Das Karfreitagsexperiment 1962: 20 Theologiestudenten, eine Kapelle in Boston — und das, was 29 Jahre lang fehlte
Boston, Karfreitag 1962. Zwanzig Theologiestudenten schlucken im Untergeschoss einer Kapelle eine Kapsel, oben predigt Howard Thurman. Das Ergebnis macht Wissenschaftsgeschichte. Was an diesem Nachmittag wirklich geschah, kam erst 29 Jahre später heraus.
Boston, Karfreitag, 20. April 1962, kurz vor Mittag. Im Untergeschoss der Marsh Chapel an der Commonwealth Avenue sitzen zwanzig junge Männer in Holzbänken, Theologiestudenten, die meisten auf dem Weg ins Pfarramt. Über ihnen, in der großen Kirche, beginnt der Karfreitagsgottesdienst von Howard Thurman, dem Dekan der Kapelle. Seine Stimme kommt über Lautsprecher in den kleinen Raum hinunter: Altar, Kreuz, bunte Glasfenster, Kirchenbänke. Kurz zuvor hat jeder der zwanzig eine kleine Kapsel geschluckt. Keiner weiß, was darin ist. Die Hälfte hat Psilocybin bekommen, den Wirkstoff bestimmter Pilze. Die andere Hälfte ein Vitamin, das nur die Haut rötet und warm macht.
Inhalt
Das Karfreitagsexperiment war ein Doppelblind-Versuch des Arztes und Theologen Walter Pahnke: Am 20. April 1962 erhielten 20 Theologiestudenten in der Marsh Chapel in Boston während des Karfreitagsgottesdienstes Psilocybin oder ein wirksames Placebo. Die Wirkstoffgruppe berichtete deutlich häufiger Merkmale mystischer Erfahrung, und eine Nachbefragung durch Rick Doblin bestätigte das 1991 noch nach 25 Jahren. Doblin deckte aber auch auf, dass ein Teilnehmer eine Beruhigungsspritze erhalten hatte und die meisten mit schweren Ängsten kämpften, was Pahnke nicht berichtet hatte. Belegt sind die Berichte der Teilnehmer; ob sich darin eine Wirklichkeit zeigt, kann keine Studie entscheiden.
Am Karfreitag, dem 20. April 1962, gab der Arzt und Theologe Walter Pahnke in der Kapelle im Untergeschoss der Marsh Chapel der Boston University 20 evangelischen Theologiestudenten doppelblind entweder Psilocybin oder Nikotinsäure als wirksames Placebo, während der Gottesdienst von Howard Thurman übertragen wurde. Das Experiment war Teil seiner Harvard-Dissertation von 1963.
Das Doppelblind hielt nur zu Beginn: Laut Pahnkes Dissertation wussten am Abend alle Teilnehmer richtig, ob sie den Wirkstoff oder das Placebo erhalten hatten.
Rick Doblin fand 1986 bis 1989 neunzehn der zwanzig Teilnehmer und befragte sechzehn. Die Wirkstoffgruppe erreichte auf den Mystik-Skalen im Mittel 66,8 Prozent des Höchstwerts (nach sechs Monaten 60,8), die Kontrollgruppe 12,2 Prozent (11,8). Nur zwei von sieben Befragten mit Wirkstoff hatten ihr Erlebnis ohne schwere innere Kämpfe.
Ein Teilnehmer mit Wirkstoff verließ das Gebäude und erhielt eine Beruhigungsspritze (Thorazin). Pahnke erwähnte das in keiner Veröffentlichung. Den Ablauf schildern Doblin 1991 aus zweiter Hand und Huston Smith 1997 als Augenzeuge; beim Auslöser widersprechen sie sich, der Betroffene hat sich nie geäußert.
In der 2025 veröffentlichten Studie von Johns Hopkins und NYU mit Geistlichen zählten 16 Monate nach der zweiten Sitzung 96 Prozent eine Sitzung zu den fünf spirituell bedeutsamsten und 46 Prozent zu den fünf psychisch schwierigsten Erlebnissen ihres Lebens. Laut Religion News Service fand eine von der Ethikkommission angeordnete Prüfung Hinweise auf ernsthafte Verstöße gegen Studienregeln.
Die Merkmale, die Pahnke maß (Einheit, Zeitlosigkeit, Heiligkeit, Unsagbarkeit und weitere), stammen aus jahrhundertealten Berichten von Mystikern verschiedener Traditionen, geordnet von Walter T. Stace 1960. Der Karfreitag mit Betrachtungen über die letzten Worte Jesu ist eine alte christliche Liturgie.
Dass die Erlebnisse eine Begegnung mit Gott oder einer höheren Wirklichkeit beweisen. Messbar ist, was Menschen berichten, nicht das, worauf sich ihr Bericht bezieht.
Dass Psilocybin Menschen dauerhaft religiöser, gesünder oder besser macht. Die Studien beruhen auf kleinen Gruppen, Selbstauskünften und teils nur einer Wartelisten-Kontrolle; eine Heilwirkung ist nicht belegt.
BELEGT = wissenschaftlich oder amtlich nachprüfbar · ÜBERLIEFERT = historisch/traditionell dokumentiert · GELEBTE PRAXIS = verbreitete Anwendung, Erfahrungswerte · NICHT BELEGT = spirituelle Deutung, wissenschaftlich nicht nachgewiesen.
