Concord Prison Experiment: Timothy Learys Psilocybin-Versuch mit Häftlingen — und die Zahl, die 35 Jahre lang falsch erzählt wurde
Ein Gefängnis bei Boston, 32 Häftlinge, Gruppensitzungen mit Psilocybin. Timothy Leary meldet 1963, die Rückfälle seien fast halbiert. Die Zahl geht um die Welt. 35 Jahre später öffnet ein Harvard-Doktorand die alten Gefangenenakten.
Am 20. Januar 1996 sitzen zwei Männer im Haus von Timothy Leary. Beide haben Anfang der Sechzigerjahre im Gefängnis von Concord gesessen, und beide haben dort, hinter Backsteinmauern, an einem Versuch der Harvard University teilgenommen. Ein Tonbandgerät läuft. Leary ist 75 Jahre alt und von einer tödlichen Krankheit gezeichnet. Er wird im Mai sterben. Auch Gunther Weil ist da, einer seiner damaligen Mitarbeiter. Organisiert hat das Treffen Rick Doblin, Doktorand an der Kennedy School of Government in Harvard.
Inhalt
Das Concord Prison Experiment war ein Versuch eines Harvard-Teams unter Timothy Leary, das 1961 bis 1963 im Gefängnis MCI-Concord in Massachusetts 32 freiwilligen Häftlingen Gruppentherapie mit Psilocybin anbot, um ihre Rückfallquote nach der Entlassung zu senken. Leary meldete 1963 eine Rückfallquote von 32 statt erwarteter 56 Prozent, verglich dabei aber zehn Monate nach der Entlassung mit 30 Monaten; zum gleichen Zeitpunkt lag die Vergleichsgruppe bei 34,3 Prozent. Schon die Auswertung vom Juli 1964 zeigte keinen Unterschied (59 gegen 56 Prozent), und Rick Doblins Nachprüfung der Gefangenenakten von 1998 fand nach 30 Monaten 71 Prozent Rückfälle in einer Stichprobe von 21 Männern. Mitautor Ralph Metzner räumte die Fehler im selben Heft ein. Ob Psilocybin mit echter Nachbetreuung Rückfälle senken könnte, ist in kontrollierten Studien nicht geklärt.
Ein Harvard-Team unter Timothy Leary bot 1961 bis 1963 im Gefängnis MCI-Concord in Massachusetts 32 freiwilligen Häftlingen kurz vor der Entlassung Gruppentherapie mit Psilocybin an, um die Rückfallquote zu senken. Gemessen wurde gegen eine Basisrate, die Ralph Metzner und Gunther Weil aus den Akten von 311 Entlassenen des Jahres 1959 erhoben hatten (56 Prozent nach 30 Monaten).
Learys Erfolgsmeldung vom 15. Januar 1963 (32 Prozent Rückfälle gegenüber erwarteten 56 Prozent) verglich die Versuchsgruppe nach durchschnittlich zehn Monaten mit der Vergleichsgruppe nach 30 Monaten. Nach der Kurve der Basisratenstudie lag die Vergleichsgruppe nach zehn Monaten bei 34,3 Prozent (Doblin 1998).
Die Auswertung vom Juli 1964 ergab 59 Prozent Rückfälle gegenüber erwarteten 56 Prozent; der Aufsatz von Leary u. a. 1965 berichtet keinen Unterschied in der Gesamtquote. Learys spätere Bücher und Aufsätze nennen nur den Stand vom Januar 1963.
Rick Doblin wertete 1998 die erhaltenen Akten von 21 der 32 Teilnehmer aus: 71 Prozent waren nach 30 Monaten zurück im Gefängnis (für alle 32 eine Spanne von 56 bis 88 Prozent). Die meisten von Leary als Bewährungsverstöße gezählten Rückkehrer hingen mit späteren Verurteilungen für neue Taten zusammen.
Mitautor Ralph Metzner bestätigte im selben Heft des Journal of Psychoactive Drugs die Rechenfehler, sprach vom Halo-Effekt und schrieb, er habe selbst über das Projekt gesprochen, als habe es die Rückfälle gesenkt.
Im Juni 2024 stimmte ein FDA-Beratergremium mit 9 zu 2 gegen den Wirksamkeitsnachweis der MDMA-gestützten Therapie bei PTBS, im August 2024 lehnte die FDA den Antrag von Lykos Therapeutics vorerst ab; die Zeitschrift Psychopharmacology zog im selben Monat drei Aufsätze wegen nicht offengelegter Protokollverletzungen zurück. Doblin widerspricht der Rücknahme laut Rücknahmehinweis.
Dass Psychedelika in Concord die Rückfälle halbiert hätten, wurde über Jahrzehnte in Büchern, Vorträgen und Rundbriefen weitergegeben, auch von Leary selbst.
Dass Psilocybin Straffälligkeit oder Rückfälle verringert. Eine Beobachtungsstudie (Hendricks u. a. 2014, 25.622 Personen) fand einen Zusammenhang, ein kontrollierter Versuch mit der Rückfallquote als Ziel ist nicht bekannt. Keine Heil- oder Wirkungsaussage.
Dass Timothy Leary die Zahlen bewusst gefälscht hat. Ralph Metzner hielt 1998 Nachlässigkeit aus Begeisterung für wahrscheinlicher; entscheiden lässt es sich nach eigener Aussage nicht mehr.
