Das Jahr 536: Welcher Vulkan die Sonne verdunkelte — und warum die Spur im Eis nicht nach Island führt
Im März 536 verliert die Sonne über dem Mittelmeer ihren Glanz und bekommt ihn ein Jahr lang nicht zurück. Vier Männer in vier Städten schreiben es auf, in Irland fehlt das Brot. Fast 1.500 Jahre lang hatte die Wolke keinen Absender. Heute liegt ihre Asche unter dem Mikroskop, und sie führt nicht dorthin, wo die Schlagzeilen sie 2018 vermuteten.
Im Frühjahr 536 verliert die Sonne über dem Mittelmeer ihren Glanz und bekommt ihn ein Jahr lang nicht zurück. Vier Männer in vier Städten schreiben es auf, in Irland fehlt das Brot, und im Norden erzählt man später von drei Wintern ohne Sommer. Fast 1.500 Jahre lang hatte die Wolke keinen Absender. Heute liegt ihre Asche unter dem Mikroskop. Sie verrät viel, und sie führt nicht dorthin, wo die Schlagzeilen sie 2018 vermuteten.
Inhalt
Im Jahr 536 verschleierte vulkanisches Sulfat in der Stratosphäre die Sonne über Europa und dem Mittelmeer rund ein Jahr lang; Prokop beschrieb sie „wie der Mond“, Cassiodor als bläulich und schattenlos. Neu datierte Eiskerne belegen einen großen Ausbruch 536 in hohen nördlichen Breiten und einen zweiten um 540 in den Tropen, Baumringe die folgende Kälte. Welcher Vulkan es war, ist nicht geklärt: Die Asche von 536 im grönländischen Eis stammt aus mindestens drei Quellen, passt zu Nordamerika und den Aleuten und unterscheidet sich von Island. Auch der Vulkan von 540 ist umstritten.
Mehrere Zeitgenossen beschreiben 535 bis 537 unabhängig voneinander eine Sonne ohne Glanz, rund ein Jahr lang: Prokop („wie der Mond“), Cassiodor (bläuliche Sonne, mittags keine Schatten), Johannes Lydos und Pseudo-Zacharias (24. März 536 bis 24. Juni 537).
Quelle/Tradition: Prokop, Kriege IV.14 (Dewing 1916); Cassiodor, Variae XII.25 (Hodgkin 1886); Lydos und Pseudo-Zacharias nach Sigl u. a. 2015, Ergänzungsdaten
Nach der Neudatierung der Eiskerne 2015 zeigen Grönland und Antarktis einen großen Ausbruch 536 in hohen nördlichen Breiten und einen zweiten um 540 in den Tropen. Die älteren Zeitskalen lagen im ersten Jahrtausend fünf bis zehn Jahre daneben.
Quelle/Tradition: Sigl u. a., Nature 523 (2015); Yale News 08.07.2015; Baillie & McAneney, Climate of the Past 11 (2015)
Baumringe aus dem Altai und den Alpen zeigen eine beispiellose, lang anhaltende Abkühlung nach Ausbrüchen 536, 540 und 547; die Zeit von 536 bis etwa 660 heißt Spätantike Kleine Eiszeit.
Quelle/Tradition: Büntgen u. a., Nature Geoscience 9 (2016)
Die Asche von 536 im grönländischen NEEM-Kern stammt aus mindestens drei Quellen, passt zu Vulkanregionen mittlerer bis hoher Breiten (u. a. Aniakchak, Mono-Inyo) und unterscheidet sich von Island. Zwei Splitter gleichen einem unbekannten Aleutenvulkan, dessen Asche man früher dem Vesuv im Jahr 79 zuschrieb.
Quelle/Tradition: Plunkett u. a., Quaternary Science Reviews 301 (2023); Plunkett u. a., Climate of the Past 18 (2022)
Achtzehn Monate Dunkelheit, an jedem Tag nur etwa vier Stunden schwaches Licht; die Früchte reiften nicht.
Quelle/Tradition: Michael der Syrer, Chronik (12. Jahrhundert), nach Sigl u. a. 2015, Ergänzungsdaten
Vor Ragnarök kommen drei Winter ohne Sommer (Fimbulwinter); die Völuspá spricht von schwarzem Sonnenschein in den Sommern danach.
Quelle/Tradition: Snorri Sturluson, Gylfaginning (Anderson 1880); Völuspá (Thorpe 1866)
Welcher Vulkan 536 ausbrach. Die 2018 berichtete Island-These stützt sich auf Splitter aus dem Alpeneis, die über den Abgleich mit grönländischer Asche datiert wurden; diese Asche ist nach heutigem Stand nicht isländisch.
Quelle/Tradition: Science 362 (2018); Loveluck u. a., Antiquity 92 (2018); Plunkett u. a. 2023
Dass der Ilopango in El Salvador der tropische Ausbruch von 540 war. Dull u. a. datieren ihn auf 539/40, Smith u. a. über Asche in Grönland auf 431 ± 2.
Quelle/Tradition: Dull u. a., Quaternary Science Reviews 222 (2019); Smith u. a., PNAS 117 (2020)
Dass ein Komet beteiligt war, dass die Kälte die Justinianische Pest von 541 ausgelöst hat oder dass der Fimbulwinter eine Erinnerung an 536 ist. Alles begründete Thesen, keine Befunde.