Irgendwann im Lauf des Nachmittags steht einer der Studenten auf. Er geht mit unsicheren Schritten den Mittelgang nach vorn, steigt auf die kleine Kanzel und blättert in der Bibel. Dann murmelt er eine kurze, kaum verständliche Predigt, segnet die Gemeinde mit dem Kreuzzeichen und geht zurück, aber nicht zu seiner Bank. Er marschiert zum hinteren Ausgang, den Flur entlang, drückt die Klinke einer Tür, die eigentlich verschlossen sein sollte. Sie geht auf. Der Mann steht auf der Commonwealth Avenue, mitten in Boston, am helllichten Tag.
Diese Szene steht in keiner der Veröffentlichungen, mit denen das Experiment berühmt wurde. Sie kam erst Jahrzehnte später ans Licht, durch einen Studenten, der die Teilnehmer aufspürte, und durch einen Religionswissenschaftler, der an jenem Nachmittag hinter dem Mann herlief. Das „Karfreitagsexperiment" gilt bis heute als Gründungsversuch der Forschung über Psychedelika und Mystik. Wir erzählen es aus den Quellen: was gemessen wurde, was berichtet wurde, und was fast dreißig Jahre lang fehlte.
Ein Arzt, der Theologe werden wollte
Walter Pahnke ist 31 Jahre alt, als er das Experiment plant. Er ist Arzt und zugleich ordinierter Geistlicher, und er schreibt in Harvard eine Doktorarbeit im Fach „Religion and Society". Sein wichtigster akademischer Betreuer ist ein Psychologe, dessen Name bald für etwas ganz anderes stehen wird: Timothy Leary. Leary leitet seit 1960 das Harvard Psilocybin Project, eine Reihe von Versuchen mit dem Stoff, den der Chemiker Albert Hofmann bei Sandoz in Basel wenige Jahre zuvor aus mexikanischen Pilzen isoliert hatte.
Pahnke interessiert sich nicht für Rausch, sondern für eine alte Frage der Religionsgeschichte: Gibt es eine Erfahrung, die Mystiker aller Zeiten und Traditionen teilen, und lässt sie sich messen? Als Maßstab nimmt er ein Buch, das 1960 erschienen war, „Mysticism and Philosophy" des Philosophen Walter T. Stace. Stace hatte Berichte christlicher, islamischer und östlicher Mystiker verglichen und gemeinsame Merkmale herausgearbeitet. Pahnke formt daraus eine Typologie mit neun Kategorien: Einheit nach innen und nach außen, das Überschreiten von Zeit und Raum, eine tief empfundene positive Stimmung, das Gefühl des Heiligen, die Gewissheit, etwas Wirkliches erkannt zu haben, Paradoxie, Unsagbarkeit, Flüchtigkeit und schließlich dauerhafte positive Veränderungen im Leben danach.
Die Idee ist kühn und für ihre Zeit methodisch sauber: nicht fragen, ob sich jemand „erleuchtet" fühlt, sondern Menschen doppelblind in eine religiöse Umgebung setzen und ihre Berichte an diesen Merkmalen messen. Pahnke selbst, so hält es die spätere Nachuntersuchung fest, nahm vor dem Abschluss der Studie keine einzige psychedelische Substanz. Er wollte nicht befangen sein.
Der Zeitstrahl
Doppelblind in der Kirchenbank
Die Freiwilligen kommen über Walter Houston Clark, der an der Andover Newton Theological School Religionspsychologie lehrt. Zwanzig evangelische Theologiestudenten, keiner von ihnen hat je eine vergleichbare Substanz genommen. Howard Thurman, Dekan der Marsh Chapel an der Boston University und einer der bekanntesten Prediger seiner Zeit, stellt die Räume zur Verfügung: mehrere kleine Besprechungszimmer und eine abgeschlossene Kapelle im Untergeschoss. Oben feiert Thurman mit seiner Gemeinde den Karfreitag, unten hören die Versuchsteilnehmer über Lautsprecher mit.
Pahnke teilt die zwanzig in fünf Gruppen zu je vier ein. Jeder Gruppe stehen zwei Begleiter zur Seite, insgesamt zehn Assistenten. Die Gruppen treffen sich vorher zwei Stunden lang, um Vertrauen aufzubauen. Die Begleiter sollen nicht über Mystik sprechen, damit niemand weiß, welche Erlebnisse „erwartet" werden. Jahrzehnte später bestätigen die Teilnehmer, dass das eingehalten wurde. Einer erinnert sich, niemand habe ihnen Stace oder Jakob Böhme zu lesen gegeben, sie seien „in keiner Weise" in diese Richtung gelenkt worden.
Der eigentliche Kniff ist das Placebo. Pahnke gibt der Kontrollgruppe nicht einfach Zucker, sondern Nikotinsäure, ein Vitamin der B-Gruppe. Es wirkt schneller als Psilocybin und erzeugt eine warme Hautrötung. Wer es nimmt, spürt etwas. Das soll verhindern, dass die Kontrollgruppe sofort weiß, dass sie leer ausgegangen ist. Und tatsächlich glauben einige Placebo-Teilnehmer in der ersten halben Stunde, sie hätten den Wirkstoff bekommen.
