Okkultes & verborgenes Wissen

Johann Weyer: Der Arzt, der die Hexen für getäuscht statt schuldig hielt

Ein Leibarzt vom Niederrhein erklärte 1563 die meisten angeklagten Hexen für getäuscht statt schuldig — und glaubte trotzdem an Dämonen. Was Johann Weyers Buch wirklich sagt, von Agrippas Hund bis zur Dämonenliste.

Unentzündeter Scheiterhaufen: dicker Holzpfahl mit dunklem Ring, rundum gestapelte Scheite und Reisig auf Kopfsteinpflaster
Schnellantwort

Johann Weyer (1515/16–1588) war Arzt aus Brabant und Leibarzt am Hof von Jülich-Kleve-Berg. Sein Buch De praestigiis daemonum (Basel 1563) war die erste große Streitschrift gegen die Hexenprozesse: Die meisten angeklagten Frauen seien alte, schwermütige Menschen, die der Teufel täuscht, nicht seine Komplizinnen. Er glaubte an Dämonen, druckte 1577 eine Liste von ihnen, um Beschwörer bloßzustellen — die Wurzel der Ars Goetia —, und wurde 1580 von Jean Bodin angegriffen.

Einordnung
Belegt

Johann Weyer starb am 24. Februar 1588 in Tecklenburg und wurde in der dortigen Schlosskirche beigesetzt.

Quelle/Tradition: NDB 28 (2024); ADB 42 (1897)

Belegt

De praestigiis daemonum erschien 1563 bei Johannes Oporinus in Basel; die sechste Auflage kam 1583.

Quelle/Tradition: Digitalisate 1563 und 1583 (Internet Archive); ADB 42

Belegt

Weyer war von 1550 bis um 1578 Leibarzt Herzog Wilhelms des Reichen von Jülich-Kleve-Berg.

Quelle/Tradition: NDB 28 (2024); ADB 42

Belegt

Weyer beschreibt die angeklagten Hexen als meist alte, im Geist schwankende Frauen, deren Einbildung der Teufel über die Melancholie besetzt.

Quelle/Tradition: De praestigiis daemonum, Text von 1563

Belegt

Schon die Erstausgabe von 1563 zitiert della Portas Hexensalben-Kapitel aus der Magia naturalis.

Quelle/Tradition: De praestigiis daemonum, Text von 1563

Belegt

Die Pseudomonarchia daemonum erschien 1577 als Anhang; Weyer schreibt, er habe Formeln absichtlich weggelassen.

Quelle/Tradition: De praestigiis daemonum, Druck 1583, Einleitung zum Anhang

Belegt

Jean Bodin griff Weyer 1580 in einer Widerlegung im Anhang der Démonomanie des sorciers an.

Quelle/Tradition: Bodin, Démonomanie, Paris 1580

Belegt

Weyer schreibt, Agrippas schwarzer Hund Monsieur sei ein gewöhnlicher Hund gewesen, den er oft an der Leine führte.

Quelle/Tradition: De praestigiis daemonum, Ausgabe letzter Hand, Buch II Kap. 5; de Blécourt

Überliefert

Ein Johannes Faustus aus Knittlingen lernte in Krakau Magie und wurde vor 1540 in Batenburg festgesetzt.

Quelle/Tradition: Weyers Bericht in der Ausgabe 1583; nicht unabhängig bestätigt

Überliefert

Weyer wurde 1537 in Orléans zum Doktor der Medizin promoviert.

Quelle/Tradition: ADB 1897; widersprochen von NDB 2024

Gelebte Praxis

Heutige Goetia-Praktizierende arbeiten mit Geisternamen, die auf Weyers Liste zurückgehen.

Quelle/Tradition: Ars-Goetia-Tradition; Peterson 2001

Nicht belegt

Agrippas Hund war ein Dämon.

Quelle/Tradition: Gerücht, von Weyer selbst zurückgewiesen

Nicht belegt

Weyers Buch hat die Zahl der Hinrichtungen messbar gesenkt.

Quelle/Tradition: Weyers eigene Angabe (De lamiis 1577); NDB 2024 urteilt zurückhaltend

Nicht belegt

Weyer war der Begründer der modernen Psychiatrie.

