Okkultes & verborgenes Wissen

Jörmungandr: Die Midgardschlange und was die Edda wirklich erzählt

Dieser Artikel zeigt, was über die Midgardschlange tatsächlich in den Quellen steht, und trennt das erkennbar von moderner Deutung. Er behauptet nicht, dass es einen Kult um Jörmungandr gab oder dass die Schlange ein Schutzsymbol sei — dafür gibt es keinen Beleg.

Eine riesige Seeschlange hebt den Kopf über das dunkle Meer, ihre geschuppten Windungen ragen aus den Wellen
Schnellantwort

Jörmungandr, die Midgardschlange, ist eines der drei Kinder Lokis mit der Riesin Angrboda. Odin warf sie ins Meer, wo sie so groß wurde, dass sie die ganze Erde umschließt und sich in den Schwanz beißt. Thor begegnet ihr dreimal: als verwandelter Katze bei Utgardloki, bei der Angelfahrt mit dem Riesen Hymir und im Ragnarök, wo er sie tötet und neun Schritte später an ihrem Gift stirbt. Fast alles davon stammt aus der Snorra-Edda (um 1220). Die verbreitete Behauptung, Ragnarök beginne, wenn die Schlange ihren Schwanz loslässt, steht in keiner mittelalterlichen Quelle.

Einordnung
Belegt

Jörmungandr ist eines der drei Kinder Lokis und der Riesin Angrboda; Fenrir und Hel sind ihre Geschwister.

Quelle/Tradition: Snorri Sturluson, Gylfaginning 34 (Übers. Simrock)

Belegt

Odin warf die Schlange ins Meer, wo sie wuchs, bis sie alle Länder umschloss und sich in den Schwanz biss.

Quelle/Tradition: Gylfaginning 34

Belegt

Die Katze, die Thor bei Utgardloki nicht heben konnte, war die verwandelte Midgardschlange.

Quelle/Tradition: Gylfaginning 46–47

Belegt

Thor fing die Schlange mit einem Ochsenkopf als Köder, als er mit dem Riesen Hymir fischte; Hymir schnitt die Leine durch.

Quelle/Tradition: Gylfaginning 48; Hymiskviða

Nicht belegt

Thor hat die Schlange schon bei der Angelfahrt erschlagen.

Quelle/Tradition: Snorri nennt diese Fassung und verwirft sie; eine Strophe der Húsdrápa wird meist so gelesen

Belegt

Im Ragnarök tötet Thor die Schlange, geht neun Schritte und stirbt an ihrem Gift.

Quelle/Tradition: Gylfaginning 51 nach der Völuspá

Belegt

Die Angelszene ist auf dem Runenstein von Altuna (U 1161), dem Stein von Hørdum und einem Stein in Gosforth dargestellt.

Quelle/Tradition: Rundata U 1161; publizierte Beschreibungen der Steine von Hørdum und Gosforth

Nicht belegt

Der gotländische Bildstein Ardre VIII zeigt die Angelfahrt.

Quelle/Tradition: Mögliche, aber unsichere Deutung

Überliefert

Der Name verbindet jörmun- (gewaltig) mit gandr (Stab, Zauberding, Ungeheuer); jörmun- gilt als verwandt mit irmin- in Irminsul.

Quelle/Tradition: Verbreitete sprachwissenschaftliche Deutung, u. a. Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; im Detail umstritten

Überliefert

Ein mittelalterliches Nachwort deutet die Angelfahrt als umerzählte Episode des Trojanischen Krieges.

Quelle/Tradition: Skáldskaparmál, Nachwort zu Bragis Gespräch; Verfasserschaft umstritten

Nicht belegt

Ragnarök beginnt, wenn die Midgardschlange ihren Schwanz loslässt.

Quelle/Tradition: In keiner mittelalterlichen Quelle; moderne Weiterdichtung

Nicht belegt

Die Thor-Erzählung ist aus dem biblischen Leviathan entlehnt.

Quelle/Tradition: Hiob 40,25 bietet ein paralleles Bild; die Angelfahrt steht schon in Skaldendichtung um die Bekehrungszeit

Gelebte Praxis

Viele Menschen tragen heute Schlangenringe oder Ouroboros-Motive als Erinnerung an Kreisläufe und Durchhalten.

