Götter, Göttinnen & Mythologie

Ásatrú: der moderne Asenglaube — Herkunft, Götter, Blót und Sumbel, die großen Feste und die Grenze zu völkischen Gruppen

Es gibt keine ununterbrochene Linie von den Wikingern bis heute. Was es gibt, sind die Edda, die Sagas, ein paar Zeilen bei Tacitus, viel Archäologie — und Menschen, die daraus seit gut fünfzig Jahren eine gelebte Religion machen. Ásatrú ist jung und alt zugleich, und gerade deshalb lohnt der genaue Blick.

Hände heben ein Trinkhorn mit Met über einem Holzaltar mit Thorshammer-Anhänger und Birkenzweig – ein Blót im Ásatrú

Im Winter 1972 sitzen ein paar Menschen in einem Café in Reykjavík zusammen, darunter ein Schafbauer und Dichter namens Sveinbjörn Beinteinsson. Sie beschließen, die alten Götter wieder zu verehren, und stellen einen Antrag beim Ministerium. Ein Jahr später ist Ásatrú, die „Treue zu den Asen“, in Island eine anerkannte Religion. Dieser Guide erklärt, was der moderne Asenglaube ist, worauf er sich stützt, wie seine Rituale aussehen und warum zu einem ehrlichen Bild auch die Grenze zu völkischen Gruppen gehört.

Schnellantwort

Ásatrú, isländisch für „Treue zu den Asen“, ist eine moderne Religion, die sich an der vorchristlichen Religion Skandinaviens und der germanischsprachigen Völker orientiert. Sie entstand als organisierte Bewegung um 1972: In Island gründete der Dichter Sveinbjörn Beinteinsson das Ásatrúarfélagið, das 1973 staatlich anerkannt wurde. Zentrale Rituale sind das Blót, ein Opfer- und Gemeinschaftsritual, und das Sumbel, eine rituelle Trinkrunde. Die Quellen sind überwiegend mittelalterlich und christlich überliefert, eine ununterbrochene Tradition gibt es nicht. Die meisten Gemeinschaften grenzen sich von völkischen Gruppen ab, die den Glauben an Abstammung koppeln.

Einordnung
Belegt

Das isländische Ásatrúarfélagið wurde 1972 gegründet und 1973 als Religionsgemeinschaft staatlich anerkannt.

Quelle/Tradition: Ásatrúarfélagið; Religionswissenschaft (Strmiska 2005)

Belegt

Blót, ein Opfer- und Festmahl für die Götter, ist in Sagas und bei mittelalterlichen Chronisten wie Adam von Bremen bezeugt.

Quelle/Tradition: Heimskringla; Adam von Bremen, Gesta IV

Belegt

Die deutsche Artgemeinschaft, eine völkisch-germanische Glaubensgruppe, wurde 2023 vom Bundesinnenministerium verboten.

Quelle/Tradition: Bundesministerium des Innern, Verbotsverfügung September 2023

Überliefert

Odin hing neun Nächte am Weltenbaum und gewann so die Runen.

Quelle/Tradition: Hávamál, Strophen 138–141

Gelebte Praxis

Heutige Ásatrú-Gemeinschaften feiern Blót mit Met statt Tieropfern und halten Sumbel-Runden für Götter, Ahnen und Gelobte.

Quelle/Tradition: Heutige heidnische Gemeinschaften

Nicht belegt

Das heutige Ásatrú setzt eine ununterbrochen überlieferte Wikinger-Religion fort.

Quelle/Tradition: Keine Kontinuität nachweisbar; Rekonstruktion aus Quellen des 13. Jh. und Archäologie

BELEGT = wissenschaftlich oder amtlich nachprüfbar · ÜBERLIEFERT = historisch/traditionell dokumentiert · GELEBTE PRAXIS = verbreitete Anwendung, Erfahrungswerte · NICHT BELEGT = spirituelle Deutung, wissenschaftlich nicht nachgewiesen.

Was Ásatrú ist

Ásatrú ist eine moderne Religion, die sich an der vorchristlichen Religion Skandinaviens und der germanischsprachigen Völker orientiert. Im Mittelpunkt stehen die Götter der nordischen Überlieferung: die Asen wie Odin, Thor, Frigg und Tyr, die Wanen wie Freyr und Freyja, dazu Landgeister, Ahnen und die Nornen. Im deutschsprachigen Raum spricht man auch von Germanischem Heidentum, im Englischen von Heathenry.

Es gibt kein heiliges Buch, keine Kirche und kein Glaubensbekenntnis. Die Gemeinschaften sind meist klein und unabhängig. Was sie verbindet, ist der Bezug auf dieselben Quellen und eine Haltung: Die Götter werden nicht angebetet wie ein allmächtiger Herr, sondern geehrt wie mächtige Verwandte, mit denen man in einem Verhältnis von Gabe und Gegengabe steht.