Quelle/Tradition: Zilboorg 1935; kritisiert von Schoeneman 1977

BELEGT = wissenschaftlich oder amtlich nachprüfbar · ÜBERLIEFERT = historisch/traditionell dokumentiert · GELEBTE PRAXIS = verbreitete Anwendung, Erfahrungswerte · NICHT BELEGT = spirituelle Deutung, wissenschaftlich nicht nachgewiesen.

1563 veröffentlichte ein Leibarzt vom Niederrhein ein dickes lateinisches Buch mit einer unerhörten These: Die meisten Frauen, die als Hexen angeklagt werden, haben niemandem geschadet. Sie seien alt, verwirrt und schwermütig — vom Teufel getäuscht, bis sie Taten gestehen, die sie nicht begangen haben können. Johann Weyer bezweifelte nicht, dass es Dämonen gibt. Er bezweifelte, dass man diese Frauen verbrennen darf. Was sein Buch wirklich sagt, wer es bekämpfte und warum der Titel „Vater der Psychiatrie" schief sitzt.

Das erwartet dich

  • Ein Brabanter am Niederrhein — mit oder ohne Doktortitel?
  • Was in De praestigiis daemonum steht
  • Der Lehrer, seine „Possen" und der schwarze Hund
  • Faust in Batenburg
  • Die Dämonenliste als Beweisstück
  • Deutsch für Bremen, verboten in München
  • „Vater der Psychiatrie"? Ein Etikett von 1935
  • Wo die Quellen auseinandergehen

Kurz gesagt

Johann Weyer (auch Wier, latinisiert Wierus; geboren 1515 oder Anfang 1516 in Grave an der Maas, gestorben am 24. Februar 1588 in Tecklenburg) war Arzt aus dem Herzogtum Brabant und ab 1550 Leibarzt Herzog Wilhelms des Reichen von Jülich-Kleve-Berg. Sein Hauptwerk De praestigiis daemonum („Über die Blendwerke der Dämonen"), 1563 bei Johannes Oporinus in Basel gedruckt, gilt als erste große, systematische Streitschrift gegen die Hexenprozesse. Bis 1583 erschienen sechs lateinische Auflagen, dazu deutsche und französische Übersetzungen.

Sein Argument war theologisch und medizinisch zugleich: Der Teufel braucht keine menschlichen Gehilfen. Die „Hexe", die gesteht, ist sein Opfer, nicht seine Komplizin. Im selben Buch steht übrigens die Geisterliste, aus der später die Ars Goetia wurde — nach Weyers eigenen Worten gedruckt, um Beschwörer bloßzustellen.

Ein Brabanter am Niederrhein — mit oder ohne Doktortitel?

Weyer war Sohn eines Kaufmanns in Grave. Der jüngste Nachschlageeintrag, Hans de Waardts Artikel in der Neuen Deutschen Biographie (Band 28, 2024), setzt die Geburt zwischen den 24. Februar 1515 und den 24. Februar 1516. Ab 1529 unterrichtete ihn Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim in Antwerpen und Mecheln; 1532 folgte er ihm nach Bonn, wo Agrippa unter dem Schutz des Kölner Kurfürsten Hermann von Wied lebte.

Danach studierte er Medizin in Paris — und hier trennen sich die Nachschlagewerke. Carl Binz lässt ihn in der Allgemeinen Deutschen Biographie 1537 in Orléans promovieren. De Waardt schreibt 2024 das Gegenteil: Weyer habe den Doktorgrad weder in Paris noch in Orléans erworben. Entscheiden können wir das nicht, und wir tun nicht so. Der neuere Eintrag steht auf neuerer Forschung; die ältere Angabe steht trotzdem fast überall im Netz.

Unstrittig ist die Laufbahn: 1545 Stadtarzt in Arnheim, 1550 Leibarzt am Hof in Düsseldorf und Kleve. Um 1578 zog er sich zurück, sein Sohn Galenus wurde herzoglicher Leibarzt. Im Winter 1587/88 besuchte Weyer die gräfliche Familie in Tecklenburg, erkrankte dort und wurde in der Schlosskirche beigesetzt. Kirche und Grab gibt es nicht mehr. 1884 errichtete die Stadt aus Steinen der Burg einen Gedenkturm, den Wierturm, der bis heute steht.