Eine Abweichung setzt Timothy Leary gegen Pahnkes Willen durch: Auch die Begleiter bekommen eine Kapsel, je einer pro Gruppe den Wirkstoff, der andere ein Placebo. Leary und einer der Begleiter meinen, das schaffe Gemeinschaft und gebe den Teilnehmern Sicherheit. Pahnke fürchtet, genau das werde man ihm später als Verzerrung vorwerfen. Die Begleiter füllen keine Fragebögen aus, ihre Erlebnisse werden nicht aufgezeichnet.
Zweieinhalb Stunden im Untergeschoss
Die Nikotinsäure wirkt, dann lässt sie nach. Das Psilocybin wirkt später und immer stärker. Irgendwann im Lauf des Gottesdienstes ist für alle im Raum offensichtlich, wer was bekommen hat. Am Abend, so steht es in Pahnkes eigener Dissertation, lagen alle Teilnehmer mit ihrer Vermutung richtig, obwohl ihnen niemand die Gruppenzuteilung verraten hatte. Das Doppelblind, der Stolz des Designs, hält also nur die erste Stunde.
Einer, der mit im Raum sitzt, ist Huston Smith. Er wird später einer der bekanntesten Religionswissenschaftler der Welt, sein Buch über die Weltreligionen wird ein Klassiker. An diesem Nachmittag gehört er zu denen, die nach eigener Aussage den Wirkstoff bekommen haben. 1996 schildert er in einem Interview mit dem Psychologen Thomas B. Roberts und Robert Jesse vom Council on Spiritual Practices, was er erlebte. Den Höhepunkt, sagt Smith, habe ein ganz einfaches Kirchenlied gebildet, gesungen von einer Sopranistin: „My times are in Thy hand". Die Melodie ende auf die abgedroschenste Art, die es gebe, mit einem Septakkord, der sich in den Grundton auflöst. Aber in diesem Zusammenhang sei daraus „die mächtigste kosmische Heimkehr" geworden, die er je erlebt habe.
Smith erinnert sich auch an das, was in keinem Messbogen steht: an Unruhe im Raum. Die Hälfte der Anwesenden sei in einem Zustand gewesen, in dem Anstand nichts mehr bedeutete. Die andere Hälfte, die Placebo-Gruppe, habe sich für das Schauspiel mehr interessiert als für den Gottesdienst, mit spöttischem Gelächter. Einige hätten ihm am nächsten Tag gestanden, dass sie sich um die Erfahrung betrogen fühlten.
Der Mann auf der Commonwealth Avenue
Dann kommt der Moment aus dem Einstieg. In Smiths Erinnerung läuft er so ab: Vor dem Versuch waren Zweierteams gebildet worden, jeder sollte auf seinen Partner achten. Der Partner des Studenten, der die Kapelle verlässt, reagiert nicht. Smith ist nicht zuständig, aber niemand sonst steht auf, also folgt er ihm. Man hatte ihnen gesagt, das ganze Untergeschoss sei abgesperrt. Doch „irgendetwas war bei den Anweisungen an den Hausmeister schiefgelaufen", die Tür am Ende des Flurs ist offen.
Auf der Straße lässt sich der Student nicht aufhalten. Smith sieht auf dem Rasen die Frau eines Projektmitarbeiters mit ihrem Kind beim Picknick, ruft ihr zu, sie solle den Mann im Auge behalten, und rennt zurück in die Kapelle, um Hilfe zu holen. Mit Pahnke und einem weiteren Helfer holt er den Studenten ein, als der gerade das Gebäude Commonwealth Avenue 745 betritt, in dem die theologische Fakultät sitzt. Im Treppenhaus zum dritten Stock versperren sie ihm den Weg. In diesem Moment kommt ein Briefträger die Treppe herauf, mit einem Umschlag voller Eilzustell-Aufkleber. Der Student reißt ihm den Umschlag aus der Hand. Finger für Finger, so Smith, habe Pahnke ihm das zerknitterte Kuvert wieder entwunden und dem verdutzten Postboten zurückgegeben.
Zurück in der Kapelle, erzählt Smith weiter, habe Pahnke dem Mann ein „Gegenmittel" gespritzt. Danach sei er ruhig gewesen, ohne jede Erinnerung. Erst nach vierundzwanzig Stunden habe er die Teile zusammensetzen können: Gott habe ihn erwählt, der Welt das anbrechende Jahrtausend des Friedens zu verkünden. In der Kapelle habe er es der kleinen Gemeinde gesagt. Draußen habe er das Schild „Dekan" am Eingang von Nummer 745 gesehen und gedacht, ein Dekan könne eine Pressekonferenz einberufen. Und der Eilbrief, so sei er überzeugt gewesen, sei für diesen Dekan bestimmt, also werde er ihn dorthin bringen.
Hier wird die Geschichte zur Ermittlung, denn es gibt eine zweite Fassung. Rick Doblin, der die Teilnehmer in den 1980er-Jahren befragt, kann mit dem Betroffenen selbst nicht sprechen: Er ist der einzige Teilnehmer mit Wirkstoff, der jedes Gespräch ablehnt. Laut Smith drohte er sogar mit einer Klage, falls sein Name genannt würde. Doblin fasst deshalb zusammen, was andere Teilnehmer und Begleiter ihm aus zweiter Hand berichten: Der Student sei von der Predigt tief bewegt gewesen, die betont habe, jeder Christ müsse den Menschen sagen, dass da ein Mann am Kreuz hing. Er sei hinausgegangen, möglicherweise um genau das zu tun. Nach einem Handgemenge habe Pahnke ihm Thorazin gespritzt, ein starkes Beruhigungsmittel.
