Marie-Louise von Franz: Märchen, Alchemie und der fehlende Name

Sie bezahlte ihre Analyse mit Latein-Übersetzungen, las Märchen als Landkarten der Seele und wartete sechzig Jahre auf ihren Namen im eigenen Buch. Ein Porträt nach Quellen – mit allem, was sich widerspricht.

Runder alchemistischer Glaskolben mit leuchtend bernsteinfarbener Flüssigkeit auf dunklem Stein, links eine Kerze
Schnellantwort

Marie-Louise von Franz (1915–1998) war Schweizer Jung’sche Psychoanalytikerin und Altphilologin und arbeitete von 1933 bis 1961 mit C. G. Jung. Bekannt ist sie für psychologische Deutungen von Märchen und alchemistischen Texten – ihr erstes großes Märchenwerk erschien 1952 unter dem Namen einer anderen Frau.

Einordnung
Belegt

Marie-Louise von Franz wurde am 4. Januar 1915 in München geboren und starb am 17. Februar 1998 in Küsnacht.

Belegt

Sie lernte C. G. Jung 1933 mit achtzehn Jahren kennen und arbeitete bis zu seinem Tod 1961 mit ihm.

Belegt

Sie studierte klassische Philologie an der Universität Zürich und promovierte über die ästhetischen Anschauungen der Ilias-Scholien.

Belegt

Ihre Edition der Aurora consurgens erschien 1957 als Ergänzungsband von Jungs Mysterium Coniunctionis.

Belegt

Symbolik des Märchens erschien 1952 bei Francke unter dem Namen Hedwig von Beit; seit 2015 erscheint das Werk unter von Franz’ Namen, von Beit als Mitarbeiterin genannt.

Belegt

Der ewige Jüngling beruht auf zwölf Vorlesungen im Wintersemester 1959/60 über Der kleine Prinz und Das Reich ohne Raum.

Belegt

Die illustrierte Handschrift Ms. Rh. 172 der Zentralbibliothek Zürich entstand im 15. Jahrhundert in St. Gallen.

Belegt

1974 gründete sie mit vier Schülern die Stiftung für Jung’sche Psychologie in Küsnacht.

Belegt

Nach Jungs Tod koordinierte sie den Band Man and His Symbols (1964) und schrieb darin das Kapitel über den Individuationsprozess.

Überliefert

Sie bezahlte ihre Analyse bei Jung mit Übersetzungen griechischer und lateinischer Texte.

Überliefert

Von Franz und nicht Hedwig von Beit war die eigentliche Autorin der Symbolik des Märchens – Darstellung ihrer Stiftung und ihres Umfelds.

Überliefert

Thomas von Aquin soll 1274 auf dem Sterbebett das Hohelied ausgelegt haben.

Gelebte Praxis

Jung’sche Analytiker nutzen Märchen und Amplifikation, um mit Traumbildern zu arbeiten.

Nicht belegt

Dass Thomas von Aquin die Aurora consurgens diktiert hat – Hypothese von Franz’, kein Forschungskonsens.

Nicht belegt

Dass Archetypen und ein kollektives Unbewusstes als vererbte seelische Strukturen existieren.

Nicht belegt

Dass sie über 65.000 Träume gedeutet hat – eigene Schätzung, nicht unabhängig prüfbar.

Nicht belegt

Dass Märchendeutung oder Traumarbeit im medizinischen Sinn therapeutisch wirkt.

BELEGT = wissenschaftlich oder amtlich nachprüfbar · ÜBERLIEFERT = historisch/traditionell dokumentiert · GELEBTE PRAXIS = verbreitete Anwendung, Erfahrungswerte · NICHT BELEGT = spirituelle Deutung, wissenschaftlich nicht nachgewiesen.

Das ehrgeizigste Märchenbuch aus dem Kreis um C. G. Jung trug über sechzig Jahre lang einen anderen Namen auf dem Titelblatt als den seiner eigentlichen Autorin – so jedenfalls sagt es die Stiftung, die es heute verlegt. Die Frau, deren Name fehlte, las ihr Leben lang zwei Arten von Texten, die anderen unlesbar schienen: mittelalterliche Alchemie und Kindermärchen. Marie-Louise von Franz wird heute auf unzähligen Seiten über Schattenarbeit und Archetypen zitiert. Hier steht, was über sie belegt ist, was nur erzählt wird – und wo sich schon die Nachschlagewerke widersprechen.