Was in De praestigiis daemonum steht

Laut Binz schrieb Weyer das Buch 1562 auf dem herzoglichen Schloss Hambach bei Jülich. Die Widmung an seinen Herzog unterzeichnet er schlicht „Ioan. Vuierus Medicus". In der Vorrede begründet er, warum sich ein Arzt in eine Frage der Theologen und Juristen einmischt: Ein Teil der Sache sei medizinisch, denn Krankheiten, die man den Hexen „fälschlich zuschreibe", entstünden nach dem Gesetz der Natur.

Durch das ganze Werk zieht sich eine Unterscheidung. Auf der einen Seite die magi infames, die „verrufenen Magier": oft gebildete, kluge Männer, die reisen, um aus Büchern, Kreisen und Charakteren eine dämonische Kunst zu lernen. Auf der anderen die lamiae, die als Hexen angeklagten Frauen. Sie seien, heißt es im Text von 1563, „meistens Frauen, und zwar alte, im Geist schwankende" (ut plurimum feminae, eaedemque vetulae et mente titubantes), deren Einbildungskraft der Teufel „in der Krankheit der Melancholie, in Kummer oder äußerster Verzweiflung" besetzt, bis sie glauben, jedes Unglück selbst verursacht zu haben.

Daraus folgt dreierlei. Die Geständnisse beweisen nichts, weil der Geist, der sie hervorbringt, beschädigt ist. Das Unheil, das man den Hexen anlastet, hat natürliche Ursachen, die ein Arzt benennen kann. Und die Frauen gehören belehrt und versorgt, nicht hingerichtet. Straflos wollte Weyer allerdings nicht alles lassen: Das sechste Buch behandelt laut seiner Vorrede, wie die verrufenen Magier und die venefici — Menschen, die wirklich vergiften — „nach Art und Größe des Vergehens" zu bestrafen seien.

Wer unseren Artikel über Giambattista della Porta kennt: Weyer zitiert Portas Hexensalben-Kapitel aus der Magia naturalis schon in der Erstausgabe von 1563, fünf Jahre nach dessen Druck, und nennt Porta einen „überaus geschickten Erforscher verborgener Ursachen". Salbe und Tiefschlaf passten genau in seine These: Der Flug ist ein Traum, kein Verbrechen. Was in solchen Salben steckte, erklärt unser Beitrag zur Flugsalbe.

Cover der Sigillen-Werkstatt: silberne Schreibfeder über einem Tintenfass vor dunkelrotem Samtvorhang

Eigene Zeichen statt fremder Siegel

Die Sigillen-Werkstatt

Weyer druckte seine Geisterliste absichtlich ohne Siegel und Formeln — die kamen erst später dazu. Unser Praxisbuch geht den umgekehrten Weg: Du entwickelst aus deinem eigenen Anliegen ein eigenes Zeichen und bringst es ins Ritual, ohne fremde Dämonensiegel. Als PDF zum Sofort-Download. Zwei PDFs im Warenkorb — 20 % automatisch.

24,00 €

Zum Praxisbuch

Der Lehrer, seine „Possen" und der schwarze Hund

Weyers Treue zu Agrippa wird gern als schlichte Jüngerschaft erzählt. Der gedruckte Text ist interessanter. In der Ausgabe von 1563 erklärt er, „mit gütiger Erlaubnis meines einstigen Herrn und verehrten Lehrers Agrippa, der aus diesen Possen ein Buch zusammengeflickt hat", solche Zauberdinge frei heraus für leer. Gemeint ist De occulta philosophia. Weyer achtete den Menschen und verwarf die Magie. Das untergeschobene „Vierte Buch" wies er ebenfalls zurück, wie unser Beitrag über Agrippas drei Bücher zeigt.

