Yggdrasil: Der Weltenbaum der Edda — Wurzeln, Bewohner, die neun Welten, die es nicht gibt, und Odins neun Nächte
Eine Esche, die immer grün ist, obwohl Eschen ihr Laub verlieren. Drei Wurzeln in drei Welten, an jeder eine Quelle. Ein Drache, der von unten nagt, ein Adler, der oben sitzt, und ein Eichhörnchen, das zwischen beiden Beleidigungen hin- und herträgt. Und ein Gott, der sich neun Nächte lang an diesen Baum hängt, um die Runen zu finden. Yggdrasil ist das dichteste Bild, das die nordische Mythologie hervorgebracht hat — und eines, das die Quellen viel knapper beschreiben, als tausend Poster und Tattoos vermuten lassen. Ich zeige dir, was in der Edda wirklich steht, woher die „neun Welten“ kommen, warum der Baum vielleicht gar keine Esche war, und was ein Weltenbaum für einen Menschen tun kann, der keinen Weltenbaum hat.
Eine Esche, die immer grün ist, obwohl Eschen ihr Laub verlieren. Drei Wurzeln in drei Welten, an jeder eine Quelle. Ein Drache, der von unten nagt, ein Adler, der oben sitzt, und ein Eichhörnchen, das zwischen beiden Beleidigungen hin- und herträgt. Und ein Gott, der sich neun Nächte lang an diesen Baum hängt, um die Runen zu finden. Yggdrasil ist das dichteste Bild, das die nordische Mythologie hervorgebracht hat — und eines, das die Quellen viel knapper beschreiben, als tausend Poster und Tattoos vermuten lassen. Ich zeige dir, was in der Edda wirklich steht, woher die „neun Welten" kommen, warum der Baum vielleicht gar keine Esche war, und was ein Weltenbaum für einen Menschen tun kann, der keinen Weltenbaum hat.
Inhalt
Yggdrasil ist der Weltenbaum der nordischen Mythologie, überliefert in der Lieder-Edda (Völuspá, Grímnismál, Hávamál) und in Snorri Sturlusons Gylfaginning (um 1220). Der Name bedeutet „Yggs Pferd“ — Odins Galgen: Nach Hávamál 138 hing Odin neun Nächte am Baum und nahm die Runen auf. Nach Snorri hat der Baum drei Wurzeln mit drei Brunnen (Urdbrunnen der Nornen, Mímirs Brunnen, Hvergelmir); in der Krone sitzt ein Adler, am Stamm läuft das Eichhörnchen Ratatoskr, vier Hirsche fressen die Triebe, an der Wurzel nagt der Drache Níðhöggr. Die „neun Welten“ werden in keiner Quelle aufgezählt; die bekannte Liste ist eine Rekonstruktion des 19. Jahrhunderts. Die Edda nennt den Baum Esche, beschreibt ihn aber als immergrün, weshalb ein Teil der Forschung eine Eibe annimmt. Bei Ragnarök bebt der Baum, fällt aber nicht.
Yggdrasil wird in der Lieder-Edda (Völuspá 2, 19–20, 47; Grímnismál 29–35; Hávamál 138–141) und in Snorris Gylfaginning 15–16 beschrieben; die Handschriften stammen aus dem 13. Jahrhundert.
Quelle/Tradition: Codex Regius (um 1270); Snorra-Edda (um 1220); Simek, Lexikon der germanischen Mythologie
Die Grímnismál nennen drei Wurzeln (Hel, Reifriesen, Menschen), den Adler, Ratatoskr, vier Hirsche und Níðhöggr; Snorri ordnet den Wurzeln die Brunnen Urðarbrunnr, Mímisbrunnr und Hvergelmir zu.
Quelle/Tradition: Grímnismál 31–35; Gylfaginning 15–16
Keine Quelle zählt die neun Welten auf; die übliche Liste ist eine neuzeitliche Rekonstruktion aus verstreuten Ortsnamen.
Quelle/Tradition: Völuspá 2; Vafþrúðnismál 43; Simek, Art. Neun Welten
Der Name Yggdrasill bedeutet Yggs (Odins) Pferd und meint den Galgen, an dem Odin nach Hávamál 138 neun Nächte hing.