Quelle/Tradition: Abbott u. a. 2014; Büntgen u. a. 2016; Mordechai u. a., PNAS 116 (2019); Gräslund & Price, Antiquity 86 (2012)
BELEGT = wissenschaftlich oder amtlich nachprüfbar · ÜBERLIEFERT = historisch/traditionell dokumentiert · GELEBTE PRAXIS = verbreitete Anwendung, Erfahrungswerte · NICHT BELEGT = spirituelle Deutung, wissenschaftlich nicht nachgewiesen.
Konstantinopel, März 536. Papst Agapet ist aus Rom eingetroffen, und die Stadt ist in Aufruhr. Ein Chronist, den man heute Pseudo-Zacharias nennt, hält fest, was danach geschah: Vom 24. dieses Monats an begann die Sonne am Tag dunkel zu werden und der Mond in der Nacht, und das Meer lag unter einem Schleier aus Gischt. So blieb es nach seiner Rechnung bis zum 24. Juni des folgenden Jahres. Der Winter war so hart, dass Vögel im ungewöhnlich hohen Schnee umkamen. Danach bricht seine Handschrift ab, die Zeilen sind beschädigt, man liest nur noch Fetzen: Bedrängnis, schreckliche Dinge.
Gut tausend Kilometer westlich, auf Sizilien, überwintert der Feldherr Belisar mit seinem Heer in Syrakus. In seinem Stab reist ein Jurist und Schreiber namens Prokop. Er wird das Jahr später in seiner Geschichte der Kriege beschreiben, und es ist der Satz, mit dem diese ganze Geschichte beginnt: Die Sonne gab ihr Licht ohne Glanz, wie der Mond, das ganze Jahr hindurch.
Keiner dieser Männer wusste, woher die Dunkelheit kam. Sie glaubten an Zeichen, nicht an Vulkane. Das Erstaunliche ist, dass die Frage, die sie nicht stellen konnten, bis heute nicht vollständig beantwortet ist. Wir wissen inzwischen, was den Himmel verschleiert hat. Wir wissen sogar ungefähr, wann. Nur den Ort, den Berg, den Krater: den kennt niemand.
„Wie der Mond“: vier Zeugen, ein Himmel
Was das Jahr 536 von den meisten Katastrophen der Antike unterscheidet, ist die Zahl der Zeugen. Sie schreiben unabhängig voneinander, an verschiedenen Orten, in verschiedenen Sprachen, und sie beschreiben dasselbe.
Prokop (Geschichte der Kriege, Buch IV, Kapitel 14) ordnet das Zeichen in das zehnte Regierungsjahr Justinians ein, also in die Zeit zwischen August 536 und Juli 537. Die Strahlen seien nicht klar gewesen, wie die einer Sonne in der Finsternis. Und er fügt einen Satz an, der später viel zitiert werden wird: Seit dieses Zeichen geschah, seien die Menschen weder von Krieg noch von Seuche noch von irgendetwas anderem frei gewesen, das zum Tod führt.
In Konstantinopel notiert der Beamte Johannes Lydos in seinem Buch über Vorzeichen eine verdunkelte Sonne „fast ein ganzes Jahr lang“, während der eben vergangenen vierzehnten Indiktion, also 535/536, als Belisar Konsul war. Lydos hat eine Erklärung, und sie ist erstaunlich nüchtern: Feuchtigkeit sei aufgestiegen und habe sich in Europa zu Wolken verdichtet, die das Licht der Sonne nicht durchließen. Den Osten, Persien und Indien, habe es nicht getroffen.
Der vierte Zeuge sitzt in Italien und hat ein ganz praktisches Problem. Cassiodor ist Prätorianerpräfekt des Ostgotenreichs, eine Art oberster Verwaltungschef. In einem Brief an seinen Stellvertreter Ambrosius (Variae XII.25) beschreibt er den Himmel, und dann ordnet er an, was zu tun ist.
„The Sun, first of stars, seems to have lost his wonted light, and appears of a bluish colour. We marvel to see no shadows of our bodies at noon, to feel the mighty vigour of his heat wasted into feebleness, and the phenomena which accompany a transitory eclipse prolonged through a whole year.“
Übersetzung der Redaktion: „Die Sonne, der erste der Sterne, scheint ihr gewohntes Licht verloren zu haben und erscheint bläulich. Wir staunen, mittags keine Schatten unserer Körper zu sehen, die gewaltige Kraft ihrer Hitze zur Schwäche verkümmert zu fühlen und die Erscheinungen einer kurzen Finsternis ein ganzes Jahr lang andauern zu sehen.“
Cassiodor, Variae XII.25, an Ambrosius. Englisch von Thomas Hodgkin, The Letters of Cassiodorus, London 1886.
Cassiodor schreibt von einem Winter ohne Stürme, einem Frühling ohne Milde und einem Sommer ohne Wärme. Die Trauben werden sauer, die Äpfel hart, bevor sie reif sind. Seine Anweisung an Ambrosius: Das Vorjahr habe eine besonders reiche Ernte gebracht, davon solle er sammeln, so viel er könne, für die Monate des Mangels. Ein Zorn Gottes sei das nicht, schreibt Cassiodor ausdrücklich, aber schaden werde es den Früchten der Erde trotzdem.
Wann genau der Brief entstand, ist umstritten. Hodgkin datierte ihn 1886 auf den Herbst 538, die Autoren der großen Eiskernstudie von 2015 nennen in ihrem Anhang 534, 536 oder 537 als vertretene Datierungen. Am Inhalt ändert das nichts: Ein hoher Beamter, der kein Mystiker war, sah ein Jahr lang eine bläuliche Sonne ohne Schatten und plante Vorräte.