Woher der Glaube seine Kenntnisse hat

Eine ununterbrochene Tradition von der Wikingerzeit bis heute gibt es nicht. Skandinavien wurde zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert christlich, und mit den alten Kulten verschwand auch ihr Wissen. Heutige Heiden stützen sich auf:

  • Die Lieder-Edda, eine isländische Sammlung von Götter- und Heldenliedern, aufgeschrieben im 13. Jahrhundert. Darin die Völuspá über Weltentstehung und Weltende und die Hávamál, die „Reden des Hohen“ mit Lebensregeln.
  • Die Prosa-Edda des Isländers Snorri Sturluson, um 1220, ein Lehrbuch der Mythologie für Dichter.
  • Sagas und Chroniken, die Kulthandlungen beschreiben, etwa Adam von Bremen über den Tempel von Uppsala.
  • Tacitus' Germania, um 98 n. Chr., als römischer Blick von außen.
  • Archäologie: Opferplätze, Amulette, Bildsteine, Ortsnamen.

Fast alle Texte wurden von Christen aufgeschrieben, Jahrhunderte nach der Bekehrung. Wer Ásatrú ernsthaft betreibt, liest sie deshalb mit Quellenkritik. Einen Einstieg in die Weltordnung dieser Texte gibt unser Guide zu Yggdrasil und den neun Welten.

Die Gründung in Island und die Ausbreitung

Das isländische Ásatrúarfélagið wurde 1972 gegründet und 1973 staatlich anerkannt. Sveinbjörn Beinteinsson, ein Meister der alten isländischen Reimdichtung, wurde sein erster Allsherjargoði, oberster Priester. Die Gemeinschaft wuchs langsam und dann schnell; heute hat sie mehrere Tausend Mitglieder und baut in Reykjavík ihren ersten Tempel seit tausend Jahren.

Fast zur selben Zeit entstanden Gruppen in den USA, Großbritannien und Skandinavien, später auch in Deutschland und Österreich. Im deutschsprachigen Raum gibt es heute mehrere Vereine und viele freie Kreise, die Feste gemeinsam feiern und sich ausdrücklich als weltoffen verstehen.

Blót und Sumbel: die zwei Grundrituale

Das Blót war in der Wikingerzeit ein Opferfest: Tiere wurden geschlachtet, ihr Blut auf Altar und Teilnehmende gesprengt, das Fleisch gemeinsam gegessen. Das Wort hängt mit „opfern“ zusammen. Heute ist das Blót fast immer unblutig. Man versammelt sich im Kreis, oft draußen, ruft die Götter an, die man ehren will, und gibt ihnen eine Gabe, meist Met, Bier, Brot oder etwas Selbstgemachtes. Ein Teil des Mets wird in eine Schale gegossen und danach der Erde übergeben, der Rest geteilt.

Das Sumbel ist eine rituelle Trinkrunde. Ein Horn geht reihum, und jede Person spricht dabei, üblicherweise in drei Runden: für die Götter, für die Ahnen und Helden, und eine Runde für eigene Worte, etwa ein Gelübde oder einen Dank. Was über dem Horn gesagt wird, gilt als besonders verbindlich. Wer keinen Alkohol trinkt, nimmt Saft oder Wasser, das Ritual hängt am Wort, nicht am Rausch.

Wer sich für die magische Seite der nordischen Überlieferung interessiert, findet sie nicht im Blót, sondern im Seiðr der Seherinnen und im Umgang mit den Runen.

Das Ásatrú-Jahr: die großen Feste

Vier Feste, die fast alle Gemeinschaften feiern

Fest Zeit Bedeutung Historischer Beleg
Winternächte (Vetrnætr) Mitte Oktober Beginn des Winterhalbjahres, Dank an Wanen und Disen in Sagas erwähnt
Jul (Jól) um die Wintersonnenwende Mittwinter, Ahnen, Wiederkehr des Lichts gut bezeugt, Lage im Jahr umstritten
Sigrblót Frühling Opfer „für den Sieg“, Beginn der Fahrten bei Snorri erwähnt
Mittsommer Sommersonnenwende Höhepunkt des Lichts, Fruchtbarkeit schwach, eher Volksbrauch

Die Termine handhaben Gemeinschaften unterschiedlich; viele feiern zusätzlich lokale Feste, etwa zu Ehren der Disen im Frühjahr.

Werte und Ethik

Eine Moraltheologie wie im Christentum gibt es nicht. Viele Heiden orientieren sich an den Hávamál: Gastfreundschaft, Maß beim Trinken, Treue zu Freunden, Klugheit im Reden, der gute Ruf, der den Tod überdauert. Der bekannteste Vers sagt, Vieh stirbt und Verwandte sterben, aber der Nachruhm stirbt nie.

In manchen Gruppen werden „neun edle Tugenden“ gelehrt, etwa Mut, Wahrheit, Ehre, Treue und Gastfreundschaft. Diese Liste klingt alt, wurde aber erst in den 1970er-Jahren in Großbritannien zusammengestellt. Das macht sie nicht wertlos, nur nicht historisch.