BELEGT = wissenschaftlich oder amtlich nachprüfbar · ÜBERLIEFERT = historisch/traditionell dokumentiert · GELEBTE PRAXIS = verbreitete Anwendung, Erfahrungswerte · NICHT BELEGT = spirituelle Deutung, wissenschaftlich nicht nachgewiesen.
Einer der beiden Männer erzählt, was er vor gut drei Jahrzehnten im Gefängnis erlebt hat. Er sei „zurück im Mutterleib“ gewesen, sagt er, und habe wie in einem Film seine beiden älteren Brüder gesehen, die die Mutter fragen, ob sie draußen spielen dürfen. Er will mit. Die Mutter sagt nein. Warum nicht? „Weil du noch gar nicht geboren bist.“ Dann sagt er einen Satz, der in diesem Raum schwerer wiegt als jede Vision: Er sei überzeugt, dass er nicht wieder ins Gefängnis gekommen wäre, wenn ihm nach der Entlassung jemand geholfen hätte. „Wer will schon sitzen?“
Es ist ein bewegender Nachmittag. Leary habe ihn „sehr genossen“, schreibt Doblin später. Was an diesem Tag noch niemand ausspricht: Das Experiment, das die drei verbindet, gilt seit drei Jahrzehnten als einer der großen Erfolge der Psychedelikaforschung. Und der Mann, der das Treffen organisiert hat, arbeitet sich gerade durch die Akten, die diesen Erfolg auflösen werden.
Dies ist die Geschichte des Concord Prison Experiment, auf Deutsch des Concord-Gefängnisexperiments: wie aus einem ehrlichen Pilotversuch eine Legende wurde, wie eine einzige falsch gewählte Vergleichszahl sie trug — und wie ein Mitautor 35 Jahre später schrieb, er habe keine Ahnung, woher diese Zahl kam.
Der Psychologe, der an Psychotherapie zweifelte
Timothy Leary kommt nicht als Rebell nach Harvard, sondern als Statistiker. Bevor er Ende 1959 Dozent für klinische Psychologie in Harvard wird, hat er, so beschreibt es sein damaliger Doktorand Ralph Metzner, ein Jahrzehnt lang Psychotherapien statistisch ausgewertet. Sein Befund war ernüchternd: Nichts davon wirkte messbar besser als der Zufall, jedenfalls soweit die Tests es zeigen konnten.
Im August 1960 probiert Leary in Cuernavaca, Mexiko, zum ersten Mal Pilze, die Psilocybin enthalten. Die Harvard Crimson hat 2013 nachgezeichnet, wie schnell danach aus Neugier ein Forschungsprogramm wurde: Leary und sein Kollege Richard Alpert beginnen Versuche mit dem Wirkstoff, den der Schweizer Hersteller Sandoz damals für Forschungszwecke liefert, zunächst mit Freiwilligen aus ihrem Umfeld. Eine Vorstudie, die Leary, George Litwin und Metzner 1963 im Journal of Nervous and Mental Disease veröffentlichen, liefert eindrucksvolle Selbstauskünfte: 88 Prozent der Teilnehmer sagen, sie hätten etwas Wertvolles über sich und die Welt gelernt, 62 Prozent, ihr Leben habe sich zum Besseren verändert.
Selbstauskünfte aber sind genau das, was Leary misstraut. Er sucht einen Maßstab, den niemand wegdiskutieren kann. Metzner schreibt später, Leary habe in der Rückfallquote entlassener Häftlinge den „perfekten, unbestreitbaren“ Verhaltensindex für Persönlichkeitswandel gesehen. Wer nach der Entlassung nicht wieder im Gefängnis landet, hat sich verändert. Wer zurückkommt, nicht. Keine Fragebögen, keine Deutung. Eine Zahl.
Das ist der Kern dieser Geschichte, und er ist bemerkenswert: Das Concord-Experiment wurde ausdrücklich gebaut, um sich nicht selbst zu täuschen.
Concord, 1961: Ein Gefängnis für junge Männer
Die Massachusetts Correctional Institution Concord liegt westlich von Boston, nicht weit von Cambridge. Eröffnet wurde sie 1878 als Staatsgefängnis, ab 1884 diente sie als Besserungsanstalt für junge Männer. In den frühen Sechzigern ist sie ein Hochsicherheitsgefängnis für junge Straftäter. 1961 beginnt hier das Programm, das Learys Team später in einem Aufsatztitel als neuen Weg zur Verhaltensänderung beschreibt.
Der Aufbau, wie ihn Doblin 1998 aus den Originalberichten rekonstruiert, ist für seine Zeit ungewöhnlich. Alle Teilnehmer sind Freiwillige, fast alle stehen kurz vor einer möglichen Entlassung auf Bewährung. Je etwa vier Häftlinge bilden mit zwei Mitgliedern des Forschungsteams eine Gruppe. Über rund sechs Wochen treffen sie sich zweimal pro Woche. Am Anfang stehen Persönlichkeitstests, etwa das Minnesota Multiphasic Personality Inventory und das California Psychological Inventory, deren Ergebnisse mit den Teilnehmern besprochen werden. Dann folgen vorbereitende Gespräche, eine ganztägige Gruppensitzung mit Psilocybin, Nachgespräche, in der Regel eine zweite Sitzung und am Ende dieselbe Testbatterie noch einmal. Über zwei Jahre durchlaufen 32 Häftlinge das Programm.
