Gerald Gardner: Was an Wiccas Gründungsgeschichte belegt ist — und was nicht
Ein Nature-Rezensent lobte ihn 1937, eine Einrichtung in Nevada verkaufte ihm den Doktortitel: die Aktenlage zum Gründer der modernen Hexenkunst, sortiert.
Inhalt
Gerald Gardner (1884–1964) hat Wicca nicht entdeckt, sondern aus käuflichen Büchern zusammengesetzt — und ging 1954 an die Öffentlichkeit, drei Jahre nachdem das britische Gesetz gegen das Behaupten magischer Fähigkeiten aufgehoben worden war.
Gerald Brosseau Gardner wurde am 13. Juni 1884 geboren und starb am 12. Februar 1964 an Bord eines Schiffes auf der Rückreise aus dem Libanon; begraben wurde er in Tunesien.
Keris and Other Malay Weapons, 2. Auflage April 1936, Progressive Publishing Company Singapur und Bernard Quaritch London, 138 Seiten.
Das Buch wurde in Nature 139, Nr. 3506 (9.1.1937), S. 51 besprochen; die Rezension nennt die Klassifikation einen deutlichen Fortschritt der Waffenkunde.
Gardner veröffentlichte 1937 einen Fachaufsatz im Journal of the Royal Asiatic Society 69/3, S. 467–470, über Perlenfunde am Johore-Fluss.
1936 wurde er zum Fellow des Royal Anthropological Institute gewählt.
High Magic's Aid erschien im Juli 1949 über den Atlantis Bookshop, Witchcraft Today im November 1954 bei Rider and Company.
Die Einleitung zu Witchcraft Today stammt von Margaret Murray.
Der Witchcraft Act 1735 wurde durch den Fraudulent Mediums Act 1951 aufgehoben, der am 22. Juni 1951 die königliche Zustimmung erhielt.
Der Fraudulent Mediums Act wurde seinerseits am 26. Mai 2008 aufgehoben.
Das Manuskript Ye Bok of ye Art Magical enthält Passagen aus Crowleys Book 4 (1913) und Magick in Theory and Practice (1929) sowie Material aus Lelands Aradia und dem Schlüssel Salomos.
Die Neun-Millionen-Zahl geht auf Gottfried Christian Voigt zurück, Berlinische Monatsschrift 3 (1784), S. 297–311.
Die Forschung kommt anhand der Prozessakten auf etwa 50.000 bis 60.000 Hinrichtungen in Europa, davon gut 25.000 im Alten Reich.
Nach § 64 UrhG erlischt das Urheberrecht 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers; Gardners Werk ist damit bis Ende 2034 geschützt, Crowleys seit 1.1.2018 gemeinfrei.
Witchcraft Today erschien auf Deutsch erst 2012 als Die Weisheit der Wicca, übersetzt von Robert B. Osten, Aurinia-Verlag Hamburg, 175 Seiten.
Dass Gardner im September 1939 in einen Zirkel erblicher Hexen eingeweiht wurde. Einzige Quelle ist seine eigene Darstellung.
Dass in England eine ununterbrochene heidnische Hexenreligion bis ins 20. Jahrhundert überlebt hat.
Gardners behauptete Doktorgrade der University of Singapore und der Universität Toulouse.
Dass eine der hier beschriebenen Praktiken eine körperliche, medizinische oder materielle Wirkung hat.
Die Erzählung vom New-Forest-Zirkel, wie sie innerhalb der Tradition selbst weitergegeben wird.
Wicca, wie es heute in Zirkeln und allein praktiziert wird, unabhängig von der Frage nach seinen Ursprüngen.
BELEGT = wissenschaftlich oder amtlich nachprüfbar · ÜBERLIEFERT = historisch/traditionell dokumentiert · GELEBTE PRAXIS = verbreitete Anwendung, Erfahrungswerte · NICHT BELEGT = spirituelle Deutung, wissenschaftlich nicht nachgewiesen.
