Okkultes & verborgenes Wissen

Fenrir: Der Fenriswolf und was die Quellen wirklich sagen

Dieser Artikel zeigt, was über Fenrir tatsächlich in den Quellen steht, und trennt das erkennbar von moderner Deutung. Er behauptet nicht, dass es einen überlieferten Fenrir-Kult gegeben habe — dafür gibt es keinen Beleg.

Ein helles Seidenband liegt aufgerollt in einer schweren Eisenkette auf dunklem Stein, von einer Kerze beleuchtet

Kaum eine Gestalt der nordischen Mythologie ist so präsent wie Fenrir — und kaum eine wird so ungenau gelesen. Was tatsächlich über ihn überliefert ist, passt auf wenige Seiten, stammt von Menschen, die Jahrhunderte voneinander trennen, und widerspricht sich an einer entscheidenden Stelle. Dieser Artikel zeigt, was in den Quellen steht, wer sie geschrieben hat und wo die gängigen Nacherzählungen still über den Beleg hinausgehen.

Schnellantwort

Fenrir ist der Wolfssohn Lokis und der Riesin Angrboda, von den Göttern mit drei Fesseln gebunden und dazu bestimmt, im Ragnarök Odin zu töten. Fast die gesamte Erzählung steht in einem einzigen Kapitel der Snorra-Edda (Gylfaginning 34), die um 1220 entstand; die ältere Lieder-Edda deutet den Stoff nur an. Beide widersprechen sich beim Tod des Wolfes: Die Völuspá lässt Víðarr ihm das Schwert ins Herz stoßen, Snorri macht den eisernen Schuh zur Waffe. Týr verlor bei der Fesselung die rechte Hand, und die Götter töteten den Wolf nicht — nicht aus Gnade, sondern weil sie ihre Kultstätte nicht mit seinem Blut beflecken wollten. Die meisten wikingerzeitlichen Fenrir-Bilder sind unbeschriftete Tiere, die sich nicht sicher bestimmen lassen, und einen Fenrir-Kult gibt es in keiner Quelle.

Einordnung
Belegt

Fenrir ist der Sohn Lokis und der Riesin Angrboda; Jörmungandr und Hel sind seine Geschwister.

Quelle/Tradition: Snorri Sturluson, Gylfaginning 34 (Übers. Brodeur 1916)

Belegt

Die Götter fesselten ihn nacheinander mit Læðingr, Drómi und dem von Zwergen gefertigten Gleipnir.

Quelle/Tradition: Gylfaginning 34

Belegt

Týr legte dem Wolf die rechte Hand als Pfand ins Maul und verlor sie; alle Götter lachten außer ihm.

Quelle/Tradition: Gylfaginning 34

Belegt

Die Götter verschonten das Leben des Wolfes, weil sie ihre Kultstätte nicht mit seinem Blut beflecken wollten — nicht aus Gnade.

Quelle/Tradition: Gylfaginning 34

Überliefert

Gleipnir bestand aus sechs unmöglichen Dingen; Snorri nutzt deren heutiges Fehlen als Beweis für die Geschichte.

Quelle/Tradition: Gylfaginning 34

Belegt

Völuspá 54 lässt Víðarr den Wolf mit einem Schwertstoß ins Herz töten, während Snorris Kenningar den eisernen Schuh zur Waffe machen.

Quelle/Tradition: Völuspá 54 (Übers. Bellows 1936); Gylfaginning 29 und Skáldskaparmál

Belegt

Snorri nennt Sköll und Hati nirgends Söhne Fenrirs; die Verbindung läuft nur über Hatis Vatersnamen und Völuspá 40.

Quelle/Tradition: Gylfaginning 12; Völuspá 40

Belegt

Eine Runeninschrift aus Ribe vom frühen 8. Jahrhundert nennt den Wolf, Odin und Týr gemeinsam und liegt damit rund 500 Jahre vor Snorri.

Quelle/Tradition: Grønvik 1999, zitiert bei Pluskowski, Fenrir Unearthed?

Nicht belegt

Das Tier auf dem Runenstein von Tullstorp (DR 271) stellt Fenrir im Ragnarök dar.