Quelle/Tradition: Beobachtung heutiger Praxis; keine Aussage über eine Wirkung

BELEGT = wissenschaftlich oder amtlich nachprüfbar · ÜBERLIEFERT = historisch/traditionell dokumentiert · GELEBTE PRAXIS = verbreitete Anwendung, Erfahrungswerte · NICHT BELEGT = spirituelle Deutung, wissenschaftlich nicht nachgewiesen.

Die Midgardschlange liegt im Meer um die ganze Welt und beißt sich in den eigenen Schwanz — und am Ende der Zeit tötet Thor sie und stirbt neun Schritte später an ihrem Gift. So weit die Edda. Vieles, was heute über Jörmungandr kursiert, steht dort allerdings nicht. Hier ist, was die Quellen wirklich erzählen, wer sie aufgeschrieben hat und wo sie einander widersprechen.

Was dieser Artikel behandelt

  • Was die Edda über die Midgardschlange erzählt
  • Der Name: Jörmungandr, Irminsul und der „mittlere Hof"
  • Der Schwanz im Maul — und der Satz, der nirgends steht
  • Drei Begegnungen mit Thor
  • Hat Thor sie schon beim Angeln erschlagen?
  • In Stein gehauen: Altuna, Hørdum, Gosforth
  • Troja statt Asgard: ein Mittelalter-Autor erklärt den Mythos weg

Was die Edda über die Midgardschlange erzählt

Die ausführlichste Quelle ist die Gylfaginning, der erste Teil der Snorra-Edda, um 1220 auf Island geschrieben und Snorri Sturluson zugeschrieben. In Kapitel 34 stellt Snorri drei Geschwister vor. In Karl Simrocks Übersetzung, durch die Generationen deutscher Leser die Edda kennengelernt haben:

„Angurboda hieß ein Riesenweib in Jötunheim: mit der zeugte Loki drei Kinder: das erste war der Fenriswolf, das andere Jörmungandr, d. i. die Midgardschlange, das dritte war Hel."

Die Götter erfahren durch Weissagung, dass von den dreien Unheil kommt, und Odin lässt sie holen. Den Wolf behalten die Asen bei sich und fesseln ihn später — seine Geschichte steht im Beitrag über Fenrir. Hel wird in die Unterwelt geschickt. Und die Schlange:

„Als sie aber zu ihm kamen, warf er die Schlange in die tiefe See, welche alle Länder umgiebt, wo die Schlange zu solcher Größe erwuchs, daß sie mitten im Meer um alle Länder liegt und sich in den Schwanz beißt."

Mehr Herkunftsgeschichte gibt es nicht. Alles Weitere, was über Jörmungandr erzählt wird, erzählt von Thor.

Der Name: Jörmungandr, Irminsul und der „mittlere Hof"

Der Name besteht aus zwei Teilen. Gandr ist ein schillerndes altnordisches Wort: Stab, Zauberding, Ungeheuer. Jörmun- ist ein verstärkendes Element, etwa „gewaltig, riesenhaft", und es hat deutsche Verwandte. Nach verbreiteter sprachwissenschaftlicher Deutung gehört es zum selben Stamm wie das altsächsische irmin-, das in der Irminsul steckt, dem Heiligtum der Sachsen, das Karl der Große 772 zerstören ließ (mehr dazu im Beitrag über Baumkult, Donareiche und Irminsul). „Das gewaltige Ungeheuer" ist eine faire Übersetzung.

Snorri erklärt den seltenen Namen gleich mit dem gebräuchlichen: Miðgarðsormr, die Midgardschlange. Midgard, altnordisch Miðgarðr, heißt wörtlich „mittlerer Hof" oder „mittlere Umfriedung" — die bewohnte Welt der Menschen. Die Schlange ist nach dem benannt, was sie umschließt.

Der Schwanz im Maul — und der Satz, der nirgends steht

Dass die Schlange sich in den Schwanz beißt, sagt Snorri einmal ausdrücklich und einmal indirekt: Beim Riesen Utgardloki erfährt Thor, die Katze, die er nicht heben konnte, sei die Midgardschlange gewesen, „und kaum war sie noch lang genug, daß Schweif und Haupt die Erde berührten". Das Bild ist stimmig: ein Leib, der gerade eben um die Welt reicht.

Was in keiner mittelalterlichen Quelle steht, ist der Satz, der heute auf Postern, in Tattoo-Studios und in vielen Kurzfassungen zu lesen ist: Wenn die Midgardschlange ihren Schwanz loslässt, beginnt Ragnarök. Weder Snorri noch die Lieder-Edda sagen das. Im Ragnarök hebt sich die Schlange, das Meer überflutet das Land, und sie sucht die Küste — aber keine Zeile verbindet diesen Augenblick mit dem Schwanz. Der Satz ist eine moderne Weiterdichtung. Eine gute, deshalb hat er sich verbreitet.

