Doreen Valiente: Wer die heiligste Zeile der modernen Hexenkunst wirklich geschrieben hat

Sie überarbeitete die zentrale Liturgie der modernen Hexenkunst, um Aleister Crowley herauszunehmen. Eine wortgenaue Auszählung zeigt: Er blieb ihr zweiter Autor. Ein Porträt entlang der Quellen — und was davon im deutschen Urheberrecht zitierfähig ist.

Nasser Kieselstein mit natürlichem Loch, im Kerzenlicht auf dunklem Schiefer
Schnellantwort

Doreen Valiente (1922–1999) schrieb die Fassung der Charge of the Goddess, die heute fast alle Wicca-Traditionen benutzen. Sie wurde zu Mittsommer 1953 von Gerald Gardner eingeweiht, stellte fest, dass dessen Liturgie ausgiebig aus Charles Lelands „Aradia" (1899) und von Aleister Crowley abschrieb, und überarbeitete sie, um Crowley zu entfernen. Eine wortgenaue Auszählung der 498 Wörter des Standardtextes schreibt rund 34 Prozent Valiente zu, 25 Prozent Crowley, 19 Prozent Leland und 16 Prozent Gardner — Crowley überlebte ihre Bearbeitung also als zweiter Autor des Textes. Ihr eigenes Drittel trägt die Theologie. 1957 brach sie mit Gardner über dessen Pressearbeit, im Oktober 1964 belegte sie erstmals öffentlich die Wicca-Rede, und in den 1980er-Jahren wies sie aus öffentlichen Registern nach, dass Gardners „Old Dorothy" Clutterbuck eine reale Person war.

Einordnung
Belegt

Doreen Valiente wurde am 4. Januar 1922 als Doreen Edith Dominy in Colliers Wood, Surrey, geboren und starb am 1. September 1999 in Brighton.

Quelle/Tradition: Heselton 2016; Tapsell 2013

Belegt

Sie wurde zu Mittsommer 1953 von Gerald Gardner im Haus von Edith Woodford-Grimes bei Christchurch, Dorset, eingeweiht und war ein Jahr später Hohepriesterin seines Zirkels.

Quelle/Tradition: Valiente, The Rebirth of Witchcraft, 1989; Hutton, The Triumph of the Moon, 1999, S. 244

Belegt

Gardners früheste Fassung der Charge trug den Titel Leviter Veslis und besteht weit überwiegend aus Material von Leland und Crowley mit sehr wenig Eigenem.

Quelle/Tradition: Kelly, Crafting the Art of Magic, 1991, S. 53; Serith

Belegt

Die Eingangsanweisung der Charge — einmal im Monat bei Vollmond an einem einsamen Ort versammeln — ist eine leichte Umformulierung von Lelands Aradia, Kapitel I.

Quelle/Tradition: Leland, Aradia, 1899, Kap. I — gemeinfreier Volltext, unmittelbar geprüft

Belegt

Gardner veröffentlichte 1954 in Witchcraft Today (S. 42) einen Auszug der Charge und vermutete darin einen Text aus römischer Zeit.

Quelle/Tradition: Gardner, Witchcraft Today, 1954, S. 42

Belegt

In der 498 Wörter umfassenden Standardfassung entfallen 33,7 Prozent auf Valiente, 24,7 Prozent auf Crowley, 18,7 Prozent auf Leland und 15,7 Prozent auf Gardner.

Quelle/Tradition: Ceisiwr Serith, The Sources of the Charge of the Goddess, gezählt an der bei Kelly 1991, S. 114–115 abgedruckten Fassung

Belegt

Die Zeile 'Keep pure your highest ideal; strive ever toward it' stammt bis auf Kleinigkeiten wörtlich aus Crowleys Essay 'The Law of Liberty' (1919).

Quelle/Tradition: Crowley, The Law of Liberty, The Equinox III:1, 1919; Seriths zeilenweiser Vergleich

Überliefert

Valiente überarbeitete die Charge, weil ihr der Crowley-Anteil zu offensichtlich war und sie die Bewegung nicht mit ihm verbunden sehen wollte.

Quelle/Tradition: Eigene Darstellung in The Rebirth of Witchcraft, 1989, S. 60–62 — Selbstauskunft, nicht unabhängig belegt

Überliefert

Sie schrieb zuerst eine gereimte und danach die Prosafassung; die Prosafassung setzte sich durch.