Brotmangel in Irland, Schnee im Sommer
Die Spur reicht weit über das Mittelmeer hinaus. In den Annalen von Ulster, einer irischen Chronik, die ältere Aufzeichnungen bewahrt, stehen zwei Einträge mit denselben drei Wörtern. Unter der Nummer U536.3 und wieder unter U539.1: „Failure of bread“, Ausfall des Brotes. Kein Kommentar, keine Erklärung. Nur der Befund, zweimal kurz hintereinander.
Viel später, im 12. Jahrhundert, schreibt der syrische Patriarch Michael eine Weltchronik. Er schöpft aus älteren, heute verlorenen Texten, und seine Zahlen sind die, die man in fast jedem Video über 536 hört. Im Jahr 848 der seleukidischen Zählung, also 536/537, sei die Sonne dunkel geworden, und diese Dunkelheit habe anderthalb Jahre gedauert, achtzehn Monate. Jeden Tag habe sie nur etwa vier Stunden geschienen, und auch dann nur als schwacher Schatten. Die Früchte reiften nicht, der Wein schmeckte wie saure Trauben. Michael ist ein Überlieferer, kein Augenzeuge, und er sagt das selbst: Man hätte es nicht aufgeschrieben, wenn es nicht in den meisten glaubwürdigen Schriften stünde.
Die Wissenschaftsjournalistin Ann Gibbons fasste 2018 im Fachmagazin Science zusammen, was davon in heutigen Messungen ankommt: Die Sommertemperaturen seien um 1,5 bis 2,5 Grad gefallen, und es habe das kälteste Jahrzehnt der vergangenen 2.300 Jahre begonnen. Der Mittelalterhistoriker Michael McCormick von der Harvard-Universität gab ihr auf die Frage nach dem schlimmsten Jahr, in dem man hätte leben können, eine Zahl zur Antwort: 536. Von diesem Satz stammt die Schlagzeile, die seither um die Welt geht.
Wir haben im Magazin schon einmal über diese Art von Dunkelheit geschrieben, als Kapitel einer größeren Geschichte über verfinsterte Tage von 1780 bis 1815. Dort ging es um die Frage, wie dunkel es werden kann. Hier geht es um eine andere: Wer war es?
Eine Wolke ohne Absender
1984 gab der Astrophysiker Richard Stothers dem Phänomen in Nature den Namen, unter dem es bekannt wurde: „Mystery cloud of AD 536“, die rätselhafte Wolke. Er hielt einen Vulkanausbruch für die wahrscheinlichste Ursache. Das Problem war nur, dass die Gletscher nicht mitspielten.
Wenn ein großer Vulkan Schwefel in die Stratosphäre schleudert, bildet sich dort ein Schleier aus Schwefelsäure-Tröpfchen. Er streut das Sonnenlicht, die Sonne wirkt fahl und bläulich, am Boden wird es kühler. Nach ein, zwei Jahren regnet und schneit der Schleier aus, auch auf Grönland und die Antarktis. Dort wird er Jahr für Jahr unter neuem Schnee begraben. Ein Eisbohrkern ist darum ein Archiv der Vulkane: Man zählt die Jahresschichten von oben nach unten, und wo die Säure steigt, war ein Ausbruch.
Für 536 zeigten die Eiskerne lange nichts, was überzeugend passte. Es gab Säurespitzen, aber einige Jahre zu früh. Gleichzeitig zeigten Baumringe, von irischen Eichen bis zu Kiefern in der Mongolei, ab 536 und dann wieder um 540 extrem schmale oder frostgeschädigte Ringe, die Spur kalter Sommer. Zwei Archive, zwei Antworten. In diese Lücke stießen andere Erklärungen.
Die Geologin Dallas Abbott und ihr Team fanden im grönländischen GISP2-Kern zinn- und nickelreiche Partikel und kosmische Kügelchen, verteilt über die Jahre 533 bis 540 der damaligen Zeitskala, und deuteten sie 2014 als Kometenstaub, vielleicht aus dem Meteorstrom des Halleyschen Kometen. Dazu kamen winzige Schalen tropischer Meeresorganismen, die sie einem Einschlag oder einer Explosion in einem tropischen Ozean zuschrieben. Eine kosmische Ursache also, oder wenigstens eine kosmische Beteiligung. Die Idee hatte Anhänger, und sie hat sie bis heute. Sie hatte nur einen Haken, den damals noch kaum jemand sah: Sie stand auf einer Zeitskala, die falsch war.
Die Uhr im Eis ging sieben Jahre falsch
Der Mann, der das zuerst vermutete, war ein Baumringforscher. Mike Baillie aus Belfast hatte jahrzehntelang mit Eichenchronologien gearbeitet, Jahr für Jahr, Ring für Ring, ohne Lücke. 2008 stellte er die Hypothese auf, dass nicht die Bäume falsch gehen, sondern das Eis. 2015 legte er mit seinem Kollegen J. McAneney in der Fachzeitschrift Climate of the Past nach: Die Verbindungen zwischen Säurespitzen im Eis und Frostschäden in Bäumen würden vor dem Jahr 700 deutlich besser passen, wenn man die Eischronologien um etwa sieben Jahre nach vorn verschiebt.
Und er nannte einen möglichen Grund. Die grönländische Zeitskala war an einem Punkt festgemacht, den man für absolut sicher hielt: an Asche in 429,3 Metern Tiefe im GRIP-Kern, zugeschrieben dem Vesuv, der im Jahr 79 Pompeji begrub. Ein solcher Fixpunkt ist wie ein Nagel, an dem man ein Maßband aufhängt. Sitzt der Nagel falsch, ist jede Markierung darunter falsch, und zwar um genau denselben Betrag.
