Das Ganzfeld-Experiment: Wie ein Skeptiker und ein Parapsychologe 1986 die Regeln für den Telepathie-Test schrieben — und warum der Streit offen ist
1986 sitzen ein Skeptiker und ein Parapsychologe beim Mittagessen und schreiben gemeinsam die Regeln für den bekanntesten Telepathie-Test der Welt. 40 Jahre und tausende Sitzungen später steht die Frage noch genau dort, wo die beiden sie liegen ließen.
1986 sitzen zwei Männer beim Mittagessen, die sich seit Jahren öffentlich widersprechen: ein Skeptiker und ein Parapsychologe. Ihr nächster Schlagabtausch liegt schon fertig bei der Zeitschrift. Stattdessen schreiben sie gemeinsam auf, worüber sie sich einig sind, in vier Entwürfen. Daraus wird das Regelwerk für den bekanntesten Telepathie-Test der Welt. 40 Jahre später ist der Versuch tausendfach gelaufen, und die Frage steht noch genau dort, wo die beiden sie liegen ließen.
Inhalt
Das Ganzfeld-Experiment ist ein seit 1974 eingesetzter Laborversuch der Parapsychologie, mit dem Telepathie geprüft werden soll: Ein Empfänger liegt mit halbierten Tischtennisbällen vor den Augen, rotem Licht und Rauschen im Kopfhörer, während ein Sender in einem anderen Raum ein Bild oder einen Film betrachtet; danach wählt der Empfänger aus vier Möglichkeiten, der Zufall läge bei 25 Prozent. Befürworter finden seit Jahrzehnten Trefferquoten um 32 Prozent, zuletzt in einer vorab registrierten Auswertung von 78 Studien (Tressoldi und Storm 2024). Kritiker wie Ray Hyman führen das auf Mängel bei Zufallsauswahl und Ablauf zurück, und eine Auswertung von 30 Studien aus sieben unabhängigen Laboren fand 1999 keinen Effekt. Telepathie ist damit nicht belegt; dass die kleine Abweichung ein Artefakt ist, ist aber ebenso wenig nachgewiesen.
Ray Hyman und Charles Honorton veröffentlichten im Dezember 1986 im Journal of Parapsychology (Bd. 50, S. 351–364) ein gemeinsames Communiqué: Der damalige Ganzfeld-Datenbestand zeige einen insgesamt signifikanten Effekt, der sich nicht vernünftig durch selektives Berichten oder Mehrfachauswertung erklären lasse; ob er ein Beleg für Psi sei, blieb strittig. Dazu legten sie Regeln für künftige Versuche fest.
Im computergesteuerten Autoganzfeld in Princeton (1983–1989) gab es in der Hauptauswertung 106 Treffer in 329 Sitzungen, also 32 Prozent bei 25 Prozent Zufallserwartung; Filmausschnitte schnitten mit 37 Prozent besser ab als Standbilder mit 27 Prozent (Bem und Honorton 1994).
Ray Hyman zeigte 1994, dass im Autoganzfeld die Trefferquote mit der Häufigkeit eines Ziels stieg (27 Prozent bei ein- bis zweimal gezeigten, 36 Prozent bei häufigeren Zielen) und mit Nachfragen des Versuchsleiters zusammenhing. Das Muster ist belegt, seine Ursache offen.
Eine Gesamtauswertung von 30 Ganzfeld-Studien aus sieben unabhängigen Laboren fand 1999 keinen Effekt (Stouffer z = 0,70; Milton und Wiseman). Nach einer anderen Zählung aller Durchgänge (1.198 Sitzungen, 327 Treffer) kam Jessica Utts auf 27 Prozent; das ist nur als persönliche Mitteilung dokumentiert.
Eine vorab registrierte Meta-Analyse von 78 Studien aus den Jahren 1974 bis 2020 fand eine kleine, seit etwa 1997 stabile Effektstärke von rund 0,08 (Tressoldi und Storm, F1000Research 2024). Eine Simulation zeigte, dass fragwürdige Forschungspraktiken den Effekt vergrößert haben dürften, ihn aber nicht vollständig erklären (Bierman u. a. 2016).
Bei vorab registrierten Aufsätzen im European Journal of Parapsychology waren 8,4 Prozent der statistischen Tests signifikant, bei normalen Aufsätzen 28,4 Prozent (Wiseman, Watt und Kornbrot 2019).
Dass Menschen, die einander nahestehen, Gedanken und innere Bilder übertragen können, wird seit Langem erzählt; diese Vorstellung prägt den Versuchsaufbau mit Sender und Empfänger.
Dass Telepathie existiert. Es gibt keine anerkannte Theorie und keinen bekannten Mechanismus, und unabhängige Labore konnten den Ganzfeld-Effekt nicht verlässlich wiederholen.
Dass die Ganzfeld-Trefferquoten vollständig auf Artefakte wie mangelhafte Zufallsauswahl oder Hinweise des Versuchsleiters zurückgehen. Das ist als Möglichkeit gezeigt, aber nicht nachgewiesen.
BELEGT = wissenschaftlich oder amtlich nachprüfbar · ÜBERLIEFERT = historisch/traditionell dokumentiert · GELEBTE PRAXIS = verbreitete Anwendung, Erfahrungswerte · NICHT BELEGT = spirituelle Deutung, wissenschaftlich nicht nachgewiesen.
Die Zeitschrift hatte schon geplant. Im März 1985 hatte das Journal of Parapsychology in einem einzigen Heft zwei lange Aufsätze gedruckt, die sich gegenseitig zerlegten. Der eine stammte von Charles Honorton, einem amerikanischen Parapsychologen, der seit den späten 1960er Jahren Versuche zur Gedankenübertragung leitete. Der andere von Ray Hyman, Psychologe an der University of Oregon und einer der bekanntesten Kritiker des Fachs. Für 1986 war die nächste Runde vorgesehen. Einer der beiden hatte seine Antwort bereits eingereicht, der andere arbeitete an der Erwiderung.