Quelle/Tradition: Valiente 1989, S. 61–62, referiert bei Serith und Kelly

Belegt

1957 entwarfen Valiente und Ned Grove 'Proposed Rules for the Craft', die Gardners Pressearbeit begrenzt hätten; Gardner antwortete mit den 'Wiccan Laws', der Zirkel zerbrach im selben Sommer.

Quelle/Tradition: Valiente 1989, S. 69–71; Heselton 2016, S. 98–99

Belegt

Der erste dokumentierte öffentliche Beleg des Wicca-Rede-Zweizeilers ist Valientes Rede beim Halloween-Dinner der Witchcraft Research Association im Oktober 1964.

Quelle/Tradition: Pentagram, 1964; Hutton 1999, S. 312

Nicht belegt

Ob Valiente die Wicca-Rede verfasst oder etwas bereits Kursierendes wiedergegeben hat, ist umstritten: Ethan Doyle White sieht sie als Urheberin, Don Frew als Wiedergabe einer Gardner-Anspielung.

Quelle/Tradition: Doyle White 2015, S. 156–158, gegen Frew; kein zeitgenössisches Dokument entscheidet die Frage

Belegt

Valiente wies über Geburts-, Heirats- und Sterbeurkunden nach, dass Dorothy Clutterbuck eine reale Person war, und veröffentlichte das Ergebnis 1984 im Anhang von The Witches' Way.

Quelle/Tradition: Valiente, Looking for Old Dorothy, in: Farrar & Farrar, The Witches' Way, 1984, Anhang A

Nicht belegt

Ob Clutterbuck etwas mit Hexerei zu tun hatte, ist offen: Hutton und Ruickbie lesen ihre Tagebücher als die einer konventionellen Anglikanerin, Heselton als die einer Heidin dem Wesen nach.

Quelle/Tradition: Hutton 1999; Ruickbie 2004; Heselton 2016 — dieselben drei Tagebuchbände, gegensätzliche Lesarten

Nicht belegt

Die Angabe, Valiente habe im Krieg in Bletchley Park in Hütte 18 als Übersetzerin des Foreign Office gearbeitet, beruht auf Heseltons Rekonstruktion von 2016 aus Indizien; ein Archivbeleg ist nicht veröffentlicht.

Quelle/Tradition: Heselton 2016, S. 40, und dessen Presserezeption

Belegt

Am 21. Juni 2013 wurde an ihrem letzten Wohnhaus, Tyson Place in Brighton, eine blaue Gedenktafel enthüllt.

Quelle/Tradition: Centre for Pagan Studies; Tapsell 2013, S. 113

Belegt

Ihr Nachlass wird von der 2011 gegründeten Doreen Valiente Foundation verwaltet, die nach eigener Auskunft weiterhin eine dauerhafte Unterbringung in einem anerkannten Museum sucht.

Quelle/Tradition: Doreen Valiente Foundation, Our Collection

Belegt

Lelands Aradia und Crowleys Texte sind in Deutschland gemeinfrei, Valientes Fassung der Charge ist bis Ende 2069 geschützt.

Quelle/Tradition: § 64 UrhG, Todesjahre 1903, 1947 und 1999 — allgemeine Einordnung, keine Rechtsberatung

Nicht belegt

Das Sprechen der Charge oder der Besitz eines darin genannten Gegenstands bewirkt nichts Körperliches, Medizinisches oder Materielles.

Quelle/Tradition: Kein Beleg irgendeiner Art; hier als Grenze des Artikels festgehalten

Gelebte Praxis

Die Charge wird heute in den meisten Wicca-Traditionen als zentraler Ritualtext bei Einweihungen und Vollmondfeiern gesprochen.

Quelle/Tradition: Beschriebene Praxis, keine prüfbare Behauptung

BELEGT = wissenschaftlich oder amtlich nachprüfbar · ÜBERLIEFERT = historisch/traditionell dokumentiert · GELEBTE PRAXIS = verbreitete Anwendung, Erfahrungswerte · NICHT BELEGT = spirituelle Deutung, wissenschaftlich nicht nachgewiesen.