Im Juli 2015 erschien dann in Nature die Studie, die das Problem löste. Ein Team um Michael Sigl, damals am Desert Research Institute in Nevada, hatte mehrere Kerne aus Grönland und der Antarktis in feinster Auflösung neu vermessen und ihre Zeitskalen mit unabhängigen Markern neu verankert, unter anderem mit Beryllium-10. Dieses Isotop entsteht durch kosmische Strahlung, und ein kurzer, heftiger Strahlungsschub um 774/775 hat es im Eis hinterlassen, während dasselbe Ereignis in Baumringen weltweit Kohlenstoff-14 anreicherte. Ein Zeitstempel in beiden Archiven, der nicht von einem Vulkan abhängt.
Das Ergebnis: Die bisherigen Zeitskalen lagen im ersten Jahrtausend fünf bis zehn Jahre daneben. Nach der Korrektur folgten 15 der 16 kältesten Sommer zwischen 500 vor Christus und dem Jahr 1000 auf große Vulkanausbrüche. Und die rätselhafte Wolke bekam endlich ein Signal im Eis. Der Historiker Francis Ludlow, Mitautor der Studie, sagte damals der Yale-Universität: „Before the new chronology, there were no eruptions that could have convincingly caused such a prolonged period of climatic and social disturbance, but with the new dating we can now identify a major eruption in the high latitudes of the Northern Hemisphere in 536, followed by another huge eruption in the tropics around c. 540.“ Vor der neuen Zeitskala gab es keinen Ausbruch, der diese lange Störung überzeugend erklären konnte; jetzt erkennen wir einen großen Ausbruch in den hohen Breiten der Nordhalbkugel im Jahr 536 und einen zweiten gewaltigen in den Tropen um 540.
Damit war 536 kein Rätsel mehr, ob es ein Vulkan war. Es wurde ein Rätsel, welcher. Und die neue Zeitskala hatte eine Folge, die erst Jahre später sichtbar wurde: Wenn die Säure im Eis nicht 79, sondern einige Jahre später fiel, dann stammte die Asche des vermeintlichen Vesuv-Nagels vielleicht gar nicht vom Vesuv.
Verdächtiger Nummer eins: Island
Im November 2018 schien der Fall gelöst. Ein Team um McCormick und den Glaziologen Paul Mayewski hatte einen 72 Meter langen Eiskern vom Colle Gnifetti untersucht, einem Sattel im Monte-Rosa-Massiv an der Grenze zwischen der Schweiz und Italien. Mit einem Laser schnitten sie das Eis in hauchdünne Scheiben, Jahr für Jahr, teils Jahreszeit für Jahreszeit. In Proben, die sie auf das Frühjahr 536 datierten, fanden sie zwei mikroskopisch kleine Splitter vulkanischen Glases, die sie auf isländisches Gestein zurückführten. So berichteten es Science und Live Science.
Die Geschichte hatte alles. Island, nah an Europa, ein Ausbruch, der die Asche direkt über den Kontinent trägt. Der Archäologe Christopher Loveluck aus Nottingham, Mitglied des Teams, sagte laut Live Science, Island liege viel näher an Großbritannien und Nordwesteuropa als Kalifornien, die Wirkung auf das Klima dort wäre damit viel größer gewesen als bisher gedacht. Bis heute schlägt Google bei der Suche nach dem Vulkan von 536 „island“ als Ergänzung vor. Die Formulierung von damals, man habe den Schuldigen identifiziert, hat sich in vielen Artikeln und Videos festgesetzt.
Was in den Schlagzeilen fehlte, steht im Fachaufsatz der Gruppe, der im selben Monat in der Zeitschrift Antiquity erschien. Er handelt vor allem von Blei im Eis und vom Wechsel Europas von Gold- zu Silbermünzen im 7. Jahrhundert. Die Glassplitter von 536 kommen darin als Zeitmarke vor, und zwar so: Sie seien chemisch sehr ähnlich einem Splitter aus dem grönländischen NEEM-Kern mit der Laborkennung QUB-1859, den Sigl 2015 dem Ereignis von 536 zugeordnet hatte. Über diesen Abgleich wird die Alpenprobe auf 536, plus minus zwei Jahre, festgelegt. Die eigene Schichtzählung des Alpenkerns hatte dieselbe Asche zunächst auf das Jahr 500 gesetzt. Das Jahr kam also aus Grönland. Eine Herkunft aus Island nennt der Aufsatz an dieser Stelle nicht. Damit hängt alles an der Frage, woher der grönländische Splitter stammt.
Was das grönländische Eis sagt
Die entscheidenden Analysen kommen aus Belfast. Die Paläoökologin Gill Plunkett von der Queen's University hat zusammen mit Sigl und anderen über Jahre jede Asche untersucht, die sich in den neu datierten grönländischen Kernen finden ließ. Oft sind es nur ein, zwei Splitter, kleiner als ein Haar dick. Aber Glas hat eine chemische Handschrift. Jeder Vulkan mischt seine Schmelze ein wenig anders, und mit einer Elektronenstrahl-Mikrosonde lässt sich diese Handschrift lesen.
