prüfung des herzoglichen Bergrats: mindestens so gut wie Dukatengold. Das ist der Moment, an dem die Geschichte kippt, und er ist besser dokumentiert als vieles, was man über Alchemisten zu wissen glaubt. Das Hauptstaatsarchiv Stuttgart verwahrt im Bestand A 47 die Akten des Falls: ein Schreiben des Herzogs an Honauer vom 9. Oktober 1596, er wolle die empfangenen Gold- und Silberproben noch weiter prüfen lassen; ein Schreiben Honauers vom 12. Oktober mit der Bitte um Lieferung von Mömpelgarder Eisen; und eine „Staat und Ordnung der Goldmacher und Laboranten“ aus Friedrichs eigener Hand — eine Dienstordnung für die Laboratorien, entworfen vom Fürsten selbst.
Dann wurde bestellt. Der Herzog wollte zunächst Gold für 200.000 Dukaten; Honauer erklärte, für einen solchen Ansatz fehlten ihm die Reagenzien, und man einigte sich auf 36.000 Dukaten im Monat, auf unbestimmte Zeit. Das Rohmaterial kam aus dem herzoglichen Zeughaus in Mömpelgard, dem heutigen Montbéliard, über 150 Meilen weit: 36 Zentner und 18 Pfund Eisen, knapp zwei Tonnen. Dazu die Chemikalienliste, die die Akten überliefern — 1.030 Pfund Salpeter, 1.852 Pfund Blei, ähnliche Mengen an „weißem Kupfer“ und Spießglanz. Das Lusthaus wurde zum Laboratorium umgebaut, in Kirchheim standen weitere Räume bereit.
Es lohnt sich, bei diesen Zahlen zu verweilen. Ein Fürst, der glaubte, er habe Zauberei gekauft, hätte keine Dienstordnung geschrieben. Friedrich kaufte einen Prozess, mit Rohstoffen, Mengen und Fristen — wie er es bei einem Bergwerk oder einer Salzsiederei getan hätte. Die Historikerin Tara Nummedal hat in ihrem Buch über Alchemie und Autorität im Heiligen Römischen Reich (2007) genau solche Verträge, Laborinventare und Prozessakten ausgewertet; ihr Ausgangspunkt ist die Frage, was einen wahren Alchemisten von einem Betrüger unterschied — und ihre Antwort läuft darauf hinaus, dass diese Frage in der Praxis vor Gericht entschieden wurde, anhand von Lieferpflichten.
Die Flucht und die sieben Bildnisse
Honauer floh, noch bevor das Eisen verarbeitet war. Was ihn dazu brachte, sagen die Akten nicht ausdrücklich; die Menge des angelieferten Materials, gegen die jede Probe im Kleinen nichts half, ist die naheliegende Erklärung. Was die Akten sagen, ist, wie der Herzog reagierte. Am 17. November 1596 erließ Friedrich ein Patent, „den ausgerissenen Goldmacher Georg Honauer, Goldschmied aus Olmütz, anzuhalten“. Am selben und am folgenden Tag wurden Schreiben an den König von Dänemark, den Kurfürsten von Brandenburg, den Herzog von Mecklenburg und die Königin von England aufgesetzt, jeweils mit einer Abschrift des Patents — sie wurden nie abgeschickt, liegen aber bis heute im Bestand. Der Hofmaler Jonathan Sauter fertigte sieben Bildnisse des Flüchtigen an, die als Steckbriefe dienen sollten. Ein Metzger aus Cannstatt meldete am 28. November, er habe bei Mosbach einen Mann gesehen, auf den die Beschreibung passe.
Gefasst wurde Honauer schließlich weit im Norden, zusammen mit seinem Stallmeister Hans von Werder, durch Graf Adolf von Schaumburg. Und nun beginnt der Teil der Geschichte, der am wenigsten zu dem Bild vom rachsüchtigen Fürsten passt. Der Graf weigerte sich zunächst, den Gefangenen auszuliefern. Friedrich schickte seinen Rat Benjamin Buwinghausen von Wallmerode mit einer Instruktion vom 18. Dezember 1596 nach Schaumburg; die Verhandlungen zogen sich über Wochen, der Landgraf von Hessen vermittelte, der Kaiser wurde eingeschaltet, und eine Nebeninstruktion regelte, wann Buwinghausen den Grafen und seine Umgebung „durch Geld gefügig machen“ solle. Vom selben 18. Dezember datiert das Konzept eines Schreibens des Herzogs an Honauer selbst: Er habe dessen Kunst nie bezweifelt und begehre seine Rückkehr.
