Flugsalbe: Was in der Hexensalbe wirklich war — und was die Quellen verschweigen
Dieser Artikel zeigt dir, woher die Vorstellung der Flugsalbe kommt, was in den überlieferten Rezepten wirklich stand und warum kein einziges davon aus einer Hexenprozessakte stammt. Er liefert kein Rezept, keine Mengenangabe und keine Anwendung — die beteiligten Pflanzen sind stark giftig, und das ist hier nicht die Fußnote, sondern der Kern.
Dieser Artikel zeigt dir, woher die Vorstellung der Flugsalbe kommt, was in den überlieferten Rezepten wirklich stand und warum kein einziges davon aus einer Hexenprozessakte stammt. Er liefert kein Rezept, keine Mengenangabe und keine Anwendung — die beteiligten Pflanzen sind stark giftig, und das ist hier nicht die Fußnote, sondern der Kern.
Inhalt
Als Flugsalbe oder Hexensalbe bezeichnet man eine Paste, mit der sich Menschen im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit eingerieben haben sollen, um zum Hexensabbat zu fliegen. Belegt ist diese Vorstellung, nicht die Praxis: Das erste bekannte Rezept schrieb 1456 der bayerische Leibarzt Johannes Hartlieb in Das Buch aller verbotenen Künste auf — und ließ die entscheidende siebte Zutat bewusst weg. Aus den Akten der Hexenprozesse selbst ist kein einziges Salbenrezept überliefert; alle bekannten Rezepturen stammen von Ärzten und Naturforschern wie della Porta oder Valvasor. Pharmakologisch plausibel ist der Ansatz, weil Tropanalkaloide aus Nachtschattengewächsen über die Haut aufgenommen werden und Delirien auslösen können. Wichtige Grenze: Diese Pflanzen sind stark giftig, der Abstand zwischen wirksamer und lebensgefährlicher Dosis ist klein und nicht vorhersagbar — es gibt keine verantwortbare Anwendung, und dieser Artikel gibt bewusst keine.
Nachtschattengewächse wie Bilsenkraut, Tollkirsche, Stechapfel und Alraune enthalten Tropanalkaloide (Hyoscyamin, Atropin, Scopolamin), die über Haut und Schleimhäute aufgenommen werden und Delirien auslösen können; die Pflanzen gelten toxikologisch als stark giftig.
Quelle/Tradition: Pharmakologische und toxikologische Standardliteratur; Fühner, Solanazeen als Berauschungsmittel, 1925
Aus den Akten der frühneuzeitlichen Hexenprozesse ist kein Salbenrezept überliefert; alle bekannten Rezepturen stammen von Ärzten und frühen Naturforschern, und ihre Zusammensetzung deckt sich mit den damals gebräuchlichen Arzneien.
Quelle/Tradition: Müller-Jahncke, Hexenkräuter, in: Enzyklopädie Medizingeschichte, De Gruyter 2005, S. 592
Johannes Hartlieb nennt 1456 im 32. Kapitel von Das Buch aller verbotenen Künste eine Salbe unguentum pharelis aus sieben Kräutern, ordnet jedes Kraut einem Wochentag zu und lässt die siebte Zutat ausdrücklich unerwähnt.
Quelle/Tradition: Johannes Hartlieb, Das Buch aller verbotenen Künste, 1456, Blatt 18 f.
Apuleius beschreibt in den Metamorphosen, wie die Hexe Pamphile sich mit einer Salbe einreibt und sich in einen Uhu verwandelt; Ovid und Seneca kennen ähnliche Strigae-Erzählungen.
Quelle/Tradition: Apuleius, Metamorphosen III, 21
Valvasor berichtet 1689 von einer Salbe, unter der die Betroffene lediglich träume, sie sei geflogen, und nennt als Wirkpflanzen Schlaf-Nachtschatten und Wolfswurz.