Was dich in diesem Artikel erwartet

  • Von München an den Zürichsee
  • Latein gegen Analysestunden
  • Ein Buch, zwei Namen
  • „Die drei Federn“ im Grimm-Original
  • Aurora consurgens und die Thomas-These
  • Der ewige Jüngling und der Kleine Prinz
  • Wo die Quellen auseinandergehen – und wem die Texte gehören

Kurz gesagt

Marie-Louise von Franz (4. Januar 1915 in München – 17. Februar 1998 in Küsnacht bei Zürich) war Schweizer Psychoanalytikerin der Jung’schen Richtung und promovierte Altphilologin. Das Historische Lexikon der Schweiz führt sie als Österreicherin, die 1938 Schweizerin wurde, als Tochter eines Obersten der österreichisch-ungarischen Armee. Ab 1933 war sie Schülerin und Mitarbeiterin Jungs, bis zu dessen Tod 1961. Bekannt ist sie für zwei Arbeitsfelder: die psychologische Deutung von Märchen und die Edition und Kommentierung alchemistischer Handschriften, allen voran der Aurora consurgens.

Zwei Dinge fehlen in fast jeder Kurzbiografie. Ihr erstes großes Werk, eine dreibändige Symbolik des Märchens, erschien 1952 unter dem Namen einer anderen Frau. Und ihre bekannteste wissenschaftliche These – dass die Aurora consurgens die letzten Worte des Thomas von Aquin festhalte – ist genau das: eine These, und eine, die die Fachwelt überwiegend nicht teilt.

Von München an den Zürichsee

Nach der Chronik der Küsnachter Stiftung für Jung’sche Psychologie zog die Familie 1919 von München nach Rheineck im Kanton St. Gallen, die Tochter besuchte ab 1928 das Freie Gymnasium in Zürich. Im Sommer 1933 lud Jung eine Gruppe von Schülern in seinen Turm in Bollingen am oberen Zürichsee ein. Ihre Schwester erinnerte sich später, Marie-Louise habe noch am selben Abend von der entscheidenden Begegnung ihres Lebens gesprochen. Im Herbst begann sie an der Universität Zürich das Studium der klassischen Philologie – Latein und Griechisch, dazu Literatur und Alte Geschichte – und hörte Jungs Vorlesungen an der ETH. 1934 begann ihre eigene Analyse bei ihm.

Ihre Dissertation über die ästhetischen Anschauungen der antiken Ilias-Scholien betreute der Zürcher Altphilologe Ernst Howald. Um 1942 übernahm sie erste eigene Analysanden. Sie sprach jahrzehntelang im Psychologischen Club Zürich, gehörte 1948 zu den Gründungsmitgliedern des C. G. Jung-Instituts und gründete 1974 mit vier Schülern die Stiftung für Jung’sche Psychologie in Küsnacht, die ihr Werk bis heute herausgibt.

Latein gegen Analysestunden

Der Schlüssel zu ihrer Laufbahn ist ein ökonomischer. Ihr Vater hatte Anfang der 1930er-Jahre einen großen Teil seines Vermögens verloren, sie finanzierte ihr Studium mit Nachhilfe in Latein und Griechisch. Genau diese Fähigkeit brauchte Jung: Er arbeitete sich in die Alchemie ein, und deren Quellen waren lateinische und griechische Texte, die kaum ein Psychiater lesen konnte. Nach Thomas Kirschs Geschichte der Jung’schen Bewegung bezahlte sie ihre Analyse mit Übersetzungen. Weil ein großer Teil dieser Literatur auf arabische Vorlagen zurückging, lernte sie später auch Arabisch.

Aus dem Tauschhandel wurde eine der engsten Arbeitsbeziehungen in Jungs letzten Jahrzehnten. Ihre Edition der Aurora consurgens erschien 1957 als dritter, ergänzender Band von Jungs Mysterium Coniunctionis. Nach Jungs Tod übernahm sie die Koordination von Der Mensch und seine Symbole (englisch 1964), dem Band, der Jung einem großen Publikum bekannt machte; ihr eigenes Kapitel darin heißt „Der Individuationsprozess“.

Ein Begriff zieht sich durch all diese Arbeiten: der Schatten – das, was man an sich selbst nicht sehen will und deshalb in anderen findet. Von Franz hat ihm ein eigenes Buch gewidmet, Der Schatten und das Böse im Märchen. Wer das nicht nur lesen, sondern an sich selbst ausprobieren will, braucht vor allem eines: Zeit und ein Heft.

