Wahrsagen & Medialität

Spiritismus: Wie die Fox-Schwestern 1848 eine Weltbewegung auslösten — Tischrücken, Séancen, Entlarvung und was davon bleibt

Am 31. März 1848 klopfte es in einem Holzhaus in Hydesville im Bundesstaat New York. Zwei Mädchen, elf und vierzehn Jahre alt, behaupteten, die Klopfzeichen kämen von einem Toten — und innerhalb von fünf Jahren saßen Millionen Menschen von Boston bis Berlin um runde Tische und warteten auf Antworten aus dem Jenseits. Ich erzähle dir, wie der Spiritismus entstand, warum das Tischrücken Physiker, Dichter und Kaiserhöfe beschäftigte, wie die Fox-Schwestern vierzig Jahre später ihr eigenes Geheimnis verrieten — und was von alledem übrig bleibt.

Séance-Stillleben: Messingglocke, weiße Handschuhe und getrocknete Rosen im Kerzenlicht

Am 31. März 1848 klopfte es in einem Holzhaus in Hydesville im Bundesstaat New York. Zwei Mädchen, elf und vierzehn Jahre alt, behaupteten, die Klopfzeichen kämen von einem Toten — und innerhalb von fünf Jahren saßen Millionen Menschen von Boston bis Berlin um runde Tische und warteten auf Antworten aus dem Jenseits. Ich erzähle dir, wie der Spiritismus entstand, warum das Tischrücken Physiker, Dichter und Kaiserhöfe beschäftigte, wie die Fox-Schwestern vierzig Jahre später ihr eigenes Geheimnis verrieten — und was von alledem übrig bleibt, wenn du heute mit einer Kerze und einer Frage am Tisch sitzt.

Schnellantwort

Der moderne Spiritismus begann am 31. März 1848 in Hydesville (New York), als die Schwestern Kate und Margaret Fox behaupteten, Klopfzeichen eines Verstorbenen zu empfangen; ihre Schwester Leah machte daraus ab 1849 öffentliche Vorführungen. 1853 erreichte das Tischrücken Europa, und Michael Faraday wies noch im selben Jahr nach, dass unbewusste Muskelbewegungen der Teilnehmer den Tisch bewegen (ideomotorischer Effekt). Allan Kardec gab der Bewegung 1857 mit dem Buch der Geister ein System mit Reinkarnationslehre; die Society for Psychical Research untersucht seit 1882 Medien wissenschaftlich. 1888 gestand Margaret Fox, die Klopfzeichen mit den Zehengelenken erzeugt zu haben, widerrief aber 1889. Ein kontrollierter Nachweis für Botschaften Verstorbener ist bis heute nicht gelungen; was bleibt, ist das Unbewusste, das am Tisch spricht, und das Bedürfnis nach Verbindung, das die Trauerforschung heute als gesund beschreibt.

Einordnung
Belegt

Die Klopfzeichen bei den Fox-Schwestern begannen am 31. März 1848 in Hydesville, New York; die ersten öffentlichen Vorführungen fanden im November 1849 in Rochester statt.

Quelle/Tradition: Weisberg, Talking to the Dead (2004); zeitgenössische Presse

Belegt

Michael Faraday wies 1853 experimentell nach, dass das Tischrücken durch unbewusste Muskelbewegungen der Teilnehmer entsteht (ideomotorischer Effekt, Begriff von William Carpenter 1852).

Quelle/Tradition: Faraday, The Athenaeum, 2. Juli 1853; Carpenter 1852

Belegt

Margaret Fox gestand am 21. Oktober 1888 öffentlich, die Klopfzeichen mit den Zehengelenken erzeugt zu haben, und widerrief das Geständnis 1889.

Quelle/Tradition: New York World, 21. Oktober 1888; Weisberg 2004

Belegt

Allan Kardec begründete 1857 mit dem Buch der Geister den kardecistischen Spiritismus mit Reinkarnationslehre; die Society for Psychical Research wurde 1882 in London gegründet.