Für 536 ist das der Splitter-Fund im Kern NEEM-2011-S1, eben jene Probe QUB-1859, an der auch die Alpen-Asche gemessen wurde. 2023 fasste Plunketts Team in Quaternary Science Reviews zusammen, was es verrät: Das Glas besteht aus mehreren klar verschiedenen Gruppen und stammt demnach aus mindestens drei Quellen, also aus Ausbrüchen, die etwa gleichzeitig stattfanden. Keine der Gruppen ließ sich sicher einem Vulkan zuordnen. Aber die Zusammensetzungen passen zu Vulkanregionen mittlerer bis hoher Breiten, unter anderem zum Aniakchak in Alaska und zu den Mono-Inyo-Kratern in Kalifornien. Und sie unterscheiden sich, so steht es im Aufsatz, von Island.

Dann kam die Wendung, die niemand bestellt hatte. 2022 untersuchte das Team in Climate of the Past die Asche aus jener Säureschicht, die man dem Vesuv im Jahr 79 zugeschrieben hatte, also den alten Nagel der Zeitskala. Ergebnis: Sie stammt nicht vom Vesuv. Haupt- und Spurenelemente sprechen am ehesten für einen unbekannten Ausbruch im Bogen der Aleuten, der Inselkette zwischen Alaska und Kamtschatka. Die Splitter sind 24 bis 85 Mikrometer groß. Teilchen dieser Größe gelangen nur dann bis nach Grönland, wenn ein Ausbruch bis in die Stratosphäre reichte. Nach der neuen Zeitskala fällt dieser Ausbruch auf das Jahr 88.
Und dann der Satz, der beide Rätsel verbindet. Zwei der Splitter aus dem Eis von 536 gleichen chemisch genau dieser Aleuten-Asche. Die Autoren schreiben: Wo immer die Quelle liegt, derselbe Vulkan hat zum vulkanischen Signal von 536 beigetragen. Ein Berg, den niemand kennt, ist also zweimal im Archiv: einmal als falscher Vesuv, der die Uhr verstellte, und einmal als Mittäter in dem Jahr, das diese Uhr lange nicht finden konnte. Auch die Splitter von 536 sind größer als 50 Mikrometer, auch sie sprechen für einen Ausbruch bis in die Stratosphäre.
Das ist keine Auflösung, sondern eine Verschiebung des Rätsels. Der Schleier von 536 war wahrscheinlich kein einzelner Ausbruch, sondern ein Zusammentreffen. Mindestens drei Vulkane, nach heutigem Stand eher im Norden des Pazifiks und Nordamerikas als im Nordatlantik. Welche genau, steht nicht fest. Island ist damit nicht ausgeschlossen, aber das grönländische Eis, das am dichtesten an Island liegt, liefert keinen isländischen Splitter für 536.
Der zweite Schlag: Ilopango und die 108 Jahre
Vier Jahre nach 536 kam der zweite Ausbruch, diesmal mit Säure in beiden Polkappen, also in den Tropen. Für ihn gab es einen Kandidaten, der perfekt schien: den Ilopango in El Salvador. Sein letzter großer Ausbruch, nach seinen weißen Ablagerungen „Tierra Blanca Joven“ genannt, junge weiße Erde, begrub weite Teile der südlichen Maya-Welt unter Asche; nach Angaben der Forscher wurde ein Gebiet von mehr als 20.000 Quadratkilometern verlassen.
2019 legte ein Team um den Geowissenschaftler Robert Dull in Quaternary Science Reviews hundert neue Radiokarbonmessungen an drei Baumstämmen vor, die in den Ablagerungen der Glutlawinen nahe dem Vulkan eingeschlossen worden waren. Dazu eine neue Schätzung der Größe: 43,6 Kubikkilometer Magma, Magnitude 7,0, bis zu 90 Millionen Tonnen Schwefel. Ihr Schluss im Titel: Ilopango sei die Quelle des „kolossalen Mystery-Ausbruchs von 539/40“.
Ein Jahr später kam der Widerspruch, und er kam aus dem Eis. Ein Team um die Vulkanologin Victoria Smith aus Oxford, mit Plunkett und Sigl als Mitautoren, fand die Asche des Ilopango in einem grönländischen Kern, mehr als 7.000 Kilometer vom Vulkan entfernt, und datierte den Ausbruch damit auf 431, plus minus zwei Jahre (PNAS 117, 2020). Sie stützten sich zusätzlich auf die Archäologie: Unter der Asche wurden in Chalchuapa, 75 Kilometer vom Vulkan, Gegenstände im Stil von Teotihuacan gefunden, wie sie am Beginn der frühklassischen Zeit hergestellt wurden, also vor 450. Die Radiokarbondaten, so Smith, fielen auf ein Plateau der Kalibrierkurve und ließen viele Jahre zu.
Zwei Teams, ein Vulkan, 108 Jahre Unterschied. Die Datierung auf 431 beruht auf dem direkten Abgleich der Asche, und sie ist neuer. Wenn sie stimmt, ist der tropische Vulkan von 540 wieder ohne Namen. Dann hat das Jahrzehnt der Dunkelheit nicht einen, sondern mindestens zwei unbekannte Täter.