Die Wicca-Bewegung hat keine Bibel, aber einen Text, der wie einer funktioniert. Er heißt Charge of the Goddess, wird bei Einweihungen und Vollmondritualen gesprochen, und ein halbes Jahrhundert lang konnte niemand sicher sagen, wer ihn geschrieben hat. Die Antwort ist eine Sachbearbeiterin aus Südlondon, die 1953 in einen Hexenzirkel eintrat, die zentrale Liturgie dieses Zirkels peinlich fand und sie neu schrieb. Sie hieß Doreen Valiente. Was sie dabei tat, ist interessanter als die Legende, die daraus wurde.

Worum es hier geht
  1. Wer Doreen Valiente war — die belegten Daten
  2. Mittsommer 1953: Was sie im Buch der Schatten fand
  3. Woher die Worte stammen: Leland und Crowley
  4. Die Auszählung: Wem der Text tatsächlich gehört
  5. Das Paradox: Sie strich Crowley, und er blieb der Zweite
  6. Was im deutschsprachigen Raum urheberrechtlich gilt
  7. 1957 und 1964: Der Bruch und die Wicca-Rede
  8. Die Suche nach Old Dorothy — und was bis heute unbelegt ist

Die belegten Daten

Geboren wurde sie am 4. Januar 1922 in Colliers Wood, damals Grafschaft Surrey, heute Südlondon, als Doreen Edith Dominy. Dreimal verheiratet: 1941 mit dem Handelsmatrosen Joanis Vlachopoulos, der noch im selben Jahr auf See verlorenging; 1944 mit Casimiro Valiente, einem Flüchtling des Spanischen Bürgerkriegs, dessen Namen sie behielt; 1975 mit Ron Cooke. Den größten Teil ihres späteren Lebens verbrachte sie in Brighton, in einer Wohnung im Hochhaus Tyson Place. Dort starb sie am 1. September 1999 an Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Dazwischen liegen fünf Bücher, die bis heute aufgelegt werden — Where Witchcraft Lives (1962), An ABC of Witchcraft Past and Present (1973), Natural Magic (1975), Witchcraft for Tomorrow (1978) und The Rebirth of Witchcraft (1989) — und eine Reihe von Ritualtexten, die Menschen sprechen, die ihren Namen nie gehört haben. Der Historiker Ronald Hutton, dessen The Triumph of the Moon (1999) die maßgebliche akademische Darstellung der modernen Hexenreligion ist, nennt ihre Überarbeitung der Charge „ihren größten Einzelbeitrag zu Wicca".

Das ist das Gerüst. Alles Interessante liegt in der Lücke zwischen dem, was sie tat, und dem, was seither über sie erzählt wird — und sie hätte diese Unterscheidung geschätzt: Genau solches Nachprüfen war ihre eigene beste Arbeit.

Mittsommer 1953: Was sie im Buch der Schatten fand

Valiente schrieb Gerald Gardner nach einem Zeitungsartikel über ihn und wurde zu Mittsommer 1953 im Haus von Edith Woodford-Grimes bei Christchurch in Dorset eingeweiht. Ein Jahr später war sie Hohepriesterin seines Zirkels. Sie war einunddreißig, belesen und — das ist für alles Weitere entscheidend — eine fähige Dichterin mit einem Ohr für Rhythmus.

Gardner hatte der Öffentlichkeit erklärt, seine Rituale stammten aus einer überlebenden vorchristlichen Religion. Valiente las das Buch der Schatten und erkannte große Teile wieder. Sie erkannte sie wieder, weil sie die Vorlagen gelesen hatte. In The Rebirth of Witchcraft schildert sie, wie sie Gardner damit konfrontierte, dass seine zentrale Liturgie ausgiebig bei Aleister Crowley abgeschrieben sei, und wie er antwortete, der überlieferte Text sei lückenhaft gewesen und habe ergänzt werden müssen. Ihre Antwort war das Angebot, es besser zu ergänzen.

Der Streit war nicht akademisch. Crowley war 1947 als berüchtigtster Okkultist Großbritanniens gestorben, umgeben von Schlagzeilen über Drogen und den „bösesten Menschen der Welt". Eine junge Religion, die sich als uralter Naturglaube präsentieren wollte, konnte ihren heiligsten Text nicht nach ihm klingen lassen. Valiente sagte das offen und machte sich daran, ihn herauszunehmen.