Quelle/Tradition: Kardec, Le Livre des Esprits (1857); SPR-Gründungsdokumente

Überliefert

Ein Hausierer wurde im Haus der Familie Fox ermordet und im Keller begraben; das 1904 gefundene Skelett bestätigt dies.

Quelle/Tradition: Spiritistische Überlieferung; Fundumstände von 1904 nie geklärt

Gelebte Praxis

Séancen, Pendeln und Gläserrücken werden als Wege genutzt, mit dem eigenen Unbewussten oder mit Verstorbenen in Verbindung zu treten.

Quelle/Tradition: Spiritualistische Kirchen, Kardecismus, New-Age-Channeling, Alltagspraxis

Nicht belegt

Botschaften aus dem Jenseits lassen sich am Tisch, mit dem Pendel oder über ein Medium nachweisbar empfangen.

Quelle/Tradition: Kein kontrollierter wissenschaftlicher Nachweis; SPR-Untersuchungen seit 1882 ohne anerkannten Beleg

BELEGT = wissenschaftlich oder amtlich nachprüfbar · ÜBERLIEFERT = historisch/traditionell dokumentiert · GELEBTE PRAXIS = verbreitete Anwendung, Erfahrungswerte · NICHT BELEGT = spirituelle Deutung, wissenschaftlich nicht nachgewiesen.

Hydesville 1848: Zwei Mädchen und ein Klopfen

Die Familie Fox war erst im Dezember 1847 in das kleine Haus gezogen. Im März darauf begannen nächtliche Geräusche, die sich wie Klopfen an Holz anhörten. Die jüngere Tochter Kate soll als Erste versucht haben, mit dem Geräusch zu sprechen: Sie schnippte mit den Fingern, und es klopfte zurück — so oft, wie sie geschnippt hatte. Ihre Schwester Margaret und die Mutter entwickelten daraus ein Alphabet: ein Klopfen für Ja, zwei für Nein, und für Buchstaben zählte man durch. Die Antworten, die so entstanden, ergaben eine Geschichte: Ein Hausierer sei in diesem Haus ermordet und im Keller vergraben worden.

Nachbarn kamen, dann Zeitungen. Die älteste Schwester Leah, mehr als zwanzig Jahre älter und geschäftstüchtig, brachte die beiden nach Rochester, wo im November 1849 die ersten öffentlichen Vorführungen in der Corinthian Hall stattfanden. Untersuchungsausschüsse aus Bürgern konnten die Quelle der Geräusche nicht finden. Das genügte: Innerhalb weniger Jahre gab es in den Vereinigten Staaten Tausende von Medien, Zirkeln, Zeitschriften und Sonntagsversammlungen. Die Bewegung nannte sich Modern Spiritualism und verstand sich nicht als Aberglaube, sondern als Beweisreligion — die erste Religion, so ihre Anhänger, deren Grundlage sich am Tisch nachprüfen lasse.

Warum gerade 1848 — der Boden, auf dem die Bewegung wuchs

Der Spiritismus fiel nicht vom Himmel. Er wuchs auf drei Wurzeln, die alle schon da waren. Die erste war der Mesmerismus: Seit Franz Anton Mesmer in den 1770er Jahren vom „tierischen Magnetismus" sprach, kannte Europa Somnambule — Menschen, die in Trance angeblich Fernes sahen und mit Verstorbenen sprachen. Der schwäbische Arzt Justinus Kerner hatte 1829 die Seherin von Prevorst beschrieben, eine junge Frau, die in Trance Geister sah und Klopfgeräusche hörte; das Buch war in Deutschland ein Bestseller. Die zweite Wurzel war Emanuel Swedenborg, der schwedische Naturforscher, der im 18. Jahrhundert detaillierte Berichte über Gespräche mit Engeln und Verstorbenen veröffentlicht hatte. Die dritte war der Zustand der Region selbst: Das westliche New York hieß Burned-over District, weil dort eine religiöse Erweckungswelle nach der anderen durchgegangen war — Mormonen, Adventisten, Shaker, alle innerhalb weniger Meilen um Hydesville.