Spätere Auflagen enthalten eine Stelle, die Volkskundler bis heute zitieren. Ein Gerücht behauptete, Agrippas schwarzer Hund sei ein Dämon gewesen, der ihn bis zum letzten Atemzug begleitet habe und dann verschwunden sei. In der Ausgabe letzter Hand (Buch II, Kapitel 5; wir lesen den Druck von 1583) antwortet Weyer als Augenzeuge: Der Hund sei schwarz und mittelgroß gewesen, habe auf Französisch „Monsieur" geheißen, und er kenne ihn so gut wie jeder andere, weil er ihn oft an der Leine geführt habe. Ein ganz natürlicher Rüde; Agrippa habe ihm sogar eine ähnliche Hündin namens „Mademoiselle" beigesellt. Das Gerücht, meint Weyer, rühre von der übergroßen Zärtlichkeit seines Herrn — der den Hund küsste, bei Tisch neben sich und nachts im Bett duldete — und davon, dass Agrippa tagelang in seiner Stube saß und trotzdem wusste, was in fernen Ländern geschah. Die Erklärung: Gelehrte schrieben ihm täglich.

Der Volkskundler Willem de Blécourt hat verfolgt, wie diese Hundegeschichte in die Faust-Überlieferung wanderte; schon der Basler Pfarrer Johannes Gast gab Faust 1548 einen dämonischen Hund. Der berühmteste Nachfahre ist Goethes schwarzer Pudel von 1808.

Faust in Batenburg

Weyer gehört auch zu den wenigen Autoren des 16. Jahrhunderts, die über den historischen Faust schreiben. In der Ausgabe von 1583 erwähnt er im Kapitel über die verrufenen Magier einen Johannes Faustus aus dem Städtchen „Kundling" — meist als Knittlingen gedeutet —, der in Krakau Magie gelernt habe, „wo sie einst öffentlich gelehrt wurde", und wenige Jahre vor 1540 an verschiedenen Orten Deutschlands mit Lug und Trug Aufsehen erregte. Mit leerer Prahlerei und Versprechungen, fügt Weyer trocken an, habe er alles gekonnt. Festgesetzt worden sei er in Batenburg an der Maas, an der Grenze zu Geldern, während Freiherr Hermann abwesend war; dessen Kaplan Johannes Dorstenius habe ihn milde behandelt.

Zwei Vorbehalte: Unsere Volltextsuche im Digitalisat der Erstausgabe von 1563 findet die Faust-Stelle nicht — sie gehört zu den erweiterten späteren Auflagen. Und die Digitalisate sind rohe Texterkennung von Renaissance-Latein, die Wörter verfehlen kann. Weyers Faust ist nicht Goethes ringender Gelehrter, sondern ein Aufschneider — genau der „verrufene Magier", vor dem sein Buch warnt.

Die Dämonenliste als Beweisstück

1577 fügte Weyer der fünften Auflage einen Anhang bei, die Pseudomonarchia daemonum, die „Lügen-Monarchie der Dämonen". Sie verzeichnet Geister mit Rang, Gestalt und Zahl der Legionen, angefangen mit „Bael", einem König mit drei Köpfen. Die Einleitung nennt den Zweck: die Neugier, das Blendwerk, die Eitelkeit, den Betrug und den Wahn derer zu entlarven, „die sich nicht schämen, sich Magier zu nennen". Formeln und Wörter habe er absichtlich weggelassen, damit jede Gelegenheit zum Missbrauch abgeschnitten sei; als Vorlage nennt er eine Handschrift namens Liber officiorum spirituum.

Wie aus Weyers 69 Geistern die 72 der Ars Goetia wurden, samt nachgelieferten Siegeln und Beschwörungen, erzählt unser Artikel über das Lemegeton. Für dieses Porträt zählt etwas anderes: Gerade dieser Anhang wurde gegen ihn gewendet.

Der französische Jurist Jean Bodin hängte seiner Démonomanie des sorciers (Paris 1580) eine „Widerlegung der Meinungen des Johann Wier" an. Weyers Bücher zeigten, räumt Bodin ein, dass er kein Ignorant sei und obendrein Arzt — und doch lehre er „tausend verdammenswerte" Dinge, drucke Worte, Anrufungen, Figuren, Kreise und Charaktere der größten Zauberer. Am Ende des Buches stehe gar ein „Inventar der teuflischen Monarchie" mit 72 Fürsten und 7.405.926 Teufeln, gezählt zu 6.666 je Legion — „sauf erreur du calcul", Rechenfehler vorbehalten.