Woher die Worte stammen

„Charge" ist ein Begriff aus der Freimaurerei: die Ansprache, die einem Kandidaten bei der Aufnahme vorgelesen wird. Gardner war Freimaurer und benutzte das Wort in genau diesem Sinn. Seine Fassung trug den Titel Leviter Veslis, „das Lüften des Schleiers", und erschien 1954 auszugsweise in Witchcraft Today (S. 42) — mit der Bemerkung, der Text stamme wohl aus der Zeit, „als die Römer oder Fremde kamen".

Das tat er nicht. Er stammte aus zwei Büchern in Gardners Regal. Das erste ist Charles Godfrey Lelands Aradia, or the Gospel of the Witches (1899), eine Sammlung toskanischen Volksmaterials, die Leland als Schrift eines überlebenden italienischen Hexenkults ausgab. Das zweite ist The Blue Equinox, Crowleys Sammelband von 1919, der den Essay „The Law of Liberty", Liber LXV, „Khabs Am Pekht" und die Gnostische Messe enthält — alle vier hinterlassen Spuren in Gardners Ritualen.

Leland ist gemeinfrei und im Volltext abrufbar, das lässt sich also in zehn Minuten selbst nachprüfen. Im ersten Kapitel der Aradia weist die Göttin ihre Anhänger an:

„When I shall have departed from this world, / Whenever ye have need of anything, / Once in the month, and when the moon is full, / Ye shall assemble in some desert place, / Or in a forest all together join / To adore the potent spirit of your queen, / My mother, great Diana."Charles Godfrey Leland, Aradia, or the Gospel of the Witches, 1899, Kap. I — sinngemäß: Wann immer ihr etwas braucht, einmal im Monat bei Vollmond, versammelt euch an einem einsamen Ort und verehrt die große Diana.

Wenige Zeilen später verspricht derselbe Abschnitt, die Hörenden würden „von der Sklaverei befreit" und sollten „als Zeichen, dass ihr wirklich frei seid", nackt in ihren Riten sein. Wer die Charge je gehört hat, erkennt das alles wieder. Die Eingangsanweisung des zentralen Wicca-Textes ist Leland, leicht umformuliert.

Litha Räuchermischung zur Sommersonnenwende in offener Dose

Aus unserem Haus

Litha Jahreskreis Räuchermischung

Valiente wurde zu Mittsommer 1953 eingeweiht; zu Mittsommer 1966 starb Robert Cochrane. Litha ist im Jahreskreis das Fest, an dem beide Daten hängen. Kräutermischung zur Sommersonnenwende, ohne Wirkversprechen.

16 €

Zur Mischung

Die Auszählung: Wem der Text tatsächlich gehört

Das Nützlichste, was je mit diesem Text gemacht wurde, stammt vom amerikanischen Autor Ceisiwr Serith. Er legte die Standardfassung neben jede erkannte Quelle und zählte die Wörter. Seine Arbeit baut auf Stewart Farrar (1971), Janet und Stewart Farrar (1981) und Aidan Kelly (1991) auf — und sie verwandelt einen Streit in eine Rechenaufgabe.

Von den 498 Wörtern der bei Kelly abgedruckten Fassung verteilen sich die Anteile so:

Valiente33,7 %
Crowley (gesamt)24,7 %
Leland18,7 %
Gardner (gesamt)15,7 %
Alipili / Cahagnet3,6 %
Golden Dawn2,4 %
King-James-Bibel1,2 %

Zweierlei folgt daraus. Erstens: Valiente schrieb den größten, aber nicht den überwiegenden Teil. Ein Drittel ist von ihr — und zwar das Drittel, das die theologische Arbeit leistet: die Göttin als Schönheit der Erde und als weißer Mond unter den Sternen, das Versprechen des Wiedersehens mit den Vorangegangenen, der Satz über Kelch und Kessel. Für dieses Material gibt es keine Vorlage. Es ist schlicht gut geschrieben, und deshalb hat der Text überlebt.

Zweitens, und merkwürdiger: Crowley steht an zweiter Stelle. In einem Text, der überarbeitet wurde, um ihn loszuwerden.

Sie strich Crowley — und er blieb der Zweite

Der klarste Fall ist ausgerechnet die Zeile, die am häufigsten als ethischer Kern der Wicca-Praxis zitiert wird. In Crowleys Essay „The Law of Liberty", 1919 im Blue Equinox erschienen, lautet der Satz:

„Keep pure your highest ideal; strive ever toward it without allowing aught to stop you or turn you aside."Aleister Crowley, „The Law of Liberty", The Equinox III:1, 1919 — „Halte dein höchstes Ideal rein; strebe immer darauf zu, und lass nichts dich aufhalten oder abbringen."