Zwei Details machen das Experiment bis heute berühmt. Erstens nimmt meist einer der Forscher während der Sitzung selbst Psilocybin, als Zeichen von Vertrauen und Gleichrangigkeit. Zweitens gibt es keine Geheimnisse. „Wir haben euch Jungs die ganze Macht gegeben“, sagt Leary 1996 auf dem Tonband. Die Häftlinge sehen ihre eigenen Testergebnisse und entscheiden sogar mit, wer als Nächster in die Gruppe aufgenommen wird. In den meisten Gruppen sitzt zudem ein Häftling, der den Ablauf schon hinter sich hat.
Was dem Programm fehlt, sieht das Team schnell: alles, was nach dem Gefängnistor kommt. Leary schreibt 1965, diese Phase nach der Entlassung sei „nie voll entwickelt“ worden; man hätte ein Übergangswohnheim gebraucht, in dem sich die Männer regelmäßig treffen, nach dem Vorbild der Anonymen Alkoholiker. Stattdessen gibt es eine eigens gegründete Organisation namens Freedom Inc., unregelmäßige Kontakte, Hilfe bei Wohnung und Arbeit. Metzner erinnert sich an Fahrten in Bostoner Bars, nur um mit den Männern in Verbindung zu bleiben.
Ein Sommer im Aktenkeller: Die Messlatte
Damit eine Rückfallquote etwas bedeutet, braucht man einen Vergleich. Eine echte Kontrollgruppe, also Häftlinge, die dasselbe Programm ohne Psilocybin durchlaufen, gibt es in Concord nicht. Stattdessen bauen Metzner und sein Kommilitone Gunther Weil eine Basisrate. Sie verbringen, so Metzner, „den größten Teil eines Sommers“ in den Archiven der Strafvollzugsbehörde von Massachusetts und gehen Hunderte Gefangenenakten durch.
Das Ergebnis erscheint 1963 im Journal of Criminal Law, Criminology and Police Science: „Predicting Recidivism: Base-Rates for Massachusetts Correctional Institution Concord“. Ausgewertet sind laut Doblin alle 311 Männer, die 1959 aus Concord entlassen oder auf Bewährung freigelassen wurden. Nach 30 Monaten waren 56 Prozent von ihnen zurück im Gefängnis, nach Learys späterer Angabe je zur Hälfte wegen neuer Straftaten und wegen Verstößen gegen Bewährungsauflagen. Und, das wird wichtig: Die Studie enthält eine Kurve, die zeigt, wie die Rückfallquote mit der Zeit ansteigt. Wer länger draußen ist, hat mehr Gelegenheit, erwischt zu werden.
56 Prozent nach zweieinhalb Jahren. Diese Zahl ist die Messlatte, an der sich das ganze Experiment messen lassen will. Sie ist sauber erhoben. Das Problem entsteht erst, als sie benutzt wird.
15. Januar 1963: Die Zahl, die um die Welt ging
Zum Stichtag 15. Januar 1963 sind 28 der 32 Teilnehmer entlassen, im Schnitt seit zehn Monaten. Leary meldet eine Rückfallquote von 32 Prozent. Das ist, gemessen an den erwarteten 56 Prozent, fast eine Halbierung. In einem anderen Aufsatz nennt er für denselben Stichtag sogar 27 Prozent. In seiner Autobiografie heißt es später, man habe „doppelt so viele Sträflinge auf der Straße gehalten wie erwartet“.
Diese Zahl macht Karriere. Sie steht in Learys Büchern, in Psychedelic Review, im British Journal of Social Psychiatry und in den Sachbüchern, die Jahrzehnte später die Geschichte der Psychedelika erzählen. Doblin listet 1998 auf, wer das Experiment als „etwas nützlich“ und wer als „erstaunlichen Erfolg“ beschreibt. In der viel gelesenen Psychedelics Encyclopedia von Peter Stafford wird der Psychologe Stanley Krippner mit einer noch dramatischeren Variante zitiert: erwartet 64 Prozent, tatsächlich 25 Prozent nach sechs Monaten. Ein MAPS-Rundbrief von 1992 nennt 23 gegen erwartete 65 Prozent. Die Messlatte wandert, je nachdem, wer erzählt. Die Botschaft bleibt dieselbe.
Was in keinem dieser Texte steht: Die 56 Prozent gelten für Männer, die 30 Monate draußen waren. Die 32 Prozent gelten für Männer, die im Schnitt zehn Monate draußen waren. Verglichen werden also zwei Gruppen, von denen die eine dreimal so lange Gelegenheit hatte, rückfällig zu werden. Die Kurve, mit der man es richtig hätte machen können, lag in der Basisratenstudie bei.
Juli 1964: Das Ergebnis, das niemand zitierte
Leary ist zu diesem Zeitpunkt kein Harvard-Dozent mehr. Am 27. Mai 1963 erklärt Universitätspräsident Nathan Pusey, Leary habe den Campus ohne Erlaubnis verlassen und seine Lehrveranstaltungen nicht gehalten; sein Gehalt wurde zum 30. April eingestellt. Richard Alpert wird im selben Jahr entlassen, weil er laut Crimson gegen Universitätsregeln einem Studenten im Grundstudium eine Droge gegeben hatte. Um diese Zeit, so ein MAPS-Rundbrief von 1992, schläft auch die Nachbetreuungsgruppe der entlassenen Häftlinge ein.