Die Grenze: universalistisch und völkisch

Zum ehrlichen Bild gehört ein Konflikt, der die Szene seit ihren Anfängen spaltet. Die große Mehrheit der Gemeinschaften ist offen: Wer die Götter ehren will, ist willkommen, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht oder sexueller Orientierung. Das isländische Ásatrúarfélagið traut zum Beispiel auch gleichgeschlechtliche Paare.

Daneben gibt es völkische Gruppen, die den Glauben an „Blut“ und Abstammung koppeln und an die germanische Religionsschwärmerei des frühen 20. Jahrhunderts anknüpfen, die in den Nationalsozialismus mündete. In Deutschland wurde die völkische Artgemeinschaft 2023 vom Bundesinnenministerium verboten. Viele heidnische Vereine haben sich ausdrücklich gegen Rassismus positioniert, und manche Symbole, die Rechtsextreme benutzen, werden in der Szene deshalb bewusst gemieden oder erklärt. Wer eine Gruppe sucht, sollte genau auf ihr Selbstverständnis schauen.

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Stimmen aus der Praxis

Wer über längere Zeit in heidnischen Kreisen feiert, beschreibt oft dasselbe: Der Reiz liegt weniger im Glauben an bestimmte Lehrsätze als im Tun, im Feiern draußen, im gemeinsamen Horn, im Jahreslauf, der wieder spürbar wird. Viele kommen über die Mythen, manche über die Natur, einige über die Familiengeschichte. Erfahrene Mitglieder raten Neulingen, zunächst die Quellen zu lesen und sich mehrere Gruppen anzusehen, bevor sie sich einer anschließen, und offen zu fragen, wie eine Gemeinschaft zu Herkunft und Politik steht.

Was wir nicht versprechen

Wir behaupten nicht, dass Ásatrú die Religion der Wikinger unverändert fortsetzt; es ist eine Rekonstruktion mit Herz und Lücken. Wir stellen keine Gruppe als empfehlenswert dar und verbinden den Glauben mit keiner Abstammung. Und wir versprechen keine Wirkung von Ritualen auf Gesundheit, Erfolg oder Schicksal.

Praktisch: so gehst du damit um

  1. Die Quellen lesen. Beginne mit der Völuspá und den Hávamál in einer kommentierten Übersetzung, danach Snorris Edda.
  2. Klein anfangen. Ein Hausaltar, eine Kerze, eine Schale für Gaben, ein paar Worte an eine Gottheit, die dich anspricht.
  3. Ein Fest mitfeiern. Jul oder die Winternächte eignen sich als erster Termin, allein oder mit Freunden.
  4. Gemeinschaften prüfen. Frag nach Haltung zu Herkunft, Geschlecht und Politik. Eine gute Gruppe antwortet klar.
  5. Symbole bewusst wählen. Ein Thorshammer oder Yggdrasil ist unproblematisch; bei Runen in bestimmter Gestaltung lohnt ein Blick, ob sie von Rechtsextremen besetzt sind.

Häufige Fragen

Was ist Ásatrú?

Ásatrú, isländisch für Treue zu den Asen, ist eine moderne Religion, die sich an der vorchristlichen Religion Skandinaviens und der germanischsprachigen Völker orientiert und Götter wie Odin, Thor und Freyja ehrt.

Seit wann gibt es Ásatrú?

Als organisierte Bewegung seit Anfang der 1970er-Jahre. In Island wurde das Ásatrúarfélagið 1972 gegründet und 1973 staatlich anerkannt.

Was ist ein Blót?

Ein Opfer- und Gemeinschaftsritual für die Götter. In der Wikingerzeit wurden Tiere geopfert, heute geben Gemeinschaften meist Met, Bier oder Brot als Gabe.

Was ist ein Sumbel?

Eine rituelle Trinkrunde, bei der ein Horn reihum geht und Worte für Götter, Ahnen und eigene Gelübde gesprochen werden.

Ist Ásatrú rechtsextrem?

Nein, die große Mehrheit der Gemeinschaften ist offen und lehnt Rassismus ab. Es gibt jedoch völkische Gruppen, die den Glauben an Abstammung koppeln; in Deutschland wurde die Artgemeinschaft 2023 verboten.

Ist Ásatrú die Religion der Wikinger?

Nicht direkt. Es gibt keine ununterbrochene Tradition. Ásatrú rekonstruiert den alten Glauben aus mittelalterlichen Texten wie der Edda, aus Sagas und aus der Archäologie.

Quellen & Weiterlesen

  • Die Edda, Lieder- und Prosa-Edda, übersetzt u. a. von Arnulf Krause (Reclam).
  • Michael Strmiska (Hg.): Modern Paganism in World Cultures, ABC-CLIO 2005, Kapitel zu Island.
  • Jenny Blain: Nine Worlds of Seid-Magic, Routledge 2002.
  • Stefanie von Schnurbein: Norse Revival. Transformations of Germanic Neopaganism, Brill 2016.
  • Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie, Kröner.
  • Im Magazin: Yggdrasil · Seiðr und die Völva · Runen und das ältere Futhark

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