Quelle/Tradition: Johann Weichard von Valvasor, Die Ehre dess Hertzogthums Crain, 1689
In der heutigen grünen Praxis wird das Thema als Kulturgeschichte behandelt; anstelle giftiger Salben werden Räucherwerk und ungiftige Kräuter verwendet, und die Wochentagszuordnung der Ernte wird als Ritualstruktur übernommen.
Quelle/Tradition: Verbreitete Arbeitsweise in der zeitgenössischen Kräuter- und Ritualarbeit
Eine Flugsalbe habe einen tatsächlichen Flug, eine reale Reise zum Hexensabbat oder eine heilende beziehungsweise bewusstseinserweiternde Wirkung ermöglicht.
Quelle/Tradition: Spirituelle und populäre Deutung ohne Wirknachweis; die Rauschinhalte der Selbstversuche des 20. Jahrhunderts gelten als erwartungsgeprägt
BELEGT = wissenschaftlich oder amtlich nachprüfbar · ÜBERLIEFERT = historisch/traditionell dokumentiert · GELEBTE PRAXIS = verbreitete Anwendung, Erfahrungswerte · NICHT BELEGT = spirituelle Deutung, wissenschaftlich nicht nachgewiesen.
Es gibt Bilder, die so tief sitzen, dass niemand sie mehr prüft. Die Frau, die sich nachts einreibt, den Besen zwischen die Knie nimmt und über die Dächer davonfliegt, ist so ein Bild. Es hängt in unseren Köpfen wie ein altes Ölgemälde — und wie bei den meisten alten Ölgemälden weiß kaum jemand, wer es gemalt hat und wozu.
Ich arbeite seit vielen Jahren mit Kräutern, und die Flugsalbe ist die Frage, die mir am häufigsten gestellt wird. Meistens klingt sie so: „Gibt es ein echtes Rezept?“ Die ehrliche Antwort ist unbequemer als ein Ja oder Nein. Es gibt Rezepte. Sie sind alt, sie sind gut dokumentiert — und sie stammen fast ausschließlich von Männern, die nie eine Salbe von einer Hexe bekommen haben. Genau das macht die Geschichte erst interessant.
Was mit „Flugsalbe“ überhaupt gemeint ist
Hinter dem Wort stecken zwei völlig verschiedene Dinge, und sie werden ständig verwechselt.
Das erste ist eine Vorstellung: die Salbe oder Paste, mit der sich Menschen — meist Frauen, die man als Hexen bezeichnete — im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit eingerieben haben sollen, um zum Hexensabbat zu fliegen. Diese Vorstellung ist historisch bestens belegt. Belegt ist allerdings die Vorstellung, nicht die Praxis. Schon im 16. Jahrhundert stritten Gelehrte darüber, ob es solche Salben tatsächlich gab.
Das zweite ist eine Stoffgruppe: salbenförmige Zubereitungen aus psychoaktiven Pflanzen, vor allem aus der Familie der Nachtschattengewächse. Dass solche Zubereitungen Rauschzustände, Delirien und wahnhafte Träume auslösen können, ist pharmakologisch unstrittig. Dass sie im Mittelalter tatsächlich als Rauschmittel im Gebrauch waren, ist es nicht — dafür fehlen die Belege.
Die Namen, unter denen die Sache durch die Literatur wandert, sind ein Hinweis für sich: Buhlsalbe, Hexenschmiere, Schlafsalbe, Unguentum Sabbati, Unguentum pharelis, Unguentum somniferum. Buhlsalbe und Schlafsalbe zeigen zwei sehr verschiedene Erwartungen an dieselbe Substanz — Erotik und Betäubung. Vom Fliegen ist im Namen oft gar nicht die Rede.
Die antiken Vorläufer: Hera, Pamphile und die Strigen
Aus der Antike ist kein einziges Salbenrezept dieser Art überliefert. Was überliefert ist, ist Dichtung — und die genügte, um ein Motiv über Jahrhunderte zu tragen.