Dazu kam etwas, das man leicht übersieht: die Kindersterblichkeit. Kaum eine Familie um 1850 hatte nicht ein Kind begraben. Der Spiritismus versprach, was keine Kirche versprach — nicht Trost, sondern Kontakt. Und er versprach ihn in einer Form, die mit der Zeit ging: Der Telegraf war 1844 in Betrieb gegangen. Ein Klopfalphabet aus dem Jenseits klang 1848 nicht abwegig, sondern modern. Die Spiritisten selbst sprachen vom „spirituellen Telegrafen".

Das Tischrücken erobert Europa — und Faraday erklärt es

1853 sprang die Mode über den Atlantik. In Bremen, Hamburg, Paris, London und Wien saßen in jenem Frühjahr Gesellschaften um Tische, legten die Hände auf die Platte und warteten, bis sie sich drehte, kippte oder klopfte. Die Zeitungen berichteten wochenlang, die Kirchen verurteilten das Treiben, und in den Salons wurde weitergerückt. Es war, was wir heute einen viralen Trend nennen würden — nur dass er in Salons stattfand.

Noch im selben Sommer setzte sich Michael Faraday, der bedeutendste Experimentalphysiker seiner Zeit, an einen solchen Tisch. Er baute eine Vorrichtung aus zwei Brettern mit Rollen dazwischen und einem Zeiger, der anzeigte, ob die Hände den Tisch schoben oder der Tisch die Hände mitnahm. Das Ergebnis, veröffentlicht im Juli 1853, war eindeutig: Die Hände schoben. Die Teilnehmer merkten es nicht, weil sie es nicht merken wollten — sobald der Zeiger ihnen die eigene Bewegung zeigte, hörte der Tisch auf, sich zu drehen. Der Physiologe William Carpenter hatte dafür schon 1852 ein Wort geprägt: ideomotorisch. Eine Erwartung erzeugt eine winzige Muskelbewegung, ohne dass du sie willst oder spürst. Es ist derselbe Mechanismus, der ein Pendel in deiner Hand schwingen lässt — und er ist, ehrlich betrachtet, das Interessanteste am ganzen Phänomen: Der Tisch antwortet. Nur nicht mit einer fremden Stimme, sondern mit deiner eigenen, die du nicht hören wolltest.

Die Zeitleiste des Spiritismus — von Hydesville bis zum Hexenbrett

1829Justinus Kerner veröffentlicht Die Seherin von Prevorst — Trance, Geister, Klopfen, noch ohne Bewegung dahinter 184831. März: Klopfzeichen bei den Fox-Schwestern in Hydesville, New York 1849Erste öffentliche Vorführung in der Corinthian Hall, Rochester 1853Tischrücken-Welle in Europa; Faraday weist die unbewusste Muskelbewegung nach 1857Allan Kardec, Le Livre des Esprits: der französische Spiritismus mit Reinkarnationslehre 1877Der Leipziger Astronom Zöllner experimentiert mit dem Medium Henry Slade 1882Gründung der Society for Psychical Research in London 188821. Oktober: Margaret Fox führt in New York das Knacken ihrer Zehengelenke öffentlich vor 1891Patent auf das Ouija-Brett — das „Hexenbrett" wird Massenware 1919–1926Nachkriegswelle: Conan Doyle wirbt, Houdini entlarvt, Thomas Mann sitzt in München am Tisch

Kardec, Home, Zöllner: Die Bewegung wird erwachsen

In Frankreich gab der Pädagoge Hippolyte Rivail dem Ganzen unter dem Namen Allan Kardec ein System. Sein Buch der Geister von 1857 ordnete die Botschaften der Tische zu einer Lehre mit Reinkarnation, moralischem Fortschritt und einer Hierarchie der Geister. Kardec nannte seine Lehre Spiritisme — und so entstand der Unterschied, der bis heute gilt: Der angloamerikanische Spiritualism kennt keine Wiedergeburt, der kardecistische Spiritismus baut auf ihr auf. In Brasilien ist Kardecs Lehre heute eine anerkannte Religionsgemeinschaft mit Millionen Anhängern, eigenen Krankenhäusern und einem eigenen Gedenktag.