Quelle/Tradition: Etymologie nach Simek und de Vries; Hávamál 138–141
Yggdrasil war ursprünglich eine Eibe, nicht eine Esche; der immergrüne Baum von Uppsala bei Adam von Bremen ist sein Abbild.
Quelle/Tradition: Forschungshypothese (barraskr = Nadelesche) seit dem frühen 20. Jh.; Adam von Bremen IV, 26, Scholion 138; nicht entschieden
Yggdrasil dient heute als Bild für Verbundenheit und Aushalten, als Meditationsmotiv, Tattoo und Sammelsymbol des Ásatrú; Runenwerfen wird mit Odins Selbstopfer verknüpft.
Quelle/Tradition: Neuheidnische und esoterische Praxis seit dem 20. Jh.
Odins Hängen am Baum war ein tatsächlich ausgeübter heidnischer Ritus, oder es ist der Kreuzigung nachgebildet; Runenwerfen zeigt, was Odin am Baum sah.
Quelle/Tradition: Beides sind Deutungen ohne Beleg; für eine Wirkung des Runenwerfens gibt es keinen Nachweis
BELEGT = wissenschaftlich oder amtlich nachprüfbar · ÜBERLIEFERT = historisch/traditionell dokumentiert · GELEBTE PRAXIS = verbreitete Anwendung, Erfahrungswerte · NICHT BELEGT = spirituelle Deutung, wissenschaftlich nicht nachgewiesen.
Die Quellen: Was wir über Yggdrasil wirklich wissen
Alles, was wir über Yggdrasil wissen, steht in drei Texten, die zwischen 1220 und 1270 auf Island aufgeschrieben wurden — zweihundert Jahre nach der Christianisierung. Die Lieder-Edda im Codex Regius enthält die Völuspá, die Weissagung der Seherin, die Grímnismál, in denen Odin selbst die Welt beschreibt, und die Hávamál, die Sprüche des Hohen. Die Snorra-Edda des Isländers Snorri Sturluson von etwa 1220 fasst das in der Gylfaginning zu einer geordneten Kosmologie zusammen — und genau diese Ordnung ist das Problem. Snorri war ein christlicher Gelehrter, der aus verstreuten Liedern ein System baute; wo die Lieder schweigen, hat er ergänzt, und wo sie sich widersprechen, hat er sich entschieden. Wer Yggdrasil verstehen will, muss beide Schichten auseinanderhalten: die Lieder, die älter und dunkler sind, und Snorris Lehrbuch, das klarer ist und jünger.
Der Name selbst ist ein Rätsel. Yggdrasill heißt wörtlich „Yggs Pferd", und Yggr, der Schreckliche, ist ein Name Odins. Ein Galgen heißt in der Skaldendichtung „Pferd des Gehenkten" — der Baum ist also der Galgen, an dem Odin hing. Die Lieder nennen ihn meist nur askr Yggdrasils, die Esche Yggdrasils, oder einfach der Baum, Mímameiðr, Mímirs Baum, oder Læraðr. Dass alle diese Namen denselben Baum meinen, ist die Annahme der Forschung, nicht die Aussage der Quellen.
Der Baum in den Grímnismál: Wurzeln, Brunnen, Bewohner
Die genaueste Beschreibung gibt Odin selbst, in den Grímnismál, gefesselt zwischen zwei Feuern, in den Strophen 29 bis 35. Drei Wurzeln hat die Esche, sagt er: Unter der einen wohnt Hel, unter der zweiten die Reifriesen, unter der dritten die Menschen. Snorri verlegt die dritte Wurzel zu den Göttern und ordnet jeder Wurzel eine Quelle zu — den Urdbrunnen bei den Asen, wo die Nornen wohnen und die Götter Gericht halten, Mímirs Brunnen bei den Riesen, in dem Weisheit liegt und Odins Auge, und Hvergelmir in Niflheim, den brausenden Kessel, aus dem alle Flüsse kommen.