Homer erzählt in der Ilias, dass Hera sich mit Ambrosia einsalbt, um zu Zeus auf den Idaberg zu kommen. Sie bewegt sich „über die obersten Gipfel und nie die Erde berührend“, und Zeus wundert sich, wie schnell sie die Strecke bewältigt hat. Eine Salbe, die den Weg verkürzt: das Motiv ist da, lange bevor es Hexen gibt.
Deutlicher wird es bei Apuleius. In den Metamorphosen beobachtet Lucius die thessalische Hexe Pamphile. Sie greift eine Büchse mit Salbe und reibt sich von Kopf bis Fuß ein. Dann heißt es:
„Darauf rüttelt sie alle ihre Glieder. Diese sind kaum in wallender Bewegung, als daraus schon weicher Flaum hervortreibt. In einem Augenblick sind auch starke Schwungfedern gewachsen, hornig und krumm ist die Nase; die Füße sind in Krallen zusammengezogen. Da steht Pamphile als Uhu!“
— Apuleius, Metamorphosen III, 21
Auch Ovid und Seneca kennen die Strigae, die sich mittels Salbe in Nachtvögel verwandeln oder auf Tieren durch die Luft reiten. Man sollte sich klarmachen, was hier vorliegt: unterhaltende Literatur, nicht Feldforschung. Aber genau diese Texte lagen den scholastischen Gelehrten des Spätmittelalters vor, als sie begannen, das Hexenbild systematisch zu konstruieren. Sie bauten aus Romanmotiven eine Lehre.
Hartlieb 1456: das erste niedergeschriebene Rezept
Der erste Arzt, der ein Hexensalbenrezept aufschreibt, ist Johannes Hartlieb (um 1400–1468), Leibarzt und Berater des bayerischen Herzogs Albrecht III. 1456 verfasst er Das Buch aller verbotenen Künste. Im 32. Kapitel steht die Stelle, auf die sich seither alles beruft.
Hartlieb nennt die Salbe unguentum pharelis — was pharelis bedeutet, weiß bis heute niemand; unguentum heißt schlicht „Salbe“. Sie werde aus sieben Kräutern gemacht, und jedes Kraut werde an dem Tag gebrochen, „der dann dem selben krautt zugehört“: Sonntag, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag. Dazu Vogelblut und Tierschmalz. Dann bestreiche man Bänke, Stühle, Rechen oder Ofengabeln „und faren dahin“.
Zwei Dinge an dieser Stelle sind bemerkenswert.
Erstens die Systematik. Die Wochentagszuordnung ist keine Folklore, sondern gelehrte Ordnung: Seit dem Mittelalter stehen die Planetensymbole auch für die Wochentage, in der Alchemie zugleich für Metalle, und die Kräuter sind den Planeten zugeordnet. Über diese Kette lassen sich sechs der sieben Pflanzen recht sicher bestimmen — Eisenkraut, Mondraute, Bingelkraut, Donnerbart, Frauenhaarfarn, Johanniskraut. Das ist Schreibtischarbeit eines Gelehrten, kein Wissen aus einer Waldhütte.
Zweitens die Lücke. Das siebte Kraut — das des Samstags, also des Saturn — lässt Hartlieb bewusst weg, „das ich als nit schreib, das yemant darvon sol geergert werden“. Er zensiert sich selbst. Die naheliegende Vermutung der Forschung: die Alraune, das Saturnkraut schlechthin. Wenn du dich fragst, wie ein „vollständiges“ Rezept aussehen kann, dem der Autor selbst den entscheidenden Bestandteil entzieht — willkommen im Kern des Problems.
Und Hartliebs Urteil? Eindeutig. Das alles sei „recht Nigramancia“ und „vast groß verboten“. Er schreibt kein Handbuch. Er schreibt eine Warnung.
Der Hexenhammer und was aus der Salbe wurde
1486 erscheint Heinrich Kramers Malleus maleficarum, der Hexenhammer. Im zweiten Teil steht, Hexen könnten sich mittels einer Salbe in die Luft erheben — hergestellt aus Gliedmaßen von Kindern.