Der Skandinavist John Lindow liest den Biss in den Schwanz anders: nicht als Zeitzünder, sondern als Beispiel für ein Muster, das die nordische Mythologie durchzieht, das gebundene Ungeheuer. Fenrir liegt in Fesseln, Loki ist an Felsen gebunden, und die Schlange wird vom eigenen Leib festgehalten. Sie alle werden eingehegt, nicht vernichtet — und sie alle kommen am Ende frei. Das ist eine Deutung und wird hier als solche genannt. Sie passt aber besser zu den Quellen als die Poster-Version.

Drei Begegnungen mit Thor

In Snorris Text treffen Thor und die Schlange dreimal aufeinander. Jede Begegnung ist größer als die vorige, und nur die dritte ist endgültig.

Begegnung Quelle Was geschieht Ausgang
Die Katze Gylfaginning 46–47 Bei Utgardloki soll Thor eine graue Katze heben und schafft nur eine Pfote. Es war die verwandelte Schlange. Unentschieden — und Entsetzen bei den Riesen
Die Angelfahrt Gylfaginning 48; Hymiskviða; Skaldendichtung Thor rudert mit dem Riesen Hymir hinaus, ködert mit einem Ochsenkopf und zieht die Schlange bis an den Bootsrand. Umstritten (siehe unten)
Ragnarök Völuspá; Gylfaginning 51 Die Schlange kommt an Land und speit Gift. Thor tötet sie. Thor geht neun Schritte und fällt tot um

Die Katze, die eine Schlange war

Die erste Begegnung ist eine Täuschung. Thor wird in der Halle Utgardlokis in einer Reihe von Wettkämpfen gedemütigt: Er verliert ein Wettessen, leert ein Trinkhorn nicht, bekommt eine Katze nicht vom Boden. Erst am nächsten Morgen gibt der Riese zu, dass alles Blendwerk war. Das Horn hing mit dem Meer zusammen. Und die Katze war die Midgardschlange — als Thor ihr eine Pfote anhob, habe er sie fast bis an den Himmel gehoben. „Da erschraken Alle, die es sahen", heißt es bei Simrock.

Die Angelfahrt mit Hymir

Die zweite Begegnung war den Dichtern und Bildhauern der Wikingerzeit die liebste. Thor, als junger Bursche verkleidet, kehrt beim Riesen Hymir ein und will mit ihm fischen. Seinen Köder soll er sich selbst besorgen, also reißt er dem größten Ochsen des Riesen den Kopf ab. Sie rudern weiter hinaus, als Hymir lieb ist — der warnt, es sei gefährlich wegen der Midgardschlange —, und Thor wirft den Ochsenkopf an starker Leine über Bord. Simrock: „Die Midgardschlange schnappte nach dem Ochsenkopf und die Angel haftete dem Wurm im Gaumen."

Die Schlange reißt so heftig, dass Thors Fäuste gegen die Bordwand schlagen. Thor nimmt seine Asenkraft zusammen und stemmt sich so hart ein, dass seine Füße durch den Bootsboden brechen und er auf dem Meeresgrund steht. So zieht er die Schlange herauf. Snorri hält den Moment fest: Thor starrt die Schlange an, die Schlange starrt zurück und speit Gift, der Riese wird bleich, als das Meer ins Boot schlägt. Und gerade als Thor den Hammer hebt, schneidet Hymir in seiner Angst die Leine durch.

Eine Kleinigkeit für alle, die die alte Übersetzung selbst lesen: Simrock schreibt an dieser Stelle „Ymir" statt Hymir. Gemeint ist nicht der Urriese, aus dem die Welt gemacht wurde, sondern Thors Gastgeber. Wer mit Übersetzungen des 19. Jahrhunderts arbeitet, begegnet solchen Namensformen öfter.

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Ragnarök: neun Schritte

Die dritte Begegnung entscheidet. Die Völuspá, das Lied vom Anfang und Ende der Welt, gibt der Schlange beim Weltuntergang eine einzige, wuchtige Zeile, in Simrocks Fassung: „Jörmungandr wälzt sich im Jötunmuthe." Snorri macht daraus Prosa: Das Meer überflutet das Land, „weil die Midgardschlange wieder Jotenmuth annimmt und das Land sucht". Sie speit Gift, „daß Luft und Meer entzündet werden", und stellt sich an die Seite des Wolfes. Dann:

„Dem Thor gelingt es, die Midgardschlange zu tödten; aber kaum ist er neun Schritte davongegangen, so fällt er todt zur Erde von dem Gifte, das der Wurm auf ihn gespieen hat."