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Ein Buch, zwei Namen

Mitte der 1930er-Jahre bat die vermögende Frankfurter Bankierstochter und Autodidaktin Hedwig von Beit Jung um Hilfe bei der Deutung von Märchen. Er verwies sie an von Franz. Daraus wurden viele Jahre Arbeit an Hunderten von Märchen – aus den Grimm’schen Sammlungen, aus Friedrich von der Leyens Reihe Die Märchen der Weltliteratur und aus aller Welt. 1952 erschien bei Francke in Bern Symbolik des Märchens. Versuch einer Deutung, 1956 folgte Gegensatz und Erneuerung im Märchen. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet beide Bände unter einer einzigen Verfasserin: Hedwig von Beit.

Ab 2015 brachte die Stiftung für Jung’sche Psychologie das Werk neu heraus. Dieselbe Nationalbibliothek führt es seither als „Marie-Louise von Franz, unter Mitarbeit von Hedwig von Beit“. Die Ankündigung der Stiftung ist deutlich: Obwohl von Franz „die verdiente Autorin“ gewesen sei, sei das Werk unter von Beits Namen erschienen; man sei glücklich, es nun unter ihrem Namen veröffentlichen zu können.

Zwei Einschränkungen gehören dazu. Die ausführlichste Darstellung stammt von der Stiftung, die von Franz’ Rechte hält, und aus ihrem Umfeld – eine interessierte Seite, so glaubwürdig sie sein mag. Und Hedwig von Beit, gestorben 1973, kann nicht mehr antworten. Unabhängig belegbar ist der Namenswechsel auf dem Titelblatt, und der ist in den Katalogdaten eindeutig. Wie die Zusammenarbeit im Alltag tatsächlich aussah, ist in keiner Quelle dokumentiert, die wir prüfen konnten.

„Die drei Federn“ im Grimm-Original

Wie sie las, zeigt sich am besten an dem Beispiel, das sie selbst zum Lehrstück machte. In ihrer Psychologischen Märcheninterpretation (englisch zuerst 1970) arbeitet sie ein kurzes Grimm-Märchen ausführlich durch: „Die drei Federn“, KHM 63. In der Ausgabe letzter Hand von 1857 beginnt es: „Es war einmal ein König, der hatte drei Söhne, davon waren zwei klug und gescheidt, aber der dritte sprach nicht viel, war einfältig und hieß nur der Dummling.“ Der König bläst drei Federn in die Luft und spricht: „wie die fliegen, so sollt ihr ziehen.“ Zwei fliegen nach Osten und Westen, die dritte „fiel bald zur Erde“ – und neben ihr findet der Dummling eine Falltür, eine Treppe und unten eine „große dicke Itsche“, eine Kröte.

Von Franz las ein solches Märchen weder als Moral noch als verschlüsselte Geschichte. Mit Jung sah sie darin ein spontanes Erzeugnis der Seele und im Helden nicht einen gewöhnlichen Menschen, sondern ein Modell dafür, wie sich ein festgefahrenes Bewusstsein erneuert. Ihre zentrale Behauptung: Alle Märchen versuchen, ein und denselben seelischen Sachverhalt zu beschreiben, das, was Jung das Selbst nannte, aus immer neuen Blickwinkeln. Ihr Werkzeug war die Amplifikation: ein Motiv so lange neben seine Parallelen in Mythos, Religion und anderen Märchen zu legen, bis sein Bedeutungsumfang sichtbar wird.

Eine Lesart in diesem Geist achtet darauf, was die Handlung tut: Die „klugen“ Brüder ziehen zur Seite, über die Oberfläche; der, den niemand ernst nimmt, geht nach unten und findet am unscheinbarsten Ort, was dem Königreich fehlt. Ob das eine Entdeckung über die menschliche Psyche ist oder ein Muster, das die Deuterin mitbringt, ist genau der Punkt, an dem sich Jung’sche und andere Märchenforschung trennen. Beide Lesarten lassen sich am Text prüfen – er ist kurz und gemeinfrei.

Aurora consurgens: eine Zürcher Handschrift und die Thomas-These

Die Aurora consurgens („Die aufsteigende Morgenröte“) ist ein lateinischer Alchemietraktat, berühmt für die Bilder mancher Abschriften. Die bekannteste illustrierte Handschrift liegt in der Zentralbibliothek Zürich, Signatur Ms. Rh. 172: Pergament, entstanden im 15. Jahrhundert in St. Gallen, frei einsehbar im Schweizer Portal e-codices. Einige Handschriften nennen Thomas von Aquin als Verfasser; die meisten neueren Nachschlagewerke sprechen von Pseudo-Thomas, und Bibliothekskataloge führen den Text unter den dem Aquinaten zweifelhaft oder fälschlich zugeschriebenen Werken.