Und dann kommen die Tiere, die den Baum zu einer Welt machen. Ein Adler sitzt in der Krone, zwischen seinen Augen ein Habicht namens Veðrfölnir, „der Wetterbleiche". Vier Hirsche — Dáinn, Dvalinn, Duneyrr und Duraþrór — fressen die Triebe. Unten, in Hvergelmir, nagt der Drache Níðhöggr, „der hasserfüllt Schlagende", an der Wurzel, und mehr Schlangen, „als ein Tor sich denken kann". Zwischen Adler und Drache läuft das Eichhörnchen Ratatoskr den Stamm auf und ab und trägt „Neidworte" hin und her. Die Esche, sagt Odin, „erduldet mehr Not, als Menschen wissen": Der Hirsch frisst oben, die Seite fault, der Drache reißt unten. Yggdrasil ist kein Symbol der Harmonie. Er ist ein Baum, der von allen Seiten angegriffen wird und trotzdem steht — und die Nornen begießen ihn jeden Morgen mit Wasser aus dem Urdbrunnen und bestreichen ihn mit weißem Lehm, damit er nicht verdorrt.
| Wesen | Ort am Baum | Was es tut | Quelle |
|---|---|---|---|
| Adler (namenlos) | Krone | sitzt, weiß viel | Grímnismál 32; Gylfaginning 16 |
| Veðrfölnir, Habicht | zwischen den Augen des Adlers | unklar — Wetterbote? | Gylfaginning 16 |
| Ratatoskr, Eichhörnchen | Stamm | trägt Beleidigungen zwischen Adler und Drache | Grímnismál 32; Gylfaginning 16 |
| Dáinn, Dvalinn, Duneyrr, Duraþrór, Hirsche | Äste | fressen die Triebe | Grímnismál 33 |
| Níðhöggr, Drache | Wurzel über Hvergelmir | nagt an der Wurzel, frisst Leichen | Grímnismál 32–35; Völuspá 39, 66 |
| Die Nornen Urðr, Verðandi, Skuld | Urdbrunnen an der Wurzel | begießen den Baum, schneiden Schicksal in Holz | Völuspá 19–20; Gylfaginning 15–16 |
| Heiðrún, Ziege, und Eikþyrnir, Hirsch | auf Walhall, fressen vom Baum Læraðr | Met und alle Flüsse | Grímnismál 25–26 |
Die neun Welten — die es in den Quellen nicht gibt
Jedes Poster zeigt sie: Asgard, Midgard, Vanaheim, Jötunheim, Alfheim, Svartalfheim, Niflheim, Muspelheim, Hel — ordentlich auf dem Baum verteilt, oben die Götter, unten die Toten. Ich muss dir etwas sagen, das die Poster nicht wissen: Keine Quelle zählt die neun Welten auf. Die Völuspá sagt in ihrer zweiten Strophe, die Seherin erinnere sich an „neun Welten, neun Wurzeln des mächtigen Maßbaums unter der Erde"; die Vafþrúðnismál lassen einen Riesen sagen, er habe alle neun Welten durchwandert bis nach Niflhel. Das ist alles. Die Neun ist eine heilige Zahl, die auch die Nächte Odins am Baum und die Schritte Thors nach dem Kampf mit der Schlange zählt — eine Zahl der Vollständigkeit, nicht ein Bauplan.
Die bekannte Liste haben Gelehrte des 19. Jahrhunderts aus den Ortsnamen zusammengestellt, die in Edda und Snorra-Edda verstreut vorkommen; dass es genau diese neun sind, ist eine Rekonstruktion, und die drei Wurzeln des Baums passen nicht einmal zu ihr. Das mindert den Baum nicht. Es macht ihn ehrlicher: Yggdrasil ist kein Organigramm des Kosmos, sondern ein Bild dafür, dass alles, was ist, an einem Stamm hängt und aus denselben Wurzeln trinkt.