Quelle/Tradition: Rundata DR 271; der Stein gedenkt eines Mannes namens Ulfr (Wolf), das Bild kann ein Namenswortspiel sein

Nicht belegt

Das Tier auf dem 2020 wiedergefundenen Hunnestad-Stein stellt Fenrir dar.

Quelle/Tradition: Arkeologerna (Statens historiska museer) schrieb wolfsähnliches Wesen, vielleicht der Fenriswolf; Pluskowski hält es für zweifelhaft

Nicht belegt

Fenrir ist ein Krafttier oder Begleiter, mit dem man arbeiten kann.

Quelle/Tradition: In keiner nordischen Quelle ist ein Kult, Gebet oder Ritus an Fenrir überliefert

Gelebte Praxis

Viele Menschen tragen heute schwarzen Turmalin, um eine bewusste Grenze zu markieren.

Quelle/Tradition: Beobachtung heutiger Praxis; keine Aussage über eine Wirkung

BELEGT = wissenschaftlich oder amtlich nachprüfbar · ÜBERLIEFERT = historisch/traditionell dokumentiert · GELEBTE PRAXIS = verbreitete Anwendung, Erfahrungswerte · NICHT BELEGT = spirituelle Deutung, wissenschaftlich nicht nachgewiesen.

Wer Fenrir in den Quellen ist — und wer sie aufgeschrieben hat

Fast die gesamte Erzählung steht in einem einzigen Kapitel eines einzigen Buches: Kapitel 34 der Gylfaginning, dem ersten Teil der Snorra-Edda, um 1220 auf Island geschrieben und Snorri Sturluson zugeschrieben. Dort zeugt Loki mit der Riesin Angrboda in Jötunheim drei Kinder: den Wolf Fenrir, die Schlange Jörmungandr und Hel.

Als die Götter davon erfahren und durch Weissagung sehen, was daraus folgt, lässt Odin alle drei holen. Die Schlange wirft er ins Meer, wo sie wächst, bis sie die Erde umschließt und sich in den eigenen Schwanz beißt. Hel schickt er nach Niflheim. Der Wolf aber wächst als Einziger bei den Asen auf — und nur Týr wagte es, ihm Futter zu bringen.

Dieses Detail trägt die ganze Geschichte. Fenrir ist kein Ungeheuer von außen. Er wird im Haus aufgezogen, von denen, die er vernichten wird, und der Gott, der ihn füttert, ist der, der für seine Fesselung bezahlt.

Hinter Snorri liegt eine ältere Schicht. Die Völuspá aus der Lieder-Edda, meist ins 10. Jahrhundert datiert, erwähnt den Wolf mehrfach, erklärt ihn aber nie — sie setzt ein Publikum voraus, das ihn kennt. Das ist die übliche Form der Überlieferung: andeutende alte Dichtung und ein christlicher Autor zwei Jahrhunderte später, der aus den Andeutungen eine Erzählung macht. Wo beide sich widersprechen, gibt es keine dritte Quelle, die entscheidet.

Ein Wort noch zum Namen, weil er im Deutschen anders geläufig ist als im Altnordischen. Üblich sind dort Fenrir („Sumpfbewohner") und Fenrisúlfr, wörtlich „Fenrirs Wolf" — und am häufigsten schlicht „der Wolf". Die im Deutschen eingebürgerte Form Fenriswolf gibt also den Doppelnamen wieder, nicht den Grundnamen. Daneben steht Hróðvitnir, das später noch wichtig wird.

Die drei Fesseln: Læðingr, Drómi und das Band, das hielt

Die Fesselung wird als dreifacher Versuch erzählt, und die Steigerung ist der Punkt. Die Asen schmieden eine starke Fessel namens Læðingr und fordern den Wolf auf, seine Kraft daran zu erproben — sie schmeicheln ihn in die Mitarbeit hinein. Er schlägt einmal aus, sie zerbricht. Sie fertigen eine zweite, um die Hälfte stärker, Drómi, und versuchen dasselbe: Ruhm werde er ernten, wenn er ein solches Werk zerreiße. Er wägt ab, entscheidet, dass Ruhm das Risiko wert ist, und lässt sie sich anlegen. Dann schüttelt er sich, schlägt sie gegen den Boden, und die Stücke fliegen weit.