Die Auswertung aber geht weiter. Im Juli 1964 sind 27 Teilnehmer entlassen, seit 18 bis 26 Monaten. 59 Prozent von ihnen sind zurück im Gefängnis. Erwartet waren 56. Das Ergebnis ist eindeutig: kein Unterschied. Es steht 1965 in der Fachzeitschrift Psychotherapy: Theory, Research and Practice, im Aufsatz von Leary, Metzner, dem betreuenden Psychiater Madison Presnell, Weil, R. Schwitzgebel und S. Kinne. Metzner hat ihn nach eigenen Worten größtenteils entworfen.
Ganz ohne Hoffnung endet der Aufsatz trotzdem nicht. Leary findet einen zweiten Befund: In der Basisrate kehrten die Männer je zur Hälfte wegen neuer Straftaten und wegen Bewährungsverstößen zurück. In der Versuchsgruppe aber seien 52 Prozent wegen Verstößen und nur 7 Prozent wegen neuer Straftaten zurückgekommen. Das sei auf dem Niveau von 0,01 signifikant. Seine Deutung: Die Teilnehmer würden enger überwacht und deshalb schon für Kleinigkeiten zurückgeschickt. „Die Hauptschlussfolgerung“, schreibt er, „lautet: Anderthalb Jahre nach Ende des Programms ist die Rate neuer Straftaten gesenkt.“
Danach geschieht etwas Merkwürdiges. In allen späteren Büchern und Aufsätzen Learys taucht die Auswertung vom Juli 1964 nicht mehr auf. Zitiert wird nur noch der Stichtag Januar 1963, als habe es danach keine Nachprüfung gegeben. Doblin schreibt 1998, er selbst und viele andere seien dadurch zu dem Eindruck gekommen, das Experiment habe die Rückfälle gesenkt. Nur ein einziges Mal nach 1965 wird der spätere Befund wieder erwähnt, in einem Text von 1994, bei dem Leary nicht Erstautor ist.
Dieses Muster kennst du vielleicht aus einer anderen Recherche dieser Redaktion: Beim Karfreitagsexperiment von 1962, ebenfalls unter Learys Aufsicht, fehlte jahrzehntelang ein Detail, bis ausgerechnet Rick Doblin nachfragte.
Der Zeitstrahl
1991 bis 1994: Ein Aktenordner und eine Schlagzeile
Dass es überhaupt zu einer Nachprüfung kommt, verdankt sich einem Zufall. Die Strafvollzugsbehörde von Massachusetts hat die Unterlagen des Experiments wegen seiner historischen Bedeutung aufbewahrt: eine unverschlüsselte Namensliste der Teilnehmer, Learys Zwischenberichte, Briefwechsel, persönliche Erlebnisberichte der Häftlinge. Michael Forcier, ein Sozialwissenschaftler, der seit Jahren für die Behörde forscht, weiß davon. 1991 liest er einen Meinungsbeitrag über Doblins Nachuntersuchung des Karfreitagsexperiments und bietet ihm an, dasselbe mit Concord zu tun. Nach einem langen Verfahren stimmt das Büro von Gouverneur William Weld zu.
Im Winter 1992/93 kündigen Forcier und Doblin das Projekt im MAPS-Rundbrief an, mit Learys Zahlen als Ausgangspunkt. Doblin schreibt später offen, er habe damals an einen „erfolgreich bewiesenen Ansatz“ geglaubt und gehofft, neue Forschung anzustoßen.
Dann kommt die Öffentlichkeit dazwischen. Am 1. Januar 1994 bringt der Boston Globe auf der Titelseite den Artikel „Inmates Used in 60s Drug Test“. Es ist die Zeit, in der gerade bekannt geworden ist, dass Forscher in den Vierziger- und Fünfzigerjahren in einer staatlichen Schule in Waltham jungen Menschen mit geistiger Behinderung ohne angemessene Einwilligung radioaktiv versetzte Milch und Eisenpräparate gegeben hatten. Der Globe stellt die Frage, ob auch die Häftlinge in Concord ohne echte Zustimmung teilnahmen oder auf eine frühere Entlassung hofften. Die Washington Post greift das auf; am 4. Januar zitiert sie Doblin: Nach den schriftlichen Unterlagen seien die Männer über das Geschehen informiert worden, ein Vergleich mit den Strahlenversuchen sei „nicht gerechtfertigt“.
Zwei Tage später spricht der Globe mit zwei ehemaligen Teilnehmern, und ihre Antworten könnten unterschiedlicher nicht sein. Der eine sagt, das Experiment habe ihn aus dem Gefängnis herausgehalten, er könne seitdem „sehr tief“ nachdenken. Der andere war zur Zeit des Versuchs 17 Jahre alt. Er nennt Concord das Ereignis, das ihm „die Tür zu einem Leben voller Schmerz“ geöffnet habe: zwanzig Jahre Drogen, weitere Haftstrafen, fünf Entzugsprogramme. Beide erinnern sich, eine Einwilligung unterschrieben zu haben, in Aussicht auf eine frühere Entlassung. Auch das gehört zu dieser Geschichte, und es wird in der Legende fast nie erzählt.