Die großen Medien der Zeit waren Berühmtheiten. Daniel Dunglas Home, ein Schotte mit amerikanischer Jugend, saß bei Napoleon III., beim Zaren und in den besten Häusern Londons; er soll 1868 aus einem Fenster im dritten Stock hinaus- und in ein anderes hineingeschwebt sein. Home wurde nie beim Betrug ertappt, was seine Verteidiger für einen Beweis und seine Kritiker für ein Talent halten. Robert Browning, dessen Frau an Home glaubte, schrieb über ihn das bösartige Gedicht Mr Sludge, the Medium.

In Deutschland war es ein Astronom, der die Bewegung in die Universität trug: Johann Karl Friedrich Zöllner in Leipzig führte 1877 und 1878 Experimente mit dem amerikanischen Medium Henry Slade durch — Knoten in einer geschlossenen Schnur, Schrift auf versiegelten Tafeln — und erklärte sie mit einer vierten Raumdimension. Dass Slade kurz zuvor in London wegen Betrugs verurteilt worden war, störte Zöllner nicht. Es störte seine Kollegen umso mehr; die Affäre gilt bis heute als Lehrstück dafür, wie ein brillanter Kopf sich selbst täuschen kann, wenn er das Ergebnis schon kennt.

Die Gegenbewegung: Wissenschaftler, die es wissen wollten

1882 gründeten in London der Philosoph Henry Sidgwick, der Klassizist Frederic Myers und Edmund Gurney die Society for Psychical Research. Ihr Programm war weder Glaube noch Spott, sondern Methode: Wenn es diese Phänomene gibt, muss man sie untersuchen können wie alles andere. Die SPR entlarvte in den ersten Jahren mehr Medien, als sie bestätigte — darunter, in einem berühmten Bericht von 1885, Helena Blavatsky, die Gründerin der Theosophie. Sie prägte aber auch Begriffe wie Telepathie und sammelte Fälle, die bis heute diskutiert werden. William James, der Vater der amerikanischen Psychologie, gründete 1885 den amerikanischen Ableger und untersuchte jahrelang das Bostoner Medium Leonora Piper, die er für den einen echten Fall unter vielen falschen hielt.

Um dieselbe Zeit begann die Psychologie, die Medien anders zu lesen. Der Genfer Professor Théodore Flournoy saß fünf Jahre lang bei dem Medium Hélène Smith, die in Trance Marsianisch sprach und aus früheren Leben als indische Prinzessin und Marie-Antoinette berichtete. Sein Buch von 1900 zeigte Schritt für Schritt, wie Vergessenes, Gelesenes und Gewünschtes sich zu einer fremden Stimme fügen — ein Mechanismus, den wir heute Kryptomnesie nennen. Flournoy hielt Hélène Smith nicht für eine Betrügerin. Er hielt sie für einen Beweis dafür, was das Unbewusste kann.

1888: Das Geständnis der Fox-Schwestern

Vierzig Jahre nach Hydesville stand Margaret Fox auf der Bühne der New Yorker Academy of Music, zog Strumpf und Schuh aus, legte den Fuß auf ein Holzbrett — und ließ es klopfen. Ärzte auf der Bühne bestätigten: Sie knackte mit dem Gelenk der großen Zehe, und das Holz verstärkte den Laut. Am selben Tag erschien in der New York World ihr Geständnis: Die Klopfzeichen seien von Anfang an ein Kinderstreich gewesen, zuerst mit einem Apfel an einer Schnur, dann mit den Gelenken; Leah habe die Mädchen zu einem Geschäft gemacht und nie wieder losgelassen. Kate saß im Publikum und bestätigte.