Snorri hält fest, dass beides zu Redewendungen wurde — „aus Læðingr lösen" und „aus Drómi schlagen" für alles, was besonders schwer ist. Eine kleine, aber vielsagende Notiz: Die Geschichte war in der Alltagssprache geläufig genug, um Redensarten hervorzubringen.

Die drei Fesseln nach Gylfaginning 34
Fessel Was sie war Ergebnis
Læðingr Eine sehr starke Fessel, von den Asen gefertigt Zerbrach beim ersten Ausschlagen
Drómi Um die Hälfte stärker als Læðingr Zerbrach; die Stücke flogen weit
Gleipnir Von Zwergen gemacht, weich und glatt wie ein Seidenband Hielt; zog sich fester, je mehr er sich wehrte
Die Steigerung führt vom groben Eisen zu etwas, das nach nichts aussieht.

Erst danach schickt Odin den Skírnir, den Boten Freyrs, hinab zu den Zwergen. Sie fertigen Gleipnir aus sechs Dingen: dem Geräusch einer Katzenpfote, dem Bart einer Frau, den Wurzeln eines Felsens, den Sehnen eines Bären, dem Atem eines Fisches und dem Speichel eines Vogels.

Was fast immer wegfällt, ist Snorris nächster Zug. Sein Erzähler erklärt sofort, warum es diese Dinge nicht mehr gibt: Eine Frau hat keinen Bart, ein Katzensprung macht kein Geräusch, unter einem Felsen sind keine Wurzeln — die Fessel hat sie aufgebraucht. Das ist ein Ursprungsscherz und eine Glaubwürdigkeitsbehauptung in einem Atemzug, und es zeigt, wie Snorri arbeitet. Er schreibt keine heilige Schrift ab. Er argumentiert gegen einen Zuhörer, der ihm womöglich nicht glaubt.

Die Götter führen den Wolf hinaus auf die Insel Lyngvi im See Ámsvartnir. Nach der Fesselung ziehen sie eine Kette namens Gelgja durch einen Felsen namens Gjöll, treiben ihn tief in die Erde und schlagen einen Stein namens Þviti als Pflock nach. Weil der Wolf um sich schnappt, klemmen sie ihm ein Schwert aufrecht ins Maul. Der Geifer, der herausläuft, wird zum Fluss Ván. Dort liegt er bis zum Ende.

Das Detail, das fast alle weglassen

Der Fragende der Rahmenhandlung stellt die naheliegende Frage: Warum haben die Götter den Wolf nicht einfach getötet, wenn sie nichts als Unheil von ihm erwarteten? Die Antwort ist nicht Gnade. Sie hielten ihre Kultstätte so hoch, dass sie sie nicht mit dem Blut des Wolfes beflecken wollten — obwohl die Weissagungen ihn als Odins Mörder nannten. Die Fesselung ist kein Rettungsplan. Sie ist ein sakralrechtliches Problem, schlecht gelöst und wissentlich.

Warum Týr die Hand hineinlegte

Der Wolf ist nicht dumm. Als man ihm das Band zeigt, sagt er geradeheraus, es sei kein Ruhm darin, einen so dünnen Faden zu zerreißen, und wenn er mit List gemacht sei, komme er ihm nie an die Füße. Also stellt er eine Bedingung: Einer soll ihm die Hand ins Maul legen, als Pfand für Treu und Glauben.

Snorri schreibt, jeder der Asen habe seinen Nachbarn angesehen, und keiner war bereit, bis Týr die rechte Hand ausstreckte und sie dem Wolf ins Maul legte. Als der Wolf ausschlug und die Fessel sich nur verhärtete, folgt einer der kältesten Sätze der Edda: Da lachten alle außer Týr. Er verlor die Hand.

Es lohnt sich, genau zu sagen, was diese Szene ist. Kein heldenhaftes Opfer, freiwillig gebracht, um die Welt zu retten. Sondern eine Gruppe von Göttern, die den Betrug bereits beschlossen hat, im Kreis steht und sich nicht in die Augen sieht — und einer von ihnen trägt die Kosten der Lüge, damit die anderen es nicht müssen. Das Lachen ist die Stelle, die es verrät.