Fast alles, was über Gerald Gardner geschrieben wird, fällt in einen von zwei Stapeln. Der eine lässt sich prüfen: Bibliothekskataloge, ein Nature-Heft von 1937, das Journal of the Royal Asiatic Society, das britische Gesetzblatt. Der andere lässt sich gar nicht prüfen, weil er auf einer einzigen Quelle beruht — auf Gardner selbst. Dieser Text sortiert beide Stapel, Aussage für Aussage.
Was dieser Artikel behandelt
- Der Gardner, den man im Bibliothekskatalog findet
- Der Gardner, den nie jemand belegen konnte
- Warum 1951 wichtiger war als 1939
- Woher die Rituale wirklich stammen
- Margaret Murray — und warum die Neun-Millionen-Zahl aus Quedlinburg kommt
- Was von Gardner zitiert werden darf und was nicht
Die kurze Antwort
Gerald Brosseau Gardner (13. Juni 1884 – 12. Februar 1964) war ein britischer Kolonialzollbeamter, Hobbyarchäologe und Waffenkundler, der nach seiner Rückkehr aus Malaya Bücher veröffentlichte. Darin behauptete er, in England habe eine organisierte heidnische Hexenreligion bis ins 20. Jahrhundert überlebt, und er sei in sie eingeweiht worden. Aus diesen Büchern und den Ritualtexten seines Zirkels wurde Wicca — heute die verbreitetste Form moderner heidnischer Hexenkunst.
Sein Berufsweg davor ist unabhängig belegt und solide. Seine Darstellung, wie er zu dieser Religion kam, belegt niemand außer ihm selbst, und die Ritualtexte, die er als uralt ausgab, lassen sich Zeile für Zeile auf Bücher zurückführen, die zu seinen Lebzeiten erschienen sind. Beides ist gleichzeitig wahr, und ein redlicher Text muss beides zusammenhalten, statt sich für eine Hälfte zu entscheiden.
Der Gardner, den man im Bibliothekskatalog findet
Gardner verbrachte sechsunddreißig Jahre in Asien: ab etwa 1900 als Teepflanzer in Ceylon, 1911 in Britisch-Nordborneo, ab 1912 in Malaya und Singapur, zuerst als Kautschukpflanzer, später im Zolldienst bis zum Principal Officer. In seiner freien Zeit sammelte er Waffen und grub.
Das Graben brachte einen begutachteten Fachaufsatz hervor: „Ancient Beads from the Johore River as Evidence of an Early Link by Sea Between Malaya and the Roman Empire", erschienen im Journal of the Royal Asiatic Society, Band 69, Heft 3, Juli 1937, Seiten 467–470. Das Sammeln brachte ein Buch hervor: Keris and Other Malay Weapons, zweite Auflage April 1936, verlegt von der Progressive Publishing Company in Singapur und von Bernard Quaritch in London, 138 Seiten, herausgegeben von B. Lumsden Milne. Das Titelblatt nennt als Verfasser schlicht „G. B. Gardner, Johore Civil Service".
Dieses Buch wurde in Nature besprochen — Band 139, Heft 3506, 9. Januar 1937, Seite 51, gezeichnet „K. de B. C.". Die Rezension nennt seine Klassifikation „clear and convincing" und „a distinct advance in the study of oriental arms" und hebt hervor, dass seine durchgehaltenen Begriffe der Forschung erstmals eine gemeinsame Sprache für die Typologie der Waffe gäben. Keine Gefälligkeitsnotiz in einer Okkultzeitschrift, sondern die führende naturwissenschaftliche Wochenschrift der Zeit. Im selben Jahr wurde Gardner Fellow des Royal Anthropological Institute.