Man muss diesen Satz zweimal lesen. Friedrich wollte den Goldmacher nicht zurück, um ihn zu hängen — er wollte ihn zurück, weil er die Probe mit eigenen Augen gesehen hatte und immer noch glaubte, sie könne wiederholt werden. Honauer wurde nach Stuttgart gebracht, und er sollte die Verwandlung noch einmal vorführen. Erst als das misslang, kam das Verhör, dann der Prozess, dann das Urteil. Angeklagt war er nicht nur des Betrugs, sondern auch der Anmaßung eines Adelstitels; ein Gnadengesuch an den Kaiser blieb ohne Erfolg.
Der Galgen: vergoldet oder rot?
Was dann in der Wolframshalde stand, einer Anhöhe „gegen die Brag hin“ vor der Stadt, beschreibt Pfaffs Chronik aus den Akten so: ein eiserner Galgen auf steinernem Fußgestell, 35 Fuß hoch, „und roth angestrichen“, darüber ein kleinerer sogenannter Schnappgalgen; das Eisen dazu, 36 Zentner und 18 Pfund, „kam aus Mömpelgard und war zunächst für den Alchymisten Georg Honauer bestimmt, welcher Gold daraus machen sollte“. Honauer wurde daran „in einem Kleid von Goldschaum“ aufgehängt — Goldschaum ist Rauschgold, hauchdünn geschlagenes Messing, das wie Blattgold glänzt.
Das Flugblatt von 1597 sagt es anders. Dort heißt es in den Versen, die Kleidung sei „gantz vergult“ gewesen — und dann, über den Galgen: „Von Eisen auch der Galgen war, / Vnd vberguldet gantz vnd gar.“ Christoph Gottlieb von Murr, der 1805 die Geschichte des Goldmachens aus den Quellen zusammentrug, übernahm diese Fassung: Der Herzog habe einen Galgen bauen lassen, „welcher mehr als 25 Zentner gewogen, denselben übergulden, dem Verurteilten ein ganz goldenes Kleid von Rauschgold anziehen, mit dem auch der Galgen überzogen war“.
Zwei Überlieferungen also, beide alt, beide mit Anspruch auf die Akten: ein rot gestrichener Galgen mit einem vergoldeten Mann, oder ein vergoldeter Galgen mit einem vergoldeten Mann. Die Version mit dem vergoldeten Galgen ist die, die sich durchgesetzt hat; sie steht in jedem Lexikon. Die Version mit dem roten Anstrich stammt aus einer Chronik, die ausdrücklich „nach Archival-Urkunden“ arbeitete. Beide könnten stimmen — ein rot grundiertes Gerüst mit Rauschgold überzogen wäre keine Erfindung, sondern Handwerk. Entscheiden lässt es sich ohne die Rechnungen nicht. Was unstrittig ist: Das Eisen war Honauers Eisen, das Kleid war golden, und der Herzog wollte, dass das ganze Reich davon erfuhr. Die Flugblätter waren kein Nebenprodukt, sie waren der Zweck.
„Entlich mein guter Herr must hangen / In einem gantz vergulten kleidt, / Es war jm gleich lieb oder leidt. / Von Eisen auch der Galgen war, / Vnd vberguldet gantz vnd gar. / Das gros vnkosten darauf gieng, / Bis dieser einst zu prangen hieng.“
Flugblatt „Hie hengt der Bosswicht wolbekant“, Kupferstich mit 32 Versen, 1597 (Kunstmuseum Moritzburg Halle, Inv. MOIIF00856) — Schreibweise des Originals.
München, sechs Jahre früher: der Galgen, an dem niemand hing
Stuttgart war nicht der erste Hof, der einen Goldmacher öffentlich abrechnete. Am 26. April 1591 stand auf dem Münchner Weinmarkt ein Mann in Weiß und Blau, den Farben des Hauses Wittelsbach, vor einem Schafott — Marco Bragadino, geboren um 1545 auf Zypern als Marco Antonio Mamugnà, entlaufener Kapuziner, Gast der Republik Venedig und zuletzt Alchemist Herzog Wilhelms V. von Bayern.