| Verdächtiger | Indiz · Quelle | Stand |
|---|---|---|
| Island (536) | Zwei Glassplitter im Alpeneis (Science, 2018); im Fachaufsatz über den Abgleich mit Grönland datiert | Grönland-Asche von 536 unterscheidet sich von Island (Plunkett 2023) — nicht bestätigt |
| Unbekannter Aleutenvulkan (536) | Zwei Splitter gleichen der Asche des Ausbruchs von 88 (Plunkett 2022) | Mittäter wahrscheinlich, Berg unbekannt |
| Nordamerika, z. B. Aniakchak, Mono-Inyo (536) | Chemie „passend zu“ (Plunkett 2023) | Kandidaten, nicht zugeordnet |
| Ilopango, El Salvador (540) | 100 Radiokarbondaten: 539/40 (Dull 2019) gegen Asche in Grönland: 431 ± 2 (Smith 2020) | umstritten, jüngere Studie spricht dagegen |
| Komet oder Meteor (533–540) | Partikel im GISP2-Kern (Abbott u. a. 2014), alte Zeitskala | nicht belegt |
| Vesuv 79 als Fixpunkt der Eisuhr | Asche stammt von den Aleuten (Plunkett 2022) | widerlegt |
Kälte, Hunger, Pest: was folgte und was nur gleichzeitig geschah
Was die Ausbrüche auslösten, steht in den Bäumen. Ulf Büntgen und Kollegen rekonstruierten 2016 in Nature Geoscience aus Baumringen des russischen Altai und der europäischen Alpen die Sommertemperaturen der letzten zwei Jahrtausende. Sie fanden eine beispiellose, lang anhaltende und räumlich gleichzeitige Abkühlung nach einer Häufung großer Ausbrüche 536, 540 und 547 und gaben der Zeit von 536 bis etwa 660 einen Namen: Spätantike Kleine Eiszeit.
Wie hart das vor Ort war, hängt vom Ort ab. Eine Gruppe um Evelien van Dijk hat 2023 für Südnorwegen Klimamodell, Pollen aus Mooren und Grabungsbefunde zusammengelegt. Das Modell ergibt bis zu 3,5 Grad Abkühlung in der Wachstumszeit. In den nördlichen und westlichen Untersuchungsgebieten wären Missernten wahrscheinlich gewesen, im Südosten reifte das Getreide eher noch. Die Archäologie zeigt beides: aufgegebene Höfe und schwere soziale Folgen, aber auch Orte, an denen das Leben einfach weiterging.
Und dann ist da die Pest. 541 bricht im Byzantinischen Reich die Seuche aus, die nach Kaiser Justinian benannt ist. Ihr Erreger war das Bakterium Yersinia pestis, und er erreichte auch das heutige Deutschland. Paläogenetiker wiesen ihn in frühmittelalterlichen Gräbern in Aschheim im Landkreis München und in Altenerding nach. 2019 kamen in einer Studie unter Leitung von Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena weitere bayerische Fundorte hinzu: Dittenheim, Unterthürheim, Petting und Waging. Mehr als achtzig Proben aus 16 Gräberfeldern wurden untersucht, in zwölf Menschen fand sich der Erreger. Erstmals gelang der Nachweis auch in England.
Es liegt nahe, Kälte, Hunger und Seuche zu einer Kette zu verbinden: erst die Dunkelheit, dann die Missernten, dann geschwächte Menschen und wandernde Ratten. Büntgen und Kollegen schlagen die Kälte als einen zusätzlichen Faktor vor. Nachgewiesen ist die Kette nicht. Und selbst die Größe der Pest ist umstritten. Ein Team um den Historiker Lee Mordechai prüfte 2019 Gesetze, Münzen, Papyri, Inschriften, Pollen und Gräber und fand keinen klaren Beleg für ein Massensterben, das die Welt der Spätantike umgeworfen hätte. „If this plague was a key moment in human history that killed between a third and half the population of the Mediterranean world in just a few years, as is often claimed, we should have evidence for it but our survey of datasets found none“, sagte Mordechai. Wenn die Pest ein Drittel bis die Hälfte der Menschen getötet hätte, müssten wir es sehen. Sie fanden es nicht.
Das macht 536 nicht kleiner. Es macht die Geschichte nur genauer. Gleichzeitig ist nicht dasselbe wie ursächlich.
Sehenswert: Der Geologie-Kanal GeologyHub erzählt die Vulkanseite des Jahrzehnts (englisch). Oben steht, was die Eiskerne heute belegen und was offen ist.
Fimbulwinter: Hat sich der Norden erinnert?
Im 13. Jahrhundert schreibt der Isländer Snorri Sturluson auf, was vor dem Weltende kommt. In seiner Edda fragt der König Gangleri nach Ragnarök, und die Antwort beginnt mit dem Wetter: Zuerst komme ein Winter, der Fimbulwinter heißt. Schnee treibe von allen Seiten, der Frost sei streng, die Winde scharf, und an der Sonne sei keine Freude. Drei solche Winter folgten aufeinander, ohne einen Sommer dazwischen. Danach verschlinge ein Wolf die Sonne.
Noch älter ist die Völuspá, die Weissagung der Seherin. In der englischen Übersetzung von Benjamin Thorpe aus dem 19. Jahrhundert steht der Vers: „swart is the sunshine then for summers after; all weather turns to storm“. Schwarz ist der Sonnenschein in den Sommern danach, alles Wetter wird zu Sturm.
Drei Winter ohne Sommer, eine schwarze Sonne. Für Leser des 21. Jahrhunderts, die von 536 und 540 gehört haben, ist die Versuchung groß. Der Archäologe Bo Gräslund und der Archäologe Neil Price haben sie 2012 in Antiquity ernst genommen: Sie zeigen, dass es für den Norden sowohl einen Klimaeinbruch als auch weit verbreitete Störungen der Besiedlung gibt, und halten es für gut begründet, dass dieses Grauen Spuren in Dichtung und Bildwerken hinterlassen hat. Lennart und Tobias Bondeson gingen 2014 noch weiter und schlugen vor, Mutterkornvergiftung durch verseuchtes Getreide in den nassen, kalten Jahren könne zum Bevölkerungsrückgang beigetragen und die Verse der Völuspá mitgeprägt haben. Sie nennen das selbst, im Titel, eine Hypothese.