Von Franz hielt die Zuschreibung für prüfenswert. Ihre Gründe: Der Autor kennt Bibel und Liturgie genau, zitiert wenige alchemistische Autoritäten und gibt keine Laborrezepte – das deutet auf einen Geistlichen. Die letzte Parabel paraphrasiert das Hohelied, und eine Überlieferung sagt, Thomas habe es 1274 auf dem Sterbebett ausgelegt, nachdem er im Dezember 1273 nach einem Erlebnis aufgehört hatte zu schreiben. Daraus entwickelte sie die Hypothese, der Traktat könne seine letzte, in einem Ausnahmezustand gesprochene Lehre festhalten.

Es bleibt eine Hypothese. Ihre stärksten Argumente sind psychologische, keine philologischen, und der Stil passt nicht zu Thomas’ gesicherten Werken – was sie selbst unter Berufung auf den Chemiehistoriker Edmund von Lippmann einräumte. Unsere Einschätzung: Die Edition ist wertvoll für Text und Kommentar; die Verfasserthese ist eine elegante Spekulation, kein Befund.

Der ewige Jüngling und der Kleine Prinz

Ihr außerhalb der Fachwelt meistzitiertes Buch geht auf zwölf Vorlesungen am Zürcher Institut im Wintersemester 1959/60 zurück. Die ersten acht behandeln Antoine de Saint-Exupérys Der kleine Prinz, die letzten vier Bruno Goetz’ Roman Das Reich ohne Raum von 1919. Der lateinische Begriff puer aeternus stammt aus Ovids Metamorphosen und meint den „ewigen Jüngling“: den Menschen, der im Vorläufigen lebt und für den das eigentliche Leben immer erst beginnen soll.

Die Kritik ist fast so alt wie das Buch. Die Vorlesungen schließen frei von der Geschichte auf ihren Autor, einen realen Menschen, der 1944 gestorben war, und ziehen aus seiner Dichtung Schlüsse über sein Innenleben. Unsere Einschätzung: Das ist eine legitime literaturpsychologische Methode, aber keine Diagnose – und das Etikett „Puer“ wird leicht zum Urteil über Menschen statt zu einer Brille für ein Muster. In keinem heutigen Diagnosehandbuch ist es eine Diagnose. Dieselbe Methode wandte sie auf eine Schweizer Gestalt an: In ihrem Buch über die Visionen des Niklaus von Flüe las sie die Bilder des Einsiedlers als Ausgleich für Einseitigkeiten im Christentum, wie das Historische Lexikon der Schweiz festhält.

Wo die Quellen auseinandergehen – und wem die Texte gehören

Schon die Eckdaten unterscheiden sich zwischen seriösen Quellen. Wir stellen sie nebeneinander, statt stillschweigend eine zu wählen.

Punkt Was die Quellen sagen
Einbürgerung 1938 (Historisches Lexikon der Schweiz) oder 1939 (Chronik der Stiftung)
Promotion 1940, magna cum laude (Chronik der Stiftung) oder 1943 (Historisches Lexikon der Schweiz)
Lehranalytikerin am Jung-Institut ab 1956 (Chronik der Stiftung) oder ab 1978 (Historisches Lexikon der Schweiz)
Arbeit an der Märchensymbolik ab 1935, etwa neun Jahre (biografische Chronik) oder 1939–1948 (Verlagsankündigung der Neuausgabe)
Zahl der Märchen „über 900“ oder „weit über 1000“, je nach Darstellung
Gedeutete Träume über 65.000 – ihre eigene Schätzung aus der Filmreihe The Way of the Dream; nicht unabhängig nachzählbar

Dazu die Rechtslage, weil sie erklärt, was man zitieren darf. Nach § 64 UrhG erlischt der Schutz 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers, gerechnet ab Ende des Todesjahres. Die Angaben sind eine allgemeine Einordnung, keine Rechtsberatung.

Werk Urheber gestorben In Deutschland geschützt bis
Grimm, Kinder- und Hausmärchen 1859 / 1863 gemeinfrei
Saint-Exupéry, Der kleine Prinz (Original) 1944 gemeinfrei seit 2015; deutsche Übersetzungen können eigens geschützt sein (§ 3 UrhG)
C. G. Jung 1961 Ende 2031
Hedwig von Beit 1973 Ende 2043
Marie-Louise von Franz 1998 Ende 2068

Deshalb zitieren wir hier die Brüder Grimm wörtlich und von Franz nur sinngemäß.