Zwei Einzelheiten aus dem Buch selbst sind für das Spätere wichtig. Das Inhaltsverzeichnis führt ein Kapitel VIII, „Legends and Superstitions", und einen Anhang D, „Invulnerability"; das Vorwort dankt „Pawang Salley for much helpful information on superstitions" neben dem Raffles Museum und dem Orientalisten Sir Richard Winstedt. Achtzehn Jahre vor Witchcraft Today tat Gardner also bereits, wofür er später bekannt werden sollte: Er schrieb auf, was Praktizierende ihm über Magie erzählten.
Der Gardner, den nie jemand belegen konnte
1936 kehrte er nach England zurück. 1939 trat er im New Forest der Rosicrucian Order Crotona Fellowship bei und wurde nach eigener Darstellung in einer Nacht im September 1939 in einen überlebenden Zirkel erblicher Hexen eingeweiht. Ein unabhängiger Beleg für diesen Zirkel ist nie vorgelegt worden. Forscher, die die Aktenlage durchgearbeitet haben — Ronald Hutton in The Triumph of the Moon, Philip Heselton in zwei Biographiebänden —, kommen zu dem Schluss: Wenn es die Gruppe in dieser Form gab, entstand sie wahrscheinlich Mitte der 1930er-Jahre unter Leuten, die Margaret Murray gelesen hatten, und nicht im Mittelalter.
Der klarste Prüffall ist aber nicht der Zirkel, sondern sind die Doktortitel. In einem Presseinterview von 1951 wurde Gardner als Träger eines Doktorgrades der University of Singapore und eines D.Litt. der Universität Toulouse vorgestellt. Doreen Valiente, die jahrelang mit ihm arbeitete und später nachprüfte, stellte fest: Eine University of Singapore gab es unter diesem Namen zum angegebenen Zeitpunkt nicht, und in Toulouse war er unbekannt. Was er tatsächlich besaß, war ein 1937 auf dem Postweg gegen Gebühr ausgestellter PhD einer Einrichtung namens Meta Collegiate Extension in Nevada.
Nicht, um ihn vorzuführen. Wer im Journal of the Royal Asiatic Society publiziert hatte, in Nature besprochen und ins Royal Anthropological Institute gewählt worden war, hatte einen Titel per Post nicht nötig. Dass er ihn trotzdem nahm, zeigt, wie er mit der Lücke zwischen belegbarer Leistung und gewünschter Autorität umging — dieselbe Bewegung wie in der Geschichte, die er seiner Religion gab.
Warum 1951 wichtiger war als 1939
Gardner hätte sein Buch einige Jahre früher nicht veröffentlichen können. Der Witchcraft Act von 1735 galt noch, und nach ihm war es strafbar, magische Fähigkeiten zu behaupten. Aufgehoben wurde er durch den Fraudulent Mediums Act 1951, der am 22. Juni 1951 die königliche Zustimmung erhielt und das pauschale Verbot durch einen engeren Tatbestand ersetzte: strafbar war fortan, gegen Entgelt betrügerisch spiritistische oder hellseherische Fähigkeiten vorzugeben. Dieses Gesetz wurde seinerseits am 26. Mai 2008 durch die Consumer Protection from Unfair Trading Regulations aufgehoben.
Die Reihenfolge lohnt den Blick. High Magic's Aid, sein Ritualroman, erschien im Juli 1949 über den Atlantis Bookshop — als Fiktion, die das alte Gesetz nicht traf. Witchcraft Today, das denselben Stoff als Tatsachenbericht vorlegt, erschien im November 1954 bei Rider and Company zum Preis von fünfzehn Shilling, drei Jahre nach der Gesetzesänderung. Eine Bewegung, deren Gründungserzählung „uralt, ununterbrochen, geheim" lautet, ging also genau in dem Moment an die Öffentlichkeit, in dem das Gesetz sie ließ.

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Woher die Rituale wirklich stammen
Das nützlichste Dokument dieser Geschichte ist ein Manuskript von Gardners Hand, meist Ye Bok of ye Art Magical genannt — das Heft vor dem eigentlichen Buch der Schatten. Weil es erhalten und transkribiert ist, lassen sich seine Quellen Seite gegen Seite mit gedruckten Büchern abgleichen. Aidan Kelly veröffentlichte 1991 eine Teiltranskription; die gründlichste Quellenanalyse stammt von Roger Dearnaley.