Hier kippt das Motiv. Aus einer Kräuterpaste wird ein Verbrechen. Die Salbe ist nicht mehr Rauschmittel oder Traumhilfe, sie ist Beweisstück, und ihr Rezept ist eine Anklage. Gerolamo Cardano beschreibt später ein Lamiarum unguentum aus Kinderfett, Selleriesaft, Eisenkraut, Blutwurz, Ruß und Mutterkorn. Wer diese Listen liest, sollte sie nicht als Pharmazie lesen, sondern als Dramaturgie eines Vorwurfs.
Es ist wichtig, das auszusprechen: Diese Texte haben Menschen das Leben gekostet. Ein Rezept, das Kinderfett nennt, ist kein interessantes historisches Detail. Es ist die schriftliche Vorbereitung eines Todesurteils.
Die Leerstelle in den Prozessakten
Jetzt kommt der Befund, der die ganze Erzählung umdreht — und der in Blogbeiträgen fast nie auftaucht.
Aus den Akten der Hexenprozesse sind keine Salbenrezepte bekannt. Keine. Die Angeklagten kannten die pflanzlichen Bestandteile allenfalls vom Hörensagen. Häufiger gaben sie an, sie hätten die „Schmier“ nicht selbst hergestellt, sondern vom Teufel persönlich erhalten — eine Aussage, die unter Folter entsteht und die genau das bestätigt, was die Befrager hören wollten.
Alle überlieferten Rezepte stammen von Ärzten und frühen Naturforschern. Das erklärt auch, warum ihre Zusammensetzungen sich so auffällig mit den damals gebräuchlichen Arzneien decken: Sie sind aus dem Apothekenwissen der Zeit rekonstruiert, nicht aus der Praxis von Angeklagten.
1545 notiert Andrés de Laguna (1499–1560), Arzt unter anderem am Hof Karls V., er habe eine Hexensalbe konfisziert. Giambattista della Porta gibt 1558 in Magiae naturalis eine Rezeptur wieder, in der alkaloidhaltige Pflanzen dominieren, dazu symbolische Zutaten wie Fledermausblut. Seine Quellen kennt niemand; als authentisch verifizierbar gilt sein Bericht nicht. Johann Weichard von Valvasor beschreibt 1689 eine Salbe, unter der die Hexe „vor lauter Tanzen, Fressen, Sauffen, Musik u. dergl. träumt, also dass sie vermeynet, sie sei geflogen“ — und nennt „Schlaff-Nachtschatten“ und „Wolffswurtz“, beide stark giftig.
Valvasors Satz ist die klügste Bemerkung in der ganzen Reihe. Sie beschreibt keinen Flug. Sie beschreibt einen Traum, den jemand für einen Flug hält.
Die Pflanzen: warum Nachtschatten alles erklärt — und nichts entschuldigt
Die Pflanzen, um die es geht, gehören überwiegend zu den Nachtschattengewächsen: Bilsenkraut, Tollkirsche, Stechapfel, Alraune. Dazu tritt in manchen Rezepten der Eisenhut („Wolfswurz“), der zu einer anderen Familie zählt, aber zu den giftigsten Pflanzen Europas gehört.
Die Nachtschatten enthalten Tropanalkaloide — Hyoscyamin, Atropin, Scopolamin. Diese Stoffe wirken auf das zentrale und periphere Nervensystem, können Delirien, Halluzinationen und ein völliges Auseinanderfallen des Zeitgefühls auslösen, und sie werden über Haut und Schleimhäute aufgenommen. Genau darin liegt die pharmakologische Plausibilität der Salbenidee: Eine fettige Grundlage befördert die Aufnahme über die Haut.
Genau darin liegt aber auch die Gefahr, und ich formuliere sie so klar, wie ich kann: Der Abstand zwischen einer Dosis, die etwas „macht“, und einer Dosis, die einen Menschen ins Krankenhaus oder ins Grab bringt, ist bei diesen Pflanzen sehr klein und individuell nicht vorhersagbar. Der Alkaloidgehalt schwankt mit Art, Standort, Erntezeit, Pflanzenteil und Jahr. Es gibt keine Hausdosierung. Es gibt keine sichere Anwendung.
