Hexagramm und Siegel Salomos: Was der Sechsstern wirklich bedeutet — Geschichte, Magie, Alchemie und der Davidstern
Du findest ihn über Synagogentüren und an fränkischen Wirtshäusern, in Kirchenfenstern, auf Amuletten und in Zauberbüchern. Das Hexagramm ist ein Zeichen, das viele Völker unabhängig voneinander gezeichnet haben — und das erst spät eine feste Bedeutung bekam.
Wer sich mit alten Zeichen beschäftigt, lernt schnell eine Regel: Je einfacher eine Figur ist, desto öfter ist sie erfunden worden — und desto mehr Menschen behaupten, sie gehöre ihnen. Das Hexagramm ist dafür das schönste Beispiel. Zwei Dreiecke, eines nach oben, eines nach unten. In diesem Guide gehe ich mit dir durch dreitausend Jahre: vom Ornament über das Siegel Salomos und die Elementlehre der Alchemisten bis zum Davidstern. Und ich sage dir, wo die Überlieferung aufhört und die Legende beginnt.
Inhalt
Das Hexagramm ist ein Sechsstern aus zwei ineinander verschränkten gleichseitigen Dreiecken. Es ist seit der Antike als Ornament in vielen Kulturen belegt, in der Magie des Mittelalters als „Siegel Salomos“ ein Schutz- und Bannzeichen und in der Alchemie das Bild der vereinten Elemente Feuer und Wasser. Zum allgemeinen Symbol des Judentums, dem Davidstern, wurde es erst zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert, endgültig mit dem Zionistenkongress 1897. Dass es schon das Zeichen König Davids gewesen sei, ist nicht belegt.
Das Hexagramm ist in der spätantiken Synagoge von Kafarnaum als Ornament neben einem Pentagramm in einen Steinfries gemeißelt.
Quelle/Tradition: Archäologischer Befund Kafarnaum
In der Alchemie steht das aufwärts weisende Dreieck für Feuer, das abwärts weisende für Wasser; mit Querstrich bezeichnen sie Luft und Erde.
Quelle/Tradition: Alchemistische Zeichentafeln der frühen Neuzeit
Der erste Zionistenkongress 1897 machte den Davidstern zum politischen Symbol; seit 1948 steht er auf der Flagge Israels.
Quelle/Tradition: Zionistenkongress Basel 1897; Flaggengesetz Israel 1948
König Salomo bannte mit einem Siegelring Dämonen und zwang sie zum Tempelbau.
Quelle/Tradition: Talmud Gittin 68; Testament Salomos
Hexagramme werden in Ritualen des Golden Dawn und in der Amulettpraxis als Schutz- und Planetenzeichen verwendet.
Quelle/Tradition: Golden-Dawn-Rituale; heutige Ritualpraxis
Das Hexagramm war bereits das Wappen oder Schildzeichen König Davids.
Quelle/Tradition: Keine Quelle aus biblischer Zeit; Scholem 1963
Ein Hexagramm-Amulett schützt nachweislich vor Unheil oder bösen Mächten.
Quelle/Tradition: Kein Nachweis
BELEGT = wissenschaftlich oder amtlich nachprüfbar · ÜBERLIEFERT = historisch/traditionell dokumentiert · GELEBTE PRAXIS = verbreitete Anwendung, Erfahrungswerte · NICHT BELEGT = spirituelle Deutung, wissenschaftlich nicht nachgewiesen.
Was ein Hexagramm ist
Geometrisch ist das Hexagramm ein regelmäßiger sechszackiger Stern. Er entsteht, wenn du zwei gleichseitige Dreiecke so übereinanderlegst, dass eines mit der Spitze nach oben, das andere mit der Spitze nach unten zeigt. In der Mitte bleibt ein Sechseck frei. Der Name kommt aus dem Griechischen: hex für sechs und gramma für Strich oder Zeichen.
Wichtig ist eine Verwechslung, die dir in Suchergebnissen ständig begegnet: Im chinesischen I Ging heißen die 64 Figuren aus sechs übereinanderliegenden Linien ebenfalls Hexagramme. Mit dem Sechsstern haben sie nichts zu tun, außer der Zahl sechs. Wenn in diesem Text von Hexagramm die Rede ist, meine ich den Stern.
Die alchemistische Lesart: Das aufsteigende Feuer und das absinkende Wasser durchdringen sich. Mit Querstrich werden aus denselben Dreiecken Luft und Erde.