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Die Wölfe, die nicht Fenrir sind

Die kursierenden Stammbäume sind ordentlicher als der Text. In Gylfaginning 12 erklärt Snorri die Eile der Sonne: Zwei Wölfe jagen sie. Sköll läuft hinter ihr und wird sie erwischen; Hati Hróðvitnisson springt vor ihr her, hinter dem Mond. Auf die Frage, woher sie stammen, heißt es, östlich von Midgard im Eisenwald wohne eine Riesin, die viele Söhne in Wolfsgestalt gebiert — und aus dem stärksten dieser Geschlechter komme Mánagarmr, der Mondhund, der den Mond verschlingt und den Himmel mit Blut bespritzt.

Man beachte, was Snorri nicht sagt: Er nennt Sköll und Hati nirgends Söhne Fenrirs. Die Verbindung läuft indirekt — Hatis Vatersname verweist auf Hróðvitnir, andernorts ein Name für Fenrir. Die Völuspá 40 kommt näher: Dort sitzt die alte Riesin im Eisenwald und gebiert „Fenrirs Brut". Die Verbindung ist also real, aber lose, und die saubere Grafik, die Sköll und Hati zu seinen beiden Söhnen macht, zieht einen Knoten fest, den die Quellen locker gelassen haben.

Wölfe und Hunde im Ragnarök-Stoff und was über sie tatsächlich gesagt wird
Name Was die Quellen sagen Verhältnis zu Fenrir
Fenrir Auf Lyngvi gefesselt; reißt sich am Ende los; tötet Odin
Sköll Jagt die Sonne und wird sie erwischen Eisenwald-Brut; Sohnschaft bei Snorri nicht gesagt
Hati Hróðvitnisson Läuft vor der Sonne her, hinter dem Mond Vatersname verweist auf Hróðvitnir, einen Fenrir-Namen
Mánagarmr Verschlingt den Mond, färbt den Himmel blutig Als stärkster des Eisenwald-Geschlechts genannt
Garmr Heult vor Gnipahellir; tötet Týr und stirbt daran Ein eigenes Wesen, wird aber oft vermengt
Garmr ist der sperrige Fall: Týrs Rechnung steht mit Fenrir offen, doch Snorri schickt ihn gegen ein anderes Tier in den Tod.

Diese Merkwürdigkeit ist lange bemerkt. Andy Orchard hält fest, dass Týr, von dem man annehmen würde, er wolle Fenrir zu fassen bekommen, stattdessen gegen Garmr gestellt wird — mit ein Grund, warum manche Forscher die verschiedenen Wölfe eher als Spielarten einer Figur lesen denn als getrennte Tiere. Das ist Deutung, kein Befund.

Zwei verschiedene Tode

Hier gehen die Quellen auseinander, und es ist das klarste Beispiel im ganzen Fenrir-Stoff dafür, warum „der Mythos sagt" ein gefährlicher Satz ist.

In der Völuspá 53 zieht Odin gegen den Wolf und fällt. In Strophe 54 tritt sein Sohn Víðarr gegen den „schäumenden Wolf" an und stößt dem Riesensohn das Schwert bis ins Herz: Sein Vater ist gerächt. Ein Schwert, ins Herz. Selbst die Handschriften sind hier nicht stabil — die Fassung der Hauksbók weicht vom Text des Codex Regius ab, eine Erinnerung daran, dass das Gedicht uns durch Abschriften erreicht, die sich schon untereinander uneinig waren.

Snorri macht ein anderes Bild berühmt. In Gylfaginning 29 führt er Víðarr als den schweigenden Gott ein, der einen dicken Schuh besitzt und beinahe so stark ist wie Thor. In den Skáldskaparmál, wo er auflistet, wie Dichter ihn benennen dürfen, steht: der schweigende Gott, Besitzer des eisernen Schuhs, Feind und Töter des Fenriswolfs, Rächer der Götter. Bei Snorri ist der Schuh kein Kostümdetail. Er ist die Waffe.

Beides sind „die Quellen". Das ältere Gedicht tötet den Wolf mit einer Klinge, die jüngere Prosa baut den Tod um einen Stiefel. Moderne Nacherzählungen greifen fast immer zu Snorri und geben das als den Mythos aus, ohne zu erwähnen, dass der älteste erhaltene Bericht etwas anderes sagt.