Smith widerspricht in einem Punkt ausdrücklich. Auf die Frage, ob etwas in Thurmans Predigt den Mann zu einer Botschaft gedrängt habe, sagt er: „Nicht, dass ich es bemerkt hätte." Es sei ein ganz gewöhnlicher Karfreitagsgottesdienst gewesen, Betrachtungen über die sieben letzten Worte Jesu. Einig sind sich beide Quellen in dem, was zählt: Ein Teilnehmer geriet außer Kontrolle, verließ das Gebäude und erhielt eine Beruhigungsspritze. Worin sie sich unterscheiden, ist der Auslöser. Und der Mann, der es wüsste, hat nie gesprochen.
Ein Ergebnis, das Geschichte schreibt
1963 reicht Pahnke seine Dissertation ein: „Drugs and Mysticism". Das Fazit ist so knapp wie folgenreich. Die Personen, die Psilocybin erhalten hatten, hätten „in stärkerem Maß als die Kontrollpersonen die Phänomene erlebt, die unsere Typologie der Mystik beschreibt". In jeder Kategorie und bei jeder Einzelfrage liegt der Durchschnitt der Wirkstoffgruppe über dem der Kontrollgruppe. Acht der zehn Teilnehmer mit Wirkstoff erleben mindestens sieben der neun Merkmale. Pahnke legt allerdings selbst eine strenge Latte an: Als „vollständig" gilt eine mystische Erfahrung erst ab 60 bis 70 Prozent des Höchstwerts, insgesamt und in jeder Kategorie. Diese Schwelle erreichen vier von zehn Teilnehmern mit Wirkstoff und keiner aus der Kontrollgruppe.
Die Fachwelt ist beeindruckt. Walter Houston Clark, der die Studenten vermittelt hatte, schreibt 1969, ihm sei in der Geschichte der wissenschaftlichen Religionsforschung „kein Experiment bekannt", das besser geplant oder klarer in seinen Ergebnissen sei. 1966 greift das Magazin Time die Studie auf und formuliert es noch glatter: Alle Studenten, die den Wirkstoff genommen hätten, hätten ein mystisches Bewusstsein erlebt, das dem von Heiligen und Asketen ähnle.
Und die Schattenseite? Sie steht in der Dissertation, aber leise. Pahnke erwähnt, dass zwei Teilnehmer mit Wirkstoff „ein wenig Schwierigkeiten" gehabt hätten, sich wieder in der „gewöhnlichen Welt" zurechtzufinden, und von ihren Begleitern beruhigt werden mussten, bis die Wirkung nachließ. In einem technischen Abschnitt, und in keiner seiner späteren Veröffentlichungen, steht, dass einer der beiden sein Erlebnis später als „psychotische Episode" bezeichnete. An anderer Stelle heißt es, für Notfälle habe injizierbares Thorazin bereitgelegen. Dass es tatsächlich gespritzt wurde, steht nirgends.
Danach schließt sich das Fenster. Im Frühjahr 1963 muss Learys Kollege Richard Alpert Harvard verlassen, Learys Vertrag wird nicht verlängert. 1970 landet Psilocybin in den USA in der strengsten Kategorie des neuen Betäubungsmittelgesetzes. Pahnke forscht noch einige Jahre in Maryland mit Psychedelika in der Begleitung schwerkranker Menschen. Am 10. Juli 1971 stirbt er bei einem Tauchunfall in Maine. Eine eigene Langzeitstudie, schreibt Doblin später, hätte er vermutlich selbst durchgeführt.
Ein Student sucht die Probanden
Rick Doblin ist Mitte der 1980er-Jahre Student und interessiert sich für genau diese verbotene Forschung. Er gründet 1986 eine gemeinnützige Organisation, die später als MAPS bekannt wird, und stellt sich eine einfache Frage: Was ist aus den zwanzig Männern geworden? Eine klassische Prüfung mystischer Erfahrungen, schreibt er, sei die an ihren „Früchten". Wer vor fünfundzwanzig Jahren Gott begegnet zu sein glaubte, müsste das heute noch sagen.
Das Problem: Sämtliche Rohdaten des Experiments sind verloren, auch die entschlüsselte Liste, wer welche Kapsel bekam. Doblin braucht vier Jahre. Mit ausdrücklicher Unterstützung von Pahnkes Witwe und der Hilfe der meisten Teilnehmer findet er neunzehn der zwanzig. Einer ist gestorben, einer bleibt unauffindbar, zwei lehnen ab: der Mann von der Commonwealth Avenue, aus Sorge um seine Privatsphäre, und ein Teilnehmer der Kontrollgruppe, der Pahnkes Schweigegelübde bis heute wörtlich nimmt. Von November 1986 bis Oktober 1989 zeichnet Doblin Gespräche mit sechzehn Teilnehmern auf, sieben aus der Wirkstoff-, neun aus der Kontrollgruppe. Fünfzehn besucht er in ihren Heimatorten quer durch die USA. Alle füllen noch einmal denselben Fragebogen aus, den sie 1962 nach sechs Monaten ausgefüllt hatten.