Ein Ornament vieler Völker
Am Anfang war der Sechsstern kein Glaubenszeichen, sondern Schmuck. Er taucht auf Keramik, Siegeln und Mosaiken im ganzen Mittelmeerraum, im Nahen Osten und in Indien auf. Ein schönes Beispiel steht in Galiläa: In der spätantiken Synagoge von Kafarnaum ist das Hexagramm in einen Steinfries gemeißelt, direkt neben einem Pentagramm und anderen Mustern. Niemand hielt es dort für ein Bekenntnis; es war ein Motiv unter vielen.
Dasselbe gilt für Kirchen und Moscheen. In mittelalterlichen Kathedralen findest du Sechssterne in Rosetten, Bodenmosaiken und Glasfenstern, in der islamischen Kunst als Teil geometrischer Bandornamente und auf Münzen. Die Figur ist mathematisch so naheliegend, dass sie an vielen Orten unabhängig entstanden ist. Das ist die erste Lektion: Wer in einem alten Sechsstern sofort eine geheime Botschaft sieht, liest meist mehr hinein, als drinsteht.
| Name | Kontext | Was er meint |
|---|---|---|
| Hexagramm | Geometrie, Okkultismus | griechisch „Sechsstrich“: die Figur aus zwei gleichseitigen Dreiecken |
| Davidstern / Magen David | Judentum, seit dem Spätmittelalter | „Schild Davids“ — heute das Zeichen des Judentums und der Flagge Israels |
| Siegel Salomos | jüdische, christliche und islamische Magie | der legendäre Siegelring, mit dem Salomo Dämonen bannte; gezeichnet mal als Sechs-, mal als Fünfstern |
| Shatkona | Hinduismus, Yantras | Vereinigung von Shiva (▲) und Shakti (▼), etwa im Herzchakra-Symbol |
| Brauerstern / Zoiglstern | Franken, Oberpfalz | Zunftzeichen: Hier wird Bier ausgeschenkt |
| Unicursales Hexagramm | Thelema (Crowley) | in einem Zug gezeichneter Sechsstern, Erkennungszeichen der Thelemiten |
Das Siegel Salomos: Ring, Legende, Bannzeichen
Die magische Karriere des Hexagramms hängt an König Salomo. Schon im Talmud wird erzählt, Salomo habe einen Ring besessen, in den der Gottesname eingraviert war, und damit den Dämonenkönig Aschmedai gebunden. Das apokryphe Testament Salomos aus der Spätantike malt die Geschichte aus: Der Erzengel Michael bringt Salomo einen Siegelring, mit dem er Dämonen befehligt und zum Tempelbau zwingt.
Wie dieses Siegel aussah, sagt keine der frühen Quellen. Erst im Mittelalter bekommt es eine Gestalt — und zwar zwei. In arabischen Zauberbüchern und auf islamischen Amuletten heißt es Chatam Sulaiman, das Siegel Salomos, und wird mal als Sechsstern, mal als Fünfstern gezeichnet. In europäischen Handschriften wechselt es ebenso. Erst die Neuzeit hat sich mehrheitlich auf das Hexagramm festgelegt und das Pentagramm als „Drudenfuß“ abgespalten. Wie das Pentagramm seinen eigenen Weg ging, erzählt unser Beitrag zum Pentagramm.
In der Zeremonialmagie wurde das Siegel zum Schutzkreis im Kleinen. In den Pentakeln des Clavicula Salomonis, des Schlüssels Salomos, tauchen Sechssterne mit Gottesnamen und Engelsnamen auf; der Magier trägt sie, um sich vor den Kräften zu schützen, die er ruft. Wie diese Pentakel aufgebaut sind, steht in unserem Guide zum Schlüssel Salomos.
Wie oben, so unten: das Hexagramm in der Alchemie
Für die Alchemisten der Renaissance war der Sechsstern eine Gleichung. Das Dreieck mit der Spitze nach oben ist das Zeichen des Feuers, das nach oben steigt. Das Dreieck mit der Spitze nach unten ist das Wasser, das nach unten fließt. Setzt man in das Feuerdreieck einen Querstrich, entsteht die Luft; im Wasserdreieck mit Querstrich die Erde. Im Hexagramm liegen also alle vier Elemente übereinander.
Daraus wurde ein Bild für das große Ziel der Alchemie: die coniunctio oppositorum, die Vereinigung der Gegensätze. Oben und unten, männlich und weiblich, Geist und Stoff durchdringen sich, ohne einander aufzulösen. Viele Hermetiker lasen darin den Satz der Smaragdtafel: Was oben ist, gleicht dem, was unten ist. In einer verwandten Lesart steht die Mitte des Sterns für die fünfte Kraft, die Quintessenz, die die vier Elemente zusammenhält.