Deutsch für Bremen, verboten in München

Weyer schrieb nicht nur für Gelehrte. Eine eigene deutsche Übersetzung widmete er 1567 dem Rat der reformierten Stadt Bremen. Binz liest daraus, wie aus einem Brief an den württembergischen Reformator Johannes Brenz (1565), Weyers evangelisches Bekenntnis — am katholisch gebundenen Hof in Düsseldorf hielt er sich damit zurück. Eine lange Stelle im Buch, die jede Ketzerei verwirft und die Zugehörigkeit zur römischen Kirche betont, erwies Binz 1895 als wörtliches Zitat des Erasmus, das Weyer ohne Zustimmung wiedergibt.

Die Gegenwehr war heftig. Laut Binz kam das Buch in Antwerpen, München, Rom, Spanien und Portugal auf Verzeichnisse verbotener Bücher, in München in die „erste Klasse", die den Verfasser als Ketzer einstufte. Der Jesuit Martín Delrio bekämpfte ihn ausführlich. Auf der anderen Seite beriefen sich Reginald Scot in England, der Rostocker Jurist Johann Georg Gödelmann und der Heidelberger Hermann Witekind auf ihn. Der Trierer Kanoniker Cornelius Loos, dessen eigenes Buch beim Druck in Köln beschlagnahmt wurde, seufzte über den Ketzer Weyer: „O, wäre er doch ein katholischer Christ!"

Hat das Buch Leben gerettet? Weyer glaubte es. In der Vorrede zum Auszug De lamiis (1577) dankt er Gott, dass gewisse hohe Behörden die „so elenden alten Weiber, welche das Urtheil des Pöbels mit dem gehässigen Namen Hexen bezeichnet, nicht nur milder behandeln, sondern sogar von der Todesstrafe freisprechen" (Übersetzung Binz, ADB 1897). Das ist seine eigene Einschätzung; gezählt hat die Fälle niemand. De Waardt urteilt 2024 nüchterner, sein Plädoyer habe wenig bewirkt, und schon Binz vermerkt, dass in Jülich-Kleve-Berg noch zu Weyers Lebzeiten wieder gefoltert und verbrannt wurde.

„Vater der Psychiatrie"? Ein Etikett von 1935

Weyers Ruhm ist zum guten Teil ein Werk des 20. Jahrhunderts. Der Psychoanalytiker Gregory Zilboorg stellte ihn in seinen Vorlesungen von 1935, gedruckt als The Medical Man and the Witch During the Renaissance, als Begründer der modernen Psychiatrie vor; Psychiatriegeschichten übernahmen das lange.

Die Geschichtswissenschaft ist zurückhaltender. Thomas J. Schoeneman kam 1977 im Journal of the History of the Behavioral Sciences zu dem Schluss, die Rolle psychischer Störungen bei der Hexenverfolgung sei von Autoren überzeichnet worden, die das medizinische Modell abweichenden Verhaltens verbreiten wollten. Weyer selbst hätte das Etikett kaum verstanden: Seine Melancholie ist die Säftelehre Galens, und die Ursache ist bei ihm nicht das Gehirn, sondern der Teufel, der eine geschwächte Einbildung täuscht. Auch Binz' ADB-Artikel von 1897 ist kein neutraler Text — er feiert Weyer als „ersten Rufer im Kampfe" und streitet nebenbei mit dem katholischen Historiker Johannes Janssen. Weyer war ein aufgeklärter Kritiker der Prozesse innerhalb der Dämonologie, nicht außerhalb.

Was wir nicht behaupten

Wir behaupten nicht, dass Weyer die Hexenprozesse beendet hat, dass er nicht an Dämonen glaubte oder dass seine Geisterliste irgendeine Wirkung hat. Wir zitieren Renaissancetexte als historische Dokumente. Nichts hier ist medizinischer oder rechtlicher Rat; Melancholie in Weyers Sinn ist keine heutige Diagnose.