In der Charge steht dieser Satz bis auf Kleinigkeiten unverändert. Ebenso „nor do I demand aught in sacrifice", ebenso „I give unimaginable joys", ebenso die Anrede an die Sterngöttin, ebenso „beauty and strength". Seriths Auszählung weist 83 Wörter als wörtliches Crowley-Zitat aus und weitere 40 als von Gardner oder Valiente bearbeitetes Crowley-Material.

Das ist kein Enthüllungsjournalismus und sollte nicht so gelesen werden. Es ist das, was mit jeder Liturgie passiert: Die Formulierungen, die tragen, überleben die Absichten ihrer Bearbeiter. Valiente entfernte, was ihr theologisch nicht passte — das thelemische Gesetz, die ausdrücklich crowleysche Selbstbezeichnung — und behielt die Kadenzen, die sich nachts im Kreis richtig anhörten. Jede Tradition mit einem Gebetbuch hat das getan. Das Besondere an Wicca ist nur, dass es jung genug ist, um dabei zusehen zu können.

Was im deutschsprachigen Raum urheberrechtlich gilt

Für deutschsprachige Leserinnen und Leser hat diese Quellenlage eine praktische Seite, die selten jemand ausspricht. Nach § 64 UrhG erlischt das Urheberrecht siebzig Jahre nach dem Tod des Urhebers. Daraus ergibt sich für die drei Schichten der Charge ein sehr unterschiedliches Bild:

Textschicht Urheber, gestorben Status in Deutschland
Aradia (1899) Charles G. Leland, † 1903 gemeinfrei — darf vollständig abgedruckt werden
„The Law of Liberty", Liber LXV (1919) Aleister Crowley, † 1947 gemeinfrei seit dem 1. Januar 2018
Charge of the Goddess in Valientes Fassung Doreen Valiente, † 1999 geschützt bis Ende 2069

Anders gesagt: Die beiden Vorlagen darf man im Wortlaut drucken, die Bearbeitung nicht. Deshalb steht in diesem Artikel Leland im Original und Crowley im Original — aber kein einziger Satz der Charge selbst. Was bleibt, ist das Zitatrecht nach § 51 UrhG: einzelne Stellen in einem eigenen, sie erörternden Text, mit Quellenangabe. Und nach § 3 UrhG gilt eine Bearbeitung, die eine persönliche geistige Schöpfung ist, als eigenes Werk — Valientes Drittel ist genau das.

Historisch liegt darin eine Pointe. Als Gardner und Valiente in den 1950er-Jahren arbeiteten, war Crowley noch keineswegs frei: Nach damaligem britischen Recht lief seine Schutzfrist bis 1997. Die heiligste Zeile der modernen Hexenkunst war zum Zeitpunkt ihrer Entstehung also, streng genommen, die unerlaubte Bearbeitung eines geschützten Werkes — und wurde ab 1971 von Dritten gedruckt und verkauft. Dies ist eine allgemeine Einordnung und keine Rechtsberatung.

Der Kontrast zum echten Alten ist lehrreich. Die Merseburger Zaubersprüche sind nachweislich im 10. Jahrhundert aufgeschrieben worden, liegen in einer datierbaren Handschrift und dürfen von jedem gedruckt werden. Die Charge gibt sich uralt, ist siebzig Jahre alt und geschützt. Alter und Anmutung von Alter sind zwei verschiedene Dinge — und nur eines davon lässt sich prüfen.

1957 und 1964: Der Bruch und die Wicca-Rede

Die Partnerschaft hielt vier Jahre. Gardner wollte Presse, Valiente fand, die Presse entwerte, was sie bewarb. 1957 entwarf sie mit dem Zirkelmitglied Ned Grove „Proposed Rules for the Craft", die unter anderem Gardners Zeitungskontakte begrenzt hätten. Gardner antwortete mit einem Satz „Wiccan Laws", den er als überliefert ausgab und der praktischerweise die Hohepriesterin ihrem Hohepriester unterordnete. Valiente hielt die Laws nicht für alt. Im Sommer 1957 zerbrach der Zirkel. Ihre eigene Zusammenfassung: Sie habe genug gehabt vom „Evangelium nach St. Gerald".