Belegt ist davon nichts im engen Sinn. Die Edda ist rund 700 Jahre jünger als 536, und Endzeitwinter kennen auch andere Mythologien. Snorris Text und seine Quellen haben wir in einem eigenen Stück über Snorri Sturluson nachgezeichnet. Was man sagen kann: Es gab im 6. Jahrhundert im Norden Jahre, auf die die Beschreibung eines Winters ohne Freude an der Sonne passen würde. Ob die Erinnerung daran 700 Jahre überlebt hat, wird man nicht beweisen können. Es ist die schönste These dieser Geschichte, und gerade deshalb muss man sie als These stehen lassen.
Sehenswert: Weird History erzählt die Legenden-Seite des „schlimmsten Jahres“ (englisch). Die Faktenlage zur Frage nach dem Vulkan steht oben, in der Tabelle der Verdächtigen.
Zeitstrahl
Was belegt ist — und was nicht
BELEGT: Mehrere Zeitgenossen (Prokop, Cassiodor, Johannes Lydos, Pseudo-Zacharias) beschreiben 535 bis 537 unabhängig voneinander eine Sonne ohne Glanz, rund ein Jahr lang.
BELEGT: Neu datierte Eiskerne zeigen große Ausbrüche 536 in hohen nördlichen Breiten und um 540 in den Tropen; Baumringe zeigen die anschließende Kälte (Sigl u. a. 2015; Büntgen u. a. 2016).
BELEGT: Die Asche von 536 im grönländischen Eis stammt aus mindestens drei Quellen und unterscheidet sich von Island; ein Teil gleicht einem unbekannten Aleutenvulkan (Plunkett u. a. 2022, 2023).
UEBERLIEFERT: Achtzehn Monate Dunkelheit mit vier Stunden schwachem Licht am Tag (Michael der Syrer, 12. Jahrhundert); drei Winter ohne Sommer (Snorris Edda, 13. Jahrhundert).
NICHT_BELEGT: Welcher Vulkan 536 ausbrach, ob der Ilopango der Ausbruch von 540 war, und dass ein Komet beteiligt war.
NICHT_BELEGT: Dass die Kälte die Pest von 541 ausgelöst hat, und dass der Fimbulwinter eine Erinnerung an 536 ist. Beides sind begründete Thesen, keine Befunde.
Die offene Frage
Man kann die Geschichte des Jahres 536 als Erfolgsgeschichte der Wissenschaft erzählen. Ein Baumringforscher in Belfast misstraut dem Eis, ein Team in Nevada stellt die Uhr neu, ein Labor findet Splitter, die dünner sind als ein Haar, und am Ende wissen wir, dass das, was Prokop sah, Schwefelsäure in der Stratosphäre war. Das stimmt alles.
Aber am Ende dieser Geschichte steht kein Name. Irgendwo im Norden des Pazifiks oder in Nordamerika, vielleicht an mehreren Orten zugleich, ist im Winter 535 oder im Frühjahr 536 ein Berg explodiert, so heftig, dass Cassiodor in Italien mittags keinen Schatten mehr sah. Kein Mensch hat es gesehen, der davon hätte berichten können, oder niemand hat es aufgeschrieben. Der Krater liegt heute vielleicht unter Gletschern, unter Wald, unter einem See, unter dem Meer. Vier Jahre später geschah es noch einmal, in den Tropen, und der Vulkan, den man dafür gefunden zu haben glaubte, war nach der jüngsten Datierung schon ein Jahrhundert früher ausgebrochen.
Das Jahr mit den meisten Zeugen hat keinen Tatort. Die Splitter tragen Laborkennungen aus Belfast und sind ein paar Dutzend Mikrometer groß. Irgendwann wird jemand die passende Asche an einem Berghang finden, in Alaska vielleicht, und den Vergleich machen. Bis dahin bleibt die rätselhafte Wolke von 1984 genau das, was sie war: eine Wolke ohne Absender, nur dass wir heute wissen, wie viele Absender es waren.
Häufige Fragen
Warum gilt 536 als das schlimmste Jahr der Geschichte?
Weil mehrere Zeitgenossen eine Sonne ohne Glanz beschreiben, rund ein Jahr lang, und Baumringe den Beginn der kältesten Phase der letzten 2.000 Jahre zeigen. Der Historiker Michael McCormick nannte 536 im Jahr 2018 gegenüber dem Magazin Science auf die Frage nach dem schlimmsten Jahr, in dem man hätte leben können. Das ist eine zugespitzte Einschätzung, keine Messgröße.
War es ein Vulkan auf Island?
Das wurde 2018 berichtet, ist aber nicht bestätigt. Die Splitter aus dem Alpeneis wurden über einen Abgleich mit grönländischer Asche datiert, und diese grönländische Asche von 536 unterscheidet sich nach Plunkett u. a. (2023) chemisch von Island. Sie stammt aus mindestens drei Quellen, passend zu Vulkanregionen in Nordamerika und den Aleuten. Ein bestimmter Vulkan ist nicht identifiziert.
Wie lange war die Sonne verdunkelt?
Prokop und Cassiodor sprechen von etwa einem Jahr, Pseudo-Zacharias von März 536 bis Juni 537. Die achtzehn Monate mit vier Stunden schwachem Licht am Tag stammen von Michael dem Syrer, einem Chronisten des 12. Jahrhunderts, der ältere Texte überliefert. Es war kein nächtliches Dunkel, sondern ein Schleier: eine fahle, bläuliche Sonne ohne Schatten.