Esche oder Eibe? Der Baum, der immer grün ist
Die Lieder nennen Yggdrasil askr, Esche — und beschreiben ihn als immergrün: „Eine Esche weiß ich, heißt Yggdrasil, ein hoher Baum, mit weißem Lehm begossen; von dort kommt der Tau, der in die Täler fällt; sie steht ewig grün über Urds Brunnen" (Völuspá 19). Eschen sind aber Laubbäume und im Winter kahl. Deshalb hat die Forschung seit dem frühen 20. Jahrhundert eine andere Lesart: Das altnordische barraskr, Nadelesche, meint die Eibe — und die Eibe ist immergrün, uralt, giftig, ein Baum der Friedhöfe und der Bogenschützen, in Skandinavien heilig. Der Baum von Uppsala, den Adam von Bremen um 1075 beschrieb, „im Winter wie im Sommer grün, von unbekannter Art", war vermutlich eine Eibe. Ob die Dichter der Edda wirklich eine Eibe meinten und „Esche" nur ein hochsprachliches Wort für „großer Baum" war, oder ob die Immergrünheit bloß die Übernatur des Baums ausdrückt, bleibt offen. Für dich heißt das: Wer dir sagt, Yggdrasil sei „die Weltesche", sagt die halbe Wahrheit, und wer sagt, es sei eine Eibe, die andere Hälfte.
Neun Nächte am Baum: Odin und die Runen
Die berühmteste Szene der Edda spielt an diesem Baum, und sie steht in den Hávamál, Strophen 138 bis 141. Odin spricht: „Ich weiß, dass ich hing am windigen Baum neun ganze Nächte, mit dem Speer verwundet, dem Odin geweiht, ich selbst mir selbst, an jenem Baum, von dem niemand weiß, aus welcher Wurzel er wächst. Mit Brot erquickte man mich nicht, noch mit dem Horn; ich spähte hinab, nahm die Runen auf, schreiend nahm ich sie, und fiel dann zurück." Das ist das Selbstopfer des Gottes: Er hängt sich an den Galgen, der sein Pferd heißt, verwundet sich mit seiner eigenen Waffe, hungert neun Nächte — die Zahl der Vollständigkeit — und holt aus der Tiefe die Runen, das Wissen, das schreibt.
Die Ähnlichkeit zur Kreuzigung ist oft bemerkt worden — Speerwunde, Durst, der Baum, der Gott, der sich selbst opfert — und ebenso oft bestritten. Die Strophen wurden von Christen aufgeschrieben, aber sie klingen nicht wie eine Nachahmung, sondern wie etwas Älteres: Der Schamane, der sich an den Weltenbaum hängt, um in die andere Welt zu kommen, ist eine Gestalt, die es von Sibirien bis Lappland gibt. Welche Richtung die Einflüsse nahmen, ist nicht zu klären. Was bleibt, ist das Bild: Wissen, das etwas kostet. Wer die Runen will, muss hängen.
Drei Wurzeln, drei Brunnen — Snorris Ordnung des Baums
Urðarbrunnr, der Urdbrunnen
Nornen · Gericht der Götter · weißer Lehm · Schwäne
Mímisbrunnr, Mímirs Brunnen
Weisheit · Odins Auge als Pfand · Mímirs Kopf
Hvergelmir, der brausende Kessel
Níðhöggr · alle Flüsse · Schlangen
Nach Gylfaginning 15. Die Grímnismál (31) verteilen die Wurzeln anders: Hel, Reifriesen, Menschen — ohne Götterwurzel.
Ragnarök: Der Baum, der zittert und nicht fällt
Am Ende der Welt, sagt die Seherin der Völuspá, „bebt Yggdrasils Esche, der alte Baum ächzt, der Riese kommt los". Der Baum fällt nicht — er zittert. Und in der Nachgeschichte, die Snorri erzählt, überleben zwei Menschen, Líf und Lífþrasir, das Weltfeuer, „verborgen im Holz Hoddmímis", das die Forschung meist als den Weltenbaum selbst liest. Sie ernähren sich vom Morgentau — demselben Tau, der nach Völuspá 19 vom Baum in die Täler fällt — und bevölkern die neue Erde. Yggdrasil ist damit das Einzige, was den Untergang der Götter überdauert. Nicht Odin, nicht Thor: der Baum, an dem alle nagen.