Sie verließ die Bewegung nicht. 1964 wurde sie zweite Präsidentin der Witchcraft Research Association, ihr Grußwort eröffnete im August die erste Ausgabe von deren Blatt Pentagram. Im Oktober desselben Jahres hielt sie beim Halloween-Dinner der Vereinigung die Rede, in der die Wicca-Rede — der Zweizeiler, der mit „Eight words the Wiccan Rede fulfill" beginnt — erstmals öffentlich belegt ist.

Ob sie ihn verfasst hat, ist ernsthaft umstritten. Ethan Doyle White vertritt, sie habe ihn geschaffen und benannt; Don Frew, sie habe wiedergegeben, was Gardner bereits angedeutet hatte. Redlich ist nur: 1964 ist der erste dokumentierte öffentliche Beleg, alles davor ist Rekonstruktion. Bemerkenswert ist, was die Rede strukturell darstellt — eine Einschränkung von Crowleys „Do what thou wilt shall be the whole of the Law". Der Schadensvorbehalt ist der ganze Unterschied, und auf ihm ruht ein erheblicher Teil der heutigen heidnischen Ethik.

Zwischen 1964 und 1966 arbeitete sie außerdem mit Robert Cochrane zusammen, der eine konkurrierende Tradition führte und erblich überlieferte Hexerei für sich beanspruchte. Sie glaubte ihm nicht und ging, nachdem er von einer „Nacht der langen Messer" gegen die Gardnerianer gesprochen hatte. Cochrane starb zu Mittsommer 1966. Sie schrieb ihm trotzdem eine Elegie.

Die Suche nach Old Dorothy — und was unbelegt bleibt

Gardner sagte, er sei 1939 von einer Hexe im New Forest eingeweiht worden, die er „Old Dorothy" nannte. In den 1970er-Jahren hielten Fachleute sie für erfunden; Jeffrey Burton Russell schrieb das so. Valiente, damals in den Sechzigern, wollte es wissen.

Sie ging an die Register — Geburts-, Heirats- und Sterbeurkunden, Testamente — und wies nach, dass Dorothy Clutterbuck eine reale Frau war, die dort gelebt hatte, wo Gardner es angab. Den Lebensabriss veröffentlichte sie als „Looking for Old Dorothy" im Anhang von Janet und Stewart Farrars The Witches' Way (1984). Es ist die beste Archivarbeit, die bis dahin jemand in dieser Bewegung geleistet hatte — von einer Autodidaktin mit Schreibmaschine und Lesesaalausweis.

Und nun der Teil, der ihr am meisten Ehre macht. Ihre Recherche belegte, dass die Frau existierte. Sie belegte nicht, dass die Frau eine Hexe war — und die Historiker, die ihr ins Archiv folgten, kamen zum gegenteiligen Schluss: Hutton und Leo Ruickbie lasen Clutterbucks erhaltene Tagebücher als die einer konventionellen anglikanischen Landfrau, die in dem Jahr, in dem Gardner eingeweiht worden sein will, um ihren Mann trauerte. Philip Heselton las dieselben Bände und widersprach. Die Sache ist offen.

Offen ist auch eine Behauptung über sie selbst, die meist zu schnell weitergereicht wird: Valiente habe im Krieg in Bletchley Park gearbeitet, in Hütte 18, als Übersetzerin des Foreign Office. Die Angabe geht auf Heseltons Biografie von 2016 zurück, und was sie stützt, ist Indizienmaterial — die Erinnerung einer Freundin an lange Abwesenheiten, ihre spätere Vertrautheit mit dem Rechner Colossus, ein Rückschluss darauf, wie sie ihren ersten Mann kennenlernte. Ein Archivbeleg dafür ist bislang nicht veröffentlicht. Es mag stimmen. Bewiesen ist es nicht — und eine Frau, die ihre Sechziger damit zubrachte, Urkunden zu prüfen, hat ein Anrecht darauf, dass ihre eigene Legende an ihrem eigenen Maßstab gemessen wird.

Was wir nicht behaupten. Nichts in diesem Artikel besagt, dass die Charge of the Goddess eine Wirkung hat, dass ihr Sprechen ein Ergebnis herbeiführt oder dass ein hier genanntes Produkt Gesundheit, Glück oder Erfolg beeinflusst. Wo eine Angabe zu Valientes Leben nur auf einer Quelle oder auf ihrer eigenen Darstellung beruht, ist sie im Einordnungsfeld dieses Artikels so gekennzeichnet. Die Charge selbst wird hier nicht zitiert: Der Text ist Valientes Werk und urheberrechtlich geschützt.