Dann begegneten sie sich auf der Jahrestagung der Parapsychological Association. So schildern sie es selbst. Bei einem Mittagessen, an dem auch der Soziologe Marcello Truzzi teilnahm, kam die Idee auf, die nächste Runde einfach ausfallen zu lassen. Beim Reden merkten beide, dass sie die Position des anderen in wichtigen Punkten nicht richtig verstanden hatten. Hyman schrieb einen ersten Entwurf. Sie schickten ihn hin und her, bis beide zufrieden waren. In einer Fußnote steht trocken: Das Ergebnis ist Entwurf Nummer vier.
Gedruckt wurde es im Dezember 1986, auf den Seiten 351 bis 364 des 50. Jahrgangs, unter dem Titel „A Joint Communiqué: The Psi Ganzfeld Controversy“. Nach ihrem besten Wissen, schreiben die Autoren, sei es das erste Mal, dass ein Parapsychologe und ein Kritiker eine gemeinsame Erklärung dieser Art verfassen. Im Mittelpunkt steht ein Versuch, der mit zwei halbierten Tischtennisbällen, rotem Licht und einem Rauschen im Kopfhörer auskommt. Und ein Satz, den beide unterschrieben haben und mit dem seither jede Seite argumentiert.
Halbierte Tischtennisbälle: ein Wort aus Berlin
Das Wort, das heute auf Englisch, Italienisch und Japanisch gleich klingt, ist deutsch. Ganzfeld heißt ein Sehfeld, das überall gleich hell und gleich gefärbt ist, ohne Kante, ohne Form, ohne Fixpunkt. Untersucht hat es zuerst der Gestaltpsychologe Wolfgang Metzger. 1930 veröffentlichte er in der Zeitschrift Psychologische Forschung, Band 13, die „Optischen Untersuchungen am Ganzfeld“. Metzger arbeitete damals in Berlin bei Wolfgang Köhler. Seine Studien seien so viel gelesen worden, schrieb der Psychologe Heinz Heckhausen 1983 in seinem Nachruf, dass „Ganzfeld“ zum allgemein üblichen Fachbegriff wurde. Ein Detail aus demselben Nachruf: Metzger hatte im Ersten Weltkrieg ein Auge verloren. Der Mann, der erforschte, was das Auge im leeren Feld sieht, sah selbst nur mit einem.
Was es sieht, ist erstaunlich viel. Wer lange in ein strukturloses Feld blickt, dem wird es grau, neblig, manchmal schwarz, und bei vielen Menschen tauchen nach einer Weile Bilder auf, die nicht da sind. Am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg haben Jiří Wackermann und Kollegen 2002 beschrieben, wie nach längerer Ganzfeld-Reizung häufig traumartige, pseudo-halluzinatorische Wahrnehmungen entstehen. Der Ganzfeld-Effekt selbst ist also gut belegte Wahrnehmungspsychologie. Strittig ist erst, was in den 1970er Jahren daraus gemacht wurde.
Charles Honorton leitete damals die parapsychologische Abteilung am Maimonides Medical Center in Brooklyn, wo man Traumtelepathie im Schlaflabor untersucht hatte. Seine Überlegung: Wenn Gedankenübertragung überhaupt existiert, dann ist sie ein schwaches Signal, das vom Lärm der normalen Sinne übertönt wird. Also müsse man den Lärm dämpfen, ohne den Menschen einschlafen zu lassen. Das Ganzfeld bot genau das. 1974 veröffentlichten Honorton und Sharon Harper im Journal der American Society for Psychical Research den ersten vollständigen Versuch dieser Art. Fast gleichzeitig arbeiteten William Braud und Adrian Parker an derselben Idee.
Der Ablauf hat sich seither kaum verändert. Ein Empfänger liegt in einem bequemen Sessel. Über den Augen sitzen zwei halbierte Tischtennisbälle, auf die rotes Licht fällt, über die Ohren kommt weißes oder rosa Rauschen. Eine Viertel- bis eine halbe Stunde lang beschreibt er laut, was ihm in den Sinn kommt. Ein Sender sitzt in einem anderen, abgeschirmten Raum und betrachtet ein zufällig gewähltes Bild oder einen kurzen Film. Danach bekommt der Empfänger vier Bilder vorgelegt, eines davon ist das Ziel, drei sind Köder. Wählt er das richtige, zählt das als Treffer. Der Zufall liefert 25 Prozent. Um diese eine Zahl dreht sich alles Weitere.
42 Studien und die Frage nach den Fehlern
Bis Anfang der 1980er Jahre hatten Labore in mehreren Ländern das Verfahren übernommen. Ray Hyman sammelte für seine Kritik 42 Ganzfeld-Studien und prüfte sie auf Schwachstellen: Wurde das Zielbild wirklich zufällig ausgewählt? Konnte der Empfänger auf normalem Weg etwas erfahren, etwa durch Spuren auf einem Foto, das der Sender in der Hand gehalten hatte? Wurden zu viele Auswertungen gerechnet, bis eine signifikant war? Waren die Abläufe ausreichend dokumentiert? Seine Antwort war in der Summe: Die Studien weichen von guten Standards so weit ab, dass man aus ihnen nichts schließen kann.