Die Zahlen bestätigen Pahnke, und zwar über ein Vierteljahrhundert hinweg. Die Wirkstoffgruppe erreicht im Mittel der Mystik-Kategorien nach sechs Monaten 60,8 Prozent des Höchstwerts, bei Doblin 66,8 Prozent. Die Kontrollgruppe bleibt bei 11,8 und 12,2 Prozent. Alle sieben befragten Teilnehmer mit Wirkstoff sagen, ihr Erlebnis habe echte mystische Elemente gehabt und einen einzigartigen Beitrag zu ihrem geistlichen Leben geleistet. Von der Kontrollgruppe sagt das keiner. Einige Veränderungen, die die Männer nach sechs Monaten beschrieben hatten, betrafen Berufs- und Lebensentscheidungen. Sie hatten Bestand, manche sich vertieft.
Doch die Interviews bringen etwas anderes zutage. Von den sieben Wirkstoff-Teilnehmern haben nur zwei ein Erlebnis ohne schwere innere Kämpfe gehabt. Die anderen berichten von Momenten, in denen sie fürchteten, verrückt zu werden, zu sterben oder zu schwach für das zu sein, was sie erlebten. Ein Pfarrer, bei Doblin mit den Initialen L. R. geführt, schildert, wie er kurz nach der Kapsel lachen wollte und dann in eine „sehr starke paranoide Erfahrung" rutschte. Die Kapelle sei dunkel gewesen, er habe sie gehasst, sei an einem Wachposten vorbei hinausgegangen. Wieder drinnen habe er Gitter vor den Fenstern gesehen und sich „buchstäblich wie im Gefängnis" gefühlt. Diese Kämpfe lösten sich im Lauf des Gottesdienstes auf, und die Männer deuten sie heute als Teil ihres Wachstums. Aber sie waren da, und in Pahnkes Arbeit kommen sie kaum vor.
„His silence about his administration of a tranquilizer may perhaps have been good politics; certainly it was bad science."
„Sein Schweigen über die Gabe eines Beruhigungsmittels war vielleicht gute Politik; ganz sicher war es schlechte Wissenschaft." (Übersetzung der Redaktion)
Rick Doblin: Pahnke's „Good Friday Experiment": A Long-Term Follow-Up and Methodological Critique, The Journal of Transpersonal Psychology 23/1 (1991), S. 1–28
Warum das Schweigen?
Doblins Urteil über die Thorazin-Spritze ist eindeutig. Für diese Auslassung gebe es „keine Rechtfertigung", wie unfair Kritiker die Information auch hätten verwenden mögen. Zugleich versucht er zu verstehen. Pahnke habe vermutlich gefürchtet, den Gegnern der Forschung Munition zu liefern. Die Furcht war nicht aus der Luft gegriffen: Der Oxforder Religionswissenschaftler R. C. Zaehner behauptete 1972 in einem Buch, Pahnke habe seine eigenen Ergebnisse widerrufen. Doblin weist nach, dass Zaehner eine Stelle über die Kontrollgruppe missverstanden hatte. Ein Beispiel, schreibt er, wie selbst bei gebildeten Gelehrten die Voreingenommenheit die Fakten überwältigen könne. Und dann der Satz, der auf beide Seiten zielt: Das gelte natürlich auch für Pahnke.
Doblin geht noch weiter. Ein Teil der Gegenbewegung, die Psychedelika in den 1960er-Jahren aus Laboren und Kliniken fegte, gehe auf Menschen zurück, die unvorbereitet und außerhalb jeder Forschung von beängstigenden Erlebnissen überrollt wurden und in Notaufnahmen landeten. Einige dieser Fälle, so seine These, hätten auch damit zu tun, dass die warnenden Seiten des Karfreitagsexperiments in der Dissertation, in Fachaufsätzen und in den Medien zu schwach dargestellt wurden. Die glatte Formulierung in Time ist sein Beispiel. Wer Risiken kleinrede und Nutzen übertreibe, provoziere den Rückschlag.
Das ist die eigentliche Pointe dieser Geschichte. Die berühmteste Studie über Psychedelika und Religion wurde nicht durch einen Gegner entzaubert, sondern durch einen Befürworter. Doblin hält am Ende ausdrücklich fest, dass seine Daten die Hauptthese stützen und weitere Forschung rechtfertigen. Er hält aber genauso fest, dass das Bild, das 1962 bis 1991 von diesem Nachmittag kursierte, unvollständig war.
Baltimore 2006: Die Frage kehrt zurück
Mehr als dreißig Jahre lang ist eine Wiederholung in den USA rechtlich kaum möglich. Dann, 2006, veröffentlicht der Psychopharmakologe Roland Griffiths von der Johns Hopkins University eine Studie, die in der Fachwelt sofort als Nachfolger des Karfreitagsexperiments gelesen wird. Einer der Mitautoren ist William A. Richards, der schon in den 1960er-Jahren mit Pahnke gemeinsam über Mystik und Psychedelika publiziert hatte. Die Linie von 1962 reicht so buchstäblich in die Gegenwart.
