Okkultes & verborgenes Wissen

Präkognition im Labor: Wie Daryl Bem 2011 das Vorausfühlen maß — und warum die Psychologie seither anders forscht

Cornell University, ein Bildschirm mit zwei Vorhängen. Hundert Studierende erraten, wo gleich ein Bild erscheinen wird, und treffen öfter, als der Zufall erlaubt. Der Aufsatz darüber erscheint 2011 in einer der strengsten Fachzeitschriften. Was folgte, veränderte ein ganzes Fach.

Ein älterer Computerbildschirm in einer dunklen Laborkabine zeigt zwei geschlossene rote Samtvorhänge nebeneinander, davor Tastatur, Maus und ein leerer Bürostuhl, links eine warm leuchtende Schreibtischlampe vor dunkelgrüner Wand

Ithaca im Bundesstaat New York, ein Kabuff im Psychologie-Institut der Cornell University. Eine Studentin setzt sich vor einen Rechner, das Programm läuft von allein. Drei Minuten lang zieht ein Sternenhimmel über den Bildschirm, eine Aufnahme des Hubble-Teleskops, dazu läuft ruhige Musik aus den Lautsprechern. Dann erscheinen zwei Vorhänge nebeneinander. Hinter einem, so steht es in der Anleitung, verbirgt sich ein Bild, hinter dem anderen eine leere Wand. Sie soll den Vorhang anklicken, hinter dem sie das Bild vermutet. Sechsunddreißig Mal.

Schnellantwort

Präkognition ist die angebliche Fähigkeit, ein künftiges Ereignis zu erspüren, das sich nicht vorhersagen lässt. Der Cornell-Psychologe Daryl Bem veröffentlichte 2011 im Journal of Personality and Social Psychology neun Experimente mit über 1.000 Teilnehmern, von denen acht statistisch signifikant ausfielen; im bekanntesten errieten Studierende die künftige Position erotischer Bilder in 53,1 statt 50 Prozent der Fälle. Vorab angemeldete Wiederholungen fanden den Effekt nicht, zuletzt das Transparent Psi Project 2023 mit zehn Laboren und 49,89 Prozent Treffern. Der Streit gehört zu den Auslösern der Replikationsdebatte in der Psychologie. Belegt ist, dass dieser Versuchsaufbau keine Präkognition zeigt; ob es sie gibt, entscheidet er nach Aussage der Autoren nicht.

Einordnung
Belegt

Daryl J. Bem veröffentlichte im März 2011 im Journal of Personality and Social Psychology (Band 100, Heft 3) neun Experimente mit über 1.000 Teilnehmern. Acht waren nach den damals üblichen Tests statistisch signifikant, die mittlere Effektstärke lag bei d = 0,22. Im ersten Experiment errieten 100 Studierende die künftige Position erotischer Bilder in 53,1 Prozent der Fälle, bei anderen Bildern in 49,8 Prozent.

Belegt

Wagenmakers und Kollegen zeigten im selben Heft, dass Bems Auswertung teilweise erkundend war und dass ein vorsichtigerer bayesscher Test schwache bis keine Belege für Psi ergibt. Bem, Utts und Johnson widersprachen 2011 mit einer anderen Vorannahme.

Belegt

Ritchie, Wiseman und French wiederholten Bems neuntes Experiment dreimal mit Voranmeldung (zusammen 150 Teilnehmer, p = 0,83) und fanden keinen Effekt. Nach Chris Frenchs Bericht im Guardian lehnte das Journal, das Bems Aufsatz gedruckt hatte, ihren Bericht ohne Begutachtung ab, weil es keine Wiederholungsstudien veröffentliche. Galak und Kollegen fanden 2012 in sieben Experimenten mit 3.289 Teilnehmern ebenfalls nichts.

Belegt

Das Transparent Psi Project (Kekecs u. a., Royal Society Open Science 2023) wiederholte den Vorhang-Versuch nach einem Plan, dem 29 Fachleute beider Lager einschließlich Bem zugestimmt hatten: zehn Labore, 2.115 Teilnehmer, 37.836 Durchgänge, 49,89 Prozent Treffer.

Belegt

Der Streit um Bems Aufsatz gehört zu den Auslösern der Methodenreform in der Psychologie: False-Positive Psychology (2011), Registered Reports (2013), Center for Open Science (2013) und das Wiederholungsprojekt der Open Science Collaboration (2015), bei dem 36 Prozent von 100 Studien erneut signifikant ausfielen.

Überliefert

Vorahnungen und Wahrträume gehören zu den ältesten Erzählungen der Menschheit, von Orakeln bis zu J. W. Dunnes Traumtagebuch An Experiment with Time von 1927. Die Erzählungen belegen, wie verbreitet die Erfahrung ist, nicht ihre Ursache.

Nicht belegt

Dass Menschen künftige Zufallsereignisse erspüren können. Bems Meta-Analyse von 2015 (90 Experimente, Effektstärke 0,09) sieht einen kleinen Effekt, beruht aber überwiegend auf nicht vorab angemeldeten Studien und einer nachträglichen Einteilung; ihre Aussagekraft ist umstritten.

Nicht belegt

Dass Präkognition widerlegt wäre oder dass Bem Daten gefälscht hätte. Die Autoren der größten Wiederholung schreiben, ihr Ergebnis schließe außersinnliche Wahrnehmung nicht aus, und keiner der zitierten Kritiker erhebt einen Fälschungsvorwurf.

BELEGT = wissenschaftlich oder amtlich nachprüfbar · ÜBERLIEFERT = historisch/traditionell dokumentiert · GELEBTE PRAXIS = verbreitete Anwendung, Erfahrungswerte · NICHT BELEGT = spirituelle Deutung, wissenschaftlich nicht nachgewiesen.

Was die Studentin nicht weiß: Hinter keinem der beiden Vorhänge ist etwas. Erst nachdem sie geklickt hat, lost der Rechner aus, welches Bild gezeigt wird und auf welcher Seite es liegt. Sie rät also nicht, wo etwas ist. Sie rät, wo etwas sein wird.

Hundert Studierende durchlaufen diesen Versuch, fünfzig Frauen und fünfzig Männer, für einen Leistungspunkt oder fünf Dollar. Bei neutralen Bildern treffen sie in 49,8 Prozent der Fälle, so oft wie eine Münze. Bei erotischen Bildern treffen sie in 53,1 Prozent. Der Mann, der das Experiment gebaut hat, heißt Daryl Bem, ist emeritierter Professor und einer der bekanntesten Sozialpsychologen der Vereinigten Staaten. Am 12. Mai 2010 schickt er das Ergebnis, zusammen mit acht weiteren Versuchen, an eine der strengsten Fachzeitschriften seines Fachs. Sie nimmt den Aufsatz an. Was danach geschieht, hat mit Hellsehen nur noch am Rand zu tun, und genau deshalb lohnt es sich, die Geschichte der Reihe nach zu erzählen.

Der Zauberkünstler, der nicht an Zauberei glaubte

Daryl J. Bem wird am 10. Juni 1938 in Denver geboren. Das Magazin Slate, das ihn 2017 ausführlich porträtiert hat, beschreibt einen Jungen, der sich mit sieben für Zaubervorstellungen begeistert und als Jugendlicher als Mentalist auftritt: Gedankenlesen als Bühnennummer, mit Tricks. Er studiert Physik am Reed College, beginnt ein Aufbaustudium am MIT, wechselt zur Sozialpsychologie und promoviert 1964 an der University of Michigan. Bekannt wird er mit der Selbstwahrnehmungstheorie: der Idee, dass Menschen ihre eigenen Einstellungen oft so erschließen, wie ein Beobachter es täte, nämlich aus ihrem Verhalten. Er lehrt in Carnegie Mellon, Stanford, Harvard und ab 1978 in Cornell.

Als junger Professor, so Slate, beendet Bem jedes Semester mit einer Mentalisten-Vorstellung und erklärt seinen Studenten anschließend, dass er keine übersinnlichen Fähigkeiten habe und wie leicht man sich täuschen lasse. Er ist zu dieser Zeit Skeptiker. Das ändert sich nach Slates Darstellung in den 1980er-Jahren. Die Parapsychologie steckt damals in ihrer eigenen Wiederholbarkeitskrise und verordnet sich strengere Regeln, als die übrige Psychologie sie kennt. Der Forscher Charles Honorton bittet Bem, als geübter Trickkenner seine Telepathie-Versuche auf Schwachstellen zu prüfen. Bem prüft 1983 und findet keine. 1994 erscheint ein gemeinsamer Fachaufsatz der beiden.

Um die Jahrtausendwende beginnt Bem mit eigenen Versuchen. Sein Ziel beschreibt er im späteren Aufsatz offen: Die größte Aufgabe der Psi-Forschung sei es, gut kontrollierte Nachweise zu liefern, die unabhängige Forscher wiederholen können. Deshalb will er Experimente, die so schlicht sind, dass jedes Psychologie-Institut sie nachbauen kann. Zwischenstände stellt er ab 2003 auf Tagungen der Parapsychological Association vor.

Neun Experimente, rückwärts gebaut

Bems Einfall ist elegant. Er nimmt bekannte, vielfach bestätigte Effekte der Psychologie und dreht ihre zeitliche Reihenfolge um. Normalerweise kommt erst die Ursache, dann die Reaktion: Wer eine Wortliste noch einmal übt, erinnert sie danach besser. Bem lässt erst erinnern und dann üben und fragt, ob die Wörter, die später geübt werden, schon vorher besser erinnert wurden. Im Aufsatz nennt er das „time-reversing“, die zeitliche Umkehrung etablierter Effekte.

So entstehen neun Experimente mit zusammen mehr als 1.000 Versuchspersonen, in vier Gruppen. Erstens Annäherung und Vermeidung: der Vorhang-Versuch mit erotischen Bildern und ein zweiter, in dem unangenehme Bilder vermieden werden sollen. Zweitens rückwirkendes Priming, bei dem ein Wort erst nach der Reaktion eingeblendet wird. Drittens rückwirkende Gewöhnung. Viertens das rückwirkende Lernen der Wortlisten. Acht der neun Versuche liefern nach den üblichen Regeln ein statistisch signifikantes Ergebnis, nur der Versuch zur „rückwirkenden Langeweile“ nicht. Die mittlere Effektstärke über alle neun liegt bei d = 0,22. Das ist klein, aber in der Sozialpsychologie nichts Ungewöhnliches.

Bem denkt an Einwände. In mehreren Versuchen bestimmt ein Hardware-Zufallsgenerator die Seite des Bildes, dessen nächste Zahl physikalisch unbestimmt ist, bis sie erzeugt wird. Als Mindestgröße setzt er 100 Teilnehmer je Versuch an. Und er schreibt ein ganzes Kapitel über die Schubladen-Frage: Wie viele Vorversuche hat es gegeben, die nicht im Aufsatz stehen? Seine Antwort ist ehrlich und wird später wichtig. Wie die meisten sozialpsychologischen Experimente hätten auch diese ausgiebige Vortests gebraucht, schreibt er, und dabei würden viele Verfahren ausprobiert und verworfen.

Trefferquoten im Vorhang-Versuch: Bem 2011 und Wiederholung 2023 Balkendiagramm um die Zufallslinie von 50 Prozent. Bem 2011: 53,1 Prozent bei erotischen und 49,8 Prozent bei nicht erotischen Bildern. Transparent Psi Project 2023: 49,89 Prozent bei erotischen Bildern.Der Vorhang-Versuch in ZahlenTrefferquote in Prozent, Zufall = 505452504853,149,849,89Bem 2011erotische Bilder1.560 VersucheBem 2011andere BilderWiederholung2023, erotisch37.836 VersucheDicke Linie: Trefferquote bei reinem Raten.
Werte nach Bem 2011 (Experiment 1) und Kekecs u. a. 2023 (Transparent Psi Project, zehn Labore). Eigene Darstellung.

Ein Aufsatz, den man nach den Regeln nicht ablehnen konnte

Das Journal of Personality and Social Psychology, kurz JPSP, wird von der American Psychological Association herausgegeben und lehnt nach Slates Angabe rund 85 Prozent aller Einreichungen ab. Bems Manuskript geht am 12. Mai 2010 ein, die überarbeitete Fassung am 23. August, am 3. September wird es angenommen. So steht es am Ende des gedruckten Aufsatzes. Er erscheint im März 2011, Band 100, Heft 3, Seiten 407 bis 425, unter dem Titel „Feeling the Future: Experimental Evidence for Anomalous Retroactive Influences on Cognition and Affect“.

Einer der Gutachter ist Lee Ross aus Stanford, ein enger Freund Bems, den dieser selbst vorgeschlagen hatte und der, so Slate, nicht an übersinnliche Phänomene glaubte. Slate zitiert ihn mit einem Satz, der den Kern der Sache trifft: „The level of proof here was ordinary.“ Das Beweisniveau sei gewöhnlich gewesen, und er meine das im guten wie im schlechten Sinn. Nach den Regeln, die für jeden anderen Aufsatz galten, habe man diesen annehmen müssen.

Schon im Herbst 2010 kursiert das Manuskript. In Deutschland berichtet der Blog der Skeptiker-Organisation GWUP am 4. Dezember 2010 darüber. In den USA berichtet die New York Times auf der Titelseite, Bem tritt in der Fernsehsendung The Colbert Report auf. Der Aufsatz selbst endet mit einer Szene aus Lewis Carrolls „Alice hinter den Spiegeln“ von 1871. Die Weiße Königin erklärt Alice dort, in ihrem Land wirke das Gedächtnis in beide Richtungen, und sie selbst erinnere sich am besten an Dinge, die übernächste Woche geschehen.

„Unlike the White Queen, I do not advocate believing impossible things. But perhaps this article will prompt the other 66% of academic psychologists to raise their posterior probabilities of believing at least one anomalous thing before breakfast.“

„Anders als die Weiße Königin plädiere ich nicht dafür, unmögliche Dinge zu glauben. Aber vielleicht bringt dieser Artikel die übrigen 66 Prozent der akademischen Psychologen dazu, ihre Wahrscheinlichkeit dafür anzuheben, vor dem Frühstück wenigstens an eine anomale Sache zu glauben.“ (eigene Übersetzung)

Daryl J. Bem: Feeling the Future, Journal of Personality and Social Psychology 100/3 (2011), Schlussabsatz, S. 423–424. Die 66 Prozent beziehen sich auf eine Umfrage von 1979, in der 34 Prozent der befragten Psychologen Psi für unmöglich erklärten.

Amsterdam: Der Einwand mit dem Roulette

Eric-Jan Wagenmakers, Methodenforscher an der Universität Amsterdam, liest das Manuskript nach Slates Schilderung beim Mittagessen auf einer Tagung in Berlin und muss es mehrmals weglegen. Mit drei Kollegen schreibt er einen Kommentar, den das JPSP im selben Heft direkt hinter Bems Aufsatz druckt, auf den Seiten 426 bis 432. Der Titel ist eine Ansage: „Why Psychologists Must Change the Way They Analyze Their Data“.

Die Amsterdamer führen zwei Arten von Gründen an. Die erste ist der gesunde Menschenverstand in Zahlen. Spielbanken machen Gewinn, und sie bieten französisches Roulette an. Wer Rot oder Schwarz in mehr als 51,4 Prozent der Fälle richtig vorhersähe, läge nach ihrer Rechnung über der Gewinnschwelle des Hauses. Gäbe es eine verlässliche Trefferquote von 53 Prozent, müsste man sie dort längst bemerkt haben.

Ein sich drehender Roulettekessel aus poliertem Holz auf grünem Filz in einem leeren alten Spielsaal zur blauen Stunde, die Fächer zu einem rot-schwarzen Streifen verwischt, seitlich warmes Licht
Das Roulette-Argument aus Amsterdam: Spielbanken leben davon, dass niemand die nächste Zahl kennt. Bild: generiert, Symbolbild.

Die zweite Art von Gründen ist handwerklich, und sie ist die eigentlich gefährliche. Bems Auswertung, schreiben die vier, sei teilweise erkundend gewesen und nicht streng prüfend. Der Vorhang-Versuch prüfte neben erotischen auch neutrale, negative, positive und romantische Bilder, und nur bei den erotischen zeigte sich etwas. Was wäre berichtet worden, wenn stattdessen die positiven Bilder herausgestochen hätten? Und warum wurde nach Geschlecht aufgeteilt, obwohl Bem selbst schreibt, die Psi-Literatur zeige keine systematischen Geschlechtsunterschiede? Jede dieser Entscheidungen ist für sich vertretbar. Trifft man sie aber erst, nachdem man die Daten gesehen hat, verliert der übliche Signifikanztest seine Aussagekraft. Als Beleg zitieren sie einen Ratgeber für Fachautoren, den Bem im Jahr 2000 veröffentlicht hatte. Darin empfiehlt er, die Daten aus jedem Blickwinkel zu untersuchen: „Go on a fishing expedition for something — anything — interesting.“

Mit einem vorsichtigeren, bayesschen Test rechnen die Amsterdamer Bems Daten neu und finden schwache bis keine Belege für Psi. Ihr Schlusssatz steht bereits in der Zusammenfassung: Bems p-Werte seien kein Hinweis auf Präkognition, „instead, they indicate that experimental psychologists need to change the way they conduct their experiments and analyze their data“. Sie zeigten stattdessen, dass experimentelle Psychologen ihre Art zu forschen und auszuwerten ändern müssen.

Bem antwortet noch 2011 im selben Journal, gemeinsam mit den Statistikern Jessica Utts und Wesley Johnson. Die Kritiker hätten für ihre Rechnung eine unrealistische Vorannahme gewählt, mit einer vernünftigeren ergäben dieselben Daten starke Belege für Psi. Utts ist Lesern dieses Magazins schon begegnet: Sie hatte 1995 für eine vom US-Kongress veranlasste Prüfung die Daten des Hellseh-Programms der Geheimdienste bewertet, und auch damals stand ihr Urteil gegen das eines Skeptikers. Die Geschichte steht in unserem Stück über Remote Viewing und das Projekt Stargate.

Drei Labore, 150 Versuchspersonen, vier Absagen

Bem hat in seinem Aufsatz ausdrücklich um Wiederholungen gebeten und stellt anderen Forschern seine Programme zur Verfügung. Slate hat nachgezählt: Das Wort „replication“ fällt bei ihm 33 Mal. Drei britische Psychologen nehmen ihn beim Wort. Stuart Ritchie in Edinburgh, Richard Wiseman in Hertfordshire und Chris French am Goldsmiths College in London wiederholen jeweils das neunte Experiment, das rückwirkende Lernen. Es hatte bei Bem den größten Effekt gebracht, d = 0,42. Sie benutzen Bems Software und seine Wortliste, und sie melden ihre Versuche vorher an: Stichprobe und Auswertung stehen fest, bevor die erste Versuchsperson kommt.

Je 50 Teilnehmer, zusammen 150. Keiner der drei Versuche zeigt den Effekt. Der gemeinsame p-Wert liegt bei 0,83.

Dann beginnt der zweite Teil ihrer Arbeit, und French hat ihn im März 2012 im Guardian beschrieben. Die drei schicken ihren Bericht an das JPSP, die Zeitschrift, die den ursprünglichen Befund gedruckt hat. Der Herausgeber lehnt ab, ohne den Text in die Begutachtung zu geben, mit der Begründung, sein Journal „does not publish replications“, es drucke keine Wiederholungsstudien. Die Kurzrubrik von Science antwortet nach Frenchs Angabe gleichlautend, ebenso Psychological Science. Das British Journal of Psychology lässt begutachten. Ein Gutachter urteilt positiv, der zweite hat Vorbehalte, der Herausgeber lehnt ab. Die Autoren vermuten, wer der zweite Gutachter war, fragen nach und bekommen es von ihm selbst bestätigt: Daryl Bem.

Am 14. März 2012 erscheint „Failing the Future“ schließlich in PLoS ONE, einer frei zugänglichen Zeitschrift. Im selben Jahr druckt das JPSP dann doch eine Wiederholung. Jeff Galak, Robyn LeBoeuf, Leif Nelson und Joseph Simmons berichten über sieben Experimente mit 3.289 Teilnehmern zu Bems Versuchen 8 und 9. Sie finden den Effekt nicht. Ihre Zusammenschau aller bis dahin bekannten Wiederholungen ergibt eine mittlere Effektstärke von d = 0,04, nicht von null zu unterscheiden.

Das Muster kennst du vielleicht aus einer anderen Recherche dieser Reihe. Auch beim Karfreitagsexperiment von 1962 wurde der berühmte Befund jahrzehntelang zitiert, bevor jemand nachprüfte, was am Versuchstag wirklich geschehen war. Ein erster Befund ist eine Nachricht. Eine Nachprüfung war lange keine.

Ein Abendessen im November 2010

Die folgenreichste Reaktion auf Bems Aufsatz erwähnt Präkognition nur am Rand. Leif Nelson, damals an der University of California in Berkeley, hatte nach Slates Recherche schon 2010 eine frühe Fassung des Manuskripts erhalten und mit Jeff Galak innerhalb weniger Wochen eine Online-Version des Wortlisten-Versuchs gebaut. Am 14. Oktober 2010 schickt Galak ihm eine E-Mail mit der Betreffzeile „There is no such thing as ESP“.

Im November 2010 sitzt Nelson mit Joseph Simmons und Uri Simonsohn beim Abendessen. Sie fragen sich, wie ein so unwahrscheinliches Ergebnis ohne jede Täuschung zustande kommen kann. Daraus wird eine Liste alltäglicher Freiheiten: die Stichprobe vergrößern, wenn das Ergebnis knapp verfehlt ist. Zwischen mehreren Messgrößen die passende wählen. Eine Versuchsbedingung weglassen. Die drei lassen den Rechner 15.000 Mal durchspielen, was diese Freiheiten anrichten. Schon eine einzige kann die Rate falscher Treffer, die offiziell bei fünf Prozent liegen soll, fast verdoppeln. Mehrere zusammen treiben sie auf über 60 Prozent.

Ihr Aufsatz erscheint im Oktober 2011 in Psychological Science unter dem Titel „False-Positive Psychology“. Wer die üblichen Spielräume nutze, heißt es in der Zusammenfassung, finde in vielen Fällen eher fälschlich einen Beleg für einen Effekt, als dass er richtig erkenne, dass es keinen gibt.

Ab hier geht es um ein ganzes Fach. Wagenmakers und Kollegen fordern 2012, Studien vorab zu registrieren und nur die angemeldeten Auswertungen „bestätigend“ zu nennen. 2013 führt die Zeitschrift Cortex die „Registered Reports“ ein, bei denen ein Journal über die Annahme entscheidet, bevor Daten erhoben sind. Im selben Jahr wird das Center for Open Science gegründet. Es führt heute mehr als 300 Zeitschriften, die dieses Format anbieten. Im August 2015 veröffentlicht die Open Science Collaboration in Science das Ergebnis eines Großversuchs: 100 psychologische Studien aus drei Fachzeitschriften, so originalgetreu wie möglich wiederholt. 97 Prozent der Originale hatten ein signifikantes Ergebnis berichtet. Bei den Wiederholungen waren es 36 Prozent.

Bem war nicht der einzige Auslöser dieser Bewegung, aber er war der Fall, auf den sich alle beziehen konnten. Entweder gibt es Präkognition, oder die Standardmethoden eines Fachs können aus nichts einen Befund machen. Für viele Psychologen war die zweite Möglichkeit die beunruhigendere. Bem sieht seine Rolle nüchtern. Slate sagte er 2017, er bekomme mehr Anerkennung für die Revolution, als er verdiene. Er sei zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen.

Der Zeitstrahl

1927 — Der britische Flugzeugingenieur J. W. Dunne veröffentlicht „An Experiment with Time“ über Träume, die Künftiges vorwegnehmen sollen.
1983 — Daryl Bem, Psychologe und geübter Bühnen-Mentalist, prüft die Telepathie-Versuche von Charles Honorton und findet keine Schwachstelle.
12. Mai 2010 — Bem reicht „Feeling the Future“ beim Journal of Personality and Social Psychology ein. Annahme am 3. September.
März 2011 — Der Aufsatz erscheint. Im selben Heft, direkt dahinter: die Kritik von Wagenmakers und Kollegen aus Amsterdam.
Oktober 2011 — Simmons, Nelson und Simonsohn veröffentlichen „False-Positive Psychology“.
14. März 2012 — „Failing the Future“ erscheint in PLoS ONE: drei vorab angemeldete Wiederholungen, kein Effekt. Mehrere Zeitschriften hatten zuvor abgelehnt.
2013 — Cortex führt Registered Reports ein, das Center for Open Science wird gegründet.
August 2015 — Open Science Collaboration: Von 100 wiederholten Psychologie-Studien liefern 36 Prozent erneut ein signifikantes Ergebnis.
Oktober 2015 — Bem und drei Mitautoren legen eine Meta-Analyse über 90 Experimente vor und sehen den Effekt bestätigt.
Februar 2023 — Das Transparent Psi Project wiederholt den Vorhang-Versuch in zehn Laboren: 49,89 Prozent Treffer.

Bems Gegenrechnung: 90 Experimente aus 14 Ländern

Wer hier aufhört, hat eine runde Geschichte: Ein Hellseh-Befund platzt, die Wissenschaft lernt daraus. Die Akten sind aber nicht so aufgeräumt. Im Oktober 2015 veröffentlicht Bem mit Patrizio Tressoldi, Thomas Rabeyron und Michael Duggan in der Zeitschrift F1000Research eine Meta-Analyse, also eine Zusammenrechnung aller auffindbaren Versuche nach seinem Muster. 90 Experimente aus 33 Laboren in 14 Ländern, Bems eigene neun eingeschlossen. Das Gesamtergebnis: eine sehr kleine Effektstärke von 0,09, die sich über die große Zahl der Versuche aber deutlich von null abhebt (z = 6,40). Lässt man Bems eigene Versuche weg, bleiben 0,06 und z = 4,16.

Die Autoren teilen die Versuche nachträglich in zwei Gruppen. Bei den „schnellen“ Aufgaben, in denen Menschen spontan reagieren, wie beim Vorhang-Versuch, finden sie durchweg Effekte. Bei den „langsamen“, in denen überlegt wird, wie beim Wortlisten-Lernen, finden sie keinen. Das würde erklären, warum gerade die Wiederholungen von Ritchie und Galak scheiterten. Zwei Einschränkungen nennen die Autoren selbst: Die Einteilung in schnell und langsam ist nachträglich getroffen, „post hoc“, und eine Voranmeldung aller einbezogenen Studien, wie sie inzwischen gefordert wird, ließ sich nicht mehr nachholen. Eine Zusammenrechnung kann nur so gut sein wie die einzelnen Studien, die in ihr stecken. Das ist dieselbe Frage wie beim Original, eine Ebene höher.

Bem versucht es auch auf dem strengen Weg. Mit Marilyn Schlitz und Arnaud Delorme meldet er eine Wiederholung seines Priming-Versuchs in mehreren Laboren vorab an. Slate berichtet 2017 über das Ergebnis, das 2016 auf der Jahrestagung der Parapsychological Association vorgestellt wurde: Nach der angemeldeten Auswertung gab es keinen Hinweis auf Präkognition. Mit nachträglich hinzugefügten Tests kamen die Autoren in ihrem Tagungsbeitrag dennoch zu einem signifikanten Befund und meldeten Folgeversuche an.

In demselben Gespräch fallen Sätze, die man im Wortlaut lesen sollte, weil sie selten so offen ausgesprochen werden. Über seine frühen Versuche sagt Bem: „I think probably some of the criticism could well be valid. I was never dishonest, but on the other hand, the critics were correct.“ Ein Teil der Kritik könne durchaus zutreffen, er sei nie unehrlich gewesen, aber die Kritiker hätten andererseits recht gehabt. Und: „I'm all for rigor, but I prefer other people do it.“ Er sei sehr für Strenge, überlasse sie aber lieber anderen. An Psi glaubt er weiterhin. Wenn die angemeldeten Wiederholungen weiter scheiterten, sei er bereit, seine Überzeugung anzupassen, er halte das aber für unwahrscheinlich.

Wichtig ist, was in dieser Geschichte niemand behauptet. Keiner der zitierten Kritiker wirft Bem Fälschung vor. Der Vorwurf lautet, dass er die damals üblichen Regeln befolgt hat und dass diese Regeln das Problem waren.

Zehn Labore, 37.836 Versuche: die Wiederholung, der beide Lager zustimmten

Bleibt der Vorhang-Versuch selbst, das Experiment 1, nach der Meta-Analyse eines der robustesten Muster der Parapsychologie. Ein Team um den ungarischen Psychologen Zoltan Kekecs an der Eötvös-Loránd-Universität in Budapest nimmt es sich vor, mit dem erklärten Ziel, eine Wiederholung zu bauen, deren Ergebnis keine Seite hinterher wegdiskutieren kann.

Zuerst wird verhandelt. 29 Fachleute, die sich an der Debatte beteiligt hatten, prüfen den Versuchsplan in zwei Runden: 15, die Bems Deutung zuneigen, und 14 Gegner. Zur Runde gehört Daryl Bem selbst. Erst als die vorab festgelegten Kriterien für Einigkeit erfüllt sind, beginnt die Datenerhebung. Jeder Klick wird in dem Moment, in dem er geschieht, auf einen öffentlichen Server geschrieben, sodass niemand nachträglich Daten sortieren kann. Probedurchläufe werden gefilmt, unabhängige Prüfer überwachen Software und Ablauf. Auch die Abbruchregel steht vorher fest.

Zehn Labore in neun Ländern, 2.115 Teilnehmer mit gültigen Daten, 37.836 Durchgänge mit erotischen Bildern. Das Ergebnis erscheint im Februar 2023 in Royal Society Open Science. Trefferquote: 49,89 Prozent. Die Autoren schätzen, dass der wahre Wert zwischen 49,11 und 50,67 Prozent liegt. Alle vier angemeldeten Tests sprechen für reines Raten, und zwar so deutlich, dass die Abbruchregel schon bei der kleinsten vorgesehenen Stichprobe greift.

Auch hier lohnt der Wortlaut, denn die Autoren ziehen die Grenze ihres Befunds selbst: „our results cannot rule out the existence of ESP itself, and the goal of the project was not to prove or disprove its existence.“ Die Ergebnisse könnten die Existenz außersinnlicher Wahrnehmung nicht ausschließen, und das sei auch nicht das Ziel gewesen. Schließen lasse sich, dass Bems ursprünglicher Befund in diesem Experiment wahrscheinlich schlicht ein Artefakt war und dass dieser Versuchsaufbau kaum geeignet ist, Belege für eine solche Wahrnehmung zu liefern, falls es sie gibt.

Sehenswert: Jimmy Akin geht Bems neun Experimente und die Wiederholungen in seiner Reihe „Mysterious World“ einzeln durch. Die Belege für die Zahlen stehen oben und in der Quellenliste.

Warum die Frage älter ist als jedes Labor

Dass Bems Aufsatz so viel Aufmerksamkeit bekam, liegt nicht nur an der Statistik. Die Vorstellung, etwas zu spüren, bevor es geschieht, gehört zu den ältesten Erzählungen überhaupt: Orakel, Wahrträume, das ungute Gefühl vor einer Reise. 1927 machte der britische Flugzeugingenieur J. W. Dunne daraus ein Buch, „An Experiment with Time“. Er hatte seine Träume aufgeschrieben und glaubte, darin Bruchstücke künftiger Erlebnisse zu finden. Das Buch wurde viel gelesen. Ein Beleg im heutigen Sinn ist es nicht, denn wer Träume nachträglich mit Ereignissen vergleicht, findet Treffer und übersieht die Nieten. Es zeigt aber, wie verbreitet die Erfahrung ist, auf die Bem sich berief.

Auf dieser Seite der Geschichte bewegen sich die Gesprächsformate, die das Thema heute tragen. Sie ersetzt die Messung nicht, und die Messung beantwortet umgekehrt nicht die Frage, warum Menschen solche Erlebnisse so beharrlich berichten.

Sehenswert: Jesse Michels spricht in American Alchemy mit dem Autor Eric Wargo über Zeitschleifen, Wahrträume und Präkognition (veröffentlicht Ende November 2024). Das ist die Deutungs- und Erfahrungsseite. Was davon im Labor Bestand hatte, steht in diesem Artikel.

Behauptung, Quelle, Stand

Über Bems Studie kursieren Sätze, die beide Lager gern verkürzen. Hier stehen sie nebeneinander.

Behauptung Quelle Stand
Bem maß 53,1 % Treffer bei erotischen Bildern. Bem 2011, Exp. 1 BELEGT als veröffent­lichter Messwert (100 Personen, 1.560 Durch­gänge)
Acht von neun Experi­menten waren signifikant. Bem 2011, Tab. 7 BELEGT nach den damals üblichen einseitigen Tests; mit strengerer Rechnung schwach bis nicht vorhanden (Wagenmakers 2011)
Unabhängige Wieder­holungen fanden nichts. Ritchie u. a. 2012; Galak u. a. 2012 BELEGT für Exp. 8 und 9 (150 bzw. 3.289 Teil­nehmer)
90 Experimente bestätigen den Effekt. Bem u. a. 2015 umstritten: Zahlen BELEGT, Deutung offen; meist nicht vorab angemeldet, Gruppen nachträglich gebildet
Der Vorhang-Versuch wurde widerlegt. Kekecs u. a. 2023 49,89 % in zehn Laboren BELEGT; der Original­befund gilt den Autoren als wahr­scheinliches Artefakt
Bem hat Daten gefälscht. keine NICHT_BELEGT; keiner der zitierten Kritiker erhebt diesen Vorwurf
Präkognition gibt es / gibt es nicht. — NICHT_BELEGT in beide Richtungen; belegt ist nur, dass dieser Versuchs­aufbau sie nicht zeigt
Stand: Oktober 2026. „Belegt“ heißt hier: als Veröffentlichung nachprüfbar, nicht: als Naturgesetz erwiesen.

Was belegt ist — und was nicht

BELEGT: Daryl Bem veröffentlichte 2011 im Journal of Personality and Social Psychology neun Experimente mit über 1.000 Teilnehmern. Acht waren nach den damals üblichen Tests signifikant, die mittlere Effektstärke lag bei d = 0,22.

BELEGT: Vorab angemeldete Wiederholungen fanden den Effekt nicht: Ritchie, Wiseman und French 2012 (150 Teilnehmer), Galak und Kollegen 2012 (3.289 Teilnehmer), das Transparent Psi Project 2023 (2.115 Teilnehmer, 49,89 Prozent Treffer).

BELEGT: Der Streit um den Aufsatz gehört zu den Auslösern der Reformen in der Psychologie: Voranmeldung von Studien, Registered Reports, große Wiederholungsprojekte.

UEBERLIEFERT: Vorahnungen und Wahrträume werden seit jeher erzählt, von Orakeln bis zu Dunnes Traumtagebuch von 1927. Die Erzählung belegt die Verbreitung der Erfahrung, nicht ihre Ursache.

NICHT_BELEGT: Dass Menschen künftige Zufallsereignisse erspüren können. Bems Meta-Analyse von 2015 sieht einen kleinen Effekt, ihre Aussagekraft ist umstritten.

NICHT_BELEGT: Dass Präkognition damit widerlegt wäre. Die Autoren der größten Wiederholung schreiben selbst, ihr Ergebnis schließe außersinnliche Wahrnehmung nicht aus.

Die offene Frage

Für den Vorhang-Versuch ist die Sache so klar, wie Wissenschaft sie machen kann: Wenn beide Lager vorher die Regeln festlegen und niemand nachträglich an den Daten drehen kann, raten Menschen wie eine Münze. Offen ist etwas anderes, und es sind zwei Dinge.

Das erste betrifft Bems Meta-Analyse. Wenn die kleinen Effekte in 90 Versuchen allein aus Spielräumen, Schubladen und Zufall entstanden sind, dann hat ein ganzes Forschungsfeld über Jahre Befunde aus nichts erzeugt, mit Werten, die man anderswo für überzeugend hielte. Die Budapester nennen das die Theorie der reinen Verzerrung. Sie hat eine unbequeme Folge. Dieselben Methoden wurden überall benutzt, und für die meisten anderen Befunde der Psychologie hat niemand eine Wiederholung mit zehn Laboren und öffentlichem Datenserver gebaut. Wie viele von ihnen eine solche Prüfung überstünden, weiß niemand.

Das zweite betrifft die Erfahrung selbst. Kein Experiment dieser Geschichte hat untersucht, was Menschen meinen, wenn sie sagen, sie hätten etwas kommen sehen. Geprüft wurde, ob Studierende am Bildschirm die Seite eines Bildes häufiger treffen als der Zufall. Das Rätsel beginnt genau dort, wo diese Übersetzung endet: Ob sich eine Vorahnung überhaupt in sechsunddreißig Klicks zerlegen lässt, hat bisher niemand gezeigt, und niemand hat es ausgeschlossen. Bem sagte am Ende des Gesprächs mit Slate, er sei ein wenig stolz auf das, was sein Aufsatz ausgelöst habe. Lieber wäre ihm gewesen, man erinnerte sich an die Idee.

Nächste Story

Eine Studie, die Skeptiker und Befürworter gleichermaßen zitieren, und was sie tatsächlich gemessen hat: Nahtoderfahrung und die AWARE-II-Studie.

Ein Armeebericht von 1983, der bis heute als Beweis herumgereicht wird, und was Messgeräte dazu sagen: Die Gateway-Akte der CIA.

Neue Recherchen der Grenzwissen-Redaktion kommen per E-Mail, wenn du dich unter diesem Artikel für den Newsletter einträgst.

Häufige Fragen

Was ist Präkognition?

Präkognition bezeichnet die angebliche Fähigkeit, ein künftiges Ereignis wahrzunehmen oder zu erspüren, das sich auf keinem bekannten Weg vorhersagen lässt. Der Psychologe Daryl Bem unterschied 2011 zwischen Präkognition als bewusstem Vorauswissen und Prämonition als gefühlsmäßiger Vorahnung. Ein wissenschaftlich anerkannter Nachweis liegt für beides nicht vor.

Was hat Daryl Bem 2011 herausgefunden?

Bem veröffentlichte im Journal of Personality and Social Psychology neun Experimente mit über 1.000 Studierenden. In acht davon schnitten die Teilnehmer statistisch signifikant so ab, als hätte ein späteres Ereignis ihre frühere Reaktion beeinflusst. Im bekanntesten Versuch errieten sie die künftige Position erotischer Bilder in 53,1 Prozent der Fälle, erwartet wären 50 Prozent.

Wurde Bems Studie widerlegt?

Die vorab angemeldeten Wiederholungen fanden den Effekt nicht. Die größte, das Transparent Psi Project von 2023 mit zehn Laboren und 2.115 Teilnehmern, kam auf 49,89 Prozent Treffer. Die Autoren halten Bems ursprünglichen Befund für ein wahrscheinliches Artefakt, schreiben aber auch, dass ihr Ergebnis außersinnliche Wahrnehmung an sich nicht ausschließt. Bems eigene Meta-Analyse von 2015 sieht weiterhin einen kleinen Effekt und ist umstritten.

Was hat die Studie mit der Replikationskrise zu tun?

Bem hatte die damals üblichen Methoden der Psychologie benutzt und war damit zu einem Ergebnis gekommen, das die meisten Fachleute für unmöglich hielten. Das warf die Frage auf, wie verlässlich diese Methoden sind. In der Folge erschienen der Aufsatz „False-Positive Psychology“ (2011), die Registered Reports (2013) und der Großversuch der Open Science Collaboration (2015), bei dem nur 36 Prozent von 100 wiederholten Studien erneut ein signifikantes Ergebnis lieferten.

Was bedeutet Präregistrierung?

Bei einer Präregistrierung legen Forschende vor der Datenerhebung öffentlich fest, was sie prüfen, wie viele Personen sie untersuchen und wie sie auswerten. So lässt sich später unterscheiden, welche Ergebnisse eine angekündigte Prüfung bestanden haben und welche erst beim Durchsehen der Daten aufgefallen sind.

Kann man Präkognition trainieren?

Dafür gibt es keinen Beleg. Die Experimente dieser Geschichte haben nicht untersucht, ob sich eine solche Fähigkeit üben lässt, und die streng kontrollierten Wiederholungen fanden schon den Grundeffekt nicht. Angebote, die das Gegenteil versprechen, können sich nicht auf Bems Studie stützen.

Quellen & Weiterlesen

Dieser Artikel beschreibt Forschung und ihre Geschichte. Er ist keine Anleitung, übersinnliche Fähigkeiten zu trainieren, und verspricht keine Wirkung. Englische Zitate stehen im Original, die deutschen Fassungen sind eigene Übersetzungen.

Portaltage, Vollmonde und Rituale — einmal die Woche in dein Postfach.

Wann der nächste Portaltag ist, was der Vollmond diesen Monat bedeutet und welches Ritual dazu passt. Kein Spam, keine tägliche Mail. Als Dank: 10 % auf deine erste Bestellung mit dem Code WILLKOMMEN10.

Du kannst dich jederzeit mit einem Klick abmelden. Datenschutz

Zurück zu den Desire Diaries