Was wir nicht behaupten

Ehrliche Grenzen

Wir behaupten nicht, dass Archetypen oder ein kollektives Unbewusstes experimentell nachgewiesen sind; es sind theoretische Begriffe der Analytischen Psychologie, keine gesicherten Befunde der akademischen Psychologie. Wir behaupten nicht, dass Märchendeutung, Traumarbeit oder Schattenarbeit irgendeine Erkrankung behandeln – nichts hier ist medizinischer oder psychologischer Rat. Angaben zu Privatleben und Gesundheit, die in manchen Biografien stehen, lassen wir bewusst weg: Sie haben mit ihrem Werk nichts zu tun.

Was der Befund trägt, ist bemerkenswert genug. Eine Altphilologin, die ihre Analyse mit Übersetzungen bezahlte, trieb Jungs Alchemie- und Märchenforschung weiter als irgendjemand sonst – und eines ihrer Hauptwerke musste mehr als sechzig Jahre auf ihren Namen warten.

Häufige Fragen

Wer war Marie-Louise von Franz?

Eine Schweizer Psychoanalytikerin der Jung’schen Richtung und promovierte Altphilologin (1915–1998), geboren in München. Sie arbeitete von 1933 bis zu seinem Tod 1961 mit C. G. Jung und ist vor allem für ihre psychologischen Deutungen von Märchen und alchemistischen Texten bekannt.

Welches Buch von Marie-Louise von Franz eignet sich für den Einstieg?

Meist die „Psychologische Märcheninterpretation“, in der sie ihre Methode an Grimms „Die drei Federn“ vorführt. Die revidierten deutschen Neuausgaben erscheinen bei der Stiftung für Jung’sche Psychologie in Küsnacht.

Hat von Franz die „Symbolik des Märchens“ geschrieben?

Das Werk erschien 1952 und 1956 bei Francke unter dem Namen Hedwig von Beit. Seit 2015 gibt es die Stiftung für Jung’sche Psychologie unter von Franz’ Namen heraus, „unter Mitarbeit von Hedwig von Beit“, und nennt von Franz die eigentliche Autorin. Diese Darstellung stammt vor allem aus ihrem eigenen Umfeld.

Stammt die Aurora consurgens von Thomas von Aquin?

Die meisten Nachschlagewerke sprechen von Pseudo-Thomas. Von Franz hielt es für möglich, dass der Traktat Thomas’ letzte Lehre auf dem Sterbebett 1274 festhält. Das ist eine Minderheitsthese, gestützt vor allem auf psychologische, nicht auf philologische Argumente.

Was bedeutet puer aeternus?

Lateinisch „ewiger Jüngling“, ein Ausdruck aus Ovids Metamorphosen. Von Franz bezeichnete damit einen Menschen, der im Vorläufigen lebt und Festlegung meidet, und entwickelte das am „Kleinen Prinzen“. Es ist ein Begriff der Analytischen Psychologie, keine Diagnose.

Was hat von Franz mit Schattenarbeit zu tun?

Sie hat Jungs Begriff des Schattens an Märchen entfaltet, vor allem in „Der Schatten und das Böse im Märchen“.

Quellen

Angelica Baum: „Franz, Marie-Louise von“, in: Historisches Lexikon der Schweiz (2003/2006) · Stiftung für Jung’sche Psychologie, Küsnacht: Biografie und Chronik Marie-Louise von Franz; Ankündigung der Neuausgabe Symbolik des Märchens · Deutsche Nationalbibliothek, Katalogdaten zu Symbolik des Märchens (Francke, Bern 1952/1956; Verlag Stiftung für Jung’sche Psychologie 2015–2018) · Thomas B. Kirsch: The Jungians (Routledge 2000) · Max Lüthi: „Beit, Hedwig von“, in: Enzyklopädie des Märchens (1979) · C. G. Jung u. a.: Man and His Symbols (1964) · Marie-Louise von Franz: Aurora consurgens (1957); Psychologische Märcheninterpretation; Der ewige Jüngling (Vorlesungen 1959/60) · Zentralbibliothek Zürich, Ms. Rh. 172: Aurora consurgens, e-codices · Brüder Grimm: „Die drei Federn“, Kinder- und Haus-Märchen, Bd. 1, 7. Aufl., Göttingen 1857, S. 344–347 (Wikisource) · UrhG §§ 3, 51, 64.

Weiter im Magazin: Schattenarbeit nach C. G. Jung · Der goldene Schatten · Ouroboros zwischen Alchemie, Gnosis und Jung

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