Griffiths lernt aus Pahnkes Schwächen. Die Sitzungen finden einzeln statt, nicht in der Gruppe, acht Stunden lang, mit der Bitte, die Augen zu schließen und die Aufmerksamkeit nach innen zu richten. Die Teilnehmer, 36 Erwachsene, die regelmäßig religiös oder spirituell aktiv sind und nie Psychedelika genommen haben, erhalten in getrennten Sitzungen einmal Psilocybin und einmal ein anderes wirksames Mittel, das Stimulans Methylphenidat. Sechs weitere bekommen zweimal das Vergleichsmittel und erst im dritten Termin offen Psilocybin, damit niemand aus dem Ablauf auf das Design schließen kann. Auch Menschen aus dem Umfeld der Teilnehmer werden befragt, ob sie Veränderungen bemerkt haben.
Das Ergebnis erinnert an Boston. Psilocybin erhöhte die Werte auf den Mystik-Skalen, und nach zwei Monaten schrieben die Teilnehmer dem Erlebnis „erhebliche persönliche Bedeutung und spirituelle Bedeutsamkeit" zu. Ein Unterschied zu 1962 steht aber schon in der Zusammenfassung: Psilocybin habe neben Wahrnehmungsveränderungen auch „schwankende Stimmungen einschließlich Angst" hervorgerufen. Was Pahnke an den Rand schob, gehört jetzt in den ersten Absatz.
Die Geistlichen-Studie: dieselbe Frage, ein neuer Streit
Griffiths' letzte große Frage schließt den Kreis zum Karfreitag: Was geschieht, wenn nicht Studenten, sondern erfahrene Geistliche diese Erfahrung machen? Ab etwa 2016 nehmen an der Johns Hopkins University und der New York University fünf Rabbinerinnen und Rabbiner, ein katholischer Priester, mehrere evangelische Geistliche und ein muslimischer Geistlicher teil. Per Los beginnt ein Teil sofort, der andere erst nach einer Wartezeit und dient so vorher als Vergleichsgruppe.
Dann gerät die Studie selbst in die Schlagzeilen. Im März 2024 berichtet die New York Times über Vorwürfe von Matthew Johnson, einem langjährigen Kollegen Griffiths' und Mitautor der Studie. Laut Religion News Service warf Johnson Griffiths vor, das Ergebnis verzerrt zu haben, indem er als „spiritueller Anführer" auftrat, den Versuch in spirituellen Begriffen rahmte und Geldgeber sowie Befürworter einer Legalisierung in die Studie selbst einband. Eine von der Ethikkommission der Johns Hopkins University angeordnete Prüfung fand demnach Hinweise auf „ernsthafte Verstöße" gegen die Regeln klinischer Studien. Griffiths selbst konnte sich dazu nicht mehr äußern. Er war am 16. Oktober 2023 gestorben.
Im Februar 2025 sieht es so aus, als werde die Arbeit nie erscheinen. Das Magazin Reason zitiert ausgerechnet Rick Doblin, den Mann, der 1991 Pahnkes Schweigen offenlegte: Es wäre eine „schreckliche, schreckliche Tragödie", wenn die Studie nicht veröffentlicht würde, womöglich sei sie das wichtigste Forschungspapier in der Geschichte der Psychedelika. Am 30. Mai 2025 erscheint sie online in der Fachzeitschrift Psychedelic Medicine.
Die Zahlen sind noch eindrücklicher als 1962. Von den 24 Geistlichen, die beide Sitzungen durchliefen, zählten 16 Monate nach der zweiten Sitzung 96 Prozent mindestens eines der Erlebnisse zu den fünf spirituell bedeutsamsten ihres Lebens, 92 Prozent zu den fünf heiligsten. 42 Prozent nannten eines davon das tiefste Erlebnis ihres Lebens überhaupt. Und diesmal steht der Gegenpol gleich daneben: 46 Prozent zählten eine Sitzung zu den fünf psychisch schwierigsten Erfahrungen ihres Lebens. Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse gab es laut Studie nicht. Die Autoren selbst nennen die Grenzen: nur eine Wartelisten-Kontrolle, eine einheitliche Stichprobe, teils nicht geprüfte Messinstrumente.
Sehenswert: Danny Jones spricht mit Matthew Johnson, dem Forscher, der die Vorwürfe gegen die Geistlichen-Studie erhob, über Religion und Psychedelika-Forschung. Das Gespräch ist seine Sicht der Dinge; die Faktenlage steht in diesem Artikel.
Und in Deutschland?
Psilocybin steht in Deutschland in Anlage I des Betäubungsmittelgesetzes: nicht verkehrsfähig, also weder verschreibbar noch handelbar. Am 31. Juli 2025 meldete das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, dass das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte erstmals ein Härtefallprogramm genehmigt hat: Erwachsene mit therapieresistenter Depression, für die keine Studie infrage kommt, können dort und in einer Berliner Tagesklinik unter engmaschiger ärztlicher Aufsicht behandelt werden. Nach Angaben des Instituts ist es das erste Verfahren dieser Art für den Wirkstoff in der EU. Mit Mystik hat das nichts zu tun, mit dem Karfreitag aber viel: Es ist dieselbe Substanz, deren Erforschung in Boston begann und 1970 für Jahrzehnte endete.