Der stärkste der Götter gewinnt seinen letzten Kampf und stirbt neun Schritte später daran. Keiner überlebt den anderen — darin liegt der Kern der Geschichte.

Hat Thor sie schon beim Angeln erschlagen?

Hier widersprechen sich die Quellen, und Snorri sagt es selbst. Nachdem Hymir die Leine gekappt hat und die Schlange versinkt, wirft Thor ihr den Hammer hinterher. Simrock: „die Leute sagen er habe ihr im Meeresgrund das Haupt abgeschlagen; doch mich dünkt, die Wahrheit ist, daß die Midgardschlange noch lebt und in der See liegt."

Dieser Satz ist ungewöhnlich. Der Erzähler gibt zu, dass eine andere Fassung umläuft, und verwirft sie — denn wäre die Schlange beim Angeln gestorben, könnte sie im Ragnarök nicht gegen Thor kämpfen. Die andere Fassung gab es wirklich. Die Húsdrápa, um 985 vom Isländer Úlfr Uggason gedichtet, beschreibt geschnitzte Bilder in einer Halle in Hjarðarholt; eine ihrer Strophen wird in der Forschung meist so gelesen, dass Thor der Schlange in den Wellen das Haupt abschlägt. Schon die ältere Ragnarsdrápa, dem Dichter Bragi Boddason aus dem 9. Jahrhundert zugeschrieben, enthält die Angelszene.

Das Eddalied Hymiskviða geht einen Mittelweg. Es nennt Thor beim Ködern orms einbani, den „alleinigen Töter der Schlange" — ein Beiname, der auf Ragnarök vorausweist —, lässt ihn dem Ungeheuer mit dem Hammer auf den Kopf schlagen und die Schlange danach, in den meisten Lesarten, zurück ins Meer sinken. Die einfachste Zusammenfassung: In der Wikingerzeit gab es mindestens zwei Enden der Angelgeschichte, und Snorri wählte das, das seine große Zeitlinie zusammenhielt.

In Stein gehauen: Altuna, Hørdum, Gosforth

Die Angelfahrt ist der eine nordische Mythos, den man quer durch die Wikingerwelt in Stein sehen kann. Das macht sie zu einem ungewöhnlich guten Beleg dafür, dass die Geschichte lange vor Snorri bekannt war.

  • Altuna, Schweden (U 1161). Ein Runenstein des 11. Jahrhunderts in Uppland zeigt eine Gestalt im Boot mit erhobenem Hammer, einen Ochsenkopf an der Leine, darunter die Schlange — und einen Fuß, der durch den Bootsboden gestoßen ist, genau Snorris Detail. Hymir fehlt. Der Stein ist ein Gedenkstein, von drei Brüdern für ihren Vater Holmfastr und für Arnfastr gesetzt; die Inschrift deutet an, dass beide verbrannt wurden.
  • Hørdum, Dänemark. Ein Bildstein aus Thy in Nordjütland zeigt dieselbe Szene: Boot, Leine und ein Fuß, der sich durch die Planken stemmt.
  • Gosforth, England. In der Kirche St Mary in Gosforth, Cumbria, zeigt ein Stein des 10. Jahrhunderts zwei Gestalten im Boot mit einem Ochsenkopf als Köder. Er steht neben dem berühmten Gosforth-Kreuz, dessen Reliefs meist als Ragnarök-Szenen auf einem christlichen Denkmal gelesen werden.

Der gotländische Bildstein Ardre VIII wird gelegentlich ebenfalls als Darstellung der Angelfahrt gedeutet. Das ist möglich, aber nicht sicher — und sollte so behandelt werden.

Troja statt Asgard: ein Mittelalter-Autor erklärt den Mythos weg

Einer der seltsamsten Texte über die Schlange wird kaum zitiert. In einem Nachwort, das die Skáldskaparmál, den zweiten Teil der Snorra-Edda, eröffnet, ermahnt der Verfasser junge Dichter, christliche Menschen sollten nicht an heidnische Götter glauben — und erklärt dann, woher die alten Geschichten stammen: Die Asen seien Männer aus Troja gewesen, die den Trojanischen Krieg zur Göttersage umerzählt hätten.