Seinen Aufstieg kann man in den Fugger-Zeitungen mitlesen, den handschriftlichen Nachrichtenbriefen, die das Augsburger Handelshaus aus ganz Europa bezog. Aus Venedig, 1. November 1589: Bragadino, „der Bastardsohn eines hiesigen Edelmanns“, halte täglich Tafel für fünfhundert Personen im Palazzo Dandolo auf der Giudecca, er nehme zehn Unzen Quecksilber, setze sie ins Feuer und gebe einen Tropfen einer Flüssigkeit aus einer Ampulle hinzu, „so wird es sogleich gutes Gold“. Er habe dem Rat der Zehn zwei solcher Ampullen übergeben, die in seiner Abwesenheit geprüft worden seien; die erste Probe sei gelungen. Der Schreiber fügt hinzu, das klinge „wahrhaftig wie ein Märchen“, aber alles sei so offensichtlich, dass man nicht zweifeln könne. Am 8. Dezember: Die Vornehmsten der Stadt nennen ihn „Illustrissimo“, der Doge spricht ihn in der zweiten Person an, nachts bewachen ihn bewaffnete Barken. Am 16. Dezember, aus Rom: Der Papst habe auf die Bitte des venezianischen Gesandten, den Alchemisten vor dem Heiligen Offizium zu schützen, geantwortet, er wundere sich nicht wenig, dass die Signoria diesem Mann so viel Glauben schenke; selbst wenn seine Kunst gelänge, könne das nur mit Hilfe Satans geschehen.
Und dann, im Januar 1590, die Wende, in derselben Quelle: Bragadinos Kunst reiche „für kleine Mengen, aber nicht für größere“. Er habe vor Patriziern zwei Barren von je einem Pfund gemacht, mehr nicht, so sehr man ihn auch gebeten habe — und nun sei die Meinung, „dass seine Behauptungen, eine Anzahl Millionen zu erzeugen, ein großer Betrug gewesen sind“. Denn wer wenig Gold machen könne, müsse auch viel machen können; „das ist die Frage, über die gelehrte Professoren streiten“. Bragadino reduzierte seine Gastmähler. Im April 1590 verließ er Venedig in Richtung Padua, im August traf er auf Burg Trausnitz in Landshut ein, wo Wilhelm V. auf ihn wartete — mit Schulden, die das Herzogtum an den Rand des Bankrotts brachten, und mit Kopfschmerzen, die der Goldmacher ebenfalls zu heilen versprach.
Ein gutes halbes Jahr später, am 24. März 1591, ließen die bayerischen Landstände und die herzoglichen Räte Bragadino verhaften — ohne Wissen des Herzogs, der erst am nächsten Tag davon erfuhr. Unter Androhung der Folter gestand er, wie es der Konservator des Münchner Residenzmuseums aus den Prozessakten referiert, seine Goldmacherei sei „destrezza di mano“ gewesen, Fingerfertigkeit. Verurteilt wurde er wegen Betrugs zum Galgen; weil er formal nie aus dem geistlichen Stand entlassen worden war, wandelten die Richter die Strafe in den Tod durch das Schwert um. Der Galgen wurde trotzdem aufgestellt, in der Nacht zuvor, rot gestrichen, und an ihm hing eine Schlinge, die mit Blattgold überzogen war — zum Zeichen, nicht zum Gebrauch. Die Enthauptung daneben geriet zum Desaster: Der aus Landshut geholte Scharfrichter brauchte drei Hiebe.
„Er wirft buchstäblich schaufelweise mit Gold um sich. Dies ist sein Rezept: Er nimmt zehn Unzen Quecksilber, setzt sie ins Feuer und mischt sie mit einem Tropfen Flüssigkeit, die er in einer Ampulle bei sich trägt. So wird es sogleich zu gutem Gold.“
Fugger-Zeitung aus Venedig, 1. November 1589 — nach der Ausgabe von Victor von Klarwill (1924), aus dem Englischen übersetzt.
Die Fußnote, die zwei Hinrichtungen verwechselt
Wer die Fugger-Zeitungen in der Ausgabe von 1924 liest, findet am Ende eine Anmerkung des Herausgebers zu Bragadino. Sein Betrug sei entdeckt worden, heißt es dort, „und 1590 wurde Bragadini an einem vergoldeten Galgen gehängt, in einem Gewand, auf das goldene Flitter geklebt waren. Die beiden Doggen wurden am Fuß des Galgens erschossen.“ Das Jahr ist falsch, die Todesart ist falsch, und der vergoldete Galgen mit dem Flittergewand ist — Georg Honauer. Der Herausgeber hat, drei Jahrhunderte später, die Münchner und die Stuttgarter Hinrichtung ineinandergeschoben.
Der Irrtum ist aufschlussreicher als eine bloße Verwechslung, weil er zeigt, wie die beiden Fälle schon von den Zeitgenossen zusammen gedacht wurden. Am 2. Juli 1591, zehn Wochen nach dem Weinmarkt, meldet die Fugger-Zeitung aus Prag, der englische Alchemist Edward Kelley sei auf Burg Křivoklát eingemauert worden und bekomme Luft nur durch ein Loch, „es wird befürchtet, dass mit ihm verfahren wird wie mit dem Alchemisten in München“. Kelley kam davon; Bragadino nicht; Honauer sechs Jahre später auch nicht. Die Nachrichtenbriefe, die von Augsburg aus die Höfe Europas versorgten, hatten aus drei Einzelfällen bereits ein Muster gemacht. Und der Galgen, ob rot oder golden, war das Bild, das davon blieb.