Was die Archäologie wirklich zeigt

Hier ist der Abstand zwischen Internet und Beleg am größten, denn wikingerzeitliche Bilder tragen keine Beschriftung.

Die älteste sichere Spur ist gar kein Bild. Ein Schädelfragment aus dem dänischen Handelsplatz Ribe, datiert ins frühe 8. Jahrhundert, trägt eine Runeninschrift, die den Wolf, Odin und den hohen Týr gemeinsam nennt — das rückt die Verbindung rund fünfhundert Jahre vor Snorri. Aus der noch früheren Völkerwanderungszeit stammt ein Brakteat aus Trollhättan mit einer Gestalt, deren Hand im Maul eines Tieres steckt: so eindeutig, wie das Material einen Týr hergibt.

Danach wird es schwierig. Die klarste Erzählszene steht nicht in Skandinavien, sondern auf der Isle of Man: Thorwalds Kreuz in Andreas zeigt eine Gestalt mit Speer, die von einem Wolf verschlungen wird — gemeinhin als Odin im Ragnarök gelesen —, auf der Rückseite eine Gestalt, die Schlangen zertritt und am ehesten der siegreiche Christus ist. Das Kreuz von Gosforth in Cumbria mischt christliche und nordische Endzeitbilder so gründlich, dass die Fachwelt sich uneins ist, welche Figur wen darstellt.

In Skandinavien zeigt der Runenstein von Tullstorp in Schonen (DR 271, um das Jahr 1000 im Ringerike-Stil geschlagen) ein Schiff und ein Tier und wird oft als Naglfar und Fenrir am Weltende gelesen. Das ist eine vertretbare Deutung. Wissenswert ist aber auch: Die Inschrift hält fest, dass der Stein zum Gedenken an einen Mann namens Ulfr errichtet wurde — altnordisch für „Wolf". Das Tier mag eine Apokalypse sein. Es kann ebenso gut ein Wortspiel mit dem Namen des Toten sein.

Der jüngste Fall ist der lehrreichste. Im Dezember 2020 fanden Archäologen bei einer Leitungsgrabung außerhalb von Ystad einen beschnitzten Stein mit der Bildseite nach oben im Fundament einer Brücke des 18. Jahrhunderts: den seit rund dreihundert Jahren verschollenen „Stein 6" des Hunnestad-Monuments. Die Berichterstattung sprach von einem grimmigen Wolf, vielfach wurde das Tier rundheraus Fenrir genannt. Die ausgrabende Stelle, Arkeologerna bei den Staatlichen Historischen Museen Schwedens, formulierte vorsichtiger: ein wolfsähnliches Wesen, vielleicht der Fenriswolf. Der Archäologe Aleksander Pluskowski von der Universität Reading, der eine Monografie über mittelalterliche Wölfe geschrieben hat, ging weiter und hält es für zweifelhaft, dass das Tier überhaupt den Wolf darstellt: Das „große Tier" mit Ranken ist ein Leitmotiv des Mammen- und des Ringerike-Stils und erscheint in Zusammenhängen, die mit Ragnarök nichts zu tun haben.

Die ehrliche Bilanz: Die Geschichte ist nachweislich älter als Snorri, und eine Handvoll Bilder gilt in der Forschung als Fenrir. Die meisten wikingerzeitlichen Wölfe sind aber schlicht Wölfe in einem Zierstil. Sie zu benennen ist eine moderne Gewohnheit, keine alte Bildunterschrift.

Fenrir ist kein Krafttier

Fenrir taucht in heutiger Praxis häufig als etwas auf, das man anrufen oder aus dem man Kraft ziehen soll, meist auf der Grundlage des Kettenbildes: gebundene Kraft, zurückgehaltene Wut. Dafür gibt es in den Quellen keine Grundlage, und es ist etwas anderes als Wolfssymbolik überhaupt.

Im überlieferten Material ist Fenrir kein Archetyp und kein Begleiter. Er ist ein benanntes Wesen in einer Geschichte über eine Katastrophe, die die Götter durch Betrug aufschieben, auf Kosten dessen, der ehrlich gehandelt hat. Es gibt keinen belegten Fenrir-Kult, kein Gebet an ihn, keinen an ihn gerichteten Ritus.