Die Nachrechnung: 21 Akten, zwei Fehler
Die Akten der frühen Sechziger sind nicht digitalisiert. Doblin muss sie in den Büros der Behörde in der Bostoner Innenstadt von Hand durchgehen. Von den 32 Namen auf der Liste findet er nur für 21 eine Akte. Bundesdaten ruft er per Computer ab. Für die 21 vorhandenen Fälle stimmt die Rückfallquote vom Juli 1964 recht genau mit Learys Angaben für die ganze Gruppe überein, deshalb behandelt er sie als zufällige Teilmenge.

Der erste Fehler ist der Zeitvergleich. Doblin legt die Kurve aus der Basisratenstudie neben Learys Zahl. Nach zehn Monaten waren in der Vergleichsgruppe 34,3 Prozent zurück im Gefängnis, in der Versuchsgruppe 32 Prozent. Der Unterschied beträgt 2,3 Prozentpunkte, nicht 23. Statistisch ist das, so Doblin, gleichbedeutend mit keinem Effekt. Der „dramatische Behandlungseffekt“ vom Januar 1963 entstand allein dadurch, dass die falsche Vergleichszahl benutzt wurde.
Der zweite Fehler steckt in der Zählweise. Doblin findet mit einiger Mühe heraus, wie Leary zwischen Bewährungsverstoß und neuer Straftat unterschieden hat: Er zählte nur den Grund der ersten Rückkehr ins Gefängnis. Wer auf Bewährung draußen war, wegen einer neuen Tat festgenommen, zunächst wegen Bewährungsverstoßes zurückgeschickt und erst danach für die neue Tat verurteilt wurde, zählte als Bewährungsverstoß. Gerade die engere Überwachung, die Leary als Erklärung anführte, beschleunigte also die Rückführung, bevor ein Urteil vorlag. Das erzeugte die „Illusion“, schreibt Doblin, die Männer hätten weniger neue Straftaten begangen.
Zählt man jede Rückkehr, die mit einer späteren Verurteilung für eine neue Tat zusammenhängt, als neue Straftat, sieht das Bild so aus: Von den 18 Männern der Stichprobe, die bis Juli 1964 entlassen waren, kamen sieben wegen neuer Straftaten zurück, fünf wegen Verstößen und sechs gar nicht. Nur drei der Rückkehrer wurden wegen rein technischer Verstöße zurückgeschickt, laut Doblin in jedem Fall vor allem wegen Problemen mit Alkohol. Die Unterscheidung, auf der Learys zweiter Erfolg ruhte, sei „weitgehend bedeutungslos“.
Und nach zweieinhalb Jahren, dem längsten Zeitraum, für den es Vergleichswerte gibt? Von den 21 Männern sind 15 zurück im Gefängnis: 71 Prozent. Für alle 32 lässt sich nur eine Spanne berechnen, zwischen 56 und 88 Prozent. Der bestmögliche Fall entspricht exakt der Basisrate. Über die folgenden 31,5 Jahre steigt die Quote in der Stichprobe auf 76 Prozent. Fünf der 21 Männer kehren nie zurück.
Die Antwort im selben Heft: „Halo-Effekt“
Doblins Aufsatz erscheint im Herbst 1998 im Journal of Psychoactive Drugs, Band 30, Heft 4. Metzner hat das Manuskript vorab ausführlich kritisiert, so steht es in einer Fußnote. Und im selben Heft antwortet Metzner selbst. Es ist einer der bemerkenswertesten Texte, die die Psychedelikaforschung hervorgebracht hat, weil er nichts beschönigt.
Es sei „beunruhigend“, schreibt Metzner, 35 Jahre später festzustellen, dass ein Projekt, an dem er beteiligt war und über das er geschrieben hatte, falsch gerechnet und falsche Schlüsse gezogen habe. Er habe „keine Ahnung“, wie Leary auf den Befund mit den Bewährungsverstößen gekommen sei. Er wisse auch nicht, woher die 32 Prozent stammten. Den Fehler mit der Vergleichszahl habe Leary in Psychedelic Review wiederholt, und er, Metzner, habe ihn als Herausgeber nicht bemerkt. „Wir waren beide unter dem Halo-Effekt.“ Gemeint ist die bekannte Neigung von Forschenden, ihre Daten im günstigsten Licht zu sehen.
„I have myself, in later years, sometimes forgotten the basically negative result we reported in the study, and talked about the project as if we lowered the recidivism rate.“
„Ich selbst habe in späteren Jahren manchmal das im Grunde negative Ergebnis vergessen, das wir in der Studie berichtet hatten, und über das Projekt gesprochen, als hätten wir die Rückfallquote gesenkt.“
Ralph Metzner: Reflections on the Concord Prison Project and the Follow-Up Study, Journal of Psychoactive Drugs 30/4, 1998; nachgedruckt im MAPS Bulletin 9/4, 1999/2000.
Hat Leary also gefälscht? Metzner hält die Frage für nicht mehr entscheidbar. Ob Leary die Fehler bewusst gemacht habe oder aus übergroßer Begeisterung nachlässig gewesen sei, könne man nicht sagen. Er neige zur zweiten Erklärung, schon weil die eigenen Ergebnisse von 1965 den Widerspruch offen zeigten. In einem Punkt widerspricht er Doblin: Die Forschung brauche keinen „höheren Standard“, um Behörden zu gefallen. Die üblichen Regeln von Ehrlichkeit und Vollständigkeit reichten völlig. Fehler zu machen sei weder unethisch noch unwissenschaftlich, solange man sie berichtet und korrigiert, wenn man sie findet.