Warum die Richter „Betrug“ sagten und nicht „Zauberei“
Es fällt auf, wofür diese Männer verurteilt wurden. Nicht für Alchemie — die war erlaubt, der Herzog betrieb sie selbst. Nicht für Teufelsbündnis, obwohl der Papst Bragadinos Kunst genau so gedeutet hatte. Bragadino starb wegen Betrugs. Honauer wurde wegen Betrugs und Standesanmaßung angeklagt. Und der letzte der Stuttgarter Goldmacher, Hans Heinrich Müller von Mühlenfels, wurde 1606 laut seinem Eintrag in der Neuen Deutschen Biographie „offiziell nicht wegen erfolgloser Goldmachertätigkeit vor Gericht gestellt, sondern wegen Betrugs, Verrats und Meineids“ — das Stadtgericht sprach von einem Majestätsverbrechen.
Dahinter steht ein Rechtsverständnis, das die Alchemie aus der Sphäre des Sakralen in die des Handels geholt hatte. Der Goldmacher schloss einen Vertrag, nahm Vorschüsse, Rohstoffe, ein Laboratorium, einen Titel, und schuldete dafür eine Leistung. Blieb sie aus, war das kein Frevel, sondern Nichterfüllung — und wer die Probe, auf der der Vertrag beruhte, manipuliert hatte, war ein Betrüger im Sinne des Strafrechts. Das Wort Betrüger war in dieser Zeit fast ein Fachbegriff für Alchemisten, die nicht geliefert hatten, gleich ob sie es bösartig oder gutgläubig versucht hatten. Kelleys Quittung vom 4. Februar 1589, in der er Dee die Übergabe des Pulvers bestätigt, ist ein solcher Vertrag im Kleinen; Honauers Dienstordnung ist einer im Großen. Der Galgen ist die Vertragsstrafe.
Wie eine manipulierte Probe funktionierte, sagen die Quellen selten so genau wie im Fall des letzten Mannes, der an Honauers Galgen hing.
Der Kasten mit den vielen Schubladen
Hans Heinrich Müller, um 1579 im elsässischen Wasselnheim geboren, hatte bei einem Vetter in Esslingen das Barbier- und Bruchschneiderhandwerk gelernt, war durch Ungarn, Schlesien und Italien gewandert und hatte in Florenz von einem gewissen Daniel Rapolt das Destillieren gelernt. 1603 tauchte er in Prag auf, führte Kaiser Rudolf II. eine Goldtinktur und eine Kunst der Kugelfestigkeit vor und wurde dafür in den Reichsadelsstand erhoben: Müller von Mühlenfels. Am 4. Januar 1604 trat er als Hofalchemist in Friedrichs Dienste, bekam das Laboratorium im Freihof zu Kirchheim, später Schloss und Gut Neidlingen, und lieh der Stadt Esslingen 3.000 Gulden — das Geld stammte, wie sich zeigen sollte, vom Markgrafen von Brandenburg-Ansbach.
Am 26. Juni 1606, einem Donnerstag, sagte Mühlenfels vor dem Stuttgarter Stadtgericht aus. Das Protokoll, die „Urgicht“, druckte Murr 1805 „ex originali“ ab. Es vermerkt selbst, dass die Aussage in der Folter begann und danach, „ohne Marter“, Punkt für Punkt bestätigt wurde — man liest es also als das, was es ist, ein erzwungenes Geständnis, dessen Einzelheiten aber nachprüfbar waren, weil das Gericht die Gegenstände in Augenschein nahm. Und die Einzelheiten sind bemerkenswert.
Die Kugelfestigkeit, gesteht er unter Punkt 8, habe darin bestanden, dass sein Diener die Gewehre nicht mit Kugeln, sondern nur mit Papier lud. Die Goldprobe vor einem Prager Hauptmann, Punkt 12: Er habe das Laboratorium verschlossen und dem Hauptmann den Schlüssel gegeben, aber einen zweiten Schlüssel behalten und seinem Diener nachts eine stattliche Menge Gold mitgegeben, „so er bei Nacht in den Tiegel geworfen“. Dem Markgrafen Joachim Ernst, Punkt 14, habe er für eine Tinktur 30.000 Kronen abverlangt und darauf 8.000 Dukaten, 10.000 Reichstaler, Samt für zwei Kleider, zwei Pferde, einen Mantel und eine Hutschnur aus Perlen bekommen.
