Götter, Göttinnen & Mythologie

Fortuna und Tyche: Die Göttinnen des Glücks — das Rad der Fortuna von Boethius bis zum Tarot, Füllhorn und Steuerruder, und was „Glück haben“ einmal bedeutete

Jeder, der einmal „Glück gehabt“ hat, steht in ihrer Schuld. Fortuna war in Rom eine der meistverehrten Gottheiten, Tyche thronte über den Städten des Hellenismus. Sie sind verschwunden — aber ihr Rad dreht sich bis heute: in Kirchenfenstern, im Kartendeck, in der Fernsehshow.

Antike Marmorstatue der Göttin Fortuna mit Füllhorn voller Früchte im Arm und der Hand auf einem Speichenrad, im Kerzenlicht

Die Moiren spinnen den Faden, aus dem dein Leben gemacht ist — so jedenfalls sahen es die Griechen. Aber was geschieht dazwischen, an den vielen kleinen Tagen, an denen etwas einfach passiert? Dafür hatten die Alten eine eigene Göttin. Die Griechen nannten sie Tyche, die Römer Fortuna. In diesem Guide führe ich dich von ihren Tempeln über das Rad der Fortuna bis zur Tarotkarte, die heute auf so vielen Tischen liegt.

Schnellantwort

Fortuna ist die römische Göttin des Glücks und des Zufalls, Tyche ihre griechische Entsprechung. Dargestellt werden sie mit Füllhorn, Steuerruder, Kugel und Rad; Tyche trägt als Stadtgöttin oft eine Mauerkrone. Seit dem Philosophen Boethius (um 524) ist das Rad der Fortuna, die Rota Fortunae, das Bild für den Wechsel von Aufstieg und Fall. Es prägt mittelalterliche Handschriften wie die Carmina Burana und lebt in der Tarotkarte X, dem Rad des Schicksals, weiter. Dass Rituale für Fortuna Glück bringen, ist nicht belegt.

Einordnung
Belegt

Boethius lässt um 524 in seinem Trost der Philosophie Fortuna selbst von ihrem Rad sprechen, auf dem Menschen auf- und absteigen.

Quelle/Tradition: Boethius, De consolatione philosophiae II

Belegt

Die Handschrift der Carmina Burana (um 1230) zeigt das Rad der Fortuna mit den Inschriften regnabo, regno, regnavi, sum sine regno.

Quelle/Tradition: Codex Buranus, Clm 4660

Belegt

Im Heiligtum der Fortuna Primigenia in Praeneste wurden Orakellose gezogen.

Quelle/Tradition: Cicero, De divinatione II; archäologischer Befund Palestrina

Überliefert

König Servius Tullius führte den Kult der Fortuna in Rom ein.

Quelle/Tradition: Römische Geschichtsschreibung (Livius, Ovid), nicht unabhängig belegbar

Gelebte Praxis

Die Tarotkarte X, das Rad des Schicksals, wird heute für Wendepunkte und Zyklen gelegt und gedeutet.

Quelle/Tradition: Heutige Tarotpraxis

Nicht belegt

Opfergaben oder Rituale für Fortuna bringen nachweislich Glück.

Quelle/Tradition: Kein Nachweis

BELEGT = wissenschaftlich oder amtlich nachprüfbar · ÜBERLIEFERT = historisch/traditionell dokumentiert · GELEBTE PRAXIS = verbreitete Anwendung, Erfahrungswerte · NICHT BELEGT = spirituelle Deutung, wissenschaftlich nicht nachgewiesen.

Tyche: das, was einem zufällt

Das griechische Wort tyche kommt von tynchanein, „treffen, zufallen“. Tyche ist also zuerst kein Wesen, sondern ein Ereignis: das, was einem zustößt, im Guten wie im Schlechten. Bei Hesiod erscheint sie nur am Rand, als eine der vielen Töchter des Okeanos. Erst als die alten Ordnungen der griechischen Stadtstaaten zerbrachen, wurde sie groß. Im Zeitalter nach Alexander dem Großen, als Reiche entstanden und wieder zerfielen, schien vielen Menschen die Welt weniger von Göttern gelenkt als vom Zufall. Tyche bekam Tempel, Statuen und Kulte.

