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Abraxas: Bedeutung, die Zahl 365 und die Amulettgemmen der Kaiserzeit

Abraxas ist eines der merkwürdigsten Wörter der Antike: Es steht auf Tausenden kleiner Steine, seine Buchstaben ergeben die Zahl 365, ein alexandrinischer Lehrer soll es zum Namen des höchsten Himmelsherrschers gemacht haben — und trotzdem weiß niemand sicher, was es heißt. Dieser Text folgt dem Wort von den Werkstätten Ägyptens über die Ketzerkataloge der Kirchenväter bis zu Hermann Hesse und C. G. Jung, und er trennt dabei, was die Steine zeigen, von dem, was spätere Jahrhunderte in sie hineingelesen haben.

Ovale Abraxas-Gemme aus grünem Jaspis mit hahnenköpfiger Schlangenbein-Figur, Schild und Peitsche, bei Kerzenlicht vor dunkelgrüner Wand

Abraxas ist eines der merkwürdigsten Wörter der Antike: Es steht auf Tausenden kleiner Steine, seine Buchstaben ergeben die Zahl 365, ein alexandrinischer Lehrer soll es zum Namen des höchsten Himmelsherrschers gemacht haben — und trotzdem weiß niemand sicher, was es heißt. Dieser Text folgt dem Wort von den Werkstätten Ägyptens über die Ketzerkataloge der Kirchenväter bis zu Hermann Hesse und C. G. Jung, und er trennt dabei, was die Steine zeigen, von dem, was spätere Jahrhunderte in sie hineingelesen haben.

Schnellantwort

Abraxas (auf den antiken Steinen meist Abrasax, griechisch ΑΒΡΑΣΑΞ) ist ein Machtwort aus dem römischen Ägypten des 2. bis 4. Jahrhunderts. Seine sieben griechischen Buchstaben ergeben nach der Zahlenlehre der Isopsephie den Wert 365, die Zahl der Tage eines Jahres; die Kirchenväter Irenäus und Hippolyt berichten, der gnostische Lehrer Basilides habe Abrasax als Herrscher über 365 Himmel verstanden. Auf den sogenannten Abraxas-Gemmen erscheint dazu eine Figur mit Hahnenkopf, Menschenrumpf und Schlangenbeinen, die Schild und Peitsche trägt; sie diente als Schutzamulett. Was das Wort ursprünglich bedeutete, ist ungeklärt. Im 20. Jahrhundert machten Hermann Hesse und C. G. Jung Abraxas zum Symbol eines Gottes jenseits von Gut und Böse — das ist moderne Deutung, keine antike Lehre.

Einordnung
Belegt

Die griechischen Buchstaben von ΑΒΡΑΣΑΞ ergeben nach den antiken Zahlenwerten (1+2+100+1+200+1+60) die Summe 365.

Quelle/Tradition: Griechisches Milesisches Zahlsystem; Irenäus, Adversus haereses I,24,7

Belegt

Irenäus (um 180) und Hippolyt (um 220) berichten, Basilides von Alexandria habe Abrasax als Herrscher über 365 Himmel gelehrt.

Quelle/Tradition: Irenäus, Adv. haer. I,24; Hippolyt, Refutatio VII,26 — als Bericht der Gegner, nicht als Originaltext

Belegt

Tausende geschnittener Steine des 2.–4. Jahrhunderts tragen das Wort Abrasax, viele davon die hahnenköpfige Schlangenbeinfigur (Anguipede) mit Schild und Peitsche.

Quelle/Tradition: Campbell Bonner, Studies in Magical Amulets (1950); Mastrocinque, Sylloge Gemmarum Gnosticarum (2003/2007)

Belegt

Die Bezeichnung dieser Steine als gnostisch ist eine Zuschreibung der Gelehrten des 17. bis 19. Jahrhunderts; die heutige Forschung sieht die meisten als Amulette einer breiten, nicht spezifisch gnostischen Volksmagie.

Quelle/Tradition: Forschungsgeschichte seit Bonner 1950; Michel, Die magischen Gemmen (2004)

Nicht belegt

Das Wort Abrasax leitet sich vom hebräischen Segenswort ab oder hängt mit Abrakadabra zusammen.

Quelle/Tradition: Mehrere konkurrierende Etymologien, keine gesichert

Überliefert

Basilides selbst hat die Anguipede-Figur entworfen oder Abrasax-Gemmen tragen lassen.

Quelle/Tradition: Nur indirekt aus den Ketzerberichten erschlossen, keine Quelle verbindet Basilides mit den Steinen

Belegt

Hermann Hesse (Demian, 1919) und C. G. Jung (Septem Sermones ad Mortuos, 1916) machten Abraxas zum Bild eines Gottes, der Gut und Böse in sich vereint.

Quelle/Tradition: Literaturgeschichte; beide Texte sind datiert und zugänglich

Gelebte Praxis

Menschen tragen heute Abraxas-Anhänger als Schutz- oder Ganzheitssymbol.

Quelle/Tradition: Verbreitete Praxis in esoterischem Schmuck

Nicht belegt

Ein Abraxas-Amulett schützt vor Krankheit, Unglück oder Fremdeinfluss.

Quelle/Tradition: Kein Nachweis; antike Schutzfunktion ist Glaube, keine Wirkung

BELEGT = wissenschaftlich oder amtlich nachprüfbar · ÜBERLIEFERT = historisch/traditionell dokumentiert · GELEBTE PRAXIS = verbreitete Anwendung, Erfahrungswerte · NICHT BELEGT = spirituelle Deutung, wissenschaftlich nicht nachgewiesen.

Abraxas oder Abrasax? Zuerst die Schreibweise

Wer heute „Abraxas“ sagt, benutzt die Form, die sich seit der Renaissance durchgesetzt hat. Auf den antiken Steinen und in den griechischen Quellen steht fast immer ΑΒΡΑΣΑΞ, Abrasax — mit dem Sigma vor dem Xi. Die Vertauschung ist alt und harmlos; sie taucht schon in mittelalterlichen Handschriften auf, in denen jemand das fremde Wort beim Abschreiben umstellte. Für die Zahl, um die es gleich geht, macht sie keinen Unterschied, weil dieselben Buchstaben nur die Plätze tauschen. Ich schreibe im Folgenden Abraxas, wenn ich vom Wort in der Nachwelt rede, und Abrasax, wenn ich die Steine meine.

Die Zahl 365: Isopsephie, das Rechnen mit Buchstaben

Die Griechen hatten keine eigenen Ziffern. Sie zählten mit ihrem Alphabet: Alpha war 1, Beta 2, Iota 10, Rho 100 und so fort. Wer ein Wort aufschreibt, schreibt damit automatisch auch eine Zahl — die Summe seiner Buchstaben. Diese Technik heißt Isopsephie (im Hebräischen entspricht ihr die Gematrie), und sie war in der Kaiserzeit ein beliebtes Spiel, ein Werkzeug der Liebesbotschaft, der Satire und der Magie zugleich. Für Abrasax ergibt sie:

ΑΒΡΑΣΑΞ — die sieben Buchstaben und ihre Zahlenwerte

Α
1 Β
2 Ρ
100 Α
1 Σ
200 Α
1 Ξ
60

Summe: 365 — die Tage des Sonnenjahres. Sieben Buchstaben, so viele wie die klassischen Planeten. Beides ist kein Zufall, sondern Konstruktion: Das Wort wurde gebaut, um diese Zahlen zu treffen.

Das ist der Kern dessen, was sich an Abraxas nachrechnen lässt. Die Zahl 365 war in der Antike die Zahl der Vollständigkeit, des ganzen Jahreskreises, und wer ein Wort besaß, das den ganzen Kreis in sich trug, besaß nach dem Denken der Zeit ein Wort mit Macht über den Kreis. Dieselbe Logik steckt in dem Namen Meithras, der bei entsprechender Schreibung ebenfalls 365 ergibt, und in dem Namen Neilos für den Nil, der es auch tut. Abrasax ist also kein Einzelfall, sondern ein Musterbeispiel einer Denkweise, in der Buchstaben, Zahlen und Kosmos ein einziges Gewebe bildeten.

Basilides und die 365 Himmel

Der Name, der mit Abrasax am engsten verbunden ist, gehört einem Mann, von dem keine Zeile im Original erhalten ist: Basilides, Lehrer in Alexandria in den Jahren um 120 bis 140. Was wir über ihn wissen, verdanken wir seinen Gegnern. Irenäus von Lyon schreibt um 180 in seinem Werk gegen die Häresien, Basilides habe gelehrt, aus dem ungezeugten Vater seien Kräfte hervorgegangen, aus diesen weitere, Stufe um Stufe, bis 365 Himmel entstanden seien; deren Herrscher trage den Namen Abrasax, „und deshalb hat das Jahr 365 Tage“. Hippolyt von Rom bietet rund vierzig Jahre später ein anderes, philosophischeres System des Basilides, in dem Abrasax der große Archon der 365 Himmel ist.

Zwei Dinge sind daran wichtig. Erstens: Beide Berichte stammen von Kirchenmännern, die Basilides widerlegen wollten. Sie sind verlässlich in dem, was sie zitieren, und unzuverlässig in dem, was sie deuten. Zweitens: In keinem der beiden Berichte ist Abrasax der höchste Gott. Er ist ein Archon, ein Herrscher der geschaffenen Himmel, hoch, aber nicht das Letzte. Die Vorstellung, Abraxas sei der oberste Gott der Gnostiker, ist eine Vereinfachung, die erst die Neuzeit hergestellt hat.

Die Steine: was auf den Abrasax-Gemmen wirklich zu sehen ist

Verlässlicher als die Ketzerkataloge sind die Gegenstände selbst. Aus dem 2. bis 4. Jahrhundert, vor allem aus Ägypten, sind mehrere tausend kleine geschnittene Steine erhalten, die man seit dem 17. Jahrhundert „Abraxas-Gemmen“ nennt: ovale Plättchen aus grünem oder rotem Jaspis, aus Hämatit, Chalzedon oder Lapislazuli, selten größer als ein Daumennagel, mit eingeschnittenen Bildern und Wörtern. Sie wurden in Ringe gefasst oder durchbohrt und am Hals getragen. Das Wort Abrasax steht auf einem großen Teil von ihnen — häufig zusammen mit Iaō, der griechischen Schreibung des Gottesnamens der Hebräischen Bibel, mit Sabaoth, Adonai und mit langen Ketten von Vokalen, die man laut lesen sollte.

Die berühmteste Figur auf diesen Steinen ist die sogenannte Anguipede, die „Schlangenfüßige“: ein Wesen mit dem Kopf eines Hahns, einem Menschenrumpf im Panzer, und statt der Beine zwei Schlangen. In der einen Hand hält es einen runden Schild, in der anderen eine Peitsche. Wer einmal begriffen hat, wie diese Figur zusammengesetzt ist, liest sie wie eine Formel:

Die Anguipede — ein Wesen aus Bausteinen
Bauteil Was es zeigt Wie es meist gedeutet wird
Hahnenkopf der Vogel, der die Sonne ausruft Sonne, Wachheit, Anfang des Tages
Panzer und Schild Ausrüstung eines römischen Soldaten Abwehr, Schutz — die Funktion des Amuletts selbst
Peitsche das Attribut des Sonnenwagenlenkers Helios Antrieb, Herrschaft über den Lauf des Jahres
Schlangenbeine zwei Schlangen als Stütze Erde, Tiefe, Unterwelt — der Gegenpol zum Hahn
Inschriften Abrasax, Iaō, Sabaoth, Vokalreihen Namen der Macht, die den Stein „laden“

Die Figur verbindet Oben und Unten, Himmelstier und Erdschlange, in einem Körper. Ob ihre Schöpfer damit den Jahresherrscher des Basilides meinten, den Gott Israels in griechisch-ägyptischer Verkleidung, einen Sonnengott oder schlicht ein möglichst mächtig aussehendes Schutzbild, ist bis heute offen. Der amerikanische Gelehrte Campbell Bonner, dessen Studie von 1950 die moderne Forschung begründete, hielt die Anguipede für eine Darstellung Iaōs; andere sehen in ihr eine Bildformel ohne festen theologischen Sinn. Sicher ist nur: Sie war ein Schutzzeichen, und sie war populär.

Warum „gnostisch“ ein Missverständnis ist

Die Bezeichnung gnostische Gemmen stammt nicht aus der Antike. Sie stammt von Sammlern und Gelehrten des 17. bis 19. Jahrhunderts, die die merkwürdigen Steine mit den Berichten über Basilides zusammenlasen und daraus schlossen: Das müssen die Amulette der Gnostiker sein. Jean Chiflet veröffentlichte 1657 einen ganzen Katalog unter dem Titel „Abraxas seu Apistopistus“, und seither hieß jeder geschnittene Stein mit unverständlicher Inschrift ein Abraxas.

Die Forschung des 20. Jahrhunderts hat diese Gleichung aufgelöst. Die Steine zeigen keine spezifisch gnostische Theologie — keine Sophia, keinen Demiurgen, keine Äonenreihe. Sie zeigen die Namen, Bilder und Vokalfolgen, die auch in den griechischen Zauberpapyri stehen: die Alltagsmagie des römischen Ägypten, in der ägyptische Götter, jüdische Gottesnamen und griechische Zahlenkunst nebeneinander lagen. Ein Abrasax-Stein war so wenig ein Bekenntnis zu Basilides wie ein Hufeisen über der Tür ein Bekenntnis zu einer Religion ist. Er war ein Amulett, das mit den stärksten Namen beschriftet wurde, die man kannte.

Woher das Wort kommt — die Etymologien, die alle nicht reichen

Über die Herkunft des Wortes gibt es Vorschläge seit dem Mittelalter, und keiner hat sich durchgesetzt. Manche leiten es vom Hebräischen ab, von ha-berakhah, „der Segen“, oder von arba, „vier“, mit Bezug auf den vierbuchstabigen Gottesnamen. Andere sehen ein koptisches oder ägyptisches Wort, wieder andere eine reine Konstruktion, die nur dafür gebaut wurde, 365 zu ergeben. Auch die Verbindung zu Abrakadabra, die wegen der ähnlichen Silben naheliegt, ist unbewiesen: Das Schwundwort erscheint zuerst bei dem Arzt Serenus Sammonicus um 200, in lateinischer Umgebung und mit ganz anderer Funktion. Was die beiden Wörter verbindet, ist die Zeit, der Klang und der Glaube, dass ein Wort etwas kann — wer mehr behauptet, behauptet zu viel. Die Geschichte des Schwundworts haben wir in unserem Text über Abrakadabra erzählt.

Das zweite Leben: Jung, Hesse und der Gott jenseits von Gut und Böse

Sechzehn Jahrhunderte lang war Abraxas ein Wort für Antiquare. Dann kam der Winter 1916. C. G. Jung schrieb in wenigen Tagen einen kleinen Text, den er unter dem Namen des Basilides verbreitete: die Septem Sermones ad Mortuos, sieben Predigten an die Toten. Darin ist Abraxas der Gott, der schwer zu erkennen ist, weil er Wirkung und Gegenwirkung, Sonne und Schatten zugleich ist — ein Bild für das, was Jung später die Ganzheit der Psyche nennen würde. Der Text zirkulierte privat, aber er erreichte einen Leser, der Jungs Patient und Freund wurde: Hermann Hesse.

In Hesses Roman Demian von 1919 taucht Abraxas als der Gott auf, zu dem der Vogel fliegt, der sich aus dem Ei kämpft — ein Gott, der das Göttliche und das Teuflische in sich vereint und den man verehren kann, ohne die eine Hälfte der Welt zu verleugnen. Für eine Generation junger Leser nach dem Ersten Weltkrieg wurde dieser Abraxas zum Kennwort einer Suche nach einem Leben, das nicht mehr in Erlaubt und Verboten geteilt war. 1970 nannte Carlos Santana ein Album nach ihm und zitierte Hesse auf der Hülle.

Es ist wichtig, das auseinanderzuhalten. Der Abraxas des 20. Jahrhunderts ist eine Deutung: kraftvoll, wirkungsmächtig, aber modern. Weder Basilides, soweit wir ihn kennen, noch die Steinschneider Alexandrias haben ihren Abrasax als Vereinigung der Gegensätze verstanden. Sie verstanden ihn als Herrscher und als Schutz. Was Jung und Hesse daraus machten, sagt viel über das Bedürfnis ihrer Zeit — und wenig über die Antike.

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Stimmen aus der Praxis

Wer in Münzkabinetten und Gemmensammlungen arbeitet, erzählt gern, wie unspektakulär die Stücke in der Hand sind: dunkle, oft nur zwei Zentimeter lange Ovale, auf denen man die Figur erst unter der Lupe erkennt. Das Beeindruckende ist nicht das einzelne Stück, sondern die Menge — und die Sorgfalt, mit der jemand vor achtzehnhundert Jahren einen Namen in Stein geschnitten hat, an dessen Wirkung er glaubte.

Aus der heutigen Ritualpraxis kommt eine andere Beobachtung. Menschen, die ein Abraxas-Zeichen tragen, tragen es fast nie wegen Basilides. Sie tragen es wegen Hesse: als Erinnerung daran, dass sie ihre dunklen Anteile nicht abspalten wollen. Das ist eine legitime, sogar reife Verwendung eines Symbols — solange man weiß, dass man das Symbol selbst gefüllt hat.

Was wir nicht versprechen

Wir behaupten nicht, dass ein Abraxas-Amulett vor Krankheit, Unfall, Neid oder Fremdeinfluss schützt. Die Menschen der Antike glaubten das, und ihr Glaube ist belegt — die Wirkung ist es nicht. Wir behaupten auch nicht, das Wort habe eine geheime, bis heute verborgene Bedeutung, die nur Eingeweihte kennen: Die Etymologie ist offen, und offen heißt offen. Und wir behaupten nicht, Basilides habe irgendetwas von dem gelehrt, was Jung ihm 1916 in den Mund legte. Wer ein Schutzsymbol trägt, weil es ihn an eine Haltung erinnert, macht nichts falsch. Wer Schutz braucht, sucht ihn zuerst dort, wo er zu finden ist: bei Menschen, Ärzten, Behörden. Der Stein kann daneben liegen.

Praktisch: so gehst du damit um

  1. Lies das Wort als Zahl. Rechne die 365 einmal selbst nach — das ist der Zugang, den die Antike hatte, und er ist nüchterner und schöner als jede Geheimlehre.
  2. Trenne die drei Abraxas. Der Archon des Basilides, das Schutzbild der Gemmen, der Ganzheitsgott bei Jung und Hesse: drei Bedeutungen, drei Jahrhunderte, drei Bedürfnisse. Wer sie mischt, versteht keinen.
  3. Wenn du ein Zeichen trägst, fülle es selbst. Ein Anhänger mit fremder Inschrift ist ein Bild. Ein Zeichen, das du mit einem eigenen Satz geladen hast, ist ein Werkzeug. Unsere digitalen Handbücher zeigen den Weg dahin; wer lieber einen Stein am Hals trägt, findet in der Schwarzen Turmalin Kette die schlichte Form eines Schutzsteins.
  4. Lies die Quellen selbst. Irenäus I,24 ist eine Seite lang. Die Septem Sermones sind zwanzig Seiten. Beides ist zugänglich und entlarvt die meisten Behauptungen, die im Netz über Abraxas kursieren.
  5. Bleib bei dem, was die Steine zeigen. Hahn, Schild, Peitsche, Schlangen, Namen. Alles andere ist Deutung — auch meine.

Häufige Fragen

Was bedeutet Abraxas?

Die Herkunft des Wortes ist ungeklärt. Sicher ist nur, dass seine griechischen Buchstaben den Zahlenwert 365 ergeben und dass es im römischen Ägypten als Machtwort auf Amuletten diente. Irenäus berichtet, Basilides habe damit den Herrscher über 365 Himmel bezeichnet.

Ist Abraxas ein Gott oder ein Dämon?

In den antiken Quellen ist Abrasax ein Archon, ein Himmelsherrscher — weder der höchste Gott noch ein Dämon. Die Deutung als Gott jenseits von Gut und Böse stammt aus dem 20. Jahrhundert (Jung, Hesse), die Deutung als Dämon aus mittelalterlichen Dämonenkatalogen. Beides sagt mehr über die Deuter als über die Antike.

Was zeigt die Figur mit dem Hahnenkopf?

Die sogenannte Anguipede: Hahnenkopf, gepanzerter Menschenrumpf, Schlangenbeine, Schild und Peitsche. Sie verbindet Sonnen- und Erdsymbole und diente als Schutzbild. Ob sie einen bestimmten Gott darstellt, ist in der Forschung offen.

Hängt Abraxas mit Abrakadabra zusammen?

Beide Wörter stammen aus derselben Zeit und derselben Vorstellung, dass Wörter wirken. Ein sprachlicher Zusammenhang ist aber nicht belegt; Abrakadabra erscheint zuerst als lateinische Schwundformel bei Serenus Sammonicus, Abrasax als griechisches Zahlenwort auf Gemmen.

Warum ergibt Abraxas die Zahl 365?

Weil die Griechen mit Buchstaben zählten: Α=1, Β=2, Ρ=100, Α=1, Σ=200, Α=1, Ξ=60. Zusammen 365 — die Zahl der Tage im Jahr. Das Wort wurde vermutlich gezielt so gebaut.

Darf ich ein Abraxas-Amulett tragen?

Natürlich. Es ist ein historisches Symbol ohne heutige religiöse Bindung. Es schützt nicht im wörtlichen Sinn, kann aber als Erinnerung an eine Haltung dienen — so wie es die meisten heute auch verwenden.

Quellen & Weiterlesen

  • Irenäus von Lyon, Adversus haereses I,24 — der älteste Bericht über Basilides und die 365 Himmel.
  • Hippolyt von Rom, Refutatio omnium haeresium VII,20–27 — das zweite, abweichende Basilides-System.
  • Campbell Bonner, Studies in Magical Amulets, Chiefly Graeco-Egyptian (1950) — Grundlagenwerk zu den Gemmen.
  • Simone Michel, Die magischen Gemmen (2004) — deutschsprachiger Überblick mit Typologie.
  • Attilio Mastrocinque, Sylloge Gemmarum Gnosticarum (2003/2007) — Katalog der italienischen Sammlungen.
  • C. G. Jung, Septem Sermones ad Mortuos (1916) · Hermann Hesse, Demian (1919).
  • Im Magazin: Abrakadabra · Die griechischen Zauberpapyri · Okkulte Symbolik

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