Und dann Punkt 21, die Stuttgarter Probe. Weil der Herzog „so genau aufgesehen“ habe und ein Nachtschlüssel nicht mehr genügte, habe er „eine Invention eines wunderbarlichen und seltsamen Kastens mit vielen Schubladen“ erdacht und in Esslingen anfertigen lassen: inwendig mit Tuch und unten mit Filz beschlagen, „damit wann einer darinnen sei, derselbige nicht alsbalden gehöret werde“, mit Löchern zum Hinaussehen, nach Kirchheim in den Freihof geführt und dort im Laboratorium an eine Wand gestellt. Durch die Wand ein Loch mit Schieber, in einen kleinen Gang hinter dem Abtritt, der Schieber in derselben Farbe gestrichen wie die Wand. Wenn dann die Probe anstand, wenn Quecksilber und die übrige Materie „öffentlich ohne Betrug“ eingesetzt waren, jedermann das Laboratorium verlassen hatte und die Tür mit dem herzoglichen Siegel verschlossen war, sollte einer aus dem Kasten steigen und das Silber oder Gold in den Tiegel werfen. Das Silber dafür, Punkt 23 und 24, waren Silberkronen, die ein Bote in Ulm aufgewechselt hatte und die Mühlenfels „zu Neidlingen in der Kirchen“ eingeschmolzen hatte. Als Tinktur habe er Präzipitat ausgegeben, „denn er nie keine Tinktur gehabt“.
Man versteht an diesem Kasten, was eine Probe im 16. Jahrhundert war: kein Ritual, sondern ein Versuchsaufbau mit Siegel, Zeugen und ausgesperrten Beteiligten — ein Verfahren, das gegen Fingerfertigkeit schützen sollte und gegen einen Mann im Schrank nicht schützte. Und man versteht, warum Fürsten so lange glaubten. Die Vorsichtsmaßnahmen waren ernst gemeint. Sie wurden nur unterlaufen.
Sehenswert: Der Religionswissenschaftler Justin Sledge räumt auf seinem Kanal ESOTERICA mit fünf verbreiteten Missverständnissen über die Alchemie auf — darunter dem, sie sei vor allem Goldmacherei gewesen. Die Männer in diesem Artikel sind der Sonderfall, den er meint.
Der Pole, der nicht ins Land kommen sollte
Was Mühlenfels schließlich den Hals brach, war nicht der Kasten. Es war ein Gast. 1605 lud Friedrich den polnischen Alchemisten Michael Sendivogius nach Stuttgart ein, der im Jahr zuvor mit dem Novum Lumen Chymicum das meistgelesene alchemistische Buch seiner Generation veröffentlicht hatte und am Prager Hof in hohem Ansehen stand. Für Mühlenfels war das eine Bedrohung: Ein zweiter Alchemist mit besserem Ruf konnte ihm Neidlingen kosten. Was er dagegen tat, steht in seiner eigenen Aussage.
Er fing die Briefe ab. Unter Punkt 30 gesteht er, einem Boten aus Augsburg, der Schreiben aus Polen für den Herzog und den Oberrat bei sich trug, die Briefe abgenommen und den Mann etwa einen Monat in Göppingen festgehalten zu haben, bis dieser schwor, niemandem zu sagen, wem er die Post gegeben habe. Unter Punkt 31: Weitere Schreiben, die zwischen dem Herzog und dem „polnischen Freiherrn“ hin- und hergingen, samt einer Instruktion, habe er „wider Pflicht und Eid unterschlagen“, damit Sendivogius „nicht ins Land käme“. Als der Pole dennoch in Stuttgart eintraf und der Herzog ihn mit allen Ehren empfing, Punkt 32, habe er ihm unter dem Siegel eines Handschlags eröffnet, der „Tyrann“ — gemeint war Friedrich — wolle ihn gefangen nehmen und im Gefängnis martern lassen, bis er die Kunst preisgebe; er solle fliehen. Sendivogius floh, und Mühlenfels setzte ihn auf seinem eigenen Schloss Neidlingen fest.
Der Rest ging schnell und weit über Württemberg hinaus. Sendivogius stand in polnischen Diensten und in der Gunst Rudolfs II.; der polnische König, der Prager Hof und Brandenburg schalteten sich ein, die Korrespondenz über Wiedergutmachung zog sich noch bis in die Regierungszeit von Friedrichs Nachfolger. Am 15. Juni 1606 erging der Haftbefehl gegen Mühlenfels, am 26. Juni die Urgicht, und wenige Tage später wurden ihm auf dem Schlossplatz drei Finger der rechten Hand abgeschlagen, bevor er in der Wolframshalde gehängt wurde — am 30. Juni 1606, 28 Jahre alt, an dem Galgen, der neun Jahre zuvor für Honauer gebaut worden war. Sein gesamter Besitz wurde eingezogen.