Besonders als Stadtgöttin wurde sie verehrt. Die berühmteste Darstellung ist die Tyche von Antiochia, um 300 v. Chr. von dem Bildhauer Eutychides geschaffen: eine sitzende Frau mit einer Krone aus Stadtmauern, zu ihren Füßen der Flussgott des Orontes. Kopien dieser Figur stehen bis heute in Museen. Jede Stadt, die etwas auf sich hielt, hatte bald ihre eigene Tyche — eine Glücksgöttin, die über dem Gemeinwesen wachte.

Fortuna in Rom: Glück mit vielen Gesichtern

In Rom war Fortuna älter und vielgestaltiger. Die Überlieferung führt ihren Kult auf den König Servius Tullius zurück, einen Mann niedriger Herkunft, der durch Fortunas Gunst auf den Thron gekommen sein soll. Die Römer kannten keine einzelne Fortuna, sondern Dutzende: Fortuna Publica für das Glück des Staates, Fortuna Redux für die glückliche Heimkehr von Feldzügen, Fortuna Muliebris für die Frauen, Fortuna Virilis für das Glück in der Liebe und Fortuna Huiusce Diei, „das Glück dieses Tages“.

Ihr bedeutendstes Heiligtum lag östlich von Rom in Praeneste, dem heutigen Palestrina. Dort stand ein gewaltiger, in den Hang gebauter Terrassentempel der Fortuna Primigenia, der „Erstgeborenen“. Man befragte sie mit Losen: Ein Kind zog aus einem Kasten aus Olivenholz beschriftete Holzstäbchen, die sortes Praenestinae, und die Priester deuteten sie. Cicero erwähnt diese Lose in seiner Schrift über die Weissagung. Fortuna war damit nicht nur Glücksgöttin, sondern auch Orakelgöttin.

Attribut Was es zeigt Wo du es findest
Füllhorn Fortuna schenkt Überfluss römische Statuen und Münzen
Steuerruder Sie lenkt den Lauf der Dinge Münzen, Statuen, Fortuna Redux
Kugel Unbeständigkeit, das Rollen des Glücks Renaissance-Emblematik
Rad Aufstieg und Fall, die ewige Drehung Boethius, mittelalterliche Handschriften, Tarot X
Augenbinde Das Glück ist blind spätmittelalterliche und neuzeitliche Bilder
Mauerkrone Tyche als Schutzgöttin einer Stadt Tyche von Antiochia, Stadtmünzen

Was ihre Attribute bedeuten

Wer Fortuna auf einer römischen Münze sieht, erkennt sie fast immer an zwei Dingen. Im einen Arm trägt sie das Füllhorn, das Zeichen des Überflusses, den sie schenken kann. In der anderen Hand hält sie ein Steuerruder: Sie lenkt das Schiff des Lebens, oft genug ohne zu fragen, wohin der Passagier will. Manchmal steht das Ruder auf einer Kugel, dem Sinnbild des Unsteten — eine Kugel kann jederzeit wegrollen.

Später kamen das Rad und die Augenbinde hinzu. Die blinde Fortuna verteilt ihre Gaben, ohne auf Verdienst zu achten. Das ist der Gedanke, der sie von den Moiren unterscheidet: Die drei Schicksalsgöttinnen teilen jedem sein festes Los zu, Fortuna dagegen ist Bewegung, Laune, Wechsel. Wie die Griechen sich das zugeteilte Schicksal vorstellten, erzählt unser Beitrag zu den Moiren.

Boethius und das Rad der Fortuna

Das berühmteste Bild der Fortuna stammt von einem Mann, der sie am eigenen Leib erfuhr. Boethius war ein hochgebildeter römischer Senator und einer der mächtigsten Beamten am Hof des Ostgotenkönigs Theoderich. Um 524 wurde er des Hochverrats beschuldigt, eingekerkert und hingerichtet. Im Gefängnis schrieb er Der Trost der Philosophie, eines der meistgelesenen Bücher des Mittelalters.