Deshalb steht in diesem Artikel kein Rezept, keine Menge, kein Auszugsverfahren und keine Anwendungsstelle. Nicht aus Prüderie, und nicht, weil ich dir etwas vorenthalten will. Sondern weil ich schon zu oft gelesen habe, wie so etwas endet. Wenn du an diesem Punkt enttäuscht bist: Das ist in Ordnung. Enttäuschung ist ein akzeptabler Preis.
Die Selbstversuche des 20. Jahrhunderts
Im 20. Jahrhundert wollten mehrere Forscher es wissen. Will-Erich Peuckert führte 1927 mit einem Freund einen Selbstversuch nach den Angaben della Portas durch. Beide rieben sich Achselhöhlen und Stirn ein und fielen in einen Schlaf, der rund zwanzig Stunden dauerte. Peuckert veröffentlichte 1960 unter dem Titel Hexensalben; Erwin Richter antwortete im selben Jahr mit einem Aufsatz über den „nacherlebten Hexensabbat“.
Die Versuche zeigen zweierlei. Erstens: Die Zubereitungen wirken. Zweitens — und das ist der wissenschaftlich entscheidende Punkt: Die berichteten Rauscherlebnisse gelten heute überwiegend als durch die Erwartungshaltung der Forscher geprägt. Wer sich einreibt, um einen Hexensabbat zu erleben, erlebt mit erhöhter Wahrscheinlichkeit einen Hexensabbat. Das ist kein Vorwurf an Peuckert, sondern eine Grundeigenschaft von Rauschzuständen: Der Inhalt kommt weitgehend aus dem Kopf, nicht aus der Dose.
Damit schließt sich der Kreis zu Valvasor. Die Flugsalbe hat vermutlich nie jemanden fliegen lassen. Sie könnte einigen Menschen einen Traum verschafft haben, dessen Inhalt ihre eigene Kultur ihnen vorgeschrieben hatte.
Und die „vernichteten weisen Frauen“?
Es gibt eine populäre Gegenerzählung: Die Flugsalbe sei Teil eines uralten, matriarchalen Heilwissens gewesen, das die Kirche gezielt ausgerottet habe. Diese These wurde in den 1980er Jahren breit rezipiert und ist emotional verständlich — sie gibt den Opfern der Hexenprozesse eine Kompetenz zurück, die ihnen genommen wurde.
Nur trägt die Quellenlage sie nicht. Wenn es ein durchgehend praktiziertes Salbenwissen gegeben hätte, müsste es sich in den Akten niederschlagen — und dort ist es nicht. Die historische Hexenforschung sieht die Verfolgungen heute überwiegend als Ergebnis von Krisen, Rechtsformen und Denunziationsdynamiken, nicht als Feldzug gegen eine Kräuterkundigen-Zunft.
Die Opfer brauchen keine erfundene Zauberkraft, um Opfer zu sein. Sie waren Nachbarinnen, Hebammen, Bettlerinnen, Wohlhabende, Männer und Kinder. Ihnen die Salbe zuzuschreiben, die man ihnen einst unterstellte, ist eine merkwürdige Form der Ehrung.
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Stimmen aus der Praxis
Was Menschen mir zu diesem Thema schreiben, folgt fast immer einem von drei Mustern.
„Ich habe jahrelang gedacht, es gibt ein verlorenes Rezept, und irgendwer hält es zurück.“ — Das ist das häufigste. Die Enttäuschung darüber, dass es keine verlorene Bibliothek gibt, weicht meistens einer anderen Neugier: Wenn nicht die Salbe, was dann? Und dann wird es interessant.
„Ich habe es mit einer selbst angesetzten Bilsenkrautsalbe versucht. Ich mache das nie wieder.“ — Diese Berichte enden nie bei einer poetischen Traumreise. Sie enden bei Herzrasen, Sehstörungen, tagelanger Verwirrung und in mehr Fällen, als man denkt, in einer Notaufnahme. Ich führe sie hier auf, weil sie zur Wahrheit dieses Themas gehören.