Und Leary? Auf dem Tonband von 1996 erzählt er eine Szene aus einer der Sitzungen, die man nicht vergisst. Er habe zur Gruppe gesprochen, alle seien wie gebannt gewesen, „und plötzlich hatte ich diesen Blitz, als wärt ihr alle in meinem Netz, wie bei einer Spinne“. Er habe sich dafür geschämt und sei zusammengebrochen; als er auf einer Pritsche zu sich kam, hätten die Häftlinge ihn umsorgt. Auf die Frage, was er bei einer Wiederholung ändern würde, nennt er nur eines: „ein System von Übergangswohnheimen aufbauen. Ein Unterstützungssystem ist wirklich nötig.“ Leary stirbt am 31. Mai 1996. Doblins Aufsatz erlebt er nicht mehr.
Sehenswert: Die NourishED Research Foundation stellt einen weiteren Aufsatz aus Learys Gefängnisprojekt vor (Leary und Clark 1963), der sich den Erlebnisberichten der Häftlinge widmet. Das ist die Erlebnisseite; die Zahlen dazu stehen oben.
Die Messlatte gilt für alle
Doblin zieht 1998 zwei Schlüsse. Der erste ist methodisch: Das Scheitern von Concord beweise nicht, dass Psychedelika in der Therapie mit Straftätern wertlos seien. Es solle aber endlich den Mythos beerdigen, dass Psychedelika „Wundermittel“ („magic bullets“) seien, die nach einer oder wenigen Erfahrungen automatisch Weisheit und dauerhaften Wandel bringen. Ob ein neues Programm mit Psilocybin und echter Nachbetreuung die Rückfälle senke, sei eine offene empirische Frage, die nur ein neues Experiment klären könne. Der zweite Schluss ist ethisch: Die Psychedelikaforschung müsse sich an die höchsten Standards halten, um das Vertrauen von Behörden und Öffentlichkeit zu behalten.
Ein neues Experiment im Sinne Doblins, mit Kontrollgruppe und der Rückfallquote als Ziel, ist in den für diesen Artikel geprüften Quellen nicht verzeichnet. Es gibt Beobachtungsdaten: Peter Hendricks und Kollegen werteten 2014 die Daten von 25.622 Menschen unter Bewährungsaufsicht aus, die mit Suchtmitteln zu tun hatten. Wer angab, Halluzinogene genommen zu haben, scheiterte seltener an den Auflagen. Die Autoren formulieren vorsichtig, Halluzinogene „könnten“ Abstinenz und sozialeres Verhalten fördern. Mehr kann eine solche Korrelation nicht zeigen: Wer welche Substanz nahm, wurde nicht zugeteilt, sondern nur abgefragt.
Und Doblins zweiter Satz ist inzwischen selbst zur Messlatte geworden, an der seine eigene Organisation gemessen wird. Im Juni 2024 stimmt ein Beratergremium der US-Arzneimittelbehörde FDA mit 9 zu 2 Stimmen dagegen, dass die Daten zur MDMA-gestützten Therapie bei posttraumatischer Belastungsstörung die Wirksamkeit belegen, und mit 10 zu 1, dass der Nutzen die Risiken überwiege. Mehrere Mitglieder nennen Zweifel an der Verlässlichkeit der Daten. Im August 2024 lehnt die FDA den Zulassungsantrag von Lykos Therapeutics, einer Ausgründung der von Doblin 1986 gegründeten Organisation MAPS, vorerst ab und verlangt eine weitere Phase-III-Studie. Im selben Monat zieht die Fachzeitschrift Psychopharmacology drei Aufsätze zurück. Begründung laut Rücknahmehinweis: Protokollverletzungen an einem Studienort, die den Autoren bei der Einreichung bekannt waren und weder offengelegt noch aus der Auswertung entfernt wurden. Doblin gehört zu den Autoren, die der Rücknahme laut demselben Hinweis widersprechen. Wer sich für die Frage interessiert, wie man bei solchen Studien Erwartung und Messung auseinanderhält, findet eine verwandte Geschichte in der Recherche zu Daryl Bems Präkognitionsversuchen.
Das Gefängnis selbst gibt es als solches nicht mehr. Am 17. Juli 2024 wird MCI-Concord nach fast 150 Jahren geschlossen; die Zahl der Gefangenen in Massachusetts ist so niedrig wie seit 35 Jahren nicht. Hinter die Mauern, hinter denen 1961 die erste Gruppe zusammensaß, wird kein Gefangener mehr gebracht.