Vom Schild Davids zum Davidstern
Der Name Magen David, Schild Davids, ist im Judentum alt; als festes Zeichen ist der Stern jünger, als die meisten denken. Der Religionshistoriker Gershom Scholem hat in seinem Essay über die Geschichte dieses Symbols gezeigt, dass das Hexagramm im Mittelalter auf jüdischen Amuletten und in Handschriften vorkommt — oft gemeinsam mit dem Siegel Salomos und mit magischer Bedeutung —, aber noch kein Kennzeichen „des Judentums“ war.
Das änderte sich in Prag. Dort führte die jüdische Gemeinde spätestens im 16. und 17. Jahrhundert eine Fahne mit dem Sechsstern, und von dort breitete sich das Zeichen als Gemeindesymbol aus. Im 19. Jahrhundert, als jüdische Gemeinden nach einem Zeichen suchten, das dem Kreuz der Christen entsprach, setzte es sich an Synagogen durch. Der erste Zionistenkongress in Basel 1897 machte den Davidstern zum politischen Symbol, 1948 kam er auf die Flagge Israels.
Dazwischen liegt die dunkelste Seite seiner Geschichte. Die Nationalsozialisten zwangen Jüdinnen und Juden ab 1941 im Deutschen Reich, einen gelben Stern mit der Aufschrift „Jude“ zu tragen. Wer heute über das Hexagramm als magisches Zeichen spricht, sollte wissen, dass es für Millionen Menschen vor allem ein Zeichen ihrer Identität und ihrer Verfolgung ist. Das verdient Respekt.
Golden Dawn, Crowley und die Hexagramm-Rituale
Im 19. Jahrhundert holten die englischen Okkultisten des Hermetic Order of the Golden Dawn das Hexagramm aus der Alchemie in ihre Ritualpraxis. Während das Pentagramm bei ihnen die vier Elemente und den Geist ordnet, steht das Hexagramm für die sieben klassischen Planeten: Die sechs Spitzen tragen Saturn, Jupiter, Mars, Venus, Merkur und Mond, die Sonne sitzt in der Mitte. Das „Kleine Ritual des Hexagramms“ wird nach dem Pentagrammritual als zweite Stufe gelehrt, um planetare Kräfte zu rufen oder zu bannen.
Aleister Crowley entwickelte daraus das unicursale Hexagramm, einen Sechsstern, den man in einem Zug ohne Absetzen zeichnet, oft mit einer fünfblättrigen Rose in der Mitte. Es ist bis heute das Erkennungszeichen seiner Lehre Thelema. Wer einem solchen Stern auf einem Buchumschlag begegnet, weiß also: Hier geht es nicht um Salomo, sondern um Crowley.
Der Sechsstern im Volksglauben
Abseits der Zauberbücher hatte das Hexagramm im deutschsprachigen Raum ein bodenständiges Leben. An alten Häusern und Ställen findet man Sechssterne neben Kreuzen, Drudenfüßen und Jahreszahlen eingeritzt, als Schutz gegen Unwetter, Feuer und böse Geister. In Franken und in der Oberpfalz hängt bis heute ein Sechsstern über manchen Türen — der Brauer- oder Zoiglstern zeigt an, dass hier Bier ausgeschenkt wird. Woher dieses Zunftzeichen stammt, ist umstritten; häufig wird es mit den Elementen erklärt, die beim Brauen zusammenwirken.
Auch als Amulett blieb der Sechsstern beliebt, auf Münzen geprägt, in Silber gefasst, auf Papier gezeichnet. Den Unterschied zwischen einem Amulett, das schützt, und einem Talisman, der etwas herbeiziehen soll, erklären wir in Amulett, Talisman, Glücksbringer.
Wie du ein Hexagramm selbst zeichnest
Ein sauberes Hexagramm gelingt mit Zirkel und Lineal in wenigen Minuten. Zeichne einen Kreis und trage den Radius sechsmal auf dem Kreisrand ab, so wie du es von der Blume aus der Schule kennst. Verbinde jeden zweiten Punkt: Es entsteht das erste Dreieck. Verbinde die übrigen drei Punkte: das zweite. Wer möchte, kann die Linien so zeichnen, dass sie abwechselnd über- und untereinander laufen, dann wirken die Dreiecke verflochten.
In vielen magischen Traditionen ist die Zeichenrichtung wichtig: Das Feuerdreieck zuerst, von der oberen Spitze aus, dann das Wasserdreieck von der unteren. Das ist Brauch, keine Regel der Natur. Entscheidend ist, dass du weißt, was du zeichnest und warum.