Häufige Fragen

Hat Doreen Valiente die Charge of the Goddess geschrieben?

Sie schrieb die Fassung, die heute fast alle benutzen — aber nicht aus dem Nichts. Eine wortgenaue Auszählung des Standardtextes schreibt ihr rund ein Drittel zu; der Rest stammt aus Lelands Aradia, von Aleister Crowley, aus Gardners früherem Entwurf und aus einigen kleineren Quellen. Ihr Drittel ist der Teil, der dem Text Theologie und Klang gibt.

Warum hat sie Gardners Fassung überarbeitet?

Weil darin lange wörtliche Passagen von Aleister Crowley standen und sie die junge Bewegung nicht mit ihm verbunden sehen wollte. Sie schildert das selbst in The Rebirth of Witchcraft (1989).

Steht immer noch Crowley in der Charge?

Ja. Nach Seriths Auszählung stammt rund ein Viertel des Standardtextes von ihm — mehr als von Leland. Die Zeile „Keep pure your highest ideal; strive ever toward it" ist bis auf Kleinigkeiten wörtlich aus seinem Essay „The Law of Liberty" (1919).

Stammt die Wicca-Rede von ihr?

Der erste dokumentierte öffentliche Beleg des Zweizeilers ist ihre Rede vom Oktober 1964. Ob sie ihn verfasst oder etwas bereits Kursierendes wiedergegeben hat, ist in der Forschung umstritten und derzeit nicht zu entscheiden.

Darf ich die Charge in meinem eigenen Buch der Schatten aufschreiben?

Für den rein privaten Gebrauch ist eine Abschrift nach § 53 UrhG unproblematisch. Veröffentlichen, drucken oder ins Netz stellen darf man den Text bis Ende 2069 nicht ohne Erlaubnis der Rechteinhaber. Lelands Aradia und Crowleys Texte dagegen sind frei. Keine Rechtsberatung.

Gab es Old Dorothy wirklich?

Ja — Valiente wies sie Anfang der 1980er-Jahre über Geburts-, Heirats- und Sterbeurkunden nach. Ob Dorothy Clutterbuck mit Hexerei zu tun hatte, ist eine andere Frage; die meisten Historiker, die ihre Tagebücher gelesen haben, verneinen sie.

Quellen

  • Charles Godfrey Leland, Aradia, or the Gospel of the Witches, London 1899 — Volltext unmittelbar eingesehen, gemeinfrei.
  • Aleister Crowley, „The Law of Liberty"; Liber LXV; „Khabs Am Pekht" — sämtlich in The Equinox III:1 („The Blue Equinox"), 1919.
  • Ceisiwr Serith, „The Sources of the Charge of the Goddess" — zeilenweiser Vergleich und Wortauszählung der Standardfassung.
  • Doreen Valiente, The Rebirth of Witchcraft, Robert Hale 1989, bes. S. 60–62.
  • Ronald Hutton, The Triumph of the Moon. A History of Modern Pagan Witchcraft, Oxford University Press 1999.
  • Philip Heselton, Doreen Valiente: Witch, 2016.
  • Jonathan Tapsell, Ameth: The Life and Times of Doreen Valiente, Avalonia 2013.
  • Aidan Kelly, Crafting the Art of Magic, Llewellyn 1991, S. 52–54 und 114–115.
  • Janet und Stewart Farrar, The Witches' Way, Robert Hale 1984, Anhang A: Doreen Valiente, „Looking for Old Dorothy".
  • Gerald Gardner, Witchcraft Today, Rider 1954, S. 42.
  • World Religions and Spirituality Project, Profil „Doreen Valiente".
  • Doreen Valiente Foundation, „Our Collection".
  • Urheberrechtsgesetz (UrhG), §§ 3, 51, 53, 64.

Portaltage, Vollmonde und Rituale — einmal die Woche in dein Postfach.

Wann der nächste Portaltag ist, was der Vollmond diesen Monat bedeutet und welches Ritual dazu passt. Kein Spam, keine tägliche Mail. Als Dank: 10 % auf deine erste Bestellung mit dem Code WILLKOMMEN10.

Du kannst dich jederzeit mit einem Klick abmelden. Datenschutz

Zurück zu den Desire Diaries