Honorton rechnete anders. Weil die Studien ihre Daten sehr unterschiedlich auswerteten, nahm er ein gemeinsames, grobes Maß: den direkten Treffer. Das ließ sich für 28 der 42 Studien bestimmen. 23 dieser 28 Studien lagen über dem Zufall, zwölf davon für sich genommen signifikant. Nach der späteren Zusammenfassung von Daryl Bem und Honorton entspricht das einer Trefferquote um 35 Prozent, andere Auswertungen kommen auf 38 Prozent. Nicht bei jedem vierten Durchgang ein Treffer, sondern etwa bei jedem dritten.
Der eigentliche Streit lag tiefer. Hyman fand einen Zusammenhang: Je mehr Mängel eine Studie hatte, desto besser ihr Ergebnis. Honorton fand keinen. Bem und Honorton führten das 1994 auf unterschiedliche Definitionen der Fehlerarten zurück, auf unterschiedliche Einstufungen der einzelnen Studien und unterschiedliche Statistik. Sie räumten zugleich ein, was in diesem Streit fehlte: Niemand hatte die Mängel von Gutachtern bewerten lassen, die die Ergebnisse der Studien nicht kannten. Beide Seiten hatten also ihre eigenen Daten benotet. Genau an dieser Stelle setzte das Mittagessen von 1986 an.
Entwurf Nummer vier
Das Communiqué ist kein Friedensvertrag, eher eine Vereinbarung über die Spielregeln. Beide halten fest, dass die bisherigen Experimente als Gruppe von idealen Standards abwichen: bei Mehrfachtests, bei der Zufallsauswahl, bei der Abschirmung gegen Sinnesreize, bei der Statistik und der Dokumentation. Beide halten fest, dass sie über das Ausmaß dieser Mängel weiter uneins sind. Und dann folgt der Absatz, der bis heute in fast jedem Aufsatz zum Thema zitiert wird.
„We agree that there is an overall significant effect in this data base that cannot reasonably be explained by selective reporting or multiple analysis. We continue to differ over the degree to which the effect constitutes evidence for psi, but we agree that the final verdict awaits the outcome of future experiments conducted by a broader range of investigators and according to more stringent standards.“
Übersetzung der Redaktion: „Wir sind uns einig, dass es in diesem Datenbestand einen insgesamt signifikanten Effekt gibt, der sich nicht vernünftig durch selektives Berichten oder Mehrfachauswertung erklären lässt. Wir sind weiter uneins darüber, in welchem Maß der Effekt ein Beleg für Psi ist, aber wir sind uns einig, dass das endgültige Urteil vom Ergebnis künftiger Experimente abhängt, die von einem breiteren Kreis von Forschern und nach strengeren Standards durchgeführt werden.“
Ray Hyman und Charles Honorton, „A Joint Communiqué: The Psi Ganzfeld Controversy“, Journal of Parapsychology 50 (1986), S. 351
Man muss diesen Satz genau lesen, denn beide Lager lesen ihn verschieden. Der Kritiker bestätigt darin, dass da etwas ist, das nicht nach Zufall aussieht. Er bestätigt nicht, dass es Telepathie ist. Die Autoren definieren Psi in einer eigenen Fußnote ausdrücklich nur als „communications anomaly“, eine Auffälligkeit in der Kommunikation, ohne jede Erklärung. Ob sie je als paranormal gelten könne, hänge davon ab, ob man sie unter Kontrolle bringe und eine positive Theorie dafür finde. Und wenn sich alles als Artefakt herausstelle, schreiben sie, sei auch das wichtig, denn dann lerne die ganze Wissenschaft etwas über ihre Fehlerquellen.
Der zweite Teil des Papiers ist ein Pflichtenheft. Doppelte Bildersätze, damit der Empfänger nicht das Foto in die Hand bekommt, das der Sender berührt hat. Eine Zufallsauswahl, bei der dokumentiert wird, wer sie vornimmt, aus welcher Quelle und nach welchem Verfahren. Alle Prüftests vorab festlegen, jede nachträgliche Auswertung begründen. Die Autoren wünschen sich ausdrücklich Studien von Forschern, die der Psi-Hypothese skeptisch gegenüberstehen. Am Ende steht ein Satz, der im Ton dieses Fachs selten ist: „We agree to disagree.“ Man respektiere die Position des anderen und distanziere sich von den lauteren Stimmen beider Seiten, die Andersdenkende als „voreingenommen“, „leichtgläubig“ oder „irrational“ beschimpften.
Die Maschine in Princeton
Honorton hatte nicht auf das Papier gewartet. Schon 1983 hatte er in seinen Psychophysical Research Laboratories in Princeton, New Jersey, eine neue Versuchsreihe begonnen, die die Regeln vorwegnahm. Ein Computer wählte das Ziel aus, steuerte die Vorführung für den Sender und mischte am Ende die vier Auswahlbilder. Neu waren auch die Ziele: 80 Standbilder und 80 kurze Filmausschnitte mit Ton, alle auf Videokassette. Sender und Empfänger saßen in schallisolierten, elektrisch abgeschirmten Kammern. Mit dem Empfänger konnte der Versuchsleiter über eine Gegensprechanlage reden, in den Senderraum führte nur eine Einweg-Verbindung: Weder er noch der Empfänger konnten mitbekommen, was dort geschah. Honorton nannte das Verfahren Autoganzfeld.
Zu den Gästen, die das Labor 1983 prüfen sollten, gehörte ein Sozialpsychologe aus Cornell, der eine ungewöhnliche Zusatzqualifikation mitbrachte. Daryl Bem trat seit Jahren als Mentalist auf, als Bühnenkünstler, der Gedankenlesen vortäuscht, und war Mitglied der Psychic Entertainers Association. Er sollte die Anlage aus drei Blickwinkeln ansehen: als Trickspezialist, als Forscher und als Versuchsperson. Später holte das Labor auch die schriftliche Einschätzung eines zweiten Mentalisten ein, Ford Kross, eines Funktionärs desselben Verbandes. Im Mai 1989 bescheinigte er dem System eine „excellent security against deception by subjects“, also einen sehr guten Schutz gegen Täuschung durch die Versuchspersonen. Den späteren Aufsatz, schrieb Bem, gäbe es nicht, wenn er diese Einschätzung nicht teilen würde.