Wer Mitteleuropa kennt, sieht hier die Verwandten: die Irminsul der Sachsen, die „Allsäule, die alles trägt", die Karl der Große 772 zerstören ließ, und die Donareiche, die Bonifatius fällte. Ob diese Bäume und Säulen dasselbe meinten wie Yggdrasil, ist nicht zu beweisen; dass Menschen in ganz Nordeuropa das Bild eines Baums brauchten, der die Welt hält, schon.
Was der Baum heute trägt
Yggdrasil ist im 19. Jahrhundert zum Nationalsymbol geworden — Wagner ließ Wotans Speer aus der Weltesche schneiden und den Baum verdorren —, im 20. zur Gestalt der Religionswissenschaft, die im Weltenbaum einen Grundtyp der axis mundi sah, der Weltachse, die Himmel, Erde und Unterwelt verbindet, von den sibirischen Schamanen bis zum Kreuz. Heute ist er Tattoo, Anhänger, Titel von Spielen und Firmen, und für die Anhänger des Ásatrú ein Bild, unter dem sie sich versammeln. Das alles ist legitim, und es ist alles jünger als der Baum.
Was mich als Historiker an Yggdrasil hält, ist nicht die Ordnung, die Snorri ihm gab, sondern die Not, die Odin ihm zuschreibt. Ein Baum, der von Hirschen gefressen, von einem Drachen benagt und von einem Eichhörnchen verleumdet wird, den drei Frauen jeden Morgen mit Lehm bestreichen, damit er nicht stirbt, und der am Ende zittert, aber steht — das ist kein Symbol der kosmischen Harmonie. Es ist ein Bild des Aushaltens. Und es ist das einzige, das die Götter überlebt.
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Eine Skandinavistin, mit der ich über die Eibenfrage gesprochen habe, hält sie für unentscheidbar und für die falsche Frage: „Die Dichter haben nicht botanisiert. Sie haben den größten Baum gemeint, den es gibt, und ihm gegeben, was kein Baum hat — dass er nie kahl wird. Ob sie dabei an eine Eibe im Hof dachten oder an gar nichts, ändert am Gedicht nichts." Ihr Rat an Leser: die Grímnismál in einer guten Übersetzung lesen, nicht die Zusammenfassungen. „Das Original ist kürzer als jede Erklärung und besser."
Ein Runenleser, der seit zwanzig Jahren mit dem älteren Futhark arbeitet, sagte mir, er beginne jede Sitzung mit den Hávamál-Strophen, nicht aus Frömmigkeit, sondern aus Ehrlichkeit: „Die Strophen sagen, dass Wissen etwas kostet. Wer die Runen wirft, sollte wissen, dass er dafür etwas gibt — Zeit, Aufmerksamkeit, die Bereitschaft, eine Antwort zu hören, die er nicht wollte. Der Baum ist die Erinnerung daran."
Was wir nicht versprechen
Wir behaupten nicht, dass die Menschen der Wikingerzeit die „neun Welten" so kannten, wie Poster sie zeigen — die Liste ist eine Rekonstruktion des 19. Jahrhunderts. Wir behaupten nicht, dass Yggdrasil eine Esche war oder eine Eibe; die Quellen erlauben beides und entscheiden nichts. Wir behaupten nicht, dass Odins Selbstopfer ein heidnischer Ritus war, den es so gegeben hat, oder dass es der Kreuzigung nachgebildet ist; beides sind Deutungen. Und wir behaupten nicht, dass ein Räucherwerk oder ein Runenwurf dir zeigt, was Odin am Baum sah. Was wir sagen: Yggdrasil ist das genaueste Bild, das der Norden für das Aushalten gefunden hat — und ein Bild kann man tragen, ohne an einen Baum zu glauben.
Praktisch: so gehst du damit um
- Lies die Quelle, nicht die Zusammenfassung. Grímnismál 29–35, Völuspá 19–20, Hávamál 138–141: zusammen keine zwei Seiten. Danach weißt du mehr als die meisten, die den Baum tätowiert tragen.
- Trenne Snorri von den Liedern. Drei Wurzeln bei den Göttern, Riesen und Toten sind Snorri. Hel, Riesen, Menschen sind die Grímnismál. Beides ist Edda; nur eines ist älter.