„Seit ich weiß, dass die Rezepte von Ärzten kommen, sehe ich die Prozesse anders.“ — Das ist die Wendung, die ich am meisten schätze. Wer versteht, wie ein Vorwurf hergestellt wird, erkennt das Verfahren wieder — auch in der Gegenwart.
Was wir nicht versprechen
- Wir liefern kein Rezept, keine Mengen, kein Auszugsverfahren und keine Anwendungsstellen. Das ist eine Entscheidung, nicht ein Versehen.
- Wir behaupten nicht, dass Flugsalben im Mittelalter tatsächlich verbreitet angewendet wurden. Die Quellenlage gibt das nicht her.
- Wir behaupten auch nicht das Gegenteil mit letzter Sicherheit. Wir sagen: Es gibt keine Belege — und das ist etwas anderes als ein Beweis der Nichtexistenz.
- Wir schreiben keinerlei heilende, bewusstseinserweiternde oder schützende Wirkung einer solchen Zubereitung zu. Bei Vergiftungsverdacht gilt: Giftnotruf oder Notaufnahme, sofort. Ein Artikel ersetzt keinen ärztlichen Rat.
- Wir erzählen die Hexenverfolgung nicht als spannendes Setting. Sie war ein Justizverbrechen mit Zehntausenden Toten.
Praktisch: so gehst du damit um
Die folgende Einordnung ist meine Sicht als Kräuterfrau — getrennt von den Fakten oben.
Ich behandle die Flugsalbe wie ein Werkzeug, das im Museum bleibt. Man darf davorstehen, man darf staunen, man nimmt es nicht mit nach Hause. Und ich habe gemerkt: Sobald man aufhört, hinter der Salbe ein Geheimnis zu vermuten, wird das Thema reicher, nicht ärmer.
Drei Dinge, die ich Menschen praktisch mitgebe:
Erstens: Nimm die Wochentagslogik mit, nicht die Pflanzen. Hartliebs Gedanke, jedes Kraut an „seinem“ Tag zu ernten, ist wunderschöne Ritualarbeit — und völlig gefahrlos übertragbar. Sammle Ringelblume am Sonntag, Beifuß am Montag, Eisenkraut am Dienstag. Die Struktur trägt, auch ohne Nachtschatten.
Zweitens: Arbeite mit Rauch, Wasser und Klang, wenn du Zustände verändern willst. Ein durchgeräucherter Raum, kaltes Wasser über die Handgelenke, zwanzig Minuten Trommel — das verändert dein Erleben spürbar und ohne Risiko. Die alte Praxis kannte diese Wege gut. Sie sind nur weniger spektakulär zu erzählen.
Drittens: Lass die giftigen Pflanzen im Garten stehen, wenn du sie kennenlernen willst. Bilsenkraut anschauen, zeichnen, seinen Standort kennen — das ist echte Pflanzenbeziehung. Sie braucht keine Salbe. Und wenn Kinder oder Tiere im Haus sind, gehören diese Pflanzen ohnehin nicht in Reichweite.
Der stärkste Zauber wächst am Wegrand. Er wächst dort nur selten in der Form, die uns die Angst des 15. Jahrhunderts eingeredet hat.
Häufige Fragen zur Flugsalbe
Gibt es ein echtes, vollständiges Flugsalben-Rezept?
Nein — jedenfalls keines, das aus der Praxis von Angeklagten stammt. Es gibt mehrere überlieferte Rezepturen, doch alle wurden von Ärzten und Naturforschern aufgeschrieben: Hartlieb 1456, Cardano, della Porta 1558, Valvasor 1689. Hartlieb lässt zudem eine Zutat bewusst weg. Aus den Hexenprozessakten selbst sind keine Rezepte bekannt.
Welche Pflanzen waren angeblich enthalten?