Behauptung, Quelle, Stand
Über das Concord-Experiment kursieren bis heute Sätze, die in Büchern, Vorträgen und Videos weitergegeben werden. Hier steht, woher sie stammen und was von ihnen übrig ist.
| Behauptung | Quelle | Stand |
|---|---|---|
| Die Rückfallquote sank von erwarteten 56 auf 32 Prozent. | Leary & Metzner 1968; Leary 1969 | BELEGT als veröffentlichte Zahl; der Vergleich ist falsch (30 gegen 10 Monate). Richtig: 34,3 gegen 32 Prozent |
| Erwartet 64 Prozent, nach sechs Monaten nur 25 Prozent. | Krippner, zitiert bei Stafford, Psychedelics Encyclopedia | NICHT_BELEGT; weicht von der Basisratenstudie ab, Herleitung in den geprüften Quellen nicht dargelegt |
| Rückfälle fast nur wegen Bewährungsverstößen, kaum neue Taten. | Leary u. a. 1965 | überholt: in der Stichprobe hingen 7 von 12 Rückkehrern bis Juli 1964 mit neuen Verurteilungen zusammen (Doblin 1998) |
| Kein Unterschied zur Basisrate in der Gesamtquote. | Leary u. a. 1965; Doblin 1998 | BELEGT: 59 gegen 56 Prozent (Juli 1964); 71 Prozent nach 30 Monaten in der Stichprobe, Spanne 56–88 |
| Leary hat die Zahlen bewusst gefälscht. | keine | NICHT_BELEGT; Metzner hält Nachlässigkeit unter dem Halo-Effekt für wahrscheinlicher |
| Die Häftlinge nahmen ohne Wissen teil. | Boston Globe, 1. Januar 1994 (Frage) | nicht bestätigt: laut Akten und beiden befragten Teilnehmern informiert; beide hofften auf frühere Entlassung |
| Psilocybin senkt Rückfälle. | Hendricks u. a. 2014 (Beobachtung) | NICHT_BELEGT; Korrelation, kein kontrollierter Versuch |
Was belegt ist — und was nicht
BELEGT: Ein Harvard-Team unter Timothy Leary führte 1961 bis 1963 im Gefängnis MCI-Concord Gruppentherapie mit Psilocybin für 32 freiwillige Häftlinge durch, um die Rückfallquote zu senken.
BELEGT: Learys Erfolgsmeldung vom Januar 1963 (32 gegen 56 Prozent) verglich zehn Monate mit 30 Monaten. Zum gleichen Zeitpunkt lag die Vergleichsgruppe bei 34,3 Prozent.
BELEGT: Die Auswertung vom Juli 1964 (59 gegen 56 Prozent) und Doblins Nachprüfung von 1998 (71 Prozent nach 30 Monaten in 21 Akten) zeigen keinen Behandlungseffekt. Mitautor Ralph Metzner bestätigte die Fehler im selben Heft.
UEBERLIEFERT: Die Erzählung, Psychedelika hätten in Concord die Rückfälle halbiert, wurde über Jahrzehnte in Büchern und Vorträgen weitergegeben, auch von Leary selbst.
NICHT_BELEGT: Dass Psilocybin Straffälligkeit verringert. Es gibt eine Beobachtungsstudie mit Zusammenhang, aber keinen kontrollierten Versuch mit der Rückfallquote als Ziel.
NICHT_BELEGT: Dass Leary bewusst gefälscht hat. Metzner hielt Nachlässigkeit aus Begeisterung für wahrscheinlicher; entscheiden lässt es sich nicht mehr.
Die offene Frage
Für die Zahl ist die Sache entschieden. Das Concord-Experiment hat die Rückfallquote nicht gesenkt, und es hat das, entgegen seiner Legende, auch nie gezeigt. Die Akten sind ausgewertet, die Beteiligten haben es eingeräumt.
Offen bleibt etwas anderes, und es ist die Frage, die Leary auf seinem letzten Tonband selbst stellte. Was wäre geschehen, wenn es das Übergangswohnheim gegeben hätte? Die beiden Männer, die 1996 in seinem Haus saßen, beschreiben ihre Erlebnisse als wertvoll; der eine sagt, er hätte Hilfe nach der Entlassung gebraucht. Ein anderer früherer Teilnehmer nennt dasselbe Experiment den Anfang eines Lebens voller Schmerz. Zwischen diesen Stimmen liegt genau der Raum, den nur ein sorgfältig geplanter Versuch füllen könnte, mit Kontrollgruppe, mit Nachbetreuung, mit vorher festgelegter Auswertung. Doblin hat ihn 1998 gefordert. Ob es ihn je geben wird und was er zeigen würde, weiß heute niemand.
Nächste Story
Dieselbe Harvard-Gruppe, dasselbe Jahr, eine Kapelle statt eines Gefängnisses — und wieder eine Nachprüfung, die etwas Verschwiegenes fand: Das Karfreitagsexperiment 1962.
Drei Jahrzehnte nach Concord die erste staatlich genehmigte Psychedelika-Studie in den USA, mit 60 Freiwilligen in einem Klinikbett: Die DMT-Studie von Rick Strassman.
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Häufige Fragen
Was war das Concord Prison Experiment?
Ein Versuch eines Harvard-Teams unter Timothy Leary von 1961 bis 1963 im Gefängnis MCI-Concord in Massachusetts. 32 freiwillige Häftlinge kurz vor der Entlassung nahmen an Gruppensitzungen mit Psilocybin und vorbereitenden und nachbereitenden Gesprächen teil. Ziel war, die Rückfallquote nach der Entlassung zu senken.
Hat das Experiment die Rückfallquote gesenkt?
Nein. Learys Erfolgsmeldung von 1963 verglich die eigene Gruppe nach zehn Monaten mit einer Vergleichsgruppe nach 30 Monaten. Zum gleichen Zeitpunkt lagen beide fast gleichauf (32 gegen 34,3 Prozent). Im Juli 1964 waren 59 Prozent zurück im Gefängnis, erwartet waren 56. Rick Doblins Nachprüfung von 1998 fand nach 30 Monaten 71 Prozent in einer Stichprobe von 21 Akten.