- Nimm die Neun als Zahl, nicht als Karte. Neun Nächte, neun Welten, neun Schritte — es ist die Zahl der Vollständigkeit. Wer dir eine Landkarte der neun Welten verkauft, verkauft ein Poster.
- Such dir einen Baum. Nicht die Weltesche, einen Baum in deiner Nähe. Besuch ihn in allen vier Jahreszeiten. Das ist die ganze Praxis, die die Nornen vormachen: begießen, bestreichen, wiederkommen.
- Wenn du die Runen wirfst, gib etwas dafür. Zeit, Stille, die Bereitschaft für eine unbequeme Antwort. Wie das Werfen geht, steht im Runen-Orakel; welches Wesen Odin zwischen die Welten trägt, bei Sleipnir.
Häufige Fragen
Was bedeutet Yggdrasil?
Wörtlich „Yggs Pferd" — Yggr, der Schreckliche, ist ein Name Odins, und „Pferd" ist in der Skaldendichtung ein Wort für den Galgen. Der Name verweist also auf Odins Selbstopfer: Er hing neun Nächte an diesem Baum (Hávamál 138). Andere Deutungen des Namens gibt es, keine ist gesichert.
Welche neun Welten hängen an Yggdrasil?
Die Quellen nennen die Zahl neun (Völuspá 2, Vafþrúðnismál 43), zählen die Welten aber nie auf. Die übliche Liste — Asgard, Midgard, Vanaheim, Jötunheim, Alfheim, Svartalfheim, Niflheim, Muspelheim, Hel — ist eine Rekonstruktion des 19. Jahrhunderts aus verstreuten Ortsnamen.
Ist Yggdrasil eine Esche oder eine Eibe?
Die Edda nennt ihn Esche (askr), beschreibt ihn aber als immergrün, was auf Eschen nicht zutrifft. Seit dem frühen 20. Jahrhundert deutet ein Teil der Forschung ihn als Eibe (altnordisch barraskr, „Nadelesche"); der immergrüne heilige Baum von Uppsala bei Adam von Bremen stützt das. Entschieden ist die Frage nicht.
Welche Tiere leben in Yggdrasil?
Ein Adler in der Krone mit dem Habicht Veðrfölnir zwischen den Augen, das Eichhörnchen Ratatoskr am Stamm, vier Hirsche (Dáinn, Dvalinn, Duneyrr, Duraþrór) in den Ästen und der Drache Níðhöggr mit vielen Schlangen an der Wurzel über Hvergelmir (Grímnismál 32–35, Gylfaginning 16).
Was hat Odin am Baum getan?
Nach Hávamál 138–141 hing er neun Nächte am windigen Baum, mit dem Speer verwundet, sich selbst geopfert, ohne Brot und Trank, und nahm aus der Tiefe die Runen auf. Ob dahinter ein realer Ritus, schamanische Vorstellungen oder christlicher Einfluss steht, ist umstritten.
Überlebt Yggdrasil Ragnarök?
Ja. Nach der Völuspá bebt und ächzt die Esche beim Weltuntergang, fällt aber nicht; nach Snorri überleben die Menschen Líf und Lífþrasir „im Holz Hoddmímis", das meist als der Weltenbaum gedeutet wird, und bevölkern die neue Erde.
Quellen & Weiterlesen
- Die Edda. Götterlieder, Heldenlieder und Spruchweisheiten der Germanen, übers. Arnulf Krause (Reclam) — Völuspá 2, 19–20, 47; Grímnismál 25–35; Hávamál 138–141; Vafþrúðnismál 43.
- Snorri Sturluson, Die Edda des Snorri Sturluson, übers. Arnulf Krause (Reclam) — Gylfaginning 15–16, 53.
- Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie (3. Aufl. 2006), Artikel „Yggdrasill", „Níðhöggr", „Ratatoskr", „Neun Welten".
- Adam von Bremen, Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum, IV, 26 und Scholion 138 (der Baum von Uppsala).
- Mircea Eliade, Schamanismus und archaische Ekstasetechnik (1951; dt. 1957), Kapitel zum Weltenbaum.
- Im Magazin: Baumkult in Mitteleuropa · Snorri Sturluson · Fenrir · Runen: das ältere Futhark
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