Vor allem Nachtschattengewächse: Bilsenkraut, Tollkirsche, Stechapfel, Alraune. Dazu in einzelnen Rezepten Eisenhut („Wolfswurz“). Ergänzt wurden ungiftige Kräuter wie Eisenkraut, Frauenhaarfarn oder Johanniskraut sowie symbolische Zutaten wie Vogel- oder Fledermausblut. Alle genannten Nachtschatten und der Eisenhut sind stark giftig.
Kann man mit einer Flugsalbe wirklich fliegen?
Nein. Tropanalkaloide können Delirien und Halluzinationen auslösen, in denen Bewegung, Zeit und Körpergrenzen völlig verzerrt erlebt werden. Ein körperlicher Flug findet nicht statt. Valvasor beschrieb das 1689 schon präzise: Die Betroffene träume, „also dass sie vermeynet, sie sei geflogen“.
Was ergaben die Selbstversuche im 20. Jahrhundert?
Will-Erich Peuckert rieb sich 1927 mit einem Freund nach della Portas Angaben ein; beide schliefen rund zwanzig Stunden. Die Zubereitung wirkte also. Die berichteten Traum- und Rauschinhalte gelten heute jedoch überwiegend als von der Erwartungshaltung der Forscher geformt — sie belegen keinen historischen Hexensabbat.
Warum steht in diesem Artikel keine Anleitung?
Weil der Abstand zwischen wirksamer und lebensgefährlicher Dosis bei diesen Pflanzen sehr klein und nicht vorhersagbar ist. Der Alkaloidgehalt schwankt mit Art, Standort, Erntezeit und Pflanzenteil. Eine verantwortbare Hausdosierung existiert nicht. Bei Verdacht auf eine Vergiftung: umgehend Giftnotruf oder Notaufnahme.
Stimmt es, dass die Kirche ein altes Kräuterwissen ausgerottet hat?
Diese These war in den 1980er Jahren populär, wird von der heutigen Hexenforschung aber überwiegend nicht gestützt. Ein verbreitetes Salbenwissen müsste sich in den Prozessakten spiegeln — dort ist es nicht zu finden. Die Verfolgungen gelten heute vor allem als Folge von Krisen, Rechtsformen und Denunziationsdynamiken.
Quellen & Weiterlesen
- Johannes Hartlieb: Das Buch aller verbotenen Künste (1456), 32. Kapitel — erste bekannte Aufzeichnung eines Hexensalbenrezepts; deutsche Neuausgabe München 1989.
- Apuleius: Metamorphosen III, 21 — Verwandlung der Pamphile.
- Heinrich Kramer (Institoris): Malleus maleficarum / Der Hexenhammer (1486), Teil II.
- Giambattista della Porta: Magiae naturalis sive de miraculis rerum naturalium, Neapel 1558.
- Johann Weichard von Valvasor: Die Ehre dess Hertzogthums Crain, Laibach/Nürnberg 1689.
- Will-Erich Peuckert: Hexensalben. In: Medizinischer Monatsspiegel, Heft 8 (1960), S. 169–174.
- Erwin Richter: Der nacherlebte Hexensabbat. Zu Will-Erich Peuckerts Selbstversuch mit Hexensalben (1960).
- Wolf-Dieter Müller-Jahncke: Hexenkräuter. In: Enzyklopädie Medizingeschichte, De Gruyter 2005, S. 592.
- Franz-Josef Kuhlen: Zur Geschichte der Schmerz-, Schlaf- und Betäubungsmittel in Mittelalter und früher Neuzeit, Stuttgart 1983.
- Hermann Fühner: Solanazeen als Berauschungsmittel. In: Naunyn-Schmiedebergs Archiv, Bd. 111 (1925), S. 281–294.
Weiterlesen bei uns: Alraune: Mythos, Galgenmännlein und was wirklich hinter der Zauberwurzel steckt · Räucherharze räuchern: Myrrhe, Copal & Drachenblut · Wicca: Geschichte, Grundlagen & die moderne Hexenkunst
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