Behauptung, Quelle, Stand
Um das Karfreitagsexperiment kreisen Sätze, die bestimmter klingen, als die Quellen es erlauben. Hier die häufigsten, mit der Quelle und dem, was davon heute trägt.
| Behauptung | Quelle | Stand |
|---|---|---|
| Die Wirkstoffgruppe erlebte deutlich mehr mystische Merkmale. | Pahnke 1963; Doblin 1991 | BELEGT als Selbstauskunft, nach 6 Monaten und 25 Jahren |
| Das Experiment war sauber doppelblind. | Pahnke 1963, S. 210–212 | nur zu Beginn; am Abend wussten alle, was sie bekommen hatten |
| Alle Studenten mit Wirkstoff hatten ein rein positives mystisches Erlebnis. | Time, 1966 | widerlegt: nur 4 von 10 erreichten Pahnkes Schwelle für ein vollständiges Erlebnis; 5 von 7 später Befragten berichten von schweren Kämpfen |
| Ein Teilnehmer bekam eine Beruhigungsspritze. | Doblin 1991; Huston Smith 1997 | BELEGT durch mehrere Zeugen; bei Pahnke nicht erwähnt |
| Die Predigt trieb ihn auf die Straße. | Doblin 1991, aus zweiter Hand | umstritten: Smith widerspricht, der Betroffene schweigt |
| Psilocybin macht Menschen dauerhaft religiöser. | Griffiths u. a. 2006 und 2025 | NICHT_BELEGT: kleine Gruppen, Selbstauskünfte, teils Warteliste |
| Die Erfahrung beweist eine Begegnung mit Gott. | Deutung einzelner Teilnehmer | NICHT_BELEGT: messbar ist der Bericht, nicht sein Gegenstand |
Was belegt ist — und was nicht
BELEGT: Am Karfreitag, dem 20. April 1962, gab Walter Pahnke in der Marsh Chapel in Boston 20 Theologiestudenten doppelblind Psilocybin oder ein wirksames Placebo. Die Wirkstoffgruppe berichtete deutlich häufiger mystische Merkmale, nach sechs Monaten wie nach 25 Jahren.
BELEGT: Ein Teilnehmer verließ das Gebäude und erhielt eine Beruhigungsspritze. Pahnke erwähnte das in keiner Veröffentlichung. Fünf von sieben später Befragten berichteten von schweren inneren Kämpfen.
BELEGT: In der Studie mit Geistlichen (2025) zählten 96 Prozent eine Sitzung zu den fünf spirituell bedeutsamsten Erlebnissen ihres Lebens, 46 Prozent zu den fünf schwierigsten. Eine Prüfung fand laut Presseberichten Verstöße gegen Studienregeln.
UEBERLIEFERT: Die Merkmale, die Pahnke maß, stammen aus jahrhundertealten Berichten christlicher, islamischer und östlicher Mystiker, geordnet von Walter T. Stace. Der Karfreitag mit seinen Betrachtungen über die letzten Worte Jesu ist eine alte Liturgie.
NICHT_BELEGT: Dass die Erlebnisse eine Begegnung mit Gott beweisen, dass Psilocybin Menschen dauerhaft religiöser oder gesünder macht, oder warum genau der eine Student auf die Straße lief.
Die offene Frage
Das Karfreitagsexperiment beantwortet eine Frage und hinterlässt zwei neue. Beantwortet ist, dass eine Substanz unter bestimmten Umständen Erlebnisse auslösen kann, die Menschen mit denselben Worten beschreiben wie Mystiker seit Jahrhunderten, und die sie noch nach einem Vierteljahrhundert zu den wichtigsten ihres Lebens zählen. Das ist gut dokumentiert, von Boston bis Baltimore.
Offen ist zum einen, was dieses Erlebnis ist. Ein Fragebogen misst, was jemand berichtet, nicht, worauf sich der Bericht bezieht. Ob Huston Smith in jenem Kirchenlied etwas begegnet ist, das es wirklich gibt, oder ob sein Gehirn das Gefühl dieser Begegnung erzeugt hat, kann keine Studie entscheiden. Offen ist zum anderen, wie ehrlich eine Forschung sein kann, die unter Druck steht. 1962 verschwieg ein gläubiger Forscher eine Spritze, um sein Feld zu schützen. 2025 stritten Kollegen darüber, ob ein anderer gläubiger Forscher sein Feld zu sehr liebte. Und irgendwo lebt vielleicht noch ein Mann, der vor 64 Jahren an einem Karfreitag glaubte, die Welt müsse eine Botschaft hören. Er hat entschieden, darüber nie zu sprechen. Auch das gehört zur Geschichte.
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Häufige Fragen
Was war das Karfreitagsexperiment von 1962?
Am Karfreitag, dem 20. April 1962, gab der Arzt und Theologe Walter Pahnke in der Kapelle im Untergeschoss der Marsh Chapel der Boston University 20 evangelischen Theologiestudenten doppelblind entweder Psilocybin oder Nikotinsäure als wirksames Placebo. Währenddessen hörten sie den Karfreitagsgottesdienst von Howard Thurman. Pahnke wollte für seine Harvard-Dissertation prüfen, ob die Substanz in religiöser Umgebung Erlebnisse auslöst, die den Berichten von Mystikern entsprechen. Die Wirkstoffgruppe berichtete deutlich mehr solcher Merkmale.
Was hat Pahnke verschwiegen?
Ein Teilnehmer mit Wirkstoff verließ während des Gottesdienstes das Gebäude, wurde von Begleitern zurückgebracht und erhielt eine Spritze mit dem Beruhigungsmittel Thorazin. Pahnke erwähnte in seiner Dissertation nur, dass Thorazin für Notfälle bereitlag, nicht, dass es gegeben wurde. Außerdem stellte er die schweren inneren Kämpfe der meisten Teilnehmer mit Wirkstoff nur am Rand dar. Beides machte Rick Doblin 1991 in seiner Nachuntersuchung öffentlich.