Und hier ist die Stelle, an der die Akten schweigen. Die Neue Deutsche Biographie formuliert es so: „Inwieweit allerdings Friedrich selbst die Festsetzung des Sendivogius betrieben haben könnte, wie gemutmaßt wurde, läßt sich aus den erhaltenen Akten nicht erhellen.“ Der Verdacht liegt nahe — ein Fürst, der zehn Jahre lang Goldmacher beschäftigt und vier gehängt hatte, wäre kaum davor zurückgeschreckt, einem berühmten Alchemisten das Geheimnis abzupressen; Sendivogius selbst hat es offenbar geglaubt. Aber die Aussage, die den Herzog belastet, stammt aus dem Mund des Mannes, der den Herzog als Tyrannen bezeichnete, um sein eigenes Spiel zu retten, und der wenige Tage später wegen Verrats starb. Die Akten erlauben beides. Sie entscheiden nichts.
Was aus dem Galgen wurde
Der eiserne Galgen blieb stehen. Pfaffs Chronik nennt die drei Männer, die nach Honauer daran starben, alle als „angebliche Goldmacher“, alle „ihrer Betrügereien wegen“: Peter Montanus 1600, Hans Heinrich Nüscheler aus Zürich 1601 — den Friedrich 1598 eigens angeworben hatte — und Mühlenfels 1606. Das Eisen wurde nicht eingeschmolzen — der Herzog hatte offenbar nicht vor, es noch einmal zu brauchen, und brauchte es dann dreimal.
Was blieb, war die Figur. Tara Nummedal beschreibt, wie die öffentlich gemachten Fälle der Betrüger der nächsten Generation von Alchemisten als Abgrenzung dienten: Wer sich als seriöser Berater anbot, der echtes Gold von Blendwerk unterscheiden konnte, tat das mit dem Bild des vergoldeten Galgens im Rücken. Die Hinrichtungen beendeten die Goldmacherei nicht. Sie gaben ihr eine Gegenfigur — und den Höfen einen Grund, es noch einmal zu versuchen, diesmal mit einem, der bestimmt kein Betrüger war.
Der Zeitstrahl
Was belegt ist — und was nicht
BELEGT: Georg Honauer (1572–1597) trat 1596 in württembergische Dienste, erhielt 36 Zentner und 18 Pfund Eisen aus Mömpelgard, floh, wurde gefasst und am 2. April 1597 zwischen 9 und 10 Uhr in Stuttgart an einem eisernen Galgen gehängt — in einem Kleid aus Rauschgold. Flugblätter, die Stadtchronik und die Akten im Hauptstaatsarchiv stimmen darin überein.
BELEGT: Marco Bragadino wurde am 26. April 1591 in München wegen Betrugs enthauptet; Hans Heinrich Müller von Mühlenfels am 30. Juni 1606 in Stuttgart wegen Betrugs, Verrats und Meineids gehängt. Sein Geständnis beschreibt den Kasten, den zweiten Schlüssel und die Silberkronen aus Ulm.
BELEGT: Kein chemischer Prozess erzeugt Gold aus Eisen oder Quecksilber. Was die Proben bestanden, war eingeschmuggeltes Gold oder eine Legierung.
UEBERLIEFERT: Dass der Stuttgarter Galgen vergoldet war, sagt das Flugblatt von 1597; die Stadtchronik von 1845 nennt ihn rot gestrichen. Die Höhe von 35 Fuß, die 180 Reiter, die 300 Gulden Belohnung stammen aus Flugblatt und Chronik — plausibel, nicht gegengeprüft.
NICHT_BELEGT: Dass Bragadino gehängt worden sei — ein Irrtum der Ausgabe von 1924. Dass Honauers erste Probe echtes Gold enthielt, das er selbst erzeugt hatte. Dass Herzog Friedrich die Gefangennahme Sendivogius' angeordnet hat.
GELEBTE_PRAXIS: keine. Es gibt keine Praxis, die sich aus dieser Geschichte ehrlich ableiten ließe — außer der, Verträge zu lesen, bevor man sie unterschreibt.