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Stimmen aus der Praxis
In Foren zur Zeremonialmagie wird das Hexagramm oft als „das schwierigere Geschwister“ des Pentagramms beschrieben: Viele berichten, sie hätten jahrelang nur mit dem Pentagrammritual gearbeitet und sich an die planetaren Hexagramme erst später gewagt, weil die Zuordnungen komplexer sind.
Menschen, die Sechssterne als Amulett tragen, erzählen dagegen meist ganz unmagisch von Erinnerung: das Erbstück der Großmutter, der Stern aus dem Urlaub in Marokko, das Zeichen, das sie an ihre Familie bindet. Jüdische Stimmen weisen in solchen Diskussionen regelmäßig darauf hin, dass der Davidstern für sie kein esoterisches Werkzeug, sondern ein Zeichen ihrer Zugehörigkeit ist.
Was wir nicht versprechen
Wir versprechen dir nicht, dass ein Hexagramm dich schützt, Dämonen bannt oder Wünsche erfüllt. Das Siegel Salomos ist eine Legende, die Kräfte der Pentakel sind Überlieferung. Was ein Zeichen für dich tun kann, ist Aufmerksamkeit bündeln und einen Raum markieren — das ist viel, aber kein Zauberschutz.
Und bitte: Wer den Davidstern als Mode oder als Zauberzeichen trägt, sollte wissen, was er für andere bedeutet.
Praktisch: so gehst du damit um
- Unterscheide die Namen: Hexagramm ist die Figur, Davidstern das jüdische Symbol, Siegel Salomos die magische Legende.
- Verwechsle es nicht mit dem I Ging: Dort sind Hexagramme Strichfiguren, keine Sterne.
- Zeichne es selbst mit Zirkel und Lineal, bevor du eines kaufst — du verstehst die Figur danach anders.
- Lies die Elemente: Feuer nach oben, Wasser nach unten, mit Querstrich Luft und Erde.
- Prüfe die Herkunft eines Amuletts: Steht ein Gottesname darin, ist es ein religiöses, kein dekoratives Stück.
- Geh respektvoll damit um, wo der Stern für Menschen Identität und Erinnerung ist.
Häufige Fragen
Was bedeutet das Hexagramm?
Je nach Tradition: als Ornament nichts Bestimmtes, in der Alchemie die Vereinigung von Feuer und Wasser und damit aller Elemente, in der Magie ein Schutz- und Bannzeichen („Siegel Salomos“), im Judentum seit der Neuzeit das Symbol der Zugehörigkeit (Davidstern).
Ist das Siegel Salomos dasselbe wie der Davidstern?
Nicht ganz. Beide werden als Sechsstern gezeichnet, aber das Siegel Salomos ist die magische Legende vom Ring des Königs, der Davidstern das jüdische Gemeinschaftssymbol. Im Mittelalter wurde das Siegel Salomos zudem oft als Fünfstern dargestellt.
Seit wann ist der Davidstern das Symbol des Judentums?
Als allgemeines Zeichen erst seit dem 17. bis 19. Jahrhundert, ausgehend von Prag. Mit dem Zionistenkongress 1897 wurde er politisches Symbol, 1948 kam er auf die Flagge Israels.
Was ist der Unterschied zwischen Hexagramm und Pentagramm?
Das Pentagramm hat fünf Zacken und steht in der westlichen Magie für die vier Elemente und den Geist. Das Hexagramm hat sechs Zacken; im Golden Dawn ordnet es die sieben klassischen Planeten, in der Alchemie die Elemente als Paare.
Was ist ein unicursales Hexagramm?
Ein Sechsstern, der in einem einzigen Zug gezeichnet wird. Aleister Crowley machte ihn zum Erkennungszeichen seiner Lehre Thelema.
Darf ich einen Davidstern tragen, wenn ich nicht jüdisch bin?
Verboten ist es nicht. Aber der Stern ist für Jüdinnen und Juden ein Zeichen von Identität und Verfolgungserfahrung. Wer ihn trägt, sollte das wissen und ihn nicht als bloßes Zauber- oder Modezeichen behandeln.
Quellen & Weiterlesen
- Gershom Scholem: Das Davidschild. Geschichte eines Symbols, in: Judaica 1, Frankfurt 1963.
- Talmud Bavli, Gittin 68a–b (Salomo und Aschmedai).
- Das Testament Salomos, spätantik, hg. von C. C. McCown, 1922.
- Israel Regardie: The Golden Dawn, 1937–40 (Hexagramm-Rituale).
- Alexander Roob: Alchemie & Mystik, Köln (TASCHEN).
- Im Magazin: Pentagramm · Schlüssel Salomos · Amulett, Talisman, Glücksbringer
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