Ein Jahr später widerrief Margaret. Sie war mittellos, trank, hatte mit ihrer Schwester Leah gebrochen — und die spiritistische Gemeinde, die ihre einzige Einnahmequelle war, hatte ihr das Geständnis nicht verziehen. Die Bewegung erklärte den Widerruf zur Wahrheit und das Geständnis zum Erpressungsprodukt. Kate starb 1892, Margaret 1893, beide arm. Das Haus in Hydesville wurde 1916 versetzt und brannte 1955 ab. 1904 fanden Kinder in seinem Keller angeblich ein Skelett, was die Spiritisten als späte Bestätigung des ermordeten Hausierers feierten; die Fundumstände sind nie geklärt worden.

Was von alledem übrig bleibt, ist keine einfache Geschichte von Betrug. Es ist die Geschichte zweier Kinder, die ein Spiel begannen, das Erwachsene ernst nahmen, bis es keinen Ausweg mehr gab. Ich lese sie nicht als Anklage, sondern als Warnung: Der Wunsch, dass es klopft, ist stärker als jede Zehe.

Hexenbrett, Ektoplasma, Houdini: Die zweite Welle

1891 ließ sich eine Firma in Baltimore ein Brett mit Alphabet und Zeiger patentieren — das Ouija-Brett, in Deutschland als Hexenbrett bekannt. Es machte die Séance zur Spielwarenabteilung. Nach dem Ersten Weltkrieg kam die große Nachfrage: Millionen Gefallene, Millionen Angehörige. Arthur Conan Doyle, der Erfinder des Sherlock Holmes, wurde zum wichtigsten Werber des Spiritismus; er hatte seinen Sohn verloren und veröffentlichte 1926 eine zweibändige Geschichte des Spiritualismus. Sein Freund Harry Houdini wurde zu seinem Gegner: Der Entfesselungskünstler besuchte in den 1920er Jahren verkleidet Hunderte Séancen, entlarvte die Tricks — Fußschalter, Sprechrohre, Käseleinen als „Ektoplasma" — und schrieb 1924 A Magician Among the Spirits. Die Freundschaft zerbrach daran.

In München saß derweil Thomas Mann im Labor des Arztes Albert von Schrenck-Notzing und beobachtete das Medium Willi Schneider aus Braunau. Mann beschrieb es 1924 in Okkulte Erlebnisse: ein Taschentuch, das sich hebt, eine Glocke, die klingelt, im Rotlicht, unter Bedingungen, die er für kontrolliert hielt. Er schrieb, er habe keinen Betrug gesehen und wisse trotzdem nicht, was er gesehen habe — die ehrlichste Formulierung, die es zum Thema gibt. Schrenck-Notzings Fotografien von Ektoplasma-Erscheinungen des Mediums „Eva C." wirken heute wie das, was sie vermutlich waren: Papier und Gaze. Aber sie stehen für eine Zeit, in der Ärzte, Physiker und Schriftsteller die Frage ernst nahmen, und das ist mehr, als man von heute sagen kann.

Was heute davon lebt

Der Spiritismus ist nicht verschwunden, er hat sich verteilt. In Großbritannien gibt es spiritualistische Kirchen mit Sonntagsgottesdiensten, in denen ein Medium Botschaften an die Gemeinde gibt. In Brasilien ist der Kardecismus Teil des Alltags. Das Channeling der New-Age-Bewegung ist die Séance ohne Tisch: Nicht Verstorbene sprechen, sondern Wesenheiten, aufgestiegene Meister, das Licht selbst — die Form ist dieselbe, nur die Absender haben sich geändert. Und das Gläserrücken lebt als Mutprobe in Jugendzimmern weiter, wo es das tut, was das Tischrücken 1853 tat: Es macht die Hände von acht Leuten zu einer Stimme, die keiner von ihnen zu sein glaubt.