Sechseinhalb Jahre lief das Programm, dann war das Geld weg. Im September 1989 musste das Labor schließen. Bis dahin hatten 240 Menschen, 100 Männer und 140 Frauen zwischen 17 und 74 Jahren, als Empfänger an 354 Sitzungen teilgenommen, betreut von acht Versuchsleitern in elf Studien. Für die Hauptauswertung blieben 329 Sitzungen. Darin gab es 106 Treffer. Das sind 32 Prozent, bei 25 Prozent Zufallserwartung, mit einer Irrtumswahrscheinlichkeit von 0,2 Prozent. Die Filmausschnitte schnitten deutlich besser ab als die Standbilder, 37 gegen 27 Prozent. Und 20 Studierende der New Yorker Juilliard School, acht aus der Musik, zehn aus dem Schauspiel und zwei aus dem Tanz, erzielten 50 Prozent, eines der fünf höchsten Ergebnisse, die je für eine Gruppe in einer Ganzfeld-Studie gemeldet wurden. Von den acht Musikern trafen sechs.
Ray Hyman kommentierte die Reihe 1991 in der Fachzeitschrift Statistical Science. Honortons Experimente hätten „intriguing results“ hervorgebracht, faszinierende Ergebnisse. Wenn unabhängige Labore ähnliche Ergebnisse mit denselben Zusammenhängen und derselben methodischen Sorgfalt erzielen könnten, dann habe die Parapsychologie „may indeed have finally captured its elusive quarry“, ihre flüchtige Beute vielleicht endlich gefangen. Es ist ein Wenn-Satz, aber vom bekanntesten Kritiker des Fachs.
Honorton ging nach der Schließung an die Universität Edinburgh. Mit Bem schrieb er an einem Übersichtsartikel für das Psychological Bulletin, eine der angesehensten Zeitschriften der Psychologie. Am 4. November 1992 starb er an einem Herzinfarkt, 46 Jahre alt. Neun Tage später wurde der Aufsatz zur Veröffentlichung angenommen. Er erschien im Januar 1994 unter dem Titel „Does Psi Exist?“, und in der Fußnote zum Tod seines Koautors schreibt Bem: „I have lost a valued friend.“
Das Muster in den Zielvideos
Im selben Heft, direkt hinter Bem und Honorton, steht Ray Hymans Antwort. Ihr Titel ist eine Frage: „Anomaly or Artifact?“, Anomalie oder Artefakt. Hyman lobt die Versuche als lobenswerten Fortschritt an methodischer Strenge. Dann zeigt er, wo ihm etwas fehlt. Die Zufallsauswahl der Ziele sei nicht ausreichend geprüft worden, und weil er das nicht direkt nachrechnen konnte, suchte er nach indirekten Spuren. Er zählte, wie oft jedes Zielbild in den Versuchen vorkam, und wie oft es dann getroffen wurde.
Das Ergebnis ist das seltsamste Detail der ganzen Geschichte. Ziele, die nur ein- oder zweimal vorkamen, wurden in 27 Prozent der Fälle erkannt, kaum über dem Zufall. Ziele, die drei- oder mehrmals vorkamen, in 36 Prozent. Die Rangkorrelation zwischen Häufigkeit und Trefferquote lag bei 0,83. Noch auffälliger wurde es, als Hyman eine zweite Größe hinzunahm: ob der Versuchsleiter den Empfänger bei der Auswahl mit Nachfragen begleitet hatte. Beim ersten Auftreten eines Ziels lag die Trefferquote mit solchen Nachfragen bei 14 Prozent, bei späteren Auftritten bei 44,5 Prozent. Die Kombination aus Film, wiederholtem Ziel und nachfragendem Versuchsleiter erreichte 47 Prozent, Standbild beim ersten Auftreten ohne Nachfragen nur knapp 18 Prozent.
Hyman versuchte abzuschätzen, was herauskäme, wenn jedes Bild eines Bildersatzes gleich oft gezeigt worden wäre. Er beschränkte sich auf die Bildersätze, in denen jedes Bild mindestens einmal Ziel gewesen war, und nahm nur die ersten Auftritte: 27,5 Prozent. Das beweise nichts, schreibt er, lege aber nahe, dass die Ergebnisse dann mit dem Zufall vereinbar gewesen sein könnten. Sein Urteil: Die Autoganzfeld-Versuche seien keine erfolgreiche Wiederholung der früheren Studien. Man müsse auf unabhängige Wiederholungen warten.
Bem antwortete im selben Heft. Richard Broughton vom Institute for Parapsychology in Durham war mit ihm die Originaldateien durchgegangen. Hyman verlange einerseits, dass Abweichungen vom alten Datenbestand als Widerspruch gelten, und erkenne andererseits Übereinstimmungen nicht an. „Hyman cannot have it both ways“, schreibt Bem, Hyman könne nicht beides haben. Ein Satz, der so auch umgekehrt hätte fallen können.
Wer die drei Texte heute lesen will, findet sie an einem Ort, an dem man Psychologie nicht erwarten würde: in den Akten der CIA. Die Aufsätze aus dem Psychological Bulletin liegen in der Sammlung zum Programm Stargate, freigegeben im August 2000, Aktenzeichen CIA-RDP96-00789R003200100001-5. Das ist kein Zufall. Die Forscher, die im Auftrag der US-Regierung Remote Viewing untersuchten, verfolgten die Ganzfeld-Debatte genau, und als das Programm 1995 bewertet wurde, war einer der beiden Gutachter: Ray Hyman. Im selben Aktenbestand liegt ein Versuch dieses Teams aus dem Jahr 1994, veröffentlicht im Journal of Parapsychology. Nevin Lantz, Wanda Luke und Edwin May prüften in freien Wahrnehmungsversuchen ohne Ganzfeld, ob es überhaupt einen Sender braucht. Ihre Schlussfolgerung: Er ist nicht notwendig. Für ein Experiment, das als Telepathietest gilt, ist das ein unbequemer Befund.
Dieselben Daten, zwei Urteile
Die unabhängigen Wiederholungen, auf die alle warteten, kamen. Und sie spalteten die Fachwelt erneut. 1999 veröffentlichten die Psychologin Julie Milton und der Psychologe Richard Wiseman, beide damals in Großbritannien, im Psychological Bulletin eine Gesamtauswertung von 30 Ganzfeld-Studien aus sieben unabhängigen Laboren, alle nach denselben strengen Regeln durchgeführt, denen auch Honorton gefolgt war. Das Ergebnis lag beim Zufall. Die zusammengefasste Prüfgröße betrug 0,70, die Irrtumswahrscheinlichkeit 24 Prozent, die mittlere Effektstärke 0,013, also nahe null. Von drei Nebenbefunden aus Princeton, die die neuen Studien wiederholen wollten, bestätigte sich nur einer. Das Fazit: Das Ganzfeld biete derzeit keine wiederholbare Methode, um außersinnliche Wahrnehmung im Labor zu erzeugen.
Damit hätte der Fall erledigt sein können. Dann zählte die Statistikerin Jessica Utts, die 1995 neben Hyman das Stargate-Programm begutachtet hatte, dieselben Durchgänge anders. Milton und Wiseman hatten die Ergebnisse Studie für Studie zusammengefasst. Utts zählte schlicht alle Durchgänge: 1.198 Sitzungen, 327 Treffer, 27 Prozent, statistisch signifikant mit einer Irrtumswahrscheinlichkeit von 3,6 Prozent. Belegt ist das nur als persönliche Mitteilung, zitiert in einer späteren Auswertung von Patrizio Tressoldi und Lance Storm. Aber es zeigt das Grundproblem: Wer die Zahlen zusammenfasst, entscheidet mit, was herauskommt.
Lance Storm und der Göttinger Psychologe Suitbert Ertel verglichen 2001 die Datenbestände von Milton und Wiseman und von Bem und Honorton und fanden keinen signifikanten Unterschied zwischen ihnen. Sie stellten eine Sammlung von 79 Studien zusammen, deren durchschnittliche Effektstärke wieder signifikant war. So ging es weiter, Runde um Runde.
Einen der aufschlussreichsten Versuche aus dem deutschen Sprachraum machte 2008 das Freiburger Institut. Peter Pütz, Matthias Gäßler und Jiří Wackermann ließen 40 Paare antreten, sagten ihnen aber nicht, dass es um Telepathie ging. Einer lag im Ganzfeld und meldete seine Bilder, der andere sah sich in einem anderen Raum einen Videoclip an und sollte ihn sich merken. Danach bewertete der erste vier Clips nach Ähnlichkeit mit seinen inneren Bildern. In 32,5 Prozent der Durchgänge lag der richtige Clip vorn, signifikant über dem Zufall. Als die Forscher aber die Rangplätze aller vier Clips auswerteten, zeigte sich keine Abweichung vom Zufall. Ein Treffer nach der einen Rechnung, kein Befund nach der anderen, im selben Datensatz.
Zeitstrahl
Ein Rezept für den Erfolg?
2010 legten Lance Storm, Patrizio Tressoldi und Lorenzo Di Risio im Psychological Bulletin die nächste große Auswertung vor: 29 Ganzfeld-Studien aus den Jahren 1997 bis 2008. Die mittlere Effektstärke lag bei 0,142, hochsignifikant. Dazu ein Befund, der für die Debatte wichtig wurde: Ausgewählte Teilnehmer, also Menschen, die an Psi glauben, meditieren oder künstlerisch arbeiten, schnitten besser ab als zufällig ausgewählte, allerdings nur im Ganzfeld.
Hyman antwortete im selben Heft mit dem Titel „Meta-analysis that conceals more than it reveals“, eine Meta-Analyse, die mehr verbirgt als sie zeigt. Die Autoren erzeugten den Anschein von Einheitlichkeit, indem sie Ausreißer entfernten. Bestenfalls liefere die Studie ein Rezept für einen wiederholbaren Versuch: Standard-Ganzfeld, ausgewählte Teilnehmer, genug Durchgänge. Ein solcher Versuch sei aber bereits durchgeführt worden und habe keinen Beleg für Psi erbracht. Dann der Satz, der Hymans Haltung seit Jahrzehnten zusammenfasst: Die Parapsychologie werde wissenschaftlich erst anerkannt, wenn sie eine positive Theorie mit unabhängig wiederholbaren Belegen vorlege, „something it has yet to achieve after more than a century of trying“, etwas, das ihr nach mehr als einem Jahrhundert der Versuche noch nicht gelungen sei.
2013 rechnete ein Team um den Psychologen Jeffrey Rouder dieselben Daten mit einem Bayes-Verfahren nach, das nicht fragt, ob ein Ergebnis signifikant ist, sondern wie viel stärker die Daten für die eine als für die andere Hypothese sprechen. Das Ergebnis, nach der Zusammenfassung bei Tressoldi und Storm: ein Faktor von 330 zugunsten eines Effekts. Rouder und Kollegen deuteten ihn aber nicht als Telepathie. Studien mit computergesteuerter Zufallsauswahl hätten kleinere Effekte gezeigt als Studien mit Auswahl von Hand, der Effekt könne also an Problemen mit der Zufallsauswahl liegen. Es ist derselbe Verdacht, den Hyman 1985 geäußert hatte, nur mit anderer Mathematik. Storm und Kollegen widersprachen erneut.
Sehenswert: Die Dokumentation des Kanals Spark erzählt die Geschichte der Telepathie-Experimente bis zum Ganzfeld als Film. Die Faktenlage dazu steht in diesem Artikel; das Video ist keine Belegquelle.
Ein Register aus Utrecht
Der Streit um nachträgliche Auswahl und Rechenwege hat eine Pointe, die außerhalb des Fachs kaum jemand kennt. Die Parapsychologie hat früher als fast jede andere Disziplin versucht, genau dieses Problem zu lösen. Martin Johnson, seit 1973 Professor für Parapsychologie an der Universität Utrecht, forderte schon in seiner Antrittsvorlesung im November 1974, die methodischen Schwächen des Fachs systematisch zu bekämpfen, und setzte dabei auf die Begutachtung vor der Datenerhebung. Das European Journal of Parapsychology bat seine Autoren ab der ersten Ausgabe im November 1975, ihre Versuche vorher einzureichen. Was heute in der Psychologie als „Registered Report“ gilt, eine Begutachtung vor dem Ergebnis, gab es dort fast 40 Jahre vor seiner breiten Einführung.
2019 haben Richard Wiseman, Caroline Watt und Diana Kornbrot nachgezählt, was das bewirkt hat. In 17 Jahrgängen der Zeitschrift fanden sie 25 vorab registrierte und 35 normale Aufsätze. Bei den normalen waren 28,4 Prozent der statistischen Tests signifikant, bei den vorab registrierten 8,4 Prozent. Das ist ein Indiz, schreiben die Autoren vorsichtig, dass die Vorab-Registrierung fragwürdige Forschungspraktiken verringert hat. Und es ist eine Zahl, die jede Ganzfeld-Statistik in ein anderes Licht rückt.
Wie viel solche Praktiken ausmachen können, hat 2016 ein Team um den niederländischen Parapsychologen Dick Bierman simuliert. Sie bildeten eine Ganzfeld-Meta-Analyse im Computer nach, mit derselben Zahl an Studien und Durchgängen, und ließen einen genetischen Algorithmus fragwürdige Praktiken einbauen, etwa das vorzeitige Abbrechen oder nachträgliche Verlängern einer Versuchsreihe. Wie häufig solche Praktiken vorkommen, übernahmen sie aus Befragungen von Psychologen. Ergebnis: Ohne jeden echten Effekt ließ sich die Trefferquote von rund 31 Prozent nur mit unrealistisch hohen Werten nachbauen. Am besten passte ein Modell, in dem eine echte Abweichung von 27 Prozent bliebe, sei es ein noch unbekannter Fehler oder etwas Paranormales. Der Effekt, schreiben die Autoren, sei durch solche Praktiken wahrscheinlich aufgebläht, aber noch signifikant.
Dieselbe Logik der Vorab-Festlegung haben Tressoldi und Storm dann auf die gesamte Forschungsgeschichte angewandt. Ihre Meta-Analyse wurde bei F1000Research als Registered Report angelegt: Fragestellung, Einschlussregeln und Rechenwege wurden 2020 begutachtet, bevor die Daten ausgewertet waren, die Ergebnisse erschienen im Mai 2024 in vierter Fassung. 78 Studien aus den Jahren 1974 bis 2020, 113 Effektstärken, 46 verschiedene Studienleiter. Die durchschnittliche Effektstärke liegt bei etwa 0,08, mit einem Vertrauensbereich von 0,04 bis 0,12. Klein, aber nach beiden Rechenwegen von null verschieden. Kein Rückgang über die Jahrzehnte, stabil seit etwa 1997. Vier Tests auf Veröffentlichungsverzerrung bestanden. Ausgewählte Teilnehmer erreichen fast den dreifachen Effekt, und Aufgaben, die Telepathie nachbilden, den doppelten. Nur 22,5 Prozent der einzelnen Studien waren für sich signifikant, und die Autoren nennen den Grund: Bei einem so kleinen Effekt bräuchte jede Studie mindestens 245 Durchgänge, die meisten hatten viel weniger.
Ihr Fazit ist das deutlichste, das je in einer begutachteten Ganzfeld-Auswertung stand: Es gebe genügend Belege für eine anomale Wahrnehmung im Ganzfeld. Für die Erklärung verweisen sie auf Philosophien, in denen der Geist nicht vom Gehirn abhängt. Das ist ihre Deutung, nicht ihr Befund. Wer die Debatte seit Hyman kennt, sieht auch, was diese Auswertung nicht ändern kann: Die Vorab-Festlegung schützt die Rechnung, nicht die Daten, aus denen gerechnet wird. Wie sorgfältig die 78 Studien selbst durchgeführt wurden, kann keine Meta-Analyse nachträglich prüfen. Ein Problem, das die Psychologie auch an ganz anderer Stelle eingeholt hat, wie der Fall der Präkognitionsversuche von Daryl Bem zeigt.
| Behauptung | Quelle | Stand |
|---|---|---|
| Gleichförmige Reize erzeugen Wahrnehmungsveränderungen bis zu traumartigen Bildern | Metzger 1930; Wackermann u. a. 2002 | belegt |
| Der Effekt im alten Datenbestand ist nicht durch selektives Berichten erklärbar | Hyman und Honorton 1986 | gemeinsame Feststellung, Deutung offen |
| Autoganzfeld: 106 Treffer in 329 Sitzungen, 32 Prozent | Bem und Honorton 1994 | belegt |
| Die Trefferquote steigt mit der Häufigkeit eines Ziels | Hyman 1994 | belegt als Muster, Ursache offen |
| Kein Effekt in 30 Studien aus sieben Laboren | Milton und Wiseman 1999 | belegt, Zählweise strittig |
| Kleiner, stabiler Effekt über 46 Jahre, kein Rückgang | Tressoldi und Storm 2024 | Befund der Befürworter, begutachtet |
| Menschen können Gedanken übertragen | keine anerkannte | nicht belegt |
Was belegt ist — und was nicht
BELEGT: Ein Skeptiker und ein Parapsychologe haben 1986 gemeinsam festgestellt, dass der damalige Ganzfeld-Datenbestand einen Effekt zeigt, der sich nicht vernünftig durch selektives Berichten oder Mehrfachauswertung erklären lässt, und Regeln für künftige Versuche aufgestellt (Hyman und Honorton 1986).
BELEGT: Das Autoganzfeld in Princeton ergab 32 Prozent Treffer in 329 Sitzungen; eine Gesamtauswertung von 30 Studien aus sieben anderen Laboren fand 1999 keinen Effekt (Bem und Honorton 1994; Milton und Wiseman 1999).
BELEGT: Eine vorab registrierte Meta-Analyse von 78 Studien findet eine kleine, über Jahrzehnte stabile Abweichung vom Zufall; eine Simulation zeigt, dass fragwürdige Forschungspraktiken sie vergrößern, aber nicht ganz erklären können (Tressoldi und Storm 2024; Bierman u. a. 2016).
UEBERLIEFERT: Die Vorstellung, dass Menschen, die einander nahestehen, Gedanken und Bilder übertragen können, ist weit älter als jedes Labor und Grundlage des Versuchsaufbaus mit Sender und Empfänger.
NICHT_BELEGT: Dass Telepathie existiert. Es gibt keine anerkannte Theorie, keinen bekannten Mechanismus, und eine Wiederholung durch unabhängige, skeptische Labore ist nicht gelungen.
NICHT_BELEGT: Dass die Trefferquoten vollständig ein Artefakt sind. Auch das ist nicht nachgewiesen; das Muster bei den Zielhäufigkeiten (Hyman 1994) zeigt eine mögliche Fehlerquelle, keinen Beweis.
Die offene Frage
1986 haben zwei Gegner in vier Entwürfen eine Abmachung getroffen: Wenn ein breiterer Kreis von Forschern unter strengeren Regeln weiter Treffer findet, ist eine echte Anomalie gezeigt. Wenn nicht, liegt es an Fehlern, und auch das wäre lehrreich. 40 Jahre später gibt es beides. Es gibt die vorab registrierte Auswertung, die eine stabile Abweichung findet, und die Wiederholungen aus unabhängigen Laboren, die nichts finden. Es gibt einen Parapsychologen, der Hymans Fehlerverdacht im Computer nachbaut und am Ende 27 Prozent übrig behält, und ein Team, das mit Bayes-Statistik einen Effekt findet und ihn trotzdem eher der Zufallsauswahl zuschreibt. Und es gibt einen Versuch aus dem Stargate-Umfeld, der nahelegt, dass es den Sender, um den sich der ganze Aufbau dreht, gar nicht braucht, während die neueste Meta-Analyse ausgerechnet bei telepathieähnlichen Aufgaben die stärksten Werte meldet.
Was beide Seiten 1986 nicht bekommen haben, ist der Versuch, den sie sich gewünscht hatten: groß genug, vorab festgelegt, gemeinsam geplant und in einem skeptischen Labor durchgeführt. Für die Präkognition hat es diesen Versuch inzwischen gegeben. Für das Ganzfeld steht er aus. Bis dahin bleibt eine Lücke von sieben Prozentpunkten zwischen 25 und 32, und niemand kann sagen, ob in ihr eine Entdeckung steckt oder nur die Geschichte davon, wie schwer es ist, ein Experiment fehlerfrei zu machen. Vielleicht ist das die interessantere Frage: wie viele Jahrzehnte ein Rätsel überleben kann, über das sich beide Seiten in den Zahlen fast einig sind.

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Häufige Fragen
Was ist das Ganzfeld-Experiment?
Ein Laborversuch der Parapsychologie, mit dem seit 1974 Telepathie geprüft werden soll. Ein Empfänger liegt mit halbierten Tischtennisbällen vor den Augen, rotem Licht und Rauschen im Kopfhörer in einem Sessel und beschreibt laut seine inneren Bilder. Ein Sender in einem anderen Raum betrachtet ein zufällig gewähltes Bild oder einen Filmausschnitt. Danach wählt der Empfänger aus vier Möglichkeiten; nach Zufall läge er in 25 Prozent der Fälle richtig.
Ist Telepathie wissenschaftlich belegt?
Nein. Meta-Analysen von Befürwortern finden im Ganzfeld eine kleine, stabile Abweichung vom Zufall, zuletzt Tressoldi und Storm 2024 mit 78 Studien. Unabhängige Wiederholungen wie die Auswertung von Milton und Wiseman 1999 fanden keinen Effekt, es gibt keinen bekannten Mechanismus, und Kritiker führen die Ergebnisse auf Fehler bei Zufallsauswahl und Ablauf zurück. Dass die Abweichung ganz ein Artefakt ist, ist allerdings ebenfalls nicht nachgewiesen. Mehr zu Telepathie als Erfahrung und Deutung findest du im Beitrag Telepathie: Anzeichen und Bedeutung.
Was ist der Unterschied zwischen Ganzfeld-Effekt und Ganzfeld-Experiment?
Der Ganzfeld-Effekt ist gut belegte Wahrnehmungspsychologie: Wer längere Zeit ein völlig gleichförmiges Sehfeld vor sich hat, nimmt es verändert wahr, oft tauchen traumartige Bilder auf. Beschrieben hat das zuerst Wolfgang Metzger 1930. Das Ganzfeld-Experiment nutzt diesen Zustand, um Telepathie zu prüfen. Nur dieser zweite Teil ist umstritten.
Wie hoch ist die Trefferquote im Ganzfeld?
Je nach Auswertung zwischen 27 und 38 Prozent, bei 25 Prozent Zufallserwartung. Das computergesteuerte Autoganzfeld in Princeton kam 1983 bis 1989 auf 32 Prozent in 329 Sitzungen, eine Freiburger Studie 2008 auf 32,5 Prozent. Die unabhängigen Studien bei Milton und Wiseman 1999 lagen beim Zufall; nach einer anderen Zählweise von Jessica Utts bei 27 Prozent.
Was stand im Joint Communiqué von 1986?
Ray Hyman und Charles Honorton hielten fest, dass der damalige Datenbestand einen signifikanten Effekt zeigt, der sich nicht vernünftig durch selektives Berichten oder Mehrfachauswertung erklären lässt, dass sie aber uneins sind, ob das ein Beleg für Psi ist. Das Urteil sollten künftige Versuche nach strengeren Regeln fällen. Dazu formulierten sie Vorgaben zu Abschirmung, Zufallsauswahl, Auswertung und Dokumentation, auf denen das Autoganzfeld beruht.
Kann man das Ganzfeld-Experiment selbst machen?
Wir geben dazu bewusst keine Anleitung. Die Forschung beschreibt, dass länger anhaltende gleichförmige Reize die Wahrnehmung deutlich verändern und traumartige Bilder auslösen können. Wie solche Selbstversuche auf einzelne Menschen wirken, ist kaum untersucht. Und für die Frage nach Telepathie taugt ein Versuch ohne Abschirmung, echte Zufallsauswahl und blinden Versuchsleiter nicht, genau daran entzündete sich der Streit seit 1985.
Quellen & Weiterlesen
Zitate aus englischsprachigen Quellen sind Übersetzungen der Redaktion; die Originalwortlaute stehen in den verlinkten Texten.
- Hyman, R., Honorton, C.: „A Joint Communiqué: The Psi Ganzfeld Controversy“, Journal of Parapsychology 50 (1986), S. 351–364; Nachdruck Journal of Parapsychology 82, Suppl. (2018), S. 106–117 — Quelle öffnen
- Bem, D. J., Honorton, C.: „Does Psi Exist? Replicable Evidence for an Anomalous Process of Information Transfer“, Psychological Bulletin 115 (1994), S. 4–18 — Quelle öffnen
- Hyman, R.: „Anomaly or Artifact? Comments on Bem and Honorton“, Psychological Bulletin 115 (1994), S. 19–24, mit Bems Antwort S. 25–27; Abschrift aus dem CIA-Bestand CIA-RDP96-00789R003200100001-5, freigegeben 2000 — Quelle öffnen
- Milton, J., Wiseman, R.: „Does Psi Exist? Lack of Replication of an Anomalous Process of Information Transfer“, Psychological Bulletin 125 (1999), S. 387–391 — Quelle öffnen
- Tressoldi, P. E., Storm, L.: „Stage 2 Registered Report: Anomalous perception in a Ganzfeld condition – A meta-analysis of more than 40 years investigation“, F1000Research 10:234 (2021, Fassung 4 vom Mai 2024) — Quelle öffnen
- Bierman, D. J., Spottiswoode, J. P., Bijl, A.: „Testing for Questionable Research Practices in a Meta-Analysis: An Example from Experimental Parapsychology“, PLOS ONE 11 (2016), e0153049 — Quelle öffnen
- Wiseman, R., Watt, C., Kornbrot, D.: „Registered reports: an early example and analysis“, PeerJ 7 (2019), e6232 — Quelle öffnen
- Pütz, P., Gäßler, M., Wackermann, J.: „Ein Experiment mit ‚verborgener‘ Ganzfeld-Telepathie“, Zeitschrift für Anomalistik 8 (2008), S. 10–31 — Quelle öffnen
- Lantz, N. D., Luke, W. L. W., May, E. C.: „Target and Sender Dependencies in Anomalous Cognition Experiments“, Journal of Parapsychology 58 (1994); Abschrift aus dem CIA-Bestand CIA-RDP96-00791R000200100002-4 — Quelle öffnen
- Metzger, W.: „Optische Untersuchungen am Ganzfeld“, Psychologische Forschung 13 (1930), S. 6–29 — Quelle öffnen
- Heckhausen, H.: „Wolfgang Metzger: 1899–1979“, American Journal of Psychology 96 (1983), S. 567–571 — Quelle öffnen
- Ohne Link, belegt über die genannten Aufsätze: Honorton, C., Harper, S., Journal of the American Society for Psychical Research 68 (1974), S. 156–168; Hyman, R., und Honorton, C., Journal of Parapsychology 49 (1985); Hyman, R., Statistical Science 6 (1991), S. 389–392; Storm, L., Tressoldi, P. E., Di Risio, L., Psychological Bulletin 136 (2010), S. 471–485, und Hymans Kommentar ebd., S. 486–490; Rouder, J. N. u. a., Psychological Bulletin 139 (2013), S. 241–247; Wackermann, J. u. a. 2002.
- Sehenswert (keine Belegquelle): „Inside The Experiments Trying To Prove The Existence Of Telepathy“, Kanal Spark (oben eingebettet).
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