Das Ergebnis ist eindeutig. Ganze Passagen stammen von Aleister Crowley: theoretische Abschnitte aus Book 4 (1913) und aus den Kapiteln IX und XII von Magick in Theory and Practice (1929), das Kleine Pentagrammritual in Crowleys Fassung statt in der des Golden Dawn, ein Auszug aus der Gnostischen Messe. Weiteres Material kommt aus dem Schlüssel Salomos und aus Charles Godfrey Lelands Aradia (1899). Der Abschnitt „Leviter Veslis", aus dem die Charge of the Goddess wurde, schöpft aus Crowleys The Law of Liberty und aus Leland zugleich. Dearnaley datiert seine Entstehung auf etwa 1940 bis 1946 — also auf die Jahre nach der von Gardner behaupteten Einweihung und vor seiner Begegnung mit Crowley 1947.
Dearnaleys Lesart ist, dass Crowley diese Rituale nicht für Gardner geschrieben hat: Wer sie zusammenstellte, änderte Crowleys Text frei, bis hin zum Sinn, und schrieb durchgehend „magic" statt Crowleys „magick" — nicht die Gewohnheiten eines Eingeweihten von Crowleys Orden. Näher liegt Gardner selbst. Valiente hielt fest, er habe ihr gesagt, die vorhandenen Rituale seien bruchstückhaft gewesen und er habe sie ergänzen müssen. Sie schrieb große Teile davon in den 1950er-Jahren um, ausdrücklich um Crowley zu entfernen — und scheiterte damit, wie eine spätere Wortauszählung zeigt, nur teilweise. Diese Geschichte erzählen wir ausführlich in unserem Text über Doreen Valiente und die Quellen der Charge of the Goddess.
Margaret Murray — und warum die Neun-Millionen-Zahl aus Quedlinburg kommt
Die Einleitung zu Witchcraft Today schrieb Margaret Murray, die Ägyptologin, deren Hexenkult-These besagte, die in der Frühen Neuzeit wegen Hexerei Angeklagten seien Anhänger einer überlebenden heidnischen Fruchtbarkeitsreligion gewesen. Ihr Name gab Gardners Buch einen akademischen Rahmen. Die These selbst gilt in der Hexenforschung seit mehr als einem halben Jahrhundert als widerlegt; am Leben ist sie vor allem noch in der Bewegung, die sie mitbegründen half.
Eine Zahl reiste mit ihr. Gardner wiederholte die Behauptung, in den Hexenverfolgungen seien neun Millionen Menschen umgekommen. Diese Zahl geht auf einen einzigen Mann zurück, und der saß in Sachsen-Anhalt: Gottfried Christian Voigt (1740–1791), Stadtsyndikus in Quedlinburg, schrieb 1784 in der Berlinischen Monatsschrift (Band 3, S. 297–311) den Aufsatz „Etwas über die Hexenprozesse in Deutschland". Voigt nahm rund dreißig aktenkundige Opfer aus dem Archiv seiner eigenen Stadt, schlug zehn hinzu, rechnete diese Quote auf das gesamte christliche Europa hoch und multiplizierte mit elf Jahrhunderten. Er war ein Aufklärer, der gegen den Aberglauben argumentieren wollte, und hielt Voltaires Schätzung von einigen hunderttausend für viel zu niedrig.