Was die Psychologie seither gelernt hat, ist übrigens freundlicher, als die Entlarvungen vermuten lassen. Die Trauerforschung spricht seit den 1990er Jahren von continuing bonds: Eine fortgesetzte innere Beziehung zu Verstorbenen ist kein Zeichen von Verdrängung, sondern für viele Menschen ein gesunder Teil der Trauer. Das ist, wenn du so willst, der Punkt, an dem die Fox-Schwestern recht hatten — nicht mit dem Klopfen, aber mit dem Bedürfnis.

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Stimmen aus der Praxis

Eine Trauerbegleiterin, mit der ich oft spreche, sagt über Séancen und Gläserrücken einen Satz, den ich mir gemerkt habe: „Die Leute kommen nicht, weil sie an Geister glauben. Sie kommen, weil sie einen Satz nicht zu Ende sagen konnten." Sie hält Rituale des Kontakts für wertvoll — die Kerze, das Foto, den Brief, der nie abgeschickt wird — und Rituale der Antwort für gefährlich, wenn jemand anderes die Antwort liefert und dafür Geld nimmt.

Ein Zauberkünstler, der Séancen als Bühnenprogramm spielt, erzählte mir, dass das Publikum nach der Vorstellung fast nie wissen will, wie die Tricks gehen. Es will wissen, ob er selbst daran glaubt. Er antwortet dann, er glaube an das, was er jeden Abend sieht: acht Fremde, die zwanzig Minuten lang gemeinsam auf etwas warten und dabei still werden. „Das ist das Wunder. Der Tisch ist nur der Vorwand."

Was wir nicht versprechen

Wir behaupten nicht, dass die Klopfzeichen von Hydesville, die schwebenden Tische Homes oder das Ektoplasma Münchens echt waren; das Geständnis von 1888, Faradays Versuch und Houdinis Berichte sprechen dagegen, und ein kontrollierter Nachweis einer Botschaft aus dem Jenseits ist bis heute nicht gelungen. Wir behaupten auch nicht das Gegenteil — dass alles Betrug war. Zwischen Betrug und Beweis liegt ein weites Feld, das Flournoy als Erster vermessen hat: das Unbewusste, das spricht, wenn man ihm einen Tisch gibt. Ein Pendel öffnet keine Tür ins Jenseits. Es öffnet eine in dich, und die ist meistens die wichtigere.

Praktisch: so gehst du damit um

  1. Kenne den Mechanismus, bevor du dich hinsetzt. Ideomotorik heißt: Deine Erwartung bewegt deine Hand, ohne dass du es merkst. Wer das weiß, kann ein Pendel oder ein Glas als Spiegel benutzen — und wird nicht von der eigenen Hand überrascht.
  2. Stell Fragen, deren Antwort in dir liegt. „Soll ich den Job annehmen?" ist eine gute Frage für ein Pendel. „Wo ist die Lottozahl?" ist keine. Wie du fragst und deutest, steht in Pendel-Antworten deuten.
  3. Gläserrücken nur mit Menschen, denen du vertraust — und nie mit jemandem, der gerade trauert. Acht Hände und eine hohe Erwartung erzeugen Botschaften. Für Trauernde können sie zur Last werden, wenn sie das Falsche sagen.
  4. Zahle niemandem für Botschaften von Verstorbenen. Das ist die eine Regel, über die sich Spiritisten, Skeptiker und Trauerbegleiter einig sind. Was du für die Verbindung brauchst, hast du: eine Kerze, einen Ort, einen Satz. Unsere Anleitung zur Ahnenarbeit zeigt dir eine Form dafür.
  5. Nimm die Geschichte als Geschenk. Zwei Mädchen, ein Physiker, ein Astronom, ein Entfesselungskünstler und ein Nobelpreisträger haben sich an derselben Frage abgearbeitet. Du musst sie nicht beantworten. Es reicht, sie ehrlich zu stellen.