Was hat Rick Doblin 1998 herausgefunden?
Doblin wertete die erhaltenen Gefangenenakten von 21 der 32 Teilnehmer aus und befragte zwei frühere Häftlinge sowie Leary, Metzner und Weil. Er zeigte, dass Leary die falsche Vergleichszahl benutzt und Rückfälle nur nach dem Grund der ersten Rückkehr gezählt hatte. Sein Fazit: kein Behandlungseffekt.
Hat Timothy Leary die Ergebnisse gefälscht?
Das ist nicht belegt. Sein Mitautor Ralph Metzner schrieb 1998, man könne nicht mehr entscheiden, ob die Fehler bewusst oder aus übergroßer Begeisterung entstanden seien, und hielt Letzteres für wahrscheinlicher. Er sprach vom Halo-Effekt, der Neigung, die eigenen Daten zu günstig zu sehen.
Gibt es heute Studien mit Psilocybin und Gefangenen?
Ein kontrollierter Versuch, der Learys Ansatz mit der Rückfallquote als Ziel wiederholt, ist in den für diesen Artikel geprüften Quellen nicht verzeichnet. Eine Beobachtungsstudie von 2014 mit 25.622 Menschen unter Bewährungsaufsicht fand einen Zusammenhang zwischen Halluzinogenkonsum und weniger Auflagenverstößen, kann aber keine Ursache belegen.
Ist Psilocybin in Deutschland erlaubt?
Nein. Psilocybin steht in Anlage I des Betäubungsmittelgesetzes und ist nicht verkehrsfähig. Dieser Artikel beschreibt Forschungsgeschichte und ist keine Anleitung.
Quellen & Weiterlesen
- Rick Doblin: Dr. Leary’s Concord Prison Experiment: A 34-Year Follow-Up Study, Journal of Psychoactive Drugs 30/4 (1998), S. 419–426 (Scan des Originals; Hauptquelle für Aufbau, Zahlen, Zählweise und das Treffen vom 20. Januar 1996).
- MAPS Bulletin 9/4 (Winter 1999/2000): Nachdruck von Doblins Studie und Ralph Metzners Antwort „Reflections on the Concord Prison Project and the Follow-Up Study“ (Halo-Effekt, Basisraten-Recherche, Zitat im Kasten).
- Ralph Metzner, Gunther Weil: Predicting Recidivism: Base-Rates for Massachusetts Correctional Institution Concord, Journal of Criminal Law, Criminology and Police Science 54/3 (1963), S. 307–316.
- Michael Forcier, Rick Doblin: A Long-Term Follow-Up to Dr. Timothy Leary’s 1961–1962 Concord State Reformatory Rehabilitation Study, MAPS Newsletter 3/4 (Winter 1992/93) (Ankündigung, damalige Zahlen, Ende der Nachbetreuung 1963).
- MAPS Bulletin 4/4 (Frühjahr 1994): Longterm Follow-Up to Leary’s Concord Prison Psilocybin Study (Boston Globe vom 1. und 6. Januar 1994, Washington Post vom 4. Januar 1994).
- Thomas Riedlinger, Timothy Leary: Strong Medicine for Prisoner Reform: The Concord Prison Experiment, MAPS Bulletin 4/4 (1994).
- Tianxing Ma u. a.: In Early 1960’s, Experiments With Hallucinogenics Caused Major Uproar, Minor Shake-up, The Harvard Crimson, 27. Mai 2013.
- Wikipedia: Timothy Leary (Lebensdaten, Erklärung von Präsident Pusey vom 27. Mai 1963).
- Anne O’Connor: MCI-Concord: A brief timeline, The Concord Bridge, 24. Januar 2024.
- Mark Herz: MCI-Concord closes after nearly 150 years, GBH News, 18. Juli 2024.
- Peter S. Hendricks u. a.: Hallucinogen use predicts reduced recidivism among substance-involved offenders under community corrections supervision, Journal of Psychopharmacology 28/1 (2014), S. 62–66, DOI 10.1177/0269881113513851 (Zusammenfassung bei der OPEN Foundation).
- Will Stone: FDA advisers reject MDMA therapy for PTSD, amid concerns over research, NPR/KPBS, 4. Juni 2024.
- Clinical Trials Arena: FDA rejects Lykos’ MDMA therapy, asks for another Phase III trial, August 2024.
- Psychopharmacology: Retraction Note zu Psychopharmacology 236 (2019), S. 2735–2745 (eine von drei Rücknahmen, August 2024, mit Begründung und Stellungnahmen der Autoren).
- Bundesministerium der Justiz: Betäubungsmittelgesetz, Anlage I.
- Sehenswert (keine Belegquelle): NourishED Research Foundation, „Psilocybin & Mysticism: Timothy Leary’s 1963 Prison Rehabilitation Study (Leary & Clark, 1963)“, YouTube.
Dieser Artikel beschreibt Forschung und ihre Geschichte. Er ist keine Anleitung zum Umgang mit Psychedelika, empfiehlt keinen Konsum und verspricht keine Wirkung. Die früheren Häftlinge werden bewusst nicht namentlich genannt. Englische Zitate sind eigene Übersetzungen; im Zitatkasten steht das Original.
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