Die Angelfahrt bekommt eine eigene Erklärung. Sinngemäß: Wenn es heißt, Thor habe mit einem Ochsenkopf geangelt und die Midgardschlange an Bord gezogen, die dann lebend ins Meer zurücksank, so sei das nur eine andere Fassung davon, wie Hektor vor den Augen des Achilleus einen Helden erschlug und Achilleus mit dessen Kopf zu sich lockte. Auch Ragnarök wird auf den Fall Trojas abgebildet.

Als Geschichtsschreibung ist das wertlos. Als Quelle ist es kostbar: Es zeigt einen christlichen Isländer des 13. Jahrhunderts, der die alten Geschichten liebt und einen ehrbaren Grund braucht, sie weiterzugeben. Ob Snorri diesen Abschnitt selbst geschrieben hat, ist umstritten. So oder so erinnert er daran, dass die Snorra-Edda ein gelehrtes mittelalterliches Buch über Mythen ist — keine heidnische Heilige Schrift.

Leviathan, Indra, Ouroboros: was Vergleiche beweisen können

Drei Vergleiche tauchen immer wieder auf. Jeder ist spannend, keiner trägt so viel, wie ihm oft aufgeladen wird.

Leviathan. Im Buch Hiob (40,25 in der Lutherbibel) fragt Gott, ob der Mensch den Leviathan mit der Angel fangen könne. Das Bild vom Gott, der ein Meeresungeheuer angelt, war christlichen Lesern im mittelalterlichen Norden also vertraut, und die Forschung hat gefragt, ob es die Erzählung oder die Steinbilder beeinflusst hat. Doch die Angelfahrt steht schon in Skaldengedichten, die meist vor oder um die Bekehrung datiert werden. Einfluss auf Einzelheiten ist möglich; dass die ganze Geschichte entlehnt sei, ist nicht belegt.

Indra und der Drache. Der Sprachwissenschaftler Calvert Watkins hat in How to Kill a Dragon (1995) eine uralte indogermanische Formel vom Helden oder Wettergott verfolgt, der eine Schlange tötet — mit dem vedischen Gott Indra und der Schlange Vṛtra als klassischem Beispiel. Thor und Jörmungandr passen in diese Familie. Der dänische Forscher Preben Meulengracht Sørensen hat die Angelfahrt als Geschichte vom kosmischen Gleichgewicht gelesen: Die Schlange ist gefährlich, aber zugleich Teil der Ordnung, die die Welt zusammenhält. Das sind Deutungsrahmen, keine Tatsachen darüber, was Menschen der Wikingerzeit glaubten.

Der Ouroboros. Eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt, ruft den Vergleich mit dem ägyptischen und alchemistischen Ouroboros hervor. Die Form stimmt, die Bedeutung kaum: Der Ouroboros der Alchemie steht für Einheit und Erneuerung, Jörmungandr für eine feindliche Macht, die eingehegt ist. Ob das nordische Bild dem mittelmeerischen etwas verdankt, weiß niemand. Der Beitrag über den Ouroboros verfolgt das Symbol eigenständig, und der Text über Yggdrasil beschreibt den Kosmos, den die Schlange umschließt.

Wo die populäre Fassung über die Belege hinausgeht

Comics, Filme und Computerspiele haben Jörmungandr bekannter gemacht als jede Edda-Ausgabe. Das ist ihr gutes Recht; sie wollen keine Quelle sein. Schwierig wird es, wenn Einzelheiten aus Nacherzählungen als „Glaube der Wikinger" zurückwandern. Drei verbreitete Behauptungen, geprüft:

  • „Lässt die Schlange den Schwanz los, beginnt Ragnarök." In keiner mittelalterlichen Quelle.
  • „Die Midgardschlange war eine Hüterin oder Beschützerin Midgards." Nicht in den Quellen, die sie als Feindin der Götter zeigen. Lindows Deutung vom gebundenen Ungeheuer kommt dem am nächsten — und auch dort geht es ums Einhegen, nicht ums Beschützen.
  • „Die Schlange wurde verehrt." Es gibt keinen Beleg für einen Kult, ein Gebet oder ein Opfer an Jörmungandr. Wer sich für die Schlange als Symbol im Allgemeinen interessiert, findet das im Beitrag Krafttier Schlange — ein anderes Thema als das nordische Ungeheuer.
Was wir nicht behaupten

Wir stellen Jörmungandr nicht als Krafttier, Geistführer oder Schutzsymbol dar: Keine nordische Quelle tut das, und kein Ritual an die Schlange ist überliefert. Wir behaupten nicht, dass ein Gegenstand, ein Zeichen oder ein Ritual die Kraft der Schlange trägt oder schützt. Die Edda-Texte sind im christlichen Mittelalter aufgeschriebene Überlieferungen einer vorchristlichen Mythologie; wo sie sich widersprechen, zeigen wir den Widerspruch, statt die dramatischste Fassung auszuwählen.