Hat der Vulkanwinter die Justinianische Pest ausgelöst?
Das ist nicht belegt. Die Pest beginnt 541, also nach den Ausbrüchen von 536 und 540, und Forscher wie Büntgen u. a. (2016) nennen die Kälte einen möglichen zusätzlichen Faktor. Eine nachgewiesene Ursachenkette gibt es nicht, und wie viele Menschen die Pest tötete, ist selbst umstritten (Mordechai u. a. 2019).
Ist der Fimbulwinter eine Erinnerung an das Jahr 536?
Das ist eine begründete These, kein Befund. Snorris Edda beschreibt drei Winter ohne Sommer, die Völuspá einen schwarzen Sonnenschein in den Sommern danach. Archäologen wie Gräslund und Price halten es für gut begründet, dass die Krise des 6. Jahrhunderts Spuren in nordischer Dichtung hinterließ. Beweisen lässt sich das nicht, denn die Texte sind rund 700 Jahre jünger.
Quellen & Weiterlesen
- Prokop: History of the Wars IV.14, übersetzt von H. B. Dewing (1916), Transkription University of Chicago — Quelle öffnen
- Cassiodor: Variae XII.25, in: Thomas Hodgkin, The Letters of Cassiodorus (1886), Project Gutenberg — Quelle öffnen
- Die Annalen von Ulster, Einträge U536.3 und U539.1 (CELT, University College Cork) — Quelle öffnen
- Sigl u. a.: „Timing and climate forcing of volcanic eruptions for the past 2,500 years“, Nature 523 (2015), S. 543–549 — Quelle öffnen
- Sigl u. a. 2015, Ergänzungsdaten: historische Quellen zu 536–537 (Pseudo-Zacharias, Cassiodor, Prokop, Lydos, Michael der Syrer) — Quelle öffnen
- Yale News: „New timeline links volcanic eruptions to centuries of cold temperature extremes“ (08.07.2015), mit dem Zitat von Francis Ludlow — Quelle öffnen
- Sigl u. a.: „The history of volcanic eruptions since Roman times“, PAGES Magazine 23/2 (2015) — Quelle öffnen
- Baillie & McAneney: „Tree ring effects and ice core acidities clarify the volcanic record of the first millennium“, Climate of the Past 11 (2015) — Quelle öffnen
- Abbott u. a.: „What caused terrestrial dust loading and climate downturns between A.D. 533 and 540?“, GSA Special Paper 505 (2014) — Quelle öffnen
- Büntgen u. a.: „Cooling and societal change during the Late Antique Little Ice Age from 536 to around 660 AD“, Nature Geoscience 9 (2016) — Quelle öffnen
- Ann Gibbons: „Eruption made 536 ‘the worst year to be alive’“, Science 362 (2018), Katalognachweis Météo-France — Quelle öffnen
- Live Science: „536 Was a Garbage Year for Mankind“ (2018), Colle Gnifetti und die Island-These — Quelle öffnen
- Loveluck, McCormick u. a.: „Alpine ice-core evidence for the transformation of the European monetary system, AD 640–670“, Antiquity 92 (2018) — Quelle öffnen
- Plunkett u. a.: „No evidence for tephra in Greenland from the historic eruption of Vesuvius in 79 CE“, Climate of the Past 18 (2022) — Quelle öffnen
- Plunkett u. a.: „The significance of volcanic ash in Greenland ice cores during the Common Era“, Quaternary Science Reviews 301 (2023) — Quelle öffnen
- Dull u. a.: „Radiocarbon and geologic evidence reveal Ilopango volcano as source of the colossal ‘mystery’ eruption of 539/40 CE“, Quaternary Science Reviews 222 (2019), Autorenfassung — Quelle öffnen
- Smith u. a.: „The magnitude and impact of the 431 CE Tierra Blanca Joven eruption of Ilopango, El Salvador“, PNAS 117 (2020), Autorenfassung — Quelle öffnen
- van Dijk u. a.: „Climatic and societal impacts in Scandinavia following the 536 and 540 CE volcanic double event“, Climate of the Past 19 (2023) — Quelle öffnen
- idw / Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayerns: „Die Pest kam in mehreren Wellen in das frühmittelalterliche Bayern“ (05.06.2019), zu Keller u. a., PNAS 116 (2019) — Quelle öffnen
- SESYNC: „Justinianic Plague Not a Landmark Pandemic?“ (2019), zu Mordechai u. a., PNAS 116 (2019) — Quelle öffnen
- Gräslund & Price: „Twilight of the Gods? The ‘dust veil event’ of AD 536 in critical perspective“, Antiquity 86 (2012) — Quelle öffnen
- Bondeson & Bondeson: „On the mystery cloud of AD 536, a crisis in dispute and epidemic ergotism“, Danish Journal of Archaeology 3 (2014) — Quelle öffnen
- Snorri Sturluson: Die jüngere Edda, Gylfaginning, Abschnitt Ragnarök, englisch von R. B. Anderson (1880), Project Gutenberg — Quelle öffnen
- Völuspá, englisch von Benjamin Thorpe (1866), Project Gutenberg — Quelle öffnen
- Sehenswert (keine Belegquelle): GeologyHub, „The Volcanic Apocalypse; The Decade of Hell“ · Weird History, „Year 536 Was the Worst Year to Be Alive“ (beide oben eingebettet).
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