| Angabe | Herkunft | Status |
|---|---|---|
| rund 9,4 Millionen Hingerichtete | Hochrechnung Voigts, 1784, aus etwa 40 Quedlinburger Fällen | widerlegt |
| ca. 50.000–60.000 Hinrichtungen in Europa | Auswertung der erhaltenen Prozessakten | Forschungsstand |
| davon gut 25.000 im Alten Reich | dieselbe Aktenauswertung | Forschungsstand |
Die Zahl ist also keine strittige Schätzung, sondern eine Hochrechnung des 18. Jahrhunderts aus vierzig Fällen. Ihre Wanderung ist ein eigenes Kapitel deutscher Geschichte: antiklerikale Polemik, Gebrauch im Nationalsozialismus, Wiederauftauchen in Teilen der Frauenbewegung — und über Gardner und Wicca kehrte sie in die deutschsprachige Esoterik zurück, aus der sie stammt. Wer sie heute in einem Hexenbuch liest, liest einen Quedlinburger Dreisatz von 1784. Wie ein wirklich alter, datierbarer Text aussieht, zeigen dagegen die Merseburger Zaubersprüche.
Was von Gardner zitiert werden darf und was nicht
Für den deutschsprachigen Raum hat die Sache eine praktische Seite, die selten jemand ausspricht: Gardners Texte sind noch geschützt. Nach § 64 UrhG erlischt das Urheberrecht siebzig Jahre nach dem Tod des Urhebers. Für die Schichten, aus denen Wicca besteht, ergibt das ein überraschend klares Bild.
| Urheber | gestorben | Status |
|---|---|---|
| Charles Godfrey Leland (Aradia) | 1903 | gemeinfrei |
| Aleister Crowley | 1947 | gemeinfrei seit 1.1.2018 |
| Margaret Murray | 1963 | geschützt bis Ende 2033 |
| Gerald Gardner | 1964 | geschützt bis Ende 2034 |
Für die Praxis heißt das: Aus Leland und Crowley darf man frei zitieren, abdrucken, übersetzen und bearbeiten. Aus Gardner und Murray darf man nach § 51 UrhG in dem Umfang zitieren, den der eigene Zweck trägt — mit Quellenangabe, als Beleg für eine eigene Aussage, nicht als Ersatz dafür; einzelne Privatkopien deckt § 53 UrhG. Wer ein Buch der Schatten mit Gardner-Texten druckt oder ins Netz stellt, bewegt sich bis Ende 2034 auf fremdem Grund — auch dann, wenn der Text „Überlieferung" genannt wird: Urheber ist nach §§ 3 und 7 UrhG, wer ein Werk geschaffen hat, und das war hier nachweisbar ein Mensch des 20. Jahrhunderts. (Allgemeine Einordnung, keine Rechtsberatung.)
Auf Deutsch ist Witchcraft Today übrigens erst 2012 erschienen, als Die Weisheit der Wicca, übersetzt von Robert B. Osten, im Aurinia-Verlag Hamburg, 175 Seiten. Achtundfünfzig Jahre nach dem Original — ein gutes Maß dafür, wie sehr die deutschsprachige Szene Wicca zunächst über Sekundärliteratur und Umwege kennenlernte und nicht über den Gründungstext selbst.
Was wir nicht behaupten
Wir behaupten nicht, Gardner sei ein Betrüger gewesen, und wir behaupten nicht, er sei in etwas Uraltes eingeweiht worden. Das Erste wäre ein Urteil über Beweggründe, das die Quellen nicht hergeben; das Zweite eine Tatsachenbehauptung, für die es außerhalb seiner eigenen Darstellung keinen Beleg gibt. Wir behaupten keine körperliche, medizinische oder materielle Wirkung irgendeiner hier beschriebenen Praxis. Wo Kritik wiedergegeben wird, ist die Quelle genannt und die Aussage als Einschätzung gekennzeichnet. Die Ausführungen zum Urheberrecht sind allgemeine Einordnung und ersetzen keine Rechtsberatung.
Was die Aktenlage trägt, ist schmaler und interessanter als beide Urteile. Ein pensionierter Zollbeamter mit echten, bescheidenen wissenschaftlichen Meriten baute aus gedruckten Quellen eine funktionierende Religion und gab sie als ererbt aus. Ob die Geschichte stimmt, hörte für die Praktizierenden irgendwann um 1970 auf, eine Rolle zu spielen. Für jeden, der wissen will, was er da nachspricht, spielt es weiterhin eine.