Wo die Quellen auseinandergehen

Frage Was die Quellen sagen
Geburt 1515 (ADB 1897, die meisten Lexika); zwischen 24.2.1515 und 24.2.1516 (NDB 2024).
Doktorgrad Orléans 1537 (ADB); keiner, weder Paris noch Orléans (NDB 2024).
Studienbeginn Paris 1534 (ADB); 1533 (NDB).
Reisen nach Tunis und Kreta Bei frühen Biographen; laut Binz nie erfolgt, entstanden aus missverstandenen Buchstellen.
Lebensgefahr im Ruhestand In Veröffentlichungen des 19. Jh. behauptet; Binz fand dafür keine Quelle.
Zahl der Geister 69 Einträge bei Weyer; Bodin (1580) spricht von 72 Fürsten.
Zählung des Herzogs „Wilhelm III." (ADB) oder „Wilhelm V." (heute üblich) — beide meinen Wilhelm den Reichen.

Häufige Fragen

Wer war Johann Weyer?

Ein Arzt (1515/16–1588) aus Grave in Brabant, Schüler Agrippas und Leibarzt Herzog Wilhelms des Reichen von Jülich-Kleve-Berg. Bekannt ist er für De praestigiis daemonum (1563), die erste große Streitschrift gegen die Hexenprozesse.

Was steht in De praestigiis daemonum?

Dass die meisten als Hexen angeklagten Frauen alte, verwirrte und schwermütige Menschen seien, die der Teufel täuscht; dass ihre Geständnisse nichts beweisen und sie Fürsorge statt Hinrichtung brauchen. Gelehrte Magier und echte Giftmischer hielt Weyer weiter für strafbar.

Glaubte Weyer an Dämonen?

Ja. Seine ganze Erklärung beruht darauf, dass der Teufel die Einbildungskraft täuscht. Er bestritt, dass Hexen tun können, was sie gestehen — nicht, dass es Dämonen gibt.

Was ist die Pseudomonarchia daemonum?

Ein Anhang zur Auflage von 1577 mit 69 Geistern samt Rang und Legionen, gedruckt, um Beschwörer bloßzustellen. Formeln ließ Weyer absichtlich weg. Die Liste wurde zur Hauptquelle der späteren Ars Goetia.

Was sagte Weyer über Agrippas schwarzen Hund?

Dass er ein gewöhnlicher Hund namens Monsieur war, den Weyer selbst oft an der Leine führte — kein Dämon. Die Stelle steht in Buch II, Kapitel 5 der Ausgabe letzter Hand.

Wo erinnert man an Johann Weyer?

In Tecklenburg, wo er 1588 starb: Der Wierturm wurde 1884 aus Steinen der Burg als Gedenkstätte für den Arzt und Gegner der Hexenverfolgung errichtet.

Quellen

Johann Weyer, De praestigiis daemonum, Basel: Oporinus 1563 (Internet Archive, Exemplar Getty Research Institute) und sechste Auflage 1583 mit Liber apologeticus und Pseudomonarchia daemonum (Internet Archive, Biblioteca Nazionale Centrale di Firenze) · Hans de Waardt, „Wier, Johann", Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 96–97 (deutsche-biographie.de) · Carl Binz, „Weyer, Johann", Allgemeine Deutsche Biographie 42 (1897), S. 266–270 (Wikisource) · Jean Bodin, De la démonomanie des sorciers, Paris 1580, „Réfutation des opinions de Jean Wier" (Internet Archive) · Willem de Blécourt, „A Man and His Dog" (ISFNR) · Thomas J. Schoeneman, „The role of mental illness in the European witch hunts of the sixteenth and seventeenth centuries: an assessment", Journal of the History of the Behavioral Sciences 13 (1977), 337–351 · Gregory Zilboorg, The Medical Man and the Witch During the Renaissance (1935) · Tecklenburg Touristik, „Die Burg" (Wierturm 1884) · Wikipedia „Johann Weyer" (als Literaturregister).

Weiterlesen im Magazin: Giambattista della Porta und die Hexensalbe · Lemegeton und Ars Goetia · Agrippa: De occulta philosophia · Johannes Praetorius und der Blocksberg · Flugsalbe: Geschichte und Quellen

Portaltage, Vollmonde und Rituale — einmal die Woche in dein Postfach.

Wann der nächste Portaltag ist, was der Vollmond diesen Monat bedeutet und welches Ritual dazu passt. Kein Spam, keine tägliche Mail. Als Dank: 10 % auf deine erste Bestellung mit dem Code WILLKOMMEN10.

Du kannst dich jederzeit mit einem Klick abmelden. Datenschutz

Zurück zu den Desire Diaries