Häufige Fragen

Wer waren die Fox-Schwestern?

Kate (Catherine) und Margaret (Maggie) Fox aus Hydesville, New York, die im März 1848 als Kinder behaupteten, Klopfzeichen eines Toten zu empfangen. Ihre ältere Schwester Leah machte sie zu den ersten professionellen Medien. 1888 gestand Margaret, die Geräusche mit den Zehengelenken erzeugt zu haben; 1889 widerrief sie. Beide starben in den 1890er Jahren verarmt.

Was ist der Unterschied zwischen Spiritismus und Spiritualismus?

Im Deutschen werden beide Wörter oft gleich gebraucht. Genau genommen bezeichnet Spiritualism die angloamerikanische Bewegung ab 1848, die keine Reinkarnation lehrt, und Spiritisme die Lehre Allan Kardecs ab 1857, die auf Wiedergeburt und moralischem Fortschritt der Geister aufbaut und vor allem in Brasilien lebendig ist.

Wie funktioniert Tischrücken wirklich?

Über den ideomotorischen Effekt: Die Erwartung der Teilnehmer erzeugt winzige, unbewusste Muskelbewegungen, die sich über mehrere Hände summieren. Michael Faraday wies das 1853 mit einer Rollenvorrichtung nach — sobald die Teilnehmer ihre eigene Bewegung sehen konnten, hörte der Tisch auf, sich zu bewegen.

Ist Gläserrücken gefährlich?

Körperlich nicht. Psychisch kann es belasten, weil die Gruppe Botschaften erzeugt, die einzelne Teilnehmer ernst nehmen — besonders Trauernde oder Menschen in einer Krise. Wer den Mechanismus kennt und mit vertrauten Menschen spielt, hat in der Regel nichts zu befürchten; wer Antworten von Verstorbenen erwartet, sollte es lassen.

Was hat die Society for Psychical Research herausgefunden?

Seit 1882 hat die SPR zahlreiche Medien untersucht und die meisten als Betrug oder Selbsttäuschung eingeordnet, einige Fälle — etwa Leonora Piper — aber als ungeklärt geführt. Einen wissenschaftlich anerkannten Nachweis für Botschaften Verstorbener gibt es bis heute nicht. Die SPR existiert weiter und veröffentlicht eine Fachzeitschrift.

Gibt es den Spiritismus heute noch?

Ja. In Großbritannien in spiritualistischen Kirchen, in Brasilien als kardecistische Religionsgemeinschaft mit Millionen Mitgliedern, im New Age als Channeling, in Jugendzimmern als Gläserrücken und auf Bühnen als mediale Shows.

Quellen & Weiterlesen

  • Barbara Weisberg, Talking to the Dead. Kate and Maggie Fox and the Rise of Spiritualism (2004) — die Standardbiographie.
  • Michael Faraday, „Experimental Investigation of Table-Moving", The Athenaeum, 2. Juli 1853.
  • Allan Kardec, Le Livre des Esprits (1857; dt. Das Buch der Geister).
  • Théodore Flournoy, Des Indes à la planète Mars (1900).
  • Thomas Mann, „Okkulte Erlebnisse", in: Bemühungen (1925).
  • Harry Houdini, A Magician Among the Spirits (1924).
  • Diethard Sawicki, Leben mit den Toten. Geisterglauben und die Entstehung des Spiritismus in Deutschland 1770–1900 (2002).
  • Dennis Klass u. a. (Hg.), Continuing Bonds. New Understandings of Grief (1996).
  • Im Magazin: Kryptomnesie · Automatisches Schreiben in Glastonbury · Nekromantie in der Antike · Pendeln lernen

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