Wenn dich der Wolf als Bild für Loyalität, Instinkt und Zugehörigkeit anzieht, ist das ein eigener und realer Strang — darüber haben wir im Krafttier Wolf geschrieben. Wenn dich das nordische Material selbst interessiert, führen Sleipnir und die Runen des Älteren Futhark weiter.

Was wir nicht versprechen

Nichts hiervon ist eine Methode für Schutz, Heilung oder das Verändern eines Ausgangs. Steine, Kerzen und Geschichten sind keine Behandlung und ersetzen keine ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe. Wir beschreiben, was eine mittelalterliche Literatur sagt und was die Archäologie trägt und was nicht — mehr nicht.

Häufige Fragen

Ist Fenrir ein Sohn Lokis?

Ja, nach Snorri. Gylfaginning 34 nennt Loki als Vater und die Riesin Angrboda als Mutter, mit Jörmungandr und Hel als Geschwistern. Die ältere Dichtung behandelt das Verhältnis als bekannt, statt es zu erklären.

Woraus bestand Gleipnir?

Aus sechs Dingen: dem Geräusch einer Katzenpfote, dem Bart einer Frau, den Wurzeln eines Felsens, den Sehnen eines Bären, dem Atem eines Fisches und dem Speichel eines Vogels. Snorri erklärt anschließend, die Fessel sei der Grund, warum es all das heute nicht mehr gibt.

Welche Hand verlor Týr?

Die rechte. Snorri ist darin genau, und der Brakteat von Trollhättan — Jahrhunderte älter als die Snorra-Edda — zeigt eine Gestalt mit der Hand im Maul eines Tieres. Das Detail war offenbar lange etabliert.

Hat Fenrir Odin getötet?

In beiden erhaltenen Berichten ja, und sein Sohn Víðarr rächt ihn. Uneinig sind die Quellen darüber, wie: Die Völuspá nennt ein Schwert ins Herz, Snorri macht den eisernen Schuh zum Werkzeug.

Sind Sköll und Hati Söhne Fenrirs?

Nicht ausdrücklich. Snorri führt sie auf eine Riesin im Eisenwald zurück, die Söhne in Wolfsgestalt gebiert; die Völuspá nennt diese Brut Fenrirs. Das Verhältnis ist angedeutet, nicht festgestellt.

Heißt es Fenrir oder Fenriswolf?

Beides ist richtig. Altnordisch stehen Fenrir und Fenrisúlfr nebeneinander, am häufigsten aber einfach „der Wolf". Die deutsche Form Fenriswolf gibt Fenrisúlfr wieder.

Quellen

  • Snorri Sturluson, Snorra-Edda: Gylfaginning 12, 29 und 34 sowie Skáldskaparmál (Víðarr-Kenningar). Zitiert nach der gemeinfreien Übersetzung von Arthur Gilchrist Brodeur (1916); maßgebliche wissenschaftliche Ausgabe ist die von Anthony Faulkes, frei veröffentlicht von der Viking Society for Northern Research.
  • Völuspá 40, 53 und 54, Lieder-Edda, nach der gemeinfreien Übersetzung von Henry Adams Bellows (1936) samt seinen Anmerkungen zu den Varianten in Hauksbók und Codex Regius.
  • Aleksander Pluskowski (Associate Professor für Archäologie, University of Reading), „Fenrir Unearthed?", zum Schädelfragment von Ribe, zum Brakteaten von Trollhättan, zur englischen und manxschen Steinplastik und zum Identifizierungsproblem; dazu seine Monografie Wolves and the Wilderness in the Middle Ages (Boydell, 2006), Kapitel 9.
  • Arkeologerna, Statens historiska museer, Pressemitteilung zur Wiederentdeckung des Hunnestad-„Steins 6", Dezember 2020.
  • Scandinavian Runic-text Database (Rundata), DR 271 (Tullstorp), Institut für skandinavische Sprachen, Universität Uppsala; dazu John McKinnell, Meeting the Other in Norse Myth and Legend (D. S. Brewer, 2005), S. 114.
  • Andy Orchard, Dictionary of Norse Myth and Legend (Cassell, 1998), zu Týr und Garmr.

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