Darin lässt er Fortuna selbst sprechen. Sie erklärt, dass sie ein Rad drehe, und wer hinaufsteige, müsse damit rechnen, wieder hinabzufahren — sie habe ihm nichts genommen, was ihm je gehört habe. Der Trost, den Boethius findet, liegt nicht im Glück, sondern darin, sich von ihm unabhängig zu machen: Wahres Gutes sei nur, was das Rad nicht wegnehmen kann.

regno — ich herrsche regnabo ich werde herrschen regnavi ich habe geherrscht sum sine regno — ich bin ohne Reich

Das mittelalterliche Glücksrad nach dem Bildschema der Carmina-Burana-Handschrift: Links steigt einer auf, oben thront er, rechts stürzt er, unten liegt er. Das Rad dreht sich weiter.

O Fortuna: das Glücksrad im Mittelalter

Durch Boethius wurde das Rad zu einem der beliebtesten Motive des Mittelalters. Es erscheint in Rosettenfenstern von Kathedralen, in Buchmalereien und Predigten. Das bekannteste Beispiel ist die Handschrift der Carmina Burana, um 1230 entstanden und im Kloster Benediktbeuern aufgefunden. Ihr Titelbild zeigt Fortuna in der Mitte eines Rades, an dessen Rand vier Gestalten hängen, beschriftet mit vier lateinischen Worten: regnabo — ich werde herrschen, regno — ich herrsche, regnavi — ich habe geherrscht, sum sine regno — ich bin ohne Reich.

Eines der Lieder dieser Sammlung beginnt mit „O Fortuna, velut luna“ — O Fortuna, wie der Mond bist du veränderlich. Carl Orff vertonte es 1937 in seiner Carmina Burana, und seitdem kennt fast jeder diese Musik aus Filmen und Werbung, ohne zu wissen, dass sie ein mittelalterliches Klagelied über das Glücksrad ist.

In der Renaissance bekam Fortuna noch einmal einen Auftritt. Niccolò Machiavelli verglich sie in seinem Fürsten mit einem reißenden Fluss: Man kann ihn nicht aufhalten, aber man kann Dämme bauen. Etwa die Hälfte unseres Handelns, meinte er, gehöre der Fortuna, die andere Hälfte uns.

Das Rad des Schicksals im Tarot

In den Tarotkarten, die im 15. Jahrhundert in Norditalien entstanden, bekam das Glücksrad seinen festen Platz als Karte X der Großen Arkana. Auf alten Marseiller Blättern drehen sich seltsame Tierwesen auf einem Rad, eines steigt auf, eines fällt, eines thront oben. Im Rider-Waite-Tarot von 1909 wurde das Bild mit ägyptischen und biblischen Symbolen angereichert: eine Sphinx oben, eine Schlange und eine schakalköpfige Gestalt an den Seiten, in den Ecken die vier Wesen der Evangelisten.

Gedeutet wird die Karte heute meist als Wendepunkt, Zyklus, Veränderung, die man nicht steuern kann — ziemlich genau das, was Boethius meinte. Wie die Karte in die Reihe der Großen Arkana passt, steht in unserem Guide zu den Großen Arkana.

Glück haben und glücklich sein

Das Deutsche hat ein Problem, das das Lateinische nicht hatte: Wir sagen „Glück“ für zwei verschiedene Dinge. Glück haben ist Fortuna — der Zufall, der dir einen Parkplatz, einen Lottogewinn oder einen Unfall beschert. Glücklich sein ist etwas anderes; die Römer nannten es felicitas oder beatitudo, die Griechen eudaimonia. Die ganze antike Philosophie, von den Stoikern bis Boethius, war im Grunde der Versuch, das zweite vom ersten unabhängig zu machen.

Vielleicht ist das die wichtigste Lehre der Fortuna: Sie schenkt und nimmt, wie es ihr gefällt. Was du daraus machst, liegt bei dir.

Test: Wo steht dein Rad gerade?

Wenn du an die letzten Monate denkst — wo siehst du dich auf dem Rad der Fortuna?

Bildband Tarot aus der Reihe Bibliothek der Esoterik von TASCHEN

Das Rad im Bild

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Stimmen aus der Praxis

Unter Tarot-Legerinnen und -Legern gehört das Rad des Schicksals zu den Karten, die am häufigsten mit Erleichterung und Unruhe zugleich beschrieben werden: „Es bewegt sich etwas, aber ich habe es nicht in der Hand.“ Viele sagen, sie hätten die Karte erst verstanden, nachdem sie den Trost der Philosophie gelesen hatten.