Häufige Fragen
Hat Gerald Gardner Wicca erfunden?
Er hat es zusammengesetzt. Die Ritualtexte, die er in Umlauf brachte, lassen sich auf zu seinen Lebzeiten gedruckte Bücher zurückführen — Crowley, Lelands Aradia, den Schlüssel Salomos —, und das erhaltene Manuskript von seiner Hand ist Seite für Seite damit abgeglichen worden. Ob er glaubte, etwas Überliefertes aufzuschreiben, oder wusste, dass er dichtete, können die Quellen nicht entscheiden.
Gab es den New-Forest-Zirkel wirklich?
Gardner sagte, er sei im September 1939 in einen solchen eingeweiht worden. Ein unabhängiger Beleg existiert nicht. Historiker, die die Archive durchgearbeitet haben, halten es für wahrscheinlich, dass eine Gruppe bestand — aber dass sie sich Mitte der 1930er-Jahre unter dem Eindruck von Margaret Murrays Büchern gebildet hat.
Waren seine Doktortitel echt?
Nein. Die behaupteten Grade aus Singapur und Toulouse halten der Prüfung nicht stand; er besaß einen 1937 gegen Gebühr per Post erworbenen Titel der Meta Collegiate Extension in Nevada. Seine echten Meriten waren andere und real: ein Fachaufsatz von 1937 im Journal of the Royal Asiatic Society, ein in Nature besprochenes Buch und die Wahl ins Royal Anthropological Institute 1936.
Woher stammt die Zahl von neun Millionen Hexenopfern?
Von Gottfried Christian Voigt, Stadtsyndikus in Quedlinburg, in einem Aufsatz von 1784 in der Berlinischen Monatsschrift. Er rechnete rund vierzig örtliche Fälle auf ganz Europa und elf Jahrhunderte hoch. Die Forschung kommt anhand der Prozessakten auf etwa 50.000 bis 60.000 Hinrichtungen in Europa, davon gut 25.000 im Alten Reich.
Darf ich Gardners Ritualtexte veröffentlichen?
Bis Ende 2034 nicht ohne Erlaubnis der Rechteinhaber: Gardner starb 1964, die Schutzfrist läuft nach § 64 UrhG siebzig Jahre. Zitieren in dem Umfang, den der eigene Zweck trägt, erlaubt § 51 UrhG mit Quellenangabe. Leland und Crowley sind dagegen gemeinfrei. Das ist eine allgemeine Einordnung und keine Rechtsberatung.
Wann erschien Witchcraft Today auf Deutsch?
Erst 2012, als Die Weisheit der Wicca in der Übersetzung von Robert B. Osten im Aurinia-Verlag, Hamburg, 175 Seiten. Das englische Original war 1954 erschienen.
Quellen
Gardner, Keris and Other Malay Weapons, 2. Aufl., Singapur/London 1936 (Volltext eingesehen) · Rezension in Nature 139/3506 (9.1.1937), S. 51 · Gardner, „Ancient Beads from the Johore River…", JRAS 69/3 (1937), S. 467–470 · Gardner, High Magic's Aid (1949) und Witchcraft Today (Rider 1954, Einleitung Margaret Murray); dt. Die Weisheit der Wicca, Aurinia-Verlag Hamburg 2012 · Hutton, The Triumph of the Moon (1999) · Heselton, Witchfather (2012) · Valiente, The Rebirth of Witchcraft (1989) · Kelly, Crafting the Art of Magic (1991) · Dearnaley, „The Influence of Aleister Crowley upon Ye Bok of ye Art Magical" · Fraudulent Mediums Act 1951 · Voigt, „Etwas über die Hexenprozesse in Deutschland", Berlinische Monatsschrift 3 (1784), S. 297–311 · Behringer, „Neun Millionen Hexen" (1998) · fowid, „Hexenverfolgungen" · UrhG §§ 3, 7, 51, 53, 64.
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