Häufige Fragen

Wer ist die Midgardschlange?

Die Midgardschlange, altnordisch Jörmungandr, ist eines der drei Kinder Lokis mit der Riesin Angrboda, neben dem Fenriswolf und Hel. Odin warf sie ins Meer, wo sie so groß wurde, dass sie die ganze Erde umschließt und sich in den Schwanz beißt. Sie ist Thors großer Gegner; im Ragnarök töten beide einander.

Was bedeutet der Name Jörmungandr?

Jörmun- ist ein verstärkendes Element („gewaltig, riesenhaft"), das nach verbreiteter Deutung mit dem altsächsischen irmin- in Irminsul verwandt ist. Gandr kann Stab, Zauberding oder Ungeheuer heißen. „Das gewaltige Ungeheuer" ist eine faire Übersetzung.

Beginnt Ragnarök, wenn die Midgardschlange ihren Schwanz loslässt?

Nein, das steht in keiner mittelalterlichen Quelle. Die Snorra-Edda sagt, dass die Schlange sich in den Schwanz beißt und dass sie sich im Ragnarök erhebt, das Land überflutet und an Land kommt. Die Verbindung mit dem Schwanz ist eine moderne Weiterdichtung.

Wie stirbt die Midgardschlange?

Im Ragnarök tötet Thor die Schlange, geht neun Schritte und fällt tot um, vergiftet von ihrem Gift. So erzählt es Snorri nach der Völuspá. Ob Thor sie schon bei der Angelfahrt erschlagen hat, ist umstritten: Snorri kennt diese Fassung und verwirft sie.

Was geschah bei Thors Angelfahrt?

Thor ruderte mit dem Riesen Hymir aufs Meer, köderte mit einem Ochsenkopf und fing die Schlange. Er stemmte sich so hart ein, dass seine Füße durch den Bootsboden brachen, und zog sie an den Bootsrand. Als er den Hammer hob, schnitt Hymir die Leine durch.

Ist die Midgardschlange ein Ouroboros?

Die Form ist dieselbe, eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt, die Bedeutung nicht. Der alchemistische Ouroboros steht für Einheit und Erneuerung, Jörmungandr für eine feindliche Macht, die bis zum Weltende eingehegt ist. Ob das nordische Bild vom mittelmeerischen abstammt, ist unbekannt.

Quellen & Weiterlesen

  • Snorri Sturluson, Gylfaginning Kap. 34, 46–48 und 51, zitiert nach Karl Simrock, Die Edda (Erstausgabe 1851; Ausgabe 1876, Wikisource), einschließlich der dort zitierten Völuspá-Strophe.
  • Nachwort zu Bragis Gespräch, Skáldskaparmál (Troja-Deutung), nach der englischen Übersetzung von Rasmus B. Anderson, The Younger Edda (1880; Project Gutenberg). Maßgebliche Textausgabe: Anthony Faulkes, frei veröffentlicht von der Viking Society for Northern Research.
  • Hymiskviða und Völuspá, Lieder-Edda (Codex Regius, 13. Jh.); Úlfr Uggason, Húsdrápa (um 985); Bragi Boddason, Ragnarsdrápa (9. Jh.).
  • Samnordisk runtextdatabas (Rundata), U 1161 (Altuna), Universität Uppsala.
  • Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie (Kröner), Artikel Midgardschlange, Jörmungandr, Thors Fischfang.
  • John Lindow, Norse Mythology: A Guide to the Gods, Heroes, Rituals, and Beliefs (Oxford University Press, 2001).
  • Preben Meulengracht Sørensen, „Thor's Fishing Expedition", in: G. Steinsland (Hg.), Words and Objects (Oslo 1986).
  • Calvert Watkins, How to Kill a Dragon: Aspects of Indo-European Poetics (Oxford University Press, 1995).
  • Hiob 40,25 (Lutherbibel).
  • Im Magazin: Fenrir · Sleipnir · Yggdrasil · Ouroboros

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