Die offene Frage
Die Akten sagen, was geliefert wurde, was versprochen wurde und wer dafür starb. Sie sagen nicht, was Herzog Friedrich am 18. Dezember 1596 glaubte, als er dem geflohenen Goldmacher schreiben ließ, er habe dessen Kunst nie bezweifelt. War das Taktik, um einen Flüchtigen zurückzulocken? Oder hatte ein Fürst, der eigenhändig Dienstordnungen für seine Laboratorien schrieb, tatsächlich gesehen, was er sehen wollte — und glaubte es noch, als das Eisen längst zum Galgen geschmiedet war? Dieselbe Frage kehrt zehn Jahre später wieder, in der Neidlinger Affäre, und die Neue Deutsche Biographie beantwortet sie mit dem ehrlichsten Satz, den ein Historiker schreiben kann: Es lässt sich aus den erhaltenen Akten nicht erhellen. Der Galgen war aus Eisen, das Kleid aus Rauschgold. Was im Kopf des Mannes vorging, der beides bestellte, ist der einzige Teil dieser Geschichte, der nie vor Gericht kam.
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Wie der Alltag eines Alchemisten aussah, bevor er zum Goldmacher wurde: Was ein Alchemist wirklich tat — Edward Kelley, das Gold von Třeboň und der Kerker des Kaisers.
Und dieselbe Achse Dee–Kelley–Rudolf II. von der anderen Seite: Henochische Sprache — die Engelssprache, die 1584 rückwärts diktiert wurde.
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Häufige Fragen
Was war ein Goldmacher — und was unterschied ihn vom Alchemisten?
„Goldmacher“ ist ein zeitgenössisches Wort für Alchemisten, die einem Auftraggeber eine bestimmte Menge Gold aus einer bestimmten Menge Rohmaterial versprachen — oft vertraglich, mit Fristen, Vorschüssen und einem Laboratorium auf Kosten des Fürsten. Alchemie im weiteren Sinn umfasste Destillation, Metallscheidung, Arzneiherstellung und eine Naturphilosophie, die Gelehrte ernst nahmen; die spirituelle Deutung als innere Wandlung hat einen eigenen Artikel. Vor Gericht kam nur, wer geliefert hatte und nicht lieferte.
Wurde Georg Honauer wirklich an einem vergoldeten Galgen gehängt?
Belegt ist, dass er am 2. April 1597 in Stuttgart an einem eisernen Galgen aus dem Eisen gehängt wurde, das er in Gold verwandeln sollte, und dass er ein golden glänzendes Kleid aus Rauschgold trug. Ob der Galgen selbst vergoldet war, sagen die Quellen verschieden: Das Flugblatt von 1597 und Murr 1805 sagen ja, die Stuttgarter Stadtchronik von 1845 beschreibt ihn als rot gestrichen. Beides kann zutreffen — ein rot grundiertes und mit Rauschgold belegtes Gerüst. Ohne die Rechnungen bleibt es offen.
Warum wurde Marco Bragadino enthauptet und nicht gehängt?
Er war 1586 in Rom Kapuziner geworden und hatte den niederen geistlichen Stand nie formal verloren. Das Münchner Gericht verurteilte ihn 1591 wegen Betrugs zum Galgen, wandelte die als unehrenhaft geltende Strafe aber in die Enthauptung durch das Schwert um. Der Galgen wurde trotzdem aufgestellt — rot gestrichen, mit einer vergoldeten Schlinge — als Zeichen des Urteils, nicht zur Vollstreckung. Die Enthauptung am 26. April 1591 auf dem Weinmarkt gelang dem Scharfrichter erst mit dem dritten Hieb.
Wie wurde eine Goldprobe im 16. Jahrhundert gefälscht?
Das Geständnis des Hans Heinrich Müller von Mühlenfels von 1606 beschreibt drei Wege: einen heimlichen zweiten Schlüssel zum versiegelten Laboratorium, durch den ein Diener nachts Gold in den Tiegel warf; ein als Tinktur ausgegebenes Quecksilberpräparat; und einen mit Tuch und Filz ausgeschlagenen Kasten, in dem sich ein Helfer verbarg, bis alle Zeugen den Raum verlassen hatten und die Tür mit dem herzoglichen Siegel verschlossen war. Die Proben selbst waren also ernsthaft gegen Fingerfertigkeit gesichert — nur nicht gegen einen Mann im Schrank.
Hat Herzog Friedrich den Alchemisten Sendivogius gefangen nehmen lassen?
Belegt ist, dass Sendivogius 1605 auf Einladung des Herzogs nach Stuttgart kam, von Mühlenfels zur Flucht überredet und auf dessen Schloss Neidlingen festgesetzt wurde, und dass der polnische König und der Prager Hof intervenierten. Mühlenfels wurde dafür 1606 hingerichtet. Ob der Herzog selbst hinter der Gefangennahme stand, wird seit langem vermutet, „läßt sich aus den erhaltenen Akten nicht erhellen“ (Neue Deutsche Biographie, 1997).
Wo kann ich die Quellen selbst lesen?
Das Flugblatt von 1597 ist über museum-digital in zwei Exemplaren online (Halle und Heidelberg), ein weiteres beim Science History Institute in Philadelphia. Pfaffs Stuttgarter Chronik von 1845 und Murrs „Litterarische Nachrichten“ von 1805 mit der Urgicht des Mühlenfels liegen digitalisiert im Internet Archive, die Fugger-Zeitungen in der englischen Ausgabe von 1924 ebenfalls. Der NDB-Artikel zu Müller von Mühlenfels ist bei der Deutschen Biographie frei zugänglich. Alle Links unten.
Quellen & Weiterlesen
- Flugblatt „Hie hengt der Bosswicht wolbekant, / Jorg Hanower was er genant“, Kupferstich mit 32 Versen, 1597 — Kunstmuseum Moritzburg Halle (museum-digital), Inv. MOIIF00856; weitere Exemplare im Deutschen Apotheken-Museum Heidelberg und beim Science History Institute, Philadelphia. Die Verse sind hier nach dem Halleschen Exemplar wiedergegeben.
- Carl Pfaff: Geschichte der Stadt Stuttgart nach Archival-Urkunden und andern bewährten Quellen, Band 1, Stuttgart 1845, S. 155 f. — der eiserne Galgen in der Wolframshalde, „roth angestrichen“, 36 Zentner 18 Pfund, die vier Goldmacher 1597–1606.
- Christoph Gottlieb von Murr: Litterarische Nachrichten zu der Geschichte des sogenannten Goldmachens, Leipzig 1805 — darin die Notiz zu Honauer (Galgen „übergulden“, Kleid von Rauschgold, Kundschafter für 300 Goldgulden) und der Abdruck der Urgicht des Hans Heinrich von Müllenfels vom 26. Juni 1606 „ex originali“, S. 54 ff.
- Ulrich Petzold: Müller von Mühlenfels (Müllenfels), Johann (Hans) Heinrich, in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 424 f. — Lebensdaten, Dienstantritt 4.1.1604, Neidlingen, die Sendivogius-Affäre, Haftbefehl 15.6.1606, Urteil und Hinrichtung; Quellen: Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Bestand A 47 und J 1.
- Victor von Klarwill (Hg.): The Fugger News-Letters, First Series, London 1924 — Nr. 105, 107, 109, 116 (Bragadino in Venedig, November 1589 bis Mai 1590), Nr. 132 (Prag, 2. Juli 1591: „wie mit dem Alchemisten in München“) und die Herausgeber-Anmerkung zu Nr. 105 mit der Verwechslung.
- Christian Quaeitzsch (Residenzmuseum München): Bragadinos Traumkarriere hängt an goldenem Seil, Blog der Bayerischen Schlösserverwaltung, 2021 — Verhaftung 24. März 1591, Geständnis „destrezza di mano“, Umwandlung der Strafe, der rote Galgen mit vergoldeter Schlinge, die Enthauptung. Grundlage: Ivo Striedinger, Der Goldmacher Marco Bragadino, Archivalische Zeitschrift, Beiheft II, München 1928.
- Hugh Aldersey-Williams: The Gilded Gallows of Georg Honauer (1597), The Public Domain Review, 2024 — Vertragsinhalt (800 Dukaten aus 100 Pfund, 36.000 Dukaten monatlich, Salpeter, Blei), Bergrat-Prüfung, Anklage wegen Betrugs und Standesanmaßung.
- Tara Nummedal: Alchemy and Authority in the Holy Roman Empire, University of Chicago Press 2007 — Verträge, Prozessakten und die Figur des Betrügers; das Standardwerk zu diesem Thema, hier nach Verlagsangaben und der oben genannten Darstellung referiert.
- Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Bestand A 47, Bü 1/7, 1/9 und 1/10 — die Akten zu Honauers Versuchen, zum Patent vom 17. November 1596 und zur Auslieferung aus Schaumburg; hier nach den Regesten des Findbuchs zitiert, nicht im Original eingesehen.
- Weiterlesen im Magazin: Was ein Alchemist wirklich tat: Edward Kelley, Třeboň und der Kerker des Kaisers · Henochische Sprache: Die Engelssprache, die 1584 rückwärts diktiert wurde · Der Alchemist: Spirituelle Bedeutung, Archetyp und innere Wandlung · Die esoterischen Bände von TASCHEN
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