Was fand die Nachuntersuchung von Rick Doblin?
Doblin fand 19 der 20 Teilnehmer und befragte zwischen 1986 und 1989 sechzehn von ihnen. Die Wirkstoffgruppe erreichte auf den Mystik-Skalen im Mittel 66,8 Prozent des Höchstwerts, die Kontrollgruppe 12,2 Prozent, fast genau wie nach sechs Monaten. Alle sieben befragten Teilnehmer mit Wirkstoff hielten ihr Erlebnis weiterhin für echt mystisch und wertvoll. Nur zwei von ihnen hatten es aber ohne schwere Ängste erlebt.
Gibt es moderne Wiederholungen des Karfreitagsexperiments?
Ja. Roland Griffiths und Kollegen an der Johns Hopkins University veröffentlichten 2006 eine doppelblinde Studie mit 36 religiös aktiven Erwachsenen, in der Psilocybin mit dem Stimulans Methylphenidat verglichen wurde. 2025 erschien eine Studie mit Geistlichen verschiedener Weltreligionen, deren Entstehung von Vorwürfen und einer Prüfung durch die Ethikkommission begleitet war. Beide Studien berichten von großer persönlicher Bedeutung der Erlebnisse, aber auch von Angst und schwierigen Momenten.
Ist Psilocybin in Deutschland legal?
Nein. Psilocybin steht in Anlage I des Betäubungsmittelgesetzes und ist damit nicht verkehrsfähig. Seit Sommer 2025 gibt es ein vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte genehmigtes Härtefallprogramm für Erwachsene mit therapieresistenter Depression unter strenger ärztlicher Aufsicht. Dieser Artikel beschreibt Forschung und Geschichte und ist keine Ermutigung zum Konsum.
Beweist das Experiment, dass es Gott gibt?
Nein. Das Experiment zeigt, dass Menschen unter Psilocybin in religiöser Umgebung Erlebnisse berichten, die sie mit denselben Merkmalen beschreiben wie Mystiker, und dass sie diese Erlebnisse noch nach Jahrzehnten für bedeutsam halten. Gemessen werden die Berichte, nicht das, worauf sie sich beziehen. Ob hinter dem Erlebnis eine Wirklichkeit steht, kann eine solche Studie nicht entscheiden.
Quellen & Weiterlesen
- Rick Doblin: Pahnke's „Good Friday Experiment": A Long-Term Follow-Up and Methodological Critique, The Journal of Transpersonal Psychology 23/1 (1991), S. 1–28 — Volltext im Archiv der Association for Transpersonal Psychology (Design, Nachbefragung, Werte, Thorazin, Zitate Pahnke/Clark/Time).
- Thomas B. Roberts, Robert N. Jesse: Recollections of the Good Friday Experiment: An Interview with Huston Smith, The Journal of Transpersonal Psychology 29/2 (1997), S. 99–104 (Kirchenlied, Flucht auf die Commonwealth Avenue, Briefträger, „Gegenmittel").
- Roland R. Griffiths, William A. Richards, Una McCann, Robert Jesse: Psilocybin can occasion mystical-type experiences having substantial and sustained personal meaning and spiritual significance, Psychopharmacology 187 (2006), S. 268–283, PMID 16826400.
- Roland R. Griffiths u. a.: Effects of Psilocybin on Religious and Spiritual Attitudes and Behaviors in Clergy from Various Major World Religions, Psychedelic Medicine 3/4 (2025), S. 172–191, PMID 41869007.
- Kathryn Post: „After a decade of controversy, clergy psychedelic study is published", Religion News Service, 2. Juni 2025, religionnews.com (Vorwürfe Johnson, Prüfung der Ethikkommission, Teilnehmer).
- Travis Kitchens: The most controversial paper in the history of psychedelic research may never see the light of day, Reason, 9. Februar 2025 (Doblin-Zitat, Stand vor der Veröffentlichung).
- Johns Hopkins Medicine: „Roland Griffiths, Pioneering Psychedelic Researcher, Dies", Pressemitteilung vom 18. Oktober 2023, hopkinsmedicine.org.
- The Harvard Crimson: In Early 1960's, Experiments With Hallucinogenics Caused Major Uproar, Minor Shake-up, 27. Mai 2013 (Alpert, Leary, Harvard 1963).
- Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim: Compassionate-Use-Programm für Psilocybin erstmals in Deutschland möglich, 31. Juli 2025.
- Bundesministerium der Justiz: Betäubungsmittelgesetz, Anlage I (nicht verkehrsfähige Betäubungsmittel).
- Wikipedia: Walter Pahnke (Lebensdaten, Spring Grove).
- Sehenswert (keine Belegquelle): Danny Jones Podcast mit Matthew Johnson, YouTube.
Dieser Artikel beschreibt Forschung und Geschichte. Er ist keine Anleitung und keine Ermutigung zum Konsum. Psilocybin ist in Deutschland ein nicht verkehrsfähiges Betäubungsmittel. Wer seelisch in Not ist, wendet sich an Ärztin, Psychotherapeut oder Klinik.
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