In neuheidnischen Kreisen wird Fortuna gelegentlich wieder angerufen, etwa vor Prüfungen oder Reisen, oft mit einer kleinen Gabe aus Obst oder einer Münze. Historikerinnen und Historiker weisen in solchen Gesprächen gern darauf hin, wie vielfältig der antike Kult war — es gab nicht die eine Fortuna, sondern Dutzende.

Was wir nicht versprechen

Wir versprechen dir nicht, dass ein Ritual für Fortuna, ein Glücksbringer oder eine Tarotkarte dir Glück bringt, den Lottogewinn sichert oder Unglück abwendet. Das Rad der Fortuna ist ein Bild für den Lauf der Dinge, kein Werkzeug, um ihn zu steuern.

Wenn dich Glücksspiel nicht mehr loslässt, sprich mit jemandem darüber — Beratungsstellen für Glücksspielsucht helfen vertraulich weiter.

Praktisch: so gehst du damit um

  1. Unterscheide Fortuna und die Moiren: Die einen teilen das feste Los zu, die andere ist der Zufall dazwischen.
  2. Lies Boethius: Das zweite Buch des Trosts der Philosophie ist kurz und erstaunlich modern.
  3. Hör „O Fortuna“ einmal mit dem Text — es ist ein Klagelied, keine Siegeshymne.
  4. Nutze die Karte X als Frage, nicht als Prognose: Was liegt in meiner Hand, was nicht?
  5. Trenne Glück haben und glücklich sein — in deinem Tagebuch, in deinen Wünschen.
  6. Wenn du ihr opfern willst, dann klein und bewusst: eine Frucht, eine Münze, ein Dank für Glück, das schon geschehen ist.

Häufige Fragen

Wer ist Fortuna?

Die römische Göttin des Glücks und des Zufalls. Sie wurde in vielen Formen verehrt, etwa als Fortuna Publica, Fortuna Redux oder Fortuna Primigenia in Praeneste, und wird meist mit Füllhorn und Steuerruder dargestellt.

Was ist der Unterschied zwischen Fortuna und Tyche?

Tyche ist die griechische Göttin des Zufalls, die im Hellenismus besonders als Stadtgöttin mit Mauerkrone verehrt wurde. Fortuna ist ihre römische Entsprechung mit eigenem, älterem Kult. Später wurden beide oft gleichgesetzt.

Was bedeutet das Rad der Fortuna?

Es steht für den ständigen Wechsel von Aufstieg und Fall. Seit Boethius um 524 ist es das Bild dafür, dass äußeres Glück nicht von Dauer ist. Im Mittelalter zeigten es Handschriften wie die Carmina Burana mit vier Figuren: regnabo, regno, regnavi, sum sine regno.

Was bedeutet die Tarotkarte Rad des Schicksals?

Die Karte X der Großen Arkana steht für Wendepunkte, Zyklen und Veränderungen, die man nicht vollständig steuern kann. Ihr Bild geht auf das mittelalterliche Rad der Fortuna zurück.

Woher kommt „O Fortuna“?

Aus der Liedersammlung Carmina Burana, einer Handschrift aus der Zeit um 1230, die im Kloster Benediktbeuern gefunden wurde. Carl Orff vertonte das Lied 1937.

Was hält Fortuna in der Hand?

Meist ein Füllhorn als Zeichen des Überflusses und ein Steuerruder als Zeichen, dass sie den Lauf der Dinge lenkt. Dazu kommen Kugel, Rad und in späterer Zeit eine Augenbinde.

Quellen & Weiterlesen

  • Boethius: Trost der Philosophie (De consolatione philosophiae), Buch II.
  • Cicero: De divinatione II, 85–87 (die Lose von Praeneste).
  • Carmina Burana, Codex Buranus, Bayerische Staatsbibliothek München, Clm 4660.
  • Niccolò Machiavelli: Der Fürst, Kap. 25.
  • Howard R. Patch: The Goddess Fortuna in Mediaeval Literature, Cambridge (Mass.) 1927.
  • Im Magazin: